
Welche Wahrheit versteckt sich aber hinter diesen "überzeugenden Argumenten", auf die sich Mister Campbell hier beruft? Ibrahim al-Marashi erinnert uns in der Times daran, dass ein großer Teil der "Manipualtion der britischen Öffentlichkeit" schon 2002 stattfand, als er einen Artikel in der Zeitschrift The Middle East Review of International Affairs veröffentlichte. Die britische Regierung "nahm mir all meine Informationen, fügte Seiten hinzu, die einen militärischen Angriff gegen den Irak rechtfertigten, und veränderte Schlüsselbegriffe, die zu verstehen geben sollten, dass der Irak al-Qaida unterstützt hatte". Der Bericht, den man nun auch die "gefälschte Akte" nennt, behauptete, "dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besäße und eine Bedrohung darstelle". An vier Stellen fügte Campbell ein, dass Saddams nicht-existente Massenvernichtungswaffen den britischen Boden auf Zypern innerhalb von 45 Minuten erreichen könnten. Simon Hoggart erinnert die Leser daran, dass dies anschließend zu Schlagzeilen führte wie beispielsweise: "Briten nur 45 Minuten vom Untergang entfernt". Gestern versicherte Mister Campbell: "Ich stehe zu jedem einzelnen Wort dieses Dokumentes". "Ich verteidige jeden einzelnen Schritt unseres Vorgehens." Angesichts solch endloser Hinhaltetaktiken fragt sich der Independent irritiert, ob Mister Campbells Aussagen uns eigentlich irgendetwas vermitteln, von dem wir vorher noch nichts wussten. Die Antwortet lautet: "Nicht wirklich viel. Wir haben ein bisschen mehr darüber erfahren, was Blair so gedacht und sein Verhalten bestimmt hat, als er die Invasion vorbereitete. Laut Campbell soll der britische Premier wohl Briefe an Präsident Bush geschickt haben, in denen er die Strategie zur Entwaffnung des Irak beschrieb. Im Wesentlichen gab er ihm zu verstehen, dass Großbritannien – wenn es keinen diplomatischen Weg gibt und nur eine militärische Lösung in Frage kommt – ihm beistehe".

Wie andere – größere und weniger große – Akteure der internationalen Bühne verhält sich der niederländische Regierungschef ebenso wie Campbell. Auch wenn ein tiefer Abgrund zwischen den Gründen für den Angriff und seiner schrecklichen Wirklichkeit klafft. Für die gewöhnlich der christdemokratischen Partei des Regierungschefsnahestehende Trouw sollte man Balkenende für seinen "Kampfgeist" loben: Er habe sich dafür entschieden, die Vorwürfe des Berichtes "ganz einfach vom Tisch zu fegen". Dennoch habe er zu jener Zeit "nicht ausreichend nachgedacht". "Gestern erklärte Balkenende, dass es damals nicht nur juristische Argumente gegeben habe. Auch die internationale Politik galt es zu berücksichtigen", schreibt die Amsterdamer Tageszeitung. Dieses Argument "hätte wesentlich glaubwürdiger sein können, wenn er und De Hoop Scheffer nicht ständig juristische Argumente vorgebracht hätten, um ihr Handeln zu rechtfertigen".
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