JFund picture Steffie Giorgio Praia dos pobres. In the background: LNG refinery in Zaire province (Angola). | Photo: ©Giorgio Michalopoulos

Systematische Ölunfälle der Ölkonzerne vergiften die Küste Angolas und die dort lebenden Gemeinschaften

Während europäische Ölkonzerne in ihren Heimatländern eine „Null-Verschmutzungs-Philosophie“ versprechen, zeichnen ihre Offshore-Aktivitäten vor der angolanischen Küste ein ganz anderes Bild. Aufgrund chronischer Ölverschmutzungen fehlen den Gemeinschaften dort Fisch und frische Lebensmittel, die Strände sind mit Rohöl bedeckt und die Belastung durch Giftstoffe begünstigt Krankheiten. Eine einjährige Recherche deckt die verborgene humanitäre und ökologische Krise in Angola auf.

Veröffentlicht am 22. Oktober 2026
JFund picture Steffie Giorgio Praia dos pobres. In the background: LNG refinery in Zaire province (Angola). | Photo: ©Giorgio Michalopoulos

Fünfzig Menschen waren nötig, um das Netz aus dem Meer zu ziehen. Nicht wegen des Fangs – denn es gab keinen –, sondern wegen des Gewichts des Öls. Dickflüssiges, dunkelbraunes Rohöl war in die Maschen eingedrungen, bis in der Nähe von Soyo an der Nordküste Angolas fast die gesamte Gemeinschaft – Männer, Frauen und Kinder – helfen musste, es an den Strand zu ziehen.

„Wie sollen wir weiterleben … Seht euch doch an, was sie uns antun“, ruft eine junge Frau in einem Video, das zeigt, wie das Netz an Land gezogen wird. An demselben Strand, an dem das Video gedreht wurde, treffen wir Manuel und Raoul*, zwei Fischer. Der Sand ist immer noch mit Öl verschmutzt, daneben liegen vergilbte, mit Rohöl verschmierte Pflanzen und tote Krebse. „Jedes Mal, wenn es „Malemba“ [unruhiges Wasser] gibt, wird Öl an den Strand gespült“, sagt Raoul. So ist es schon seit Jahren – und es wird immer schlimmer.

Seit 13 Jahren tanken europäische, britische und US-amerikanische Tanker angolanisches Rohöl und hinterlassen dabei, wie Anwohnende berichten, systematische, routinemäßige Zerstörung. In einem Abschnitt des Meeresbodens – Kizomba A im Block 15, der von ExxonMobil betrieben wird und sich im gemeinsamen Besitz von BP, Eni, Equinor und Sonangol befindet – bedeckt verschüttetes Öl laut unserer Analyse von Satellitenbildern eine Fläche, die mindestens so groß ist wie Montenegro.

Das Öl verstopft Fischernetze und verfärbt Maniok, Orangen und Bananen schwarz. Es vergiftet die Fischbestände, von denen die Menschen in Zaire und Cabinda zum Überleben abhängig sind. Dennoch verzehren sie die Fische manchmal und setzen sich so potenziellen Karzinogenen und Magen-Darm-Erkrankungen aus, weil die Alternative darin besteht, Hunger zu leiden. Der bei der Förderung freigesetzte giftige Schwefelwasserstoff stellt zudem eine Gefahr für die Atemwege dar; sein Geruch nach faulen Eiern verursacht Übelkeit und Erbrechen.

Trotz jahrelanger Beschwerden gehen die Verschmutzungen weiter.

Das Ausmaß des Problems

Im Jahr 2002, vor der Installation der Plattform „Kizomba A“, zeigten Satellitenbilder keine Anzeichen von Ölaustritten. Die ersten Anzeichen traten 2003 auf, als die Förderung begann; bis 2013 waren die Austritte zu einem Dauerzustand geworden. Seitdem scheinen sich täglich mindestens 19 Barrel über eine Fläche von 3 km² im Block 15 verteilt zu haben – insgesamt rund 90.000 Barrel im konservativsten Szenario, vergleichbar mit der Tankerkatastrophe der Erika im Jahr 1999. Ein „mögliches“ Szenario beziffert die Menge auf fast 4,5 Millionen Barrel – ähnlich wie bei Deepwater Horizon. Satellitenanalysen erfassen zwar die Oberfläche einer Ölschicht, nicht jedoch deren Dicke, sodass das tatsächliche Volumen höher sein könnte.

Fishing nets and gear ruined by recurring oil spills off the coast of Soyo. | Photo: ©Giorgio Michalopoulos
Fishing nets and gear ruined by recurring oil spills off the coast of Soyo. | Photo: ©Giorgio Michalopoulos
Fishing nets and gear ruined by recurring oil spills off the coast of Soyo. | Photo: ©Giorgio Michalopoulos
Durch wiederholte Ölunfälle vor der Küste von Soyo zerstörte Fischernetze und Fanggeräte. | Fotos: ©Giorgio Michalopoulos

Der Unterschied zu den offiziellen Angaben Angolas ist eklatant: Die nationale Öl- und Gasbehörde ANPG meldet landesweit für alle Offshore-Blöcke lediglich 450 ausgelaufene Barrel pro Jahr – ein Bruchteil der Mindestschätzung allein für Block 15. Weder ExxonMobil noch seine Partnerunternehmen geben die Auslaufmengen nach Ländern aufgeschlüsselt an.

„Die Analyse liefert zahlreiche Hinweise auf eine anhaltende Ölfreisetzung … was darauf hindeutet, dass dieses auf dem Wasser schwimmende Öl durch menschliches Eingreifen entstanden ist“, sagt Oscar Garcia, ein Geowissenschaftler, der die Ergebnisse geprüft hat. Wind- und Strömungsverhältnisse, fügt er hinzu, stützen die Aussagen der Anwohnenden, dass ein Großteil davon die Küste erreicht.

ExxonMobil bestreitet dies. „Unsere Inspektionen ergaben keine Hinweise auf Betriebsstörungen, Geräteausfälle oder Undichtigkeiten“, erklärt ein Sprecher und führt die Verschmutzungen auf natürliche Austritte „etwa einen Kilometer nördlich der Anlagen von Kizomba-A“ zurück. Das Unternehmen reagierte nicht auf unsere Anfrage nach einer Ölprobe – eine Untersuchung hätte es unabhängigen Wissenschaftlern ermöglicht, diese Behauptung zu überprüfen.

Die Erinnerungen der Anwohnenden stimmen weitgehend mit den Satellitenaufnahmen überein: Sie berichten von größeren Ölunfällen in den Jahren 2003, 2005 und 2025 in Cabinda sowie im Jahr 2020 in der Nähe von Soyo. „Seit 2003 gibt es hier Ölförderung und Ölunfälle, und jetzt haben wir das Jahr 2026“, sagte António, der hier seit 52 Jahren fischt.

Angola offshore concessions map.
Nahaufnahme der Karten zu den Offshore-Konzessionen Angolas. Laden Sie die vollständige Karte herunter. | Quelle: ANPG.

Wer ist dafür verantwortlich?

Trotz dieser Bilanz wurde ExxonMobil und seinen Partnerunternehmen im vergangenen Jahr für Block 15 eine Lizenzverlängerung bis 2037 gewährt. „Wie sollen wir mit all diesem Öl umgehen?“, fragt der zairische Fischer Pedro Neto. Block 15 ist einer von mindestens 14 Offshore-Blöcken vor der Küste Angolas. Zusammen mit dem Block 0 von Chevron macht er laut Daten der ANPG aus dem Jahr 2025 fast 30 % der nationalen Fördermenge aus.

Öl: Ein Reichtum, der nicht an die Bevölkerung weiterfließt.

Angola ist Afrikas drittgrößter Ölproduzent, fördert etwas mehr als eine Million Barrel pro Tag und erwirtschaftet damit 60 % der Staatseinnahmen. Dennoch leben mehr als 53 % der Angolaner*innen von weniger als 3,65 US-Dollar pro Tag, was der Armutsgrenze der Weltbank entspricht. (1) In Soyo und Cabinda stehen die Einwohnenden stundenlang Schlange, um subventionierten Kraftstoff zu erhalten, der regelmäßig ausgeht. Das zwingt sie dazu, auf den Schwarzmarkt auszuweichen, wo die Preise dreimal so hoch sind.

Aus den Handelsdaten von Kpler geht hervor, dass ExxonMobil, BP und Equinor Millionen Barrel aus diesem Block verkauft und verschifft haben. Zwei der beteiligten Handelsunternehmen wurden nachweislich wegen Bestechung verurteilt: Trafigura, das im vergangenen Jahr in der Schweiz wegen Bestechung zur Sicherung des Zugangs zu angolanischem Öl verurteilt wurde (2) (das Unternehmen hat Berufung eingelegt), sowie Glencore, das weiterhin Ladungen charterte, nachdem er sich in den USA wegen Bestechung und Marktmanipulation in Westafrika schuldig bekannt hatte. (3)

„Es gibt Tage, an denen wir gar nichts essen.“

Für die Menschen, die an dieser Küste leben, lässt sich der Schaden in Kilogramm Fisch messen. „Früher kamen wir mit 30 Kilogramm Fang nach Hause. Vor drei Tagen kam ich ohne einen einzigen Fisch zurück“, sagt João. Sardinen und Corvina sind „drastisch zurückgegangen“ – einige Gemeinschaften berichten, dass sie seit Anfang Juni keinen Fang mehr hatten.

The impact of crude oil contamination on local food supplies: blackened fruit trees, ruined oranges, and spoiled fermented cassava infested with insects. | Photo: ©Giorgio Michalopoulos.
The impact of crude oil contamination on local food supplies: blackened fruit trees, ruined oranges, and spoiled fermented cassava infested with insects. | Photo: ©Giorgio Michalopoulos.
The impact of crude oil contamination on local food supplies: blackened fruit trees, ruined oranges, and spoiled fermented cassava infested with insects. | Photo: ©Giorgio Michalopoulos.
The impact of crude oil contamination on local food supplies: blackened fruit trees, ruined oranges, and spoiled fermented cassava infested with insects. | Photo: ©Giorgio Michalopoulos.
The impact of crude oil contamination on local food supplies: blackened fruit trees, ruined oranges, and spoiled fermented cassava infested with insects. | Photo: ©Giorgio Michalopoulos.
Die Auswirkungen der Rohölverschmutzung auf die lokale Nahrungsmittelversorgung: geschwärzte Obstbäume, verdorbene Orangen und von Insekten befallene, verdorbene fermentierte Maniokknollen. | Fotos: ©Giorgio Michalopoulos.

In Cabinda berichten Fischende von Fängen, die bereits tot sind oder nach Öl riechen – und trotzdem verzehrt werden. Wenn auch die Ernten ausfallen, greifen die Familien auf „Kizaka“ zurück, einen Eintopf aus Maniokblättern. Doch selbst diese Notlösung ist oft schon verdorben. „Wir trinken Wasser direkt aus dem Fluss“, sagt Pedro Neto.

Die gesundheitlichen Folgen

Krankenpflegende und die ehemalige Gesundheitssekretärin von Cabinda berichteten Voxeurop, dass Patientinnen- und Patientenregister wiederkehrende Spitzen bei Grippe, Hautinfektionen und Magen-Darm-Erkrankungen im Zusammenhang mit Ölunfällen zeigen, wobei Kinder am stärksten betroffen sind.

Dr. Carlotta Tati, die ehemalige Gesundheitssekretärin, die wegen – wie sie es nannte – Korruption zurückgetreten war, sagte, sie habe erhöhte Krebsraten beobachtet, die sie mit der Ölbelastung in Verbindung bringt – obwohl keine epidemiologische Studie einen kausalen Zusammenhang nachgewiesen hat. Ihre Darstellung spiegelt klinische Erfahrungen wider, keine formelle Untersuchung. „Hier sterben 41-Jährige daran, und wir sind keine Bevölkerung von Rauchern“, sagte sie.

Dr. Carlotta Tati in her office. | Photo: ©Giorgio Michalopoulos
Dr. Carlotta Tati in ihrem Büro. | Foto: ©Giorgio Michalopoulos

Die Kluft zwischen Worten und Taten

Die Unternehmen, die in diesen Gewässern tätig sind, beschreiben ihre Sicherheitsbilanz in absoluten Zahlen: ExxonMobil spricht von einer „Zero-Spill-Mentalität“, Equinor von einer „Vision von null Unfällen“. Das angolanische Recht untermauert dies mit strengen Vorschriften – jede Verschüttung von mehr als einem Barrel muss gemeldet werden, es drohen Geldstrafen von bis zu 500.000 US-Dollar und alle Eigentümerunternehmen, nicht nur der Betreiber, haften gesamtschuldnerisch.

Die eingereichten Unterlagen beschreiben trotz allem einen bemerkenswert sauberen Betrieb: ExxonMobil meldet weltweit keine schiffsbedingten Verschüttungen; Eni verzeichnete im Zeitraum 2024-25 lediglich 321 Barrel; ANPG registrierte für das Jahr 2025 landesweit nur 20 Barrel. Ein Teil dieser Diskrepanz ist auf EU-Vorschriften zurückzuführen: „Die ortsspezifische Offenlegung von Ölaustritten ist keine allgemeine Verpflichtung“, bestätigte die European Financial Reporting Advisory Group gegenüber Voxeurop – die Unternehmen entscheiden weitgehend selbst, ob eine lokale Verschmutzung „wesentlich“ genug ist, um sie offenzulegen. „Die Kommunalverwaltung weiß alles“, sagt António. „Wir leiden bereits darunter.“

Billige Arbeitskräfte, keine Regressmöglichkeiten

Wenn nach Ölunfällen Reinigungsarbeiten erforderlich sind, berichten Fischende, dass oft sie damit beauftragt werden – informell und gegen eine geringe Bezahlung. Von Voxeurop eingesehene Quittungen zeigen, dass die Tochtergesellschaft von Chevron nach einem Ölunfall im Jahr 2025 Anwohnende dafür rekrutierte, einen Strand über zwei Wochen hinweg für rund 200 Dollar zu säubern. Sie bezeichnete dies als „freiwillige Tätigkeiten mit freiwilliger Bezahlung“ – ohne Verträge und ohne Versicherung.

Im Süden von Cabinda kämpft ein Zusammenschluss von mehr als 1.000 Fischenden immer noch vor Gericht gegen Chevron wegen einer katastrophalen Ölpest im Jahr 2005. Der firmeneigene Experte hatte laut Gerichtsakten die Ölpest zunächst einer Algenblüte und nicht Öl zugeschrieben. „In diesem Fall werden heute Maßnahmen ergriffen, die nicht verfahrensrechtlicher, sondern außergerichtlicher Natur sind“, sagte der Anwalt der Fischenden, Hélder da Cruz. Zwanzig Jahre später warten sie immer noch.

Außerhalb der angolanischen Gerichte gibt es nichts, was eine Lösung erzwingt – die Offenlegungsvorschriften der EU lassen kaum externen Druck zu, selbst wenn die Vorschriften des Heimatlandes auf dem Papier streng sind. „Diese Ölkatastrophen verletzen eindeutig die Rechte der betroffenen Gemeinschaften“, sagt Harj Nerulla, ein auf Klimaklagen spezialisierter Anwalt. Er weist darauf hin, dass solche Fälle zu Entschädigungszahlungen in Höhe von Hunderten von Millionen führen können – „BP zahlte über 65 Milliarden Dollar für die Beseitigung der Folgen der Deepwater-Horizon-Katastrophe.“

„Vergesst uns nicht. Wir leiden unter dem Öl.“

„Hier sind wir den Fördergebieten stark ausgesetzt – jeder Tropfen [Öl], der in den Gewässern verschüttet wird … wird hierher gelangen“, sagt Mateus, ein Fischer aus Cabinda. „Wir verlangen keine ständige Aufmerksamkeit … aber vergesst uns nicht, wir leiden unter dem Öl. Hier gibt es viele junge Leute, die auf den Ölfeldern arbeiten; sie kennen die Geheimnisse des Öls. Was uns sehr zu schaffen macht, ist die Ausrüstung; wir brauchen Netze.“

Alle mit einem Sternchen gekennzeichneten Namen wurden geändert, und die Namen einzelner Gemeinschaften wurden weggelassen, um die Quellen zu schützen.

Alle genannten Unternehmen wurden um eine Stellungnahme gebeten. Shell und Glencore lehnten dies ab. Trafigura erklärte, weltweit rund 500 Schiffe zu verwalten, darunter auch an Dritte vercharterte, und hat gegen das Schweizer Urteil Berufung eingelegt. BP, Azule Energy, ANPG sowie das angolanische Gesundheits- und Umweltministerium reagierten nicht. Equinor und Eni verwiesen auf ExxonMobil, den „Betreiber“.

Fußnoten

1) Weltbank, Daten zur Armutsquote in Angola (Armutsgrenze von 3,65 US-Dollar pro Tag, Kaufkraftparität 2017)

2) Reuters, „Swiss court finds Trafigura, former executive guilty of corruption“, 31. Januar 2025.

3) US-Justizministerium, „Glencore Entered Guilty Pleas for Foreign Bribery and Market Manipulation Schemes,“ Pressemitteilung.

🛰️ Die Satellitenerfassung der Ölverschmutzung bei Kizomba A sowie die gesamte damit verbundene Bildanalyse wurden von dem unabhängigen Forscher Guillermo Tamburini-Beliveau durchgeführt.
🤝 Diese Recherche wurde vom Journalismfund Europe unterstützt.
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