Wirtschaften nach deutscher Art

Im Kampf gegen die Krise nimmt sich Spanien ein Vorbild an Deutschland, vor allem an dessen Exportüberschuss. Die boomenden Verkäufe ins Ausland sind ein — schwacher — Lichtblick in dem ansonsten von 5,5 Millionen Arbeitslosen gekennzeichneten Land.

Veröffentlicht auf 14 August 2012 um 15:31

Die Regierung von Mariano Rajoy hat sich nicht geirrt. Auf der Suche nach neuen Wachstumsvektoren und um die Industrie nach dem Zusammenbruch des Bausektors zu stützen, hat sie die Förderung des Exports zur nationalen Priorität erhoben.

Man träumt gar davon, aus Spanien eine Art Süddeutschland zu machen, dessen Wirtschaft auf einer großen Vorzeige-Industrie und einem dichten Netz von mittelständischen Unternehmen fußen soll, die sich entschlossen dem Export zuwenden. „Der einzige Weg zur Erholung von Spaniens Wirtschaft führt über den Auslandsmarkt“, erklärte im vergangenen Juni der Ökonom und Staatssekretär für den Außenhandel Jaime Garcia-Legaz.

Und in der Tat hatte der spanische Export 2010 einen Anstieg um 17 Prozent und 2011 einen um 15 Prozent zu verzeichnen. Eine bemerkenswerte Leistung für ein Land, dessen internationale Wettbewerbsfähigkeit mit Einführung des Euro nach und nach erodierte und dessen Wirtschaft für einen großen Teil von der Bauindustrie abhing und mit dem Platzen der Immobilienblase vor vier Jahren arg in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Besser noch. Der Trend hält auch 2012 an und macht aus Spanien — neben Deutschland — das einzige Land der Eurozone, das in den vergangenen Jahren seinen Anteil am weltweiten Export von Waren und Dienstleistungen halten konnte, während er in Frankreich, Italien oder den USA im selben Zeitraum zurückgegangen ist.

Werbung für die Marke „Spanien“

Diese guten Ergebnisse verdankt das Land Industrie-Flagschiffen wie dem Telekom-Unternehmen Telefonica, dem Energieriesen Repsol, den Banken Santander und BBVA, den Bauunternehmen ACS und Fezrrovail oder, in den Bereichen Textil und Parfumerie, Inditex, Mango und Puig, die auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig sind.

All diese Unternehmen haben im Laufe des vergangenen Jahrzehnts große Anstrengungen zur Verbesserung ihrer Produktivität unternommen. Sie eroberten neue Märkte und konnten somit dem wirtschaftlichen Abschwung Spaniens vorausgreifen. Heute können sie des weiteren auf ein Plus an Wettbewerbsfähigkeit zählen, da mit einer Arbeitslosenquote von fast 25 Prozent und den aufeinander folgenden Sparplänen seit Mai 2010 nun Lohnzurückhaltung auf der Tagesordnung steht.

Kein Wunder, dass die Regierung von Mariano Rajoy versucht, es den Unternehmen gleichzutun. Seit Wochen schon vergeht keine Pressekonferenz, ohne dass die Vorzüge des deutschen Modells, sowie die Spitzenleistungen des spanischen Exports gepriesen werden.

Im Juli dieses Jahres hat Rajoy sogar einen Hohen Kommissar ernannt, der für die Marke „Spanien“ im Ausland werben soll. Carlos Espinosa de los Monteros, gleichzeitig Vize-Präsident von Inditex (Zara, Massimo Dutti, usw.) wurde beauftragt, die Export-Bemühungen der Unternehmen zu koordinieren und dem Land auf der internationalen Bühne ein positives Image zu verschaffen. Seine Aufgabe ist zudem, auch die Erfolge der spanischen Wirtschaft im Land selbst hervorzuheben, „um gute Beispiele“ aufzuzeigen.

Dasselbe gilt für die spanische Diplomatie, die weitgehend auf den Handel neu ausgerichtet wurde. So sieht sich Außenminister José Manuel Garcia Magallo, ein ehemaliger EU-Parlamentarier und Wirtschaftsexperte, in erster Linier als eine Art Luxus-Vertreter im Dienste der Großunternehmen seines Landes.

Kreditklemme bremst

Alle diese Bemühungen können auf eine solide Basis bauen. Spanien, das zu Beginn der Krise ein hohes Handelsbilanzdefizit gegenüber den anderen Ländern der Union besaß, kennt heute einen Überschuss, und der Anteil des Exports an der Wirtschaftsleistung des Landes stieg auf rund 20 Prozent des BIP, ein Wert, der mit dem Frankreichs vergleichbar ist.

Doch ist der Weg noch lang. In Deutschland hängt fast ein Drittel der Aktivität vom Export ab. „Unser Export leidet arg, wenn auf dem Alten Kontinent die Wirtschaft schwächelt, so wie das derzeit der Fall ist“, gesteht Garcia-Lopez ein. Die Lösung? „Neue Märkte außerhalb der Union ausfindig machen“, rät der Staatssekretär für den Außenhandel.

Andererseits stehen die Export-Unternehmen nur für einen kleinen Teil der bezahlten Erwerbstätigkeit in Spanien. Der Bereich ist nicht groß genug, um die rund 5,5 Millionen spanischen Arbeitslosen — davon 1,5 Millionen allein aus der Baubranche — zu absorbieren.

Die kleinen und mittelständischen Unternehmen, die 15 Millionen Menschen beschäftigen, könnten ein Ausweg sein, doch tun sie sich schwer mit dem Export. Es gelingt ihnen nicht, die nötigen Mittel für eine Entwicklung des Auslandsgeschäfts zu bekommen. Vor allem bei den spanischen Banken, die heute in einer Rekapitalisierungsphase sind und von denen einige ums Überleben kämpfen, stoßen sie auf taube Ohren.

Derzeit zahlt ein mittelständisches Unternehmen in Spanien durchschnittlich 5,62 Prozent Zinsen auf ein Darlehen von weniger als 250.000 Euro mit einer Laufzeit von drei Jahren. Ein deutsches Unternehmen dagegen muss nur durchschnittlich 4,4 Prozent zahlen. In Frankreich sinkt der Wert sogar auf nur 3,23 Prozent. Zwar hat die Regierung von Mariano Rajoy versprochen, den kleinen und mittelständischen Unternehmen helfen zu wollen, doch bis dato ohne auf die Worte Taten folgen zu lassen.

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