Paris, 2017. Photo Francesca BARCA

Postnatale Betreuung in Europa: Wo gibt es Hilfe für Mutter und Kind?

In den Niederlanden ist eine „Kraamzorg“ eine Fachkraft, die Müttern in den Tagen und Wochen nach der Geburt zur Seite steht. Wie werden Mütter in anderen europäischen Ländern unterstützt?

Veröffentlicht am 14 Juli 2026

Irene, 30 Jahre, aus Madrid lebt seit einiger Zeit in Amsterdam. Nach der Geburt ihrer ersten Tochter wurde die Spanierin von einer Kraamzorg vom Krankenhaus nach Hause begleitet. Dabei handelt es sich um eine qualifizierte Pflegekraft, die in den ersten acht bis zehn Tagen nach der Geburt regelmäßig Hausbesuche macht.

Das Gesundheitswesen in den Niederlanden ist ein universelles, privates und obligatorisches System. Alle Einwohner*innen sind gesetzlich verpflichtet, eine private Krankenversicherung abzuschließen.

„Ich habe während meiner Schwangerschaft von der ‚Kraamzorg‘ erfahren“, erzählt Irene im Gespräch mit El Confidencial. „ Man muss sie selbst beantragen, die Vermittlung erfolgt dann über Agenturen. Da ich die günstigste Versicherungsvariante habe, musste ich für diese Leistung insgesamt etwa 170 € bezahlen, den Rest hat meine Versicherung übernommen. Die Kraamzorg helfen dir dabei, Windeln zu wechseln, die Temperatur des Babys zu messen, das Baby zu baden und unterstützen dich beim Stillen. Für mich als Erstgebärende war das eine große Hilfe. Vor allem, weil meine Eltern nicht in der Nähe sind.“

Irene gibt zu, dass es anfangs „ein bisschen seltsam“ war, eine fremde Person im Haus zu haben. „Ich fühlte mich schon etwas bedrängt. Aber dann hat sich Vertrauen aufgebaut und ich wollte einfach nur, dass mir geholfen wird, damit ich mich ausruhen kann.“

Irene erinnert sich daran, wie die Kraamzorg nachts die Windeln wechselte und dabei notierte, wann das Baby Stuhlgang hatte und wie viel es getrunken hatte. „Wenn die Kraamzorg morgens kam, schrieb sie das alles in ihr Notizbuch und fragte mich, wie die Nacht verlaufen sei und ob ich Frühstück wolle. Sie überprüfte meine Narbe, meine Temperatur und meinen Blutdruck. Außerdem blieb sie bei dem Baby, wenn ich schlafen wollte, und weckte mich, wenn es Zeit zum Stillen war.“

Irene war angenehm überrascht, dass sie Hilfe bei Hausarbeiten wie Wäschewaschen und Badezimmerputzen erhielt. „Man konzentriert sich 100 % auf das Baby, und manche Dinge – wie zum Beispiel Essen – rücken in den Hintergrund. Die Kraamzorg nimmt sich die Zeit, nach dir zu sehen und sicherzustellen, dass es dir gut geht. Sie hat mir nicht nur beigebracht, wie man Mutter ist, sondern mir auch geholfen, mich selbstbewusster und entspannter zu fühlen.“

Einen solchen Dienst gibt es nicht nur in den Niederlanden. Auch in Ungarn arbeiten ambulante Pflegekräfte (auf Ungarisch „védőnő“), die auf die Betreuung von Müttern und Kindern spezialisiert sind. Folk Florina, 66, hat ihre gesamte berufliche Laufbahn diesem Beruf gewidmet. „Wir sind Fachkräfte mit Hochschulabschluss. Wir begleiten und unterstützen Familien von der Schwangerschaft bis zum Ende der Schulpflicht ihrer Kinder“, erklärt sie in El Confidencial.

„Wir achten auf die körperliche und geistige Entwicklung des Babys, richtige Ernährung, Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen.“ Für Florina ist es jedoch die emotionale Unterstützung, die eine Mutter nach der Geburt am meisten braucht. „Das Umfeld ist sehr wichtig. Mütter brauchen jemanden, der ihnen zuhört, sie ermutigt und bestärkt.“ In ihrer über 30-jährigen Berufskarriere hat Florina miterlebt, wie sich das Muttersein verändert hat. „Die Informationsflut hat die Einstellungen, die Vorbereitung und die Fragen werdender Mütter verändert. Angesichts dieses Wandels mussten auch wir als ambulante Pflegekräfte unsere beruflichen Fähigkeiten ausbauen, um mit der Zeit zu gehen. Angefangen natürlich bei unseren digitalen Kompetenzen. Außerdem mussten wir neue pädagogische Aufgaben übernehmen und neue Familienstrukturen verstehen lernen.“

Florina ist seit 33 Jahren im selben Stadtteil tätig und hat die Geburten und das Leben von mehr als 1.000 Kindern begleitet. Sie erinnert sich noch immer an die erste Familie, die sie betreut hat, und an alle, die ihr Kind verloren haben. „Das Schwierigste ist der Verlust eines Kindes oder der Kampf gegen unheilbare Krankheiten.“

Wie sieht es anderswo in Europa aus?

In Spanien wird die Schwangerschaftsvorsorge in erster Linie von Hebammen übernommen, die sich auf Geburtshilfe und Gynäkologie spezialisiert haben. Nach der Geburt ist der Kinderarzt oder die Kinderärztin für die Gesundheit des Babys in allen Entwicklungsphasen zuständig.

Ana Isabel Anocibar Marcano, Hebamme in der Primärversorgung und Vorstandsmitglied des spanischen Hebammenverbands, beschreibt die Vorteile des Kraamzorg-Modells so: „Die Betreuung findet im unmittelbaren Umfeld der Mutter und des Neugeborenen statt. Sie ermöglicht eine umfassende Betreuung in einer sehr sensiblen Phase. Probleme können so frühzeitig erkannt und die Mütter bei Fragen zum Stillen beraten werden. Außerdem wird der ganzen Familie dabei geholfen, sich an die neue Situation anzupassen. Eine so kontinuierliche Betreuung ermöglicht eine sehr enge Begleitung.“

Doch auch die spanische Mutter-Kind-Betreuung sei sehr gut, meint sie, auch wenn die Situation je nach Region und den zur Verfügung stehenden Mitteln stark variiere.

In Frankreich gibt es kein direktes Äquivalent zum Kraamzorg-Modell, jedoch werden mehrere Programme zur postnatalen Nachsorge angeboten. Am ehesten vergleichbar ist „Prado Maternité“, das von der staatlichen Krankenversicherung angeboten und übernommen wird. Dieser Dienst umfasst Hausbesuche einer Hebamme nach der Entlassung aus dem Krankenhaus und bietet eine Nachsorge bis zum zwölften Lebenstag des Babys. Die Betreuung konzentriert sich auf die Genesung der Mutter, die Gesundheit des Neugeborenen, Hilfe beim Stillen sowie Hilfe für den Rest der Familie, bei der Anpassung an die neue Situation. 

Darüber hinaus gibt es die „Protection Maternelle et Infantile“ - einen öffentlichen Dienst, der Beratungen und Hausbesuche durch Hebammen oder Kinderkrankenschwestern anbietet, insbesondere für sozial benachteiligte Familien. Da der Umfang dieses Angebots jedoch je nach Region variiert, handelt es sich nicht um ein einheitliches nationales System der häuslichen Betreuung.

Seit Juli 2022 schreibt Frankreich zudem eine postnatale Untersuchung zwischen der vierten und achten Woche nach der Entbindung vor. Ziel ist es, postpartale Depressionen zu erkennen und gegebenenfalls einen speziellen Unterstützungsbedarf zu ermitteln.

Auch in Österreich gibt es kein direktes Äquivalent zum „Kraamzorg“-Modell. Das System der postnatalen Betreuung umfasst zwar Hausbesuche von Hebammen, jedoch keine umfassende praktische Unterstützung im Alltag. Die Besuche sind hauptsächlich auf die medizinischen und psychischen Bedürfnisse der Mutter und des Neugeborenen ausgerichtet: Überwachung der Gebärmutterregeneration, Unterstützung beim Stillen und Beobachtung der Entwicklung des Babys.

Lisa Rakos, Vorsitzende des österreichischen Hebammenverbandes, sagt, dass diese Aufgaben, wenn sie gründlich erledigt werden, „etwa eine Stunde“ in Anspruch nehmen. Viele Hebammen betreuen fünf oder sechs Familien an einem Tag, sodass ihnen kaum Zeit bleibt, die Mütter bei anderen alltäglichen Belangen zu unterstützen. Am niederländischen Modell lobt sie vor allem die praktische Unterstützung, da sie es jungen Müttern ermöglicht, regelmäßige Mahlzeiten und ein aufgeräumtes Zuhause zu genießen oder einfach jemanden zum Reden zu haben oder jemanden, der sich um das Baby kümmert, während sie duschen. In Österreich gibt es allerdings keine konkreten Pläne, ein solches System einzuführen.

Lisa Rakos fordert eine stärkere Einbindung von Hebammen während der Schwangerschaft, mit mindestens einer obligatorischen und kostenlosen Beratung zu Beginn der Schwangerschaft. Ihrer Ansicht nach würde dies eine frühzeitigere Erkennung von körperlichem oder psychischem Stress sowie von Einsamkeit, Armut, Sprachbarrieren und häuslicher Gewalt ermöglichen. Dies könnte Frauen mehr Optionen in einem System bieten, in dem routinemäßige Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen nach wie vor fast ausschließlich in der Zuständigkeit von Geburtshelfer*innen und Gynäkolog*innen liegen.

In Tschechien gibt es bisher überhaupt keine staatlich geförderten postnatalen Nachsorgeuntersuchungen. Das Gesetz schreibt lediglich vor, dass Eltern ihr Kind kurz nach der Geburt bei einem Kinderarzt anmelden müssen. Bei diesem ersten Besuch führt der Arzt die erforderliche Untersuchung durch und gibt der Hauptbezugsperson grundlegende Ratschläge. Alles andere liegt in der Verantwortung der Eltern.

👉 Originalartikel auf El Confidencial
🤝 Dieser Artikel ist im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts PULSE entstanden. Daran mitgewirkt haben: György Folk (HVG, Ungarn), Gian Paolo Accardo (Voxeurop, Frankreich), Magdalena Pötsch (Der Standard, Österreich) und Petr Jedlička (Denik Referendum, Tschechien).

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