Tag der Wahrheit

Der Doppelgipfel der Eurozone und der EU sollen einen Flächenbrand in der Schuldenkrise verhindern. Die Europäische Union braucht aber vor allem eines, wenn sie überleben will: frischen Wind.

Veröffentlicht auf 26 Oktober 2011 um 09:19

“Jeder Fortschritt in Europa begann mit einer Krise. Umso größer sie war, umso größer waren die Fortschritte der europäischen Integration. Somit gibt es heute allen Grund zur Hoffnung... Angesichts der Gewalt des derzeitigen Schocks ist Europa im Begriff, einen großen Sprung nach vorne zu machen!” Die Analyse vor ein paar Tagen des ehemaligen grünen Außenministers Joschka Fischer vor deutschen und französischen Unternehmern könnte zu Optimismus verleiten.

Es gibt aber in diesem Bereich keine Fatalität. Europas Krise ist ernst, die schlimmste seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie ist ökonomisch und sozial — Rezession droht, aber nicht nur. Sie ist zutiefst politisch, wie die Demonstrationen des Misstrauens oder der Rebellion, die auf dem “alten” Kontinent regelmäßig zum Ausdruck kommen, aufzeigen. Die Schuldenkrise könnte Europa ins Chaos führen.

Angesichts dieser Bedrohung erscheinen die sich seit Monaten hinziehenden Verhandlungen zwischen Berlin und Paris nachfolgend mit den anderen Ländern der Euro-Gruppe, eher erbärmlich. Ein bilaterales Treffen folgt dem anderen, man streitet, an beraumt Gipfeltreffen an, man feilscht, man vertagt... Zweifelsohne (man darf die Finanzmärkte ja nicht vergraulen!) wird man am heutigen 26. Oktober eine neue Einigung der letzten Chance finden, einen x-ten Kompromiss.

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Das Haus wird notdürftig geflickt — indem man den verzweifelten Menschen neue Sparmaßnahmen aufzwingt, indem man von den Gläubigern erzwingt, auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten, indem man eine Rekapitalisierung einfordert, indem man die Kapazitäten der Löschpumpe erhöht. Doch mit alldem wird der Flächenbrand nicht gelöscht werden. Und das gibt Anlass zur Sorge.

Europa braucht frischen Wind und durchsetzungsfähige, ehrgeizige Architekten. Sicher: der Euro muss schnellstens gerettet werden. Die Väter der Gemeinschaftswährung haben ihn vielleicht der Öffentlichkeit zu sehr angepriesen, als sie den Euro als Schlüssel zum absoluten Glück verkauften. Was er nicht sein kann. Aber dennoch ist er dazu eine Voraussetzung. Über den Euro hinaus stellt sich die Frage wie Europa funktioniert, wie es strukturiert ist. Die Solidarität zwischen den Mitgliedsstaaten muss neu überdacht werden.

In der heutigen Zeit, in der die Probleme jedes Einzelnen den Egoismus aller fördert, wird eines aber vergessen: Die Welt, die entsteht, wird aus großen Zusammenschlüssen bestehen — rund um die Vereinigten Staaten oder China beispielsweise. Es brennt. Das Feuer muss gelöscht werden, und gleichzeitig muss mit dem Wiederaufbau des Hauses begonnen werden. Die Zeit drängt.

Aus dem Französischen von Jörg Stickan

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