Als ich in Brüssel aus dem Flugzeug steige, erinnern mich Schnee und Wind an die Verse des amerikanischen Autors Archibald Macleish: "All night in Brussels the wind had tugged at my door", "Die ganze Nacht in Brüssel hatte der Wind an meiner Tür gerüttelt."
Es ist vier Uhr nachmittags und es ist bereits stockdunkel. Als ich im Hotel Amigo in der Rue de l’Amigo 1-3 ankomme, fühle ich mich schon wieder wie zuhause. Stimmen in allen Sprachen, ein aufgeregtes Hin und Her. Doch in den diskreten, behaglichen Räumen legt sich meine Unrast. In meinem Zimmer ziehe ich die Vorhänge auf und blicke auf das vertraute Bürogebäude gegenüber. Wenn ich das Fenster öffne, könnte ich mich problemlos mit seinen Insassen unterhalten, den wackeren Beamten, die bis ins Morgengrauen mit ihrer Arbeit meinen Schlaf begleiten. Hätte ich die Zeit, mich nach vorne zu beugen, so könnte ich an ihren Gesichtern ihre Lebensgeschichten mit all ihren Misserfolgen ablesen. Die Wartezeiten für jedes ihrer Projekte, sind die Ambrosia, von der sich die Larven des Staates ernähren. Die Beamten verwalten vor allem Zeit. Zeit, ein kostbares Gut von unschätzbarem Wert.
Im ovalen, viel zu großen Konferenzsaal begrüßen uns die europäischen Kulturminister immer als ob diese Begegnung die letzte wäre. Das Glücksrad dreht sich weiter und es bleiben nur sechs Monate, um so vieles zu ändern. Zu den gewohnten Gesichtern gesellen sich neue hinzu, die ganz beeindruckt blicken. Dann spricht jeder über das, was ihn betrifft, und sucht die Annäherung an jene, die ihm am vertrautesten sind. Ich höre selten das Wort "Europa". Womöglich ist es tabu? Die Identität eines jeden ist so stark, dass uns noch ein langer Weg bevorsteht, bevor wir sie miteinander teilen und uns gegenseitig aneignen. Die Abkommen führen zu nicht enden wollenden Diskussionen und wir kommen nur sehr schleppend voran. Frankreich ist das unverblümt gemeinschaftlichste Land, ihm ist zu verdanken, dass sich die Vernunft immer durchsetzt. Großbritannien und seine Satelliten sind meist entzweiend, undankbar und selbstsüchtig. Deutschland zögert. Die anderen versuchen, ihre individuelle Vergangenheit mit der Zukunft in Einklang zu bringen.
Stunde um Stunde höre ich meinen unverzagten Kollegen in ihren jeweiligen Sprachen zu. Der britische Sprecher lässt ein paar Minuten lang einen walisischen Landesgenossen zu Wort kommen, der sich in seiner eigenen Sprache ausdrückt. Auch ich habe das oft mit unseren Sprachgemeinschaften getan. Sprachen sind das bedeutendste Kulturgut des 21. Jahrhunderts und ihre Beherrschung ist ein Vorteil im Beruf – je mehr von ihnen man kennt, desto besser.
Wie der humanistische Philosoph Nikolaus von Kues denke ich manchmal, dass die Genugtuung nicht von der Kenntnis einer Sprache herrührt, sondern dass es um das unendliche Anwachsen des Unwissens geht. Die Belohnung ist dann die Erweiterung des "undurchdringlichen Geheimnisses". Meistens kommt man eher mit der Absicht zu belehren als zu lernen. Es mangelt oft an Demut und Bescheidenheit. Für Spinoza waren diese Tugenden eine Art Ehrgeiz: der Wunsch, zu tun, was den Menschen gefällt, und zu vermeiden, was ihnen missfällt.
Die über viele Jahrhunderte gemeinsam erlebte Kultur ist unentbehrlich, wenn man den Kontinent zusammenschweißen will, doch wir wissen noch nicht, wie man mit dem Schneidbrenner umgeht. Ich empfinde etwas Seltsames, ich weiß nicht, ob ich zu früh oder vielmehr zu spät in die Europapolitik eingetreten bin. Für Cicero waren die Dinge klarer: "Ich stand spät auf und wurde unterwegs von der römischen Nacht überrascht." Cicero dachte, sein politisches Leben habe zu spät begonnen, während das freie Rom bereits im Niedergang begriffen war. Ist Europa im Niedergang begriffen? Sind die Nationen oder die Staaten im Niedergang begriffen?
Während ich den ovalen Saal verlasse und den Aufzug suche, um wieder in den Brüsseler Nebel hinauszutreten, ergreift mich das Heimweh. Die "Nostalgie", wie die Romantiker sagten, die Regression, die Rückkehr an den Ort, an welchem weder Gut noch Böse existieren. "Wo gehen wir hin?" fragte sich Novalis im Namen all seiner europäischen Zeitgenossen. Die Frage und die Antwort sind heute noch gültig: "Immer nach Hause." * Aber wo ist das?
Ein Teil des Tages ist bereits vergangen. Die blasse, in den Nebel gehüllte Sonne steht kurz vor dem Versinken. Im Restaurant Aux Armes de Bruxelles esse ich Miesmuscheln mit Pommes Frites. Sie sind klein und schmecken nicht wie in Lorbe, aber was soll ich tun? Als ich wieder auf die Straße trete, höre ich die Seewinde, die immer noch an den Türen der Hotels rütteln.
* auf deutsch im Text
Seit den 1980er Jahren und der Finanzialisierung der Wirtschaft haben uns die Akteure der Finanzwirtschaft gelehrt, dass sich hinter jeder Gesetzeslücke eine kurzfristige Gewinnmöglichkeit verbirgt. All das und mehr diskutieren wir mit unseren Investigativ-Journalisten Stefano Valentino und Giorgio Michalopoulos. Sie haben für Voxeurop die dunklen Seiten der grünen Finanzwelt aufgedeckt und wurden für ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet.
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