The fragility of peace – Kustovsky

Oleksandra Matwijtschuk: Hoffnung ist das tiefe Verständnis, dass all unsere Bemühungen einen Sinn haben

Wir sind keine Geiseln der Umstände. Wir sind Teil dieses historischen Prozesses. Würde gibt den Ukrainerinnen und Ukrainern die Kraft, gegen die unerträglichsten Umstände anzukämpfen

Veröffentlicht am 24 Februar 2026

Dies ist der vierte Winter seit Beginn der vollständigen Invasion. Und er erweist sich als sehr schwierig. Russische Raketen und Drohnen zerstören gezielt die Energieinfrastruktur, von der die Zivilbevölkerung zum Überleben abhängig ist. Im Jänner und Februar sanken die Temperaturen auf minus 25 Grad Celsius. Die ukrainischen Städte frieren buchstäblich. Millionen von Menschen haben nur eingeschränkten oder gar keinen Zugang zu Heizung, Wasser und Strom.

Ich erinnere mich, dass 2022, als die Russen begannen, die Energieinfrastruktur anzugreifen, ein Foto einer Lehrerin aus Kyjiw im Internet auftauchte. Sie trug eine rote Winterjacke und eine warme Mütze und stand auf Zehenspitzen neben einem Metallpfosten, auf den sie ihren Computer gestellt hatte – direkt vor einem Laden, wo ein Stromgenerator lief und es Internetzugang gab. Dort, in der eisigen Kälte, hielt sie ihren Schülern Unterricht.

Und ich dachte: Die Russen sind gekommen, um uns alles zu nehmen – unser Land, unsere Freiheit, unsere Zukunft, die Bildung unserer Kinder. Aber diese Lehrerin aus Kyjiw weigerte sich, ihnen irgendetwas zu geben. Selbst etwas so Einfaches wie das Unterrichten einer Unterrichtsstunde war zu einem Akt des Widerstands geworden.

Viel mehr Macht

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man sich immer auf die Menschen verlassen kann, wenn das internationale System für Frieden und Sicherheit versagt. Wir sind es gewohnt, in Kategorien von Staaten und zwischenstaatlichen Organisationen zu denken, aber gewöhnliche Menschen haben viel mehr Macht, als ihnen selbst bewusst ist.

Vor vier Jahren war ich in Kyjiw, als russische Truppen versuchten, die Stadt zu umzingeln. Niemand glaubte, dass wir einer so enormen militärischen Bedrohung standhalten könnten. Wir begrüßten jeden Morgen als Sieg, weil wir eine weitere Nacht überlebt hatten. Ich erinnere mich, dass internationale humanitäre Organisationen ihr Personal evakuierten. Aber die einfachen Menschen blieben – und begannen Widerstand zu leisten. Einfache Menschen begannen, außergewöhnliche Dinge zu tun.

Eine dieser Personen war meine Freundin, die ukrainische Schriftstellerin Wiktorija Amelina. In den ersten Tagen der großangelegten Invasion unterbrach sie ihre Reise und kehrte in die Ukraine zurück. Bald schloss sie sich den Bemühungen an, Kriegsverbrechen zu dokumentieren. Und gleichzeitig tat sie noch viele andere Dinge.

Hoffnung nicht aufgeben

Ich erinnere mich, dass ich ihr gesagt habe: "Du machst schon so viel – du schreibst ein Buch, dokumentierst Kriegsverbrechen, reist zu Feldmissionen, engagierst dich ehrenamtlich – das ist fast mehr als man verkraften kann. Warum nimmst du noch neue Projekte an?" Sie antwortete, dass sie das ständige Gefühl habe, nicht genug zu tun. Sie fügte hinzu, dass sie nicht wisse, wie viel Zeit ihr noch bleibe – oder wie viel Zeit wir alle noch hätten.

At the Heroes' Memorial, Independence Square, Kiev. barca
Am Denkmal für die Helden auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew. Februar 2025 | Foto: Francesca Barca

Einen Monat nach diesem Gespräch traf eine russische Rakete ein Café in Kramatorsk. Wika war in diesem Moment dort, zusammen mit einigen kolumbianischen Schriftstellern, die sie in den Osten begleitete. Sie wurde schwer verletzt und fiel ins Koma.

Es mag irrational klingen, aber ich schrieb ihr jeden Tag über Messenger. Ich war überzeugt, dass sie aufwachen und alle Nachrichten lesen würde. Selbst als unser gemeinsamer Freund, der bei ihr auf der Intensivstation war, mir sagte, dass wir uns auf das Unvermeidliche vorbereiten und es akzeptieren müssten, sagte ich, dass ich die Hoffnung nicht aufgeben würde.

Während ich diesen Text vorbereitet habe, öffnete ich das letzte Gespräch, das sie nie gelesen hat. Das ist es, was ich Ihnen sagen möchte.

Rituelle Gesten

Erstens: Ich weiß nicht, wie Historiker der Zukunft diese Zeit bezeichnen werden. Aber die auf der UN-Charta und dem Völkerrecht basierende internationale Ordnung ist zusammengebrochen.

Das UN-System wurde nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen, um die Menschen vor Krieg und Massengewalt zu schützen. Dieses System wurde nie reformiert. Jetzt stagniert es und vollführt rituelle Gesten. Es ist leicht vorherzusagen, dass Brände wie Kriege in verschiedenen Teilen der Welt häufiger ausbrechen werden, weil die internationale Verkabelung fehlerhaft ist und überall Funken sprüht.

Die Ukraine befindet sich im Epizentrum von Ereignissen, die die Zukunft der Welt prägen werden. Dies ist nicht einfach ein Krieg zwischen zwei Staaten – es ist ein Krieg zwischen zwei Systemen: Autoritarismus und Demokratie.

Wladimir Putin will beweisen, dass ein Land mit einer starken Militärmacht und Atomwaffen die internationale Ordnung stören, der Weltgemeinschaft seine Regeln diktieren und sogar international anerkannte Grenzen mit Gewalt verändern kann.

Der russische Präsident hat die großangelegte Invasion nicht nur gestartet, um mehr ukrainisches Land zu erobern. Es ist naiv zu glauben, dass Russland Hunderttausende Soldaten verloren hat, nur um Awdijiwka oder Bachmut zu besetzen. Putin hat diese Invasion gestartet, um die Ukraine vollständig zu besetzen und zu zerstören – und dann weiter vorzustoßen.

Gemeinsame Wahrnehmung

Seine Logik ist historisch. Er träumt davon, das Russische Reich wiederherzustellen. Die Menschen in anderen europäischen Ländern sind nur deshalb sicher, weil die Ukrainer die russische Armee zurückhalten.

Zweitens beginnen die Menschen erst dann zu verstehen, dass Krieg herrscht, wenn Bomben auf ihre eigenen Köpfe fallen. Aber Krieg hat auch eine informative Dimension, und dieser Kampf um die Realität kennt keine Staatsgrenzen. Die Art und Weise, wie Menschen die Welt sehen, bestimmt ihre Entscheidungen und Handlungen. Deshalb greifen autoritäre Regime die Wahrheit an.

Wir alle verbringen immer mehr Zeit in sozialen Medien, die mit Fake News und Desinformation überflutet sind. Die Menschen verlieren die Fähigkeit, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Nun hatten selbst die Bewohner derselben kleinen Gemeinde kein gemeinsames Bild der Realität mehr. Ohne diese gemeinsame Wahrnehmung können sie nicht gemeinsam handeln. Und wie können wir ohne gemeinsames Handeln unsere Freiheit verteidigen?

Wir leben in einer sogenannten "postfaktischen Welt". Aber mir kommt es eher wie eine postwissende Welt vor. Wissen verliert an Wert. Die Menschen hören lieber auf Instagram-Blogger als auf Forscherinnen oder Wissenschafter. Sie verlangen einfache Lösungen. In friedlichen Zeiten könnten wir uns das vielleicht leisten. Aber niemand lebt mehr in friedlichen Zeiten. Deshalb dürfen wir die Dinge nicht vereinfachen, sondern müssen uns der Komplexität stellen.

Wir müssen uns auch gegen die Normalisierung von Grausamkeit wehren. Vor wenigen Wochen haben Russen ein älteres Ehepaar getötet, das aus einem besetzten Dorf in der Region Sumy fliehen wollte. Der Ehemann zog seine Frau auf einem Schlitten zu einer Stelle, an der Rettungskräfte warteten. Eine Drohne warf Sprengstoff direkt auf die Frau. Ihr Mann weinte und wollte sich nicht von ihrer Leiche trennen. Dann traf ihn eine zweite Drohne. Ihre Leichen blieben im Schnee liegen.

Verlust der Menschlichkeit

Als ich dieses Material studierte, erinnerte ich mich daran, dass die Gaskammern in Auschwitz von professionellen deutschen Ingenieuren gebaut worden waren. Ich erinnerte mich auch daran, dass dem Zusammenbruch des internationalen Systems der Verlust der Menschlichkeit vorausging.

Letztendlich ist Freiheit keine Selbstverständlichkeit – sie ist eine Voraussetzung für das Überleben. Die Ukrainer lebten drei Jahrhunderte lang im Schatten des Russischen Reiches. Wir hätten als Nation niemals überlebt, wenn wir während dieser Zeit nicht beharrlich nach Freiheit gestrebt hätten.

Ich habe die Aussage des ukrainischen Wissenschafters und Philosophen Ihor Kozlovskyi aufgezeichnet, nachdem er 700 Tage in russischer Gefangenschaft verbracht hatte. Zuvor hatte ich mehr als hundert Überlebende interviewt. Sie hatten mir erzählt, wie sie geschlagen, gefoltert, vergewaltigt, in Holzkisten gesperrt, mit Elektroschocks an den Genitalien gequält, ihre Finger abgeschnitten und ihre Nägel herausgerissen, in ihre Knie gebohrt wurden und sie gezwungen worden waren, mit ihrem eigenen Blut zu schreiben. Es gab also wenig, was mich noch überraschen konnte. Doch Ihor erwähnte etwas, das für die Beweisführung scheinbar unbedeutend war – und mich dennoch tief erschütterte.

Er beschrieb seine Tage in Einzelhaft. Es war eine Kellerzelle, in der zu Sowjetzeiten Todeskandidaten festgehalten worden waren. Es gab keine Fenster. Kein Sonnenlicht. Keine frische Luft. Das Atmen fiel schwer. Abwasser floss über den schmutzigen Boden. Ratten krochen aus dem Abfluss. Dieser landesweit bekannte Gelehrte erzählte mir, wie er diesen Ratten Philosophievorlesungen hielt – nur um den Klang einer menschlichen Stimme zu hören.

Ihor Kozlovskyi war im rechtlichen Sinne ein Opfer: Er wurde entführt, unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten und so schwer gefoltert, dass er das Laufen neu lernen musste. Doch selbst das brachte ihn nicht dazu, sich als Opfer zu sehen. Die Grundlage unserer Existenz ist Würde, nicht die Opferrolle. Und Würde ist Handeln.

Wir sind keine Geiseln der Umstände. Wir sind Teil dieses historischen Prozesses. Würde gibt uns die Kraft, selbst gegen die unerträglichsten Umstände anzukämpfen. Wir stehen auf den Schultern derer, die vor uns kamen. Die Ermordung ukrainischer Intellektueller, die blutige Unterdrückung von Dichtern und Künstlern, die künstliche Aushungerung von Millionen Menschen haben die ukrainische Identität in der Sowjetzeit nicht zerstört. Denn damals wie heute gab es immer Menschen, die ukrainische Kinder unterrichteten. Menschen, die ukrainische Bücher schrieben. Menschen, die die Erinnerung an die Vergangenheit bewahrten.

Tiefes Verständnis

Wir säen. Wir säen Samen. Wir säen sogar im Winter, wenn alles gefroren ist. Wir säen Dinge, die keine Angst vor der Kälte haben. Wir säen aus Überzeugung, weil wir wissen, dass der Frühling unweigerlich kommen wird und alles, was wir gepflanzt haben, wachsen wird. Ja, es ist eine langwierige Arbeit. Aber diejenigen, die langfristig planen, sind am Ende die Gewinner.

Als ich die Nachrichten, die Wiktorija nie gelesen hatte, noch einmal las, dachte ich darüber nach, wie viel sie in ihrem kurzen Leben erreicht hatte. Ich dachte über die Liebe nach, die sie mir, ihrer Familie und unseren Freunden so großzügig entgegengebracht hatte. Ich sah mir noch einmal die Fotos in ihrem unvollendeten Buch über Frauen im Krieg an – ein Buch, das nach ihrem Tod in verschiedenen Sprachen veröffentlicht wurde. Das menschliche Leben ist zerbrechlich. Und doch kann es mit ewiger Bedeutung erfüllt sein.

Ich weiß jetzt viel über Hoffnung. Hoffnung ist nicht der Glaube, dass alles gut werden wird. Hoffnung ist das tiefe Verständnis, dass all unsere Bemühungen einen Sinn haben.

🤝 Dieser Text wird in Zusammenarbeit mit Der Standard veröffentlicht

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