„Chișinău ist eine Stadt der Gegensätze", sagt Sascha, ein junger Mann mit Baseballkappe und beigefarbener Jacke, mit dem ich im Gemeinschaftszentrum Casa Zemstvei bei Zigaretten und entkoffeiniertem Kaffee ins Gespräch komme. Der Satz klingt zunächst wie eine Floskel.
Doch während ich durch die moldauische Hauptstadt mit ihren knapp 750.000 Einwohnern streife, muss ich immer wieder an seine Worte denken.
Selbst im Stadtzentrum stehen niedrige Häuser mit hölzernen Veranden, vor denen Handwerker knien, Hammer oder Pinsel in der Hand. Breite Magistralen, auf denen sich Autokolonnen und blau-weiße Oberleitungsbusse im Schritttempo bewegen, werden von monumentalen brutalistischen Betonbauten und hellen Kalksteingebäuden mit neoklassizistischen Reliefs gesäumt. Nur wenige Straßenzüge weiter gehen die repräsentativen Boulevards in aufgerissene Straßen über, auf denen trotz ihres erbärmlichen Zustands dicht an dicht Autos parken.
Es ist Ende März, und der Frühling erobert langsam die Stadt. In den zahlreichen Parks, in denen noch die Kahlheit der winterlichen Bäume dominiert, leuchten bereits die gelben Blüten der Forsythien. Auf den Gehsteigen bieten ältere Frauen mit geblümten Kopftüchern für wenige Lei kleine Sträuße Narzissen, winzige Kakteen oder frische Frühlingszwiebeln an. Gleich daneben locken großzügige, hell erleuchtete Geschäfte sowie elegante Cafés und Restaurants – auf Google Maps oft schlicht als „European Restaurant" bezeichnet – ihre Kundschaft hinein.
„Europäisch oder sowjetisch?”
„Fühlt sich Chișinău für dich eher europäisch oder sowjetisch an? Vergangenes Jahr waren Freunde von mir hier und meinten, die Stadt wirke inzwischen europäisch. Das hat mich richtig stolz gemacht”, In verschiedenen Varianten höre ich diesen Satz während meines Aufenthalts immer wieder.
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 bestimmt die geopolitische Lage die öffentliche Debatte in Moldau. Viele befürchteten damals, dass nach einem möglichen Fall der Ukraine das fast zwanzigmal kleinere Nachbarland als Nächstes ins Visier Moskaus geraten könnte.
Dazu kam es zwar nicht. Dennoch wirkt sich der Krieg unmittelbar auf Moldawien aus. Mitte März rief die Regierung wegen einer Verunreinigung des Dnister infolge eines russischen Angriffs auf ein ukrainisches Wasserkraftwerk den Notstand aus. Auch unter Stromausfällen leidet das Land regelmäßig, weil russische Raketen die ukrainische Energieinfrastruktur treffen.

Im Dezember 2023 eröffnete die Europäische Union die Beitrittsverhandlungen mit Moldau. Während Länder wie Nordmazedonien oder Serbien seit mehr als einem Jahrzehnt auf den Kandidatenstatus festgelegt sind und ein Beitritt in absehbarer Zeit unwahrscheinlich erscheint, treibt die moldauische Regierung die von Brüssel geforderten Reformen mit Hochdruck voran. Ihr Ziel ist es, bis 2030 einen Beitrittsvertrag abzuschließen.
Wahlsiege für Sandu
Den europäischen Kurs bestätigten die Wählerinnen und Wähler 2024 knapp, aber letztlich eindeutig: Sowohl das Referendum zur Verankerung des EU-Beitrittsziels in der Verfassung als auch die Präsidentschaftswahl gewann Amtsinhaberin Maia Sandu von der regierenden liberalen Partei Aktion und Solidarität (PAS). 2025 bestätigte sich dieser Kurs erneut, als die PAS auch die Parlamentswahl für sich entschied. Ohne die Stimmen der moldauischen Diaspora, die inzwischen rund eine Million Menschen umfasst, wären diese Wahlergebnisse allerdings anders ausgefallen.

Moldawien gehört zu den Ländern mit dem stärksten Bevölkerungsrückgang weltweit. Lebten 1991 noch fast viereinhalb Millionen Menschen im Land, sind es heute weniger als drei Millionen. Jedes fünfte Kind wächst nur mit einem Elternteil oder sogar ganz ohne Eltern auf.
„Wenn jemand stirbt, braucht man nach der Tradition acht Männer, die das Grab ausheben. In manchen Dörfern findet man inzwischen kaum noch acht erwachsene Männer”, sagt der Soziologe und Journalist Vitalie Sprînceană. Mit dieser bitteren Anekdote bringt er die Lage auf den Punkt.
Es fehlt an Totengräbern, es fehlt an Ärzten. Die Bevölkerung altert, und schon heute zeichnet sich ab, dass künftig womöglich nicht mehr genügend Steuerzahler vorhanden sein werden, um selbst die niedrigen Pensionen und chronisch unterfinanzierten öffentlichen Dienstleistungen zu finanzieren.
Nicht mehr Letzter
Moldau, das nach dem Zerfall der Sowjetunion in eine schwere und lang anhaltende Wirtschaftskrise geriet, galt lange als das ärmste Land Europas. Auch heute zählt es noch zu den wirtschaftlich schwächsten Staaten des Kontinents, wenngleich das Pro-Kopf-BIP inzwischen sowohl im vom Krieg gezeichneten Ukraine als auch im Kosovo – dessen Unabhängigkeit nur von rund der Hälfte der UN-Mitgliedstaaten anerkannt wird – noch niedriger ausfällt.
Die Massenemigration setzte in den 1990er Jahren ein. Zunächst waren es vor allem Männer, die nach Russland gingen, um auf Baustellen zu arbeiten. Sie benötigten kein Visum und sprachen Russisch. Nach der russischen Finanzkrise von 1998 verlagerte sich die Auswanderung zunehmend nach Westen, insbesondere nach Rumänien und Italien. Dort deckten moldauische Frauen den wachsenden Bedarf an Pflegekräften.
Anfangs blieb ihnen oft nichts anderes übrig, als die Grenzen illegal zu überqueren. Das änderte sich mit dem EU-Beitritt Rumäniens im Jahr 2007, der eine weitere große Auswanderungswelle auslöste. Rumänien verleiht die Staatsbürgerschaft allen Personen, die vor 1940 – also vor der Annexion Bessarabiens durch die Sowjetunion – rumänische Staatsbürger waren, ebenso wie deren Nachkommen bis zur dritten Generation. Heute besitzt etwa ein Drittel der moldauischen Bevölkerung neben der moldauischen auch die rumänische Staatsangehörigkeit.
Der „Milliardenraub”
Eine weitere Auswanderungswelle erfasste Moldawien 2014. Auslöser waren die Einführung der Visafreiheit für Reisen in die Europäische Union sowie der weitverbreitete Vertrauensverlust nach dem sogenannten „Milliardenraub”.
Zu den Drahtziehern des Betrugs, bei dem rund eine Milliarde US-Dollar aus dem moldauischen Bankensystem verschwand, gehörten die inzwischen mit EU-Sanktionen belegten Oligarchen Ilan Șor und Vladimir Plahotniuc sowie der ehemalige Ministerpräsident Vlad Filat. Dessen Liberaldemokratische Partei war 2009 mit dem Versprechen an die Macht gekommen, das Land aus Armut und Korruption heraus und in die Europäische Union zu führen.
Nun verließen in großer Zahl die Kinder jener Auswanderer das Land, die um die Jahrtausendwende im Westen prekäre Arbeit angenommen hatten. Anders als ihre Eltern gingen sie nicht nur wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage, sondern auch, weil ihre politischen Hoffnungen enttäuscht worden waren und sie mit dem Zustand des Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsystems haderten.
Geschäftsmodell Universität
„Als ich studierte, war die Universität ein Geschäftsmodell. Abschlüsse konnte man kaufen. Ich hatte Kommilitonen, die nie in einer Vorlesung erschienen und trotzdem die besten Noten bekamen”, erzählt Vlada Ciobanu in dem nüchtern eingerichteten Büro des Centre for Policies and Reforms, einer zivilgesellschaftlichen Organisation, die sich für Transparenz und Bürgerbeteiligung einsetzt.
Ciobanu absolvierte ihren Bachelor in Moldawien und ging anschließend für den Master nach Großbritannien. „Die Frage war nicht, ob ich gehen sollte, sondern wann. Wer in Moldawien den Bachelor abgeschlossen hatte, machte den Master fast zwangsläufig im Ausland”.
Auch der Soziologe und Migrationsexperte Alexandr Makuhin bestätigt, dass Auswandern damals schlicht als normal galt. „Wenn man eine bestimmte Karriere anstrebte, wissenschaftlich arbeiten oder für einen internationalen Konzern tätig sein wollte, blieb einem praktisch nichts anderes übrig, als das Land zu verlassen”.

Laut Sprînceană veränderte sich die öffentliche Debatte über Migration grundlegend, als soziale Netzwerke an Bedeutung gewannen und Parteien an die Macht kamen, deren zentrales Versprechen ein rascher EU-Beitritt war. „Eines der prägenden Narrative lautet bis heute: Die Besten sind gegangen. Darin steckt ein Körnchen Wahrheit. Seit den 1990er Jahren verließen Ärzte, Ingenieure, Lehrer oder Wissenschaftler das Land, um im Westen Tätigkeiten weit unterhalb ihrer Qualifikation auszuüben. Bis etwa 2010 sprach allerdings niemand von einer Diaspora. Man sprach einfach von moldauischen Gastarbeitern”.
Stärker einmischen
Mit der wachsenden Bedeutung digitaler Medien begann ein Teil der Auslandsmoldauer, sich aus der Ferne stärker in die Politik ihres Heimatlandes einzumischen. „Sie kommentierten die Entwicklungen zu Hause, äußerten Wut, Trauer oder Freude über das, was in Moldawien geschah. Vor allem aber begannen sie, an den Wahlen teilzunehmen. Die sogenannten proeuropäischen Kräfte erkannten schnell, welches Potenzial diese Wählerschaft hatte: eine große Gruppe, die ihrem Programm ausgesprochen loyal gegenüberstand. Deshalb richteten sie ihre Wahlkämpfe zunehmend auf die Diaspora aus”, erklärt Sprînceană.
„Als ich studierte, war die Universität ein Geschäftsmodell. Abschlüsse konnte man kaufen. Ich hatte Kommilitonen, die nie in einer Vorlesung erschienen und trotzdem die besten Noten bekamen” – Vlada Ciobanu
Die Erzählung, „die Besten seien gegangen”, spiegele daher auch die Enttäuschung eines Teils der politischen und gesellschaftlichen Elite über die Menschen wider, die im Land geblieben sind. Bereits 2012 richtete die damalige, rhetorisch proeuropäische Regierung unter Vlad Filat das Büro für Diasporabeziehungen ein. Es sollte die Verbindung zwischen den im Ausland lebenden Moldauern und ihrer Heimat stärken – und vor allem jenen die Rückkehr erleichtern, die in das zunehmend entvölkerte Land zurückkehren wollten.
„Nach Moldawien zurückzukehren ist, als würde man in den Wilden Westen zurückkehren – oder nach Kalifornien während des Goldrauschs. Es ist alles andere als einfach. Aber genau jetzt ist der beste Zeitpunkt. Man muss ein oder zwei Jahre schuften wie ein Pferd, sich beweisen – und dann kann man hier besser leben als in den USA oder in Westeuropa”.
Europäische Preise
Vlad Vedrașco, 38 Jahre alt, weißes Hemd mit blauen Streifen, spricht schnell und mit sichtbarer Begeisterung. Wir treffen uns in einem jener „europäischen Restaurants”, in denen er gern frühstückt. Die Preise sind tatsächlich europäisch: Für eine große Flasche Mineralwasser, einen Latte Macchiato, ein Omelett und Bruschetta mit Roastbeef zahlen wir umgerechnet mehr als 20 Euro – in einem Land, in dem der Durchschnittslohn bei rund 800 Euro liegt und lediglich ein Drittel aller Beschäftigten mehr als diesen Durchschnitt verdient.

Vedrașco stammt aus einer Winzerfamilie und studierte Wirtschaftswissenschaften. 2013 wanderte er in die Vereinigten Staaten aus, um seinen „amerikanischen Traum” zu verwirklichen. „Den Unternehmergeist habe ich von meinen Eltern geerbt„, sagt er. Innerhalb von zwei Jahren baute er ein erfolgreiches E-Commerce-Unternehmen auf. „Aber innerlich fühlte ich mich nicht erfüllt. Irgendetwas fehlte. Wahrscheinlich habe ich die ganze Zeit auf einen Grund gewartet, zurückzukehren”. Dieser Grund kam 2018, als seine Eltern das Weingut nicht länger allein führen konnten.
Heute exportiert Vedrașco Wein aus seinem Heimatdorf in die Europäische Union und gibt sein Know-how an andere Winzer weiter. „Meinen amerikanischen Traum habe ich letztlich in Moldawien verwirklicht. Ich bin ein erfolgreicher Unternehmer geworden und kann gleichzeitig das Leben anderer Menschen positiv beeinflussen”.
„Kommt jetzt zurück”
Zum Abschied richtet er einen Appell an jene Moldauerinnen und Moldauer, die noch im Ausland leben und mit einer Rückkehr liebäugeln: „Kommt jetzt zurück. In fünfzehn Jahren wird es dafür zu spät sein”.
Mit Geschichten wie der von Vlad Vedrașco versucht auch die moldauische Regierung gezielt für eine Rückkehr zu werben. Erfolgreiche Rückkehrer, die in ihrer Heimat „Gold gefunden” haben, sollen insbesondere junge Fachkräfte ermutigen, den gleichen Schritt zu wagen. Die meisten staatlichen Programme richten sich an kleine und mittlere Unternehmer und bieten Steuervergünstigungen sowie Fördermittel für Existenzgründungen.
Gleichzeitig wirbt der Staat damit, dass Rückkehrer die Möglichkeit hätten, die Entwicklung des Landes unmittelbar mitzugestalten und am Aufbau eines „modernen europäischen Moldau” mitzuwirken. Dank umfangreicher europäischer Fördergelder entstehen neue Projekte, qualifiziertes Personal wird dringend gesucht, und in der öffentlichen Verwaltung lassen sich vergleichsweise schnell verantwortungsvolle Positionen erreichen.
Ähnliches gilt für die Zivilgesellschaft. „Wenn man sich in seiner Gemeinde engagieren oder sich zivilgesellschaftlich einbringen möchte, sieht man relativ schnell konkrete Ergebnisse. Vor allem jetzt, da die Kommunalverwaltungen und auch die Regierung offener sind als früher. Man hat hier viel stärker das Gefühl, dass die eigene Stimme zählt und tatsächlich etwas bewirken kann – mehr als im Ausland”, sagt Vlada Ciobanu.
Sie selbst kehrte 2013 nach Moldawien zurück – zu einem Zeitpunkt, als die demokratischen Rückschritte infolge der weitverbreiteten Korruption unter der Regierung von Vlad Filat bereits deutlich sichtbar wurden.
„Viele haben mich schief angesehen”
„Damals haben mich viele schief angesehen. Wer aus dem Ausland zurückkam, galt als gescheitert oder als jemand, dem der Mut fehlte. In den drei Jahren danach sind die meisten meiner Freunde ausgewandert. Einige sagten, sie würden zurückkehren, wenn das Land einmal besser funktioniere, wenn es mehr Demokratie gebe. Aber wer soll dieses bessere Land denn schaffen?”, fragt sie lächelnd.
Die Gehälter im öffentlichen Dienst und im zivilgesellschaftlichen Sektor bleiben jedoch deutlich hinter denen der Privatwirtschaft zurück. Besonders seit Beginn des Krieges in der Ukraine, der eine Energiekrise und hohe Inflation ausgelöst hat, steht Moldawien unter erheblichem finanziellem Druck. Das Land ist auf Kredite des Internationalen Währungsfonds angewiesen, der im Gegenzug Haushaltsdisziplin und Sparmaßnahmen verlangt.
An einem weiteren sonnigen Frühlingstag fahre ich gemeinsam mit Stela Crudu und ihrem Bruder Dumitru, einem Schriftsteller, zu einer Berufsschule im Süden Chișinăus, die Stelas jüngste Tochter besucht. Für den Elternsprechtag ist Stela eigens aus ihrem Dorf im Norden des Landes angereist. Insgesamt hat sie sechs Kinder. Eigentlich hätte sie bereits um zehn Uhr morgens mit dem Bus eintreffen sollen. Stattdessen erscheint sie erst gegen Mittag – mit dem Taxi. Der Bus sei schlicht nie gekommen.
Nach Italien und retour
„Sie hatte einen Kredit aufgenommen und konnte die Raten nicht mehr bezahlen. Deshalb ging sie nach Italien und arbeitete dort als Pflegekraft. Nach zwei Jahren hatte sie ihre Schulden beglichen. Anschließend blieb sie noch drei Jahre, um etwas Geld zurückzulegen. Nach insgesamt fünf Jahren kehrte sie in unser Dorf zurück”, erzählt Dumitru stellvertretend für seine Schwester.
Stela lächelt und sagt auf Italienisch sorgfältig: „Milletrecento, millequattrocento euro.” Als Pflegekraft in Italien verdiente sie rund 1.300 bis 1.400 Euro im Monat. Heute arbeitet sie in einer Autofabrik in ihrem Heimatort. „Quattrocento, cinquecento euro”, ergänzt sie. In Moldawien verdient sie ungefähr 400 bis 500 Euro.
„Aber sie sagt, sie wäre lieber arm in ihrer Heimat als reich im Ausland. Außerdem lebt sie im eigenen Haus und kann Tiere halten”, übersetzt ihr Bruder. Stela zählt lachend ihre Tiere auf: Kühe, Pferde und zwei Hamster. Einer davon sei ausgesprochen aggressiv.
„Morde”, sagt sie auf Italienisch – „er beißt” – und schnappt zur Demonstration scherzhaft mit den Zähnen. Während Stela beim Elternabend ist, unterhalte ich mich mit Alina, einer Französischlehrerin, die mehrere Jahre mit ihrem Mann in Rom gelebt hat. Die elegant gekleidete Frau im roten Blazer weiß noch ganz genau, wie lange ihre Zeit im Ausland dauerte: „Fünf Jahre, acht Monate und zwei Tage.”, Die Emigration habe ihr viele neue Perspektiven eröffnet. „Wir haben uns gut integriert. Aber in der eigenen Heimat atmet man einfach anders.”
„Ich bin Optimistin”
Mit sichtbarer Begeisterung berichtet sie davon, wie sich das moldauische Bildungssystem weiterentwickelt und wie wertvoll ihre im Ausland gesammelten Erfahrungen für ihre heutige Arbeit seien. Auf die Arbeitsbedingungen im öffentlichen Bildungswesen angesprochen, antwortet sie zunächst vorsichtig: „Ich bin Optimistin und beklage mich eigentlich nie. Ich versuche immer, in jeder Situation eine Chance zu sehen, meine Träume zu verwirklichen”.

Dann hält sie kurz inne. „Aber … die wirtschaftliche Situation im staatlichen Bildungswesen ist tatsächlich schwierig. In Privatschulen dagegen sind die Gehälter angemessen. Deshalb arbeiten dort viele motivierte und kreative Menschen”. Nach ihrer Ansicht müsse der Staat Rückkehrer sehr viel stärker begleiten – und zwar nicht nur Unternehmer. „Ich kenne Menschen, die zurückgekommen sind, zwei oder drei Jahre geblieben sind und anschließend wieder ausgewandert sind”.
Kurze Zeit später sitze ich mit Stela und ihrer Tochter auf der Terrasse eines Cafés im Park. Ohne zu zögern sagt die Fünfzehnjährige, dass sie nach ihrem Schulabschluss ins Ausland gehen werde. Wohin genau und was sie dort machen möchte, weiß sie noch nicht. Aber eines weiß sie sicher: Sie will weg.
Migrationsexperte Alexandr Makuhin bestätigt, dass sich der Trend der Auswanderung bislang nicht umkehrt. Zwischen 2020 und 2025 verlor Moldawien mehr als 200.000 Einwohner. Wer heute zurückkehrt, tut dies meist aus persönlichen oder familiären Gründen. Viele Ausgewanderte dagegen haben sich inzwischen dauerhaft in ihrer neuen Heimat verwurzelt – durch Arbeit, Wohneigentum oder die Gründung einer Familie.
„Du bist Moldauer”
„Die staatlichen Programme für die Diaspora setzen häufig auf kulturelle Bindungen und versuchen, nostalgische Gefühle anzusprechen: Du bist Moldauer, komm nach Hause, wir heißen dich willkommen! Das mag zynisch klingen, aber der wirksamste Anreiz für eine Rückkehr ist wirtschaftliche Unterstützung”, sagt Makuhin.
Auch Vlada Ciobanu hält die Aussicht auf einen guten Arbeitsplatz allein für unzureichend. „Wir brauchen einen besseren öffentlichen Nahverkehr, ein funktionierendes Sozialsystem und bezahlbaren Wohnraum – über all das wird kaum gesprochen. Dorin Recean erklärte erst kürzlich, der Staat solle sich möglichst nicht in den Wohnungsmarkt einmischen. Das steht jedoch im Widerspruch zu den Erfahrungen vieler anderer Länder”.
Als ich Vitalie Sprînceană frage, was die Regierung tun müsse, um mehr ausgewanderte Moldauer zur Rückkehr zu bewegen, antwortet er mit einer Gegenfrage. „Brauchen wir das überhaupt?” Die große Mehrheit der Ausgewanderten werde niemals zurückkehren, sagt er. „Es ergibt wenig Sinn, öffentliche Mittel dafür einzusetzen, Menschen überzeugen zu wollen, die sich längst entschieden haben. Ja, Moldawien braucht Einwohner. Aber in vielen Regionen der Welt sind die Lebensbedingungen deutlich schwieriger als hier. Für viele Menschen könnte Moldawien selbst ein attraktives Einwanderungsland sein”.
Auf der Abschiedsfeier
Den Samstagabend verbringe ich in Chișinău bei der Abschiedsfeier des Gemeinschaftszentrums Casa Zemstvei. Es ist der einzige Ort seiner Art in der Stadt. Hier fanden ein Queer-Café, Vorführungen unabhängiger Filme, Vorträge und Diskussionsveranstaltungen statt – oder einfach gemeinsames Karaoke. Nach fünfzehn Jahren schließt das Zentrum nun seine Türen. Das Nationale Ethnographische Museum, dem das Gebäude gehört, möchte die Räume renovieren und hat den Mietvertrag deshalb nicht verlängert.
Während der bewegenden Abschiedsreden ergreift eine Frau mit kurzen Haaren das Wort, die selbst einige Zeit im Ausland gelebt hat. „Als ich aus Rumänien zurückkam, war Casa Zemstvei der Ort, an dem ich wieder Menschen begegnete, unzählige besondere Momente erlebt habe – und an dem ich mich verliebt habe”, sagt sie sichtlich bewegt ins Mikrofon.
Nach einem Abend voller Gesang, Tanz und herzlicher Begegnungen stehe ich schließlich im Garten neben einer dunkelhaarigen Frau. Sie erzählt gerade, wie während ihres Studiums in Italien zunächst niemand ihre Abschlussarbeit über anarchistische Formen praktischer Selbstverwaltung betreuen wollte. „Alle hielten das für eine Utopie. Ihnen fehlte schlicht die Vorstellungskraft. Wir müssen noch so vieles verlernen, so vieles neu denken.„ Ich frage sie, weshalb sie aus Italien zurückgekehrt sei. „Was gibt es denn in Italien schon zu tun?”, antwortet sie.
Ich stelle dieselbe Frage zurück: „Und was gibt es in Moldawien zu tun?”, Sie zögert keine Sekunde. „Moldawien ist ein kleines, unglaublich dynamisches Land. Hier wird ständig aufgebaut, umgebaut, wieder eingerissen und neu begonnen. Wir sind permanent auf der Suche nach anderen Möglichkeiten. Gerade deshalb ist Moldawien der ideale Ort, um Gewissheiten zu verlernen und die Welt neu zu denken. Dafür eignet es sich weit besser als der Westen”.
👉 Originalartikel aus Deník Référendum. Übersetzt von Der Standard
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