Er habe eigentlich bessere Optionen, könnte mit seiner Erfahrung in Deutschland – wo er lange für die Arbeit lebte – deutlich mehr verdienen, dort bei seiner Familie sein. Aber wenn das Land ruft, dann müsse man Befindlichkeiten hintanstellen und mitanpacken, sagt Ruslan Surugiu. "So hat er mich geködert", sagt er über den ehemaligen Energieminister, der ihm genau diese Moralpredigt gehalten hatte und Surugiu in seinen aktuellen Job hievte.
Der lang gediente Energieexperte ist heute Chef des Moldova Energy Projects Implementation Units (Mepiu), verantwortlich für die Umsetzung von Energiegroßprojekten in der Republik Moldau und seit knapp drei Jahren mit der Fertigstellung der 156 Kilometer "Independence Line" betraut. "Für euch ist das vielleicht nichts Großes, aber für uns ist das riesig", sagt er mit ernster Miene zum STANDARD am Gelände des Umspannwerkes, 25 Fahrminuten südlich des Stadtzentrums.

Gefragt danach, was die voraussichtliche Fertigstellung Ende Mai 2026 in ihm auslöst, ist zum ersten Mal so etwas wie ein kleines Lächeln unter dem weißen Helm zu erkennen. "Sie heißt nicht umsonst so, ich bin nicht vergebens hier", freut er sich über die wiedererlangte Souveränität, das Ende russischer Erpressungen. Die Hochspannungsleitung verbindet die Hauptstadt Chișinău mit Vulcănești im äußersten Landessüden – und dadurch mit Rumänien und dem europäischen Stromnetz. Wenn ab Ende Mai dieser Strom fließt, habe er seine Schuldigkeit getan, sagt Surugiu. Dann habe er sein Land ein großes Stück sicherer gemacht.
Abhängigkeiten beenden
Denn die bisherige Hauptlinie ist nicht nur fast 60 Jahre alt und damit extrem anfällig, wie ein großer Stromausfall vor wenigen Monaten verdeutlichte. Sie verläuft auch durch ukrainisches, vor allem aber auch transnistrisches Gebiet, wo mit russischem Gas bisher ein Großteil der in Moldawien verbrauchten Elektrizität produziert wurde. Noch vor wenigen Jahren war Moldawien zu 100 Prozent abhängig von russischem Gas und zu 80 Prozent abhängig von Elektrizität aus der selbst ernannten Separatistenrepublik auf der linken, östlichen Seite des Flusses Dnjestr.
Moskau nutzte das aus, drehte am Gashahn, wenn immer der Kreml unliebsame politische Entwicklungen in der ehemaligen Sowjetrepublik vernahm.
Jahrzehntelang habe er sich dafür eingesetzt, solche Projekte umsetzen zu können, erzählt Surugiu, aber mit den prorussischen Vorgängerregierungen sei dies nicht möglich gewesen – egal, wie sehr man gestritten und Gefahren aufgezeigt habe. Zwei gas-lose Winter, einen Angriffskrieg im Nachbarland und einen Regierungswechsel zu Maia Sandus PAS später habe man das "vermeintlich Unmögliche" dann binnen einer halben Dekade verwirklicht.
Schuldenfrage
Der Energieexperte Sergiu Tofilat vom Transparenz- und Politikanalyse-Thinktank Watchdog.md erklärt dem STANDARD das lange etablierte Energieliefersystem für Moldawien und Transnistrien so: Über eine ukrainische Pipeline lieferte der russische Konzern Gazprom Gas via Transnistrien an Moldovagaz, den größten Energiekonzern des Landes, dessen Mehrheitseigentümer man praktischerweise ist. "Moskau nutzte das System sowjetischer Infrastruktur, das Moldawien erbte, um das Land in seinem Einflussbereich zu halten", sagt Tofilat. Zuletzt wurde seitens Chișinău deshalb immer wieder die Verstaatlichung von Moldovagaz angedacht.
In der öffentlichen Wahrnehmung hieß es meist, Transnistrien erhalte das Gas gratis. In Wahrheit bezahlte Tiraspol aber einfach seine Rechnungen an Moldovagaz nicht. Zur Stützung des russlandfreundlichen Regimes floss das Gas aus Moskau aber trotzdem ohne Konsequenzen weiter. Die angehäuften Schulden bei Moldovagaz bezifferte Gazprom später mit 756 Millionen Dollar, die man Chișinău in Rechnung stellen wollte. In den 1990ern übernahm man mit diesem Argument immer wieder moldauische Infrastruktur, zur "Schuldenbegleichung". Norwegische Wirtschaftsprüfer kamen kürzlich aber zum Ergebnis, dass sich die wahre "Schuld" bei rund acht Millionen Dollar einpendeln würde. Tofilat geht sogar weiter und sagt, die "Schulden sind gleich null".
Verwundbarkeit
Seit 2019 erfolgten jedenfalls viele Schritte in Richtung Energieunabhängigkeit. 2019 modernisierte man erfolgreich den sogenannten Vertikalen Korridor, der die Türkei, Griechenland und Bulgarien mit russischem Gas versorgt, sodass Gas und Flüssiggas fortan auch in die andere Richtung – also nach Rumänien, Moldawien und bis in die Ukraine – gepumpt werden konnte. Russland scherte sich damals recht wenig darum, weil die Länder mit Russlands Preisen nicht konkurrieren konnten. 2021 folgte dann der wichtige Gasanschluss an Rumänien.
In Sachen Elektrizität fiel der allerletzte Warnschuss mit der Vollinvasion der Ukraine. Es sei ganz sicher kein Zufall gewesen, dass der russische Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 just dann begann, als Moldawien und die Ukraine gerade in großflächigen Tests zur Synchronisierung ihrer Stromnetze mit dem Westen waren, sagt Tofilat: "Im verwundbarsten Moment hat Putin zugeschlagen." Auch Surugiu glaubt nicht an eine zeitliche Koinzidenz. Jedenfalls wurden die Tests, die für gewöhnlich auch schon mal zehn bis 14 Jahre dauern, auf nicht einmal vier Wochen verkürzt, und Moldawien erhielt fortan Strom aus Europa. Auch hier war der Krieg ein Unabhängigkeitsbeschleuniger.
Gute und böse Abhängigkeiten
Und Moldawiens Regierung ist nun endgültig gewillt, sich von allen letzten bösen Abhängigkeiten zu verabschieden. Auf die Frage, ob man sich letztlich nicht von einer "bösen" Abhängigkeit in eine "gute" Abhängigkeit hineinmanövriere, bringen Politiker wie Experten die guten Beziehungen zum engen Freund Rumänien, die EU-Integration und die Diversifizierung des Energiemarktes ins Spiel – sei es durch neue Versorgungslinien oder erneuerbare Energien.

Sichtlich stolz auf das bisher Erreichte ist auch Dorin Junghietu, 39 Jahre alt. Wie Surugiu hat er jahrelange Erfahrung im Energiesektor. Junghietu war nach Jahren bei internationalen Energiegroßfirmen und dem Wunsch nach Hause zurückzukehren eigentlich bestgeeigneter Bewerber für den CEO-Posten bei Moldovagaz. Der russische Mehrheitseigentümer Gazprom hatte dem Vernehmen nach aber etwas gegen die Personalie Junghietu. Heute ist er seit einem Jahr Energieminister und hauptverantwortlich dafür, den eingeschlagenen Weg der kompletten Unabhängigkeit von Russland fortzuführen. Ein Umstand, der ihm mit Blick auf seinen Fast-Posten dann doch ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert.
Gas zu Marktpreisen
Junghietu will nicht nur unabhängiger werden: Er will mehr in Erneuerbare investieren, die Energieeffizienz steigern und er will, dass auch die Menschen in Transnistrien endlich den Marktpreis für Energie zahlen müssen. Auch wenn das kurzfristig schmerzen würde. Junghietu betont, dass das aktuelle System der Energiezufuhr für Transnistrien kein zuverlässiges sei.

Seit die Ukraine den russischen Gasliefervertrag auslaufen ließ, weil sie logischerweise den Krieg gegen sich nicht länger mitfinanzieren will, fand sich Transnistrien in der Lage einer 100-prozentigen Abhängigkeit von Gaslieferungen via Moldovagaz. Der Schweizer Energiehändler Met wickelt das Geschäft ab. Das Geld soll aus Dubai kommen, manche vermuten russische Strohmänner dahinter. Auch deshalb dürfte es bei den verpflichtenden Bankenchecks immer wieder zu Problemen kommen, vermuten Experten, was bereits wiederholt in Gaslieferstopps für Transnistrien resultierte. Ein EU-Moldawien-Angebot zu einer stabileren Versorgung, gekoppelt an einige Bedingungen zur Verbesserung der Menschenrechtssituation in Transnistrien, schlug das Regime aber aus. "Tiraspol wollte oder durfte das Angebot nicht annehmen", sagt der Energieminister zum STANDARD.
Viele in Moldawien glauben, dass die Zeit da eher für sie arbeitet als umgekehrt. Denn die Menschen in Transnistrien müssten erkannt haben, dass Moskau viele seiner vermeintlichen Partner aufgrund der allumfassenden Aufgabe im Ukrainekrieg fallen gelassen hat. Dem Regime in Transnistrien werde es nicht anders ergehen, prophezeien sie. Und im Fall der Fälle will Chișinău da sein, um zu helfen, denn: "Natürlich kümmert uns das Schicksal der Menschen am linken Ufer des Dnjestr, sie sind auch Moldauer", sagt Junghietu.
Staatenunion oder Unionsstaat?
Tatsächlich sind die Fortschritte am Energiesektor auch jene, die in den EU-Erweiterungsberichten am meisten gewürdigt werden. Zunächst war einmal 2028 für den Beitritt angepeilt, mittlerweile ist 2030 das erklärte Ziel Chișinăus. Ein Ziel, dem vieles untergeordnet wird.
Die moldauische Regierung ist überzeugt, dass der EU-Beitritt der derzeitig realistischste Weg ist, die langersehnten Sicherheitsgarantien zu erhalten. Überrascht wurden zuletzt viele von der Aussage Präsidentin Sandus, dass sie im Falle eines Referendums für die Staatenunion mit Rumänien stimmen würde. Auch der Energieminister sprach sich im STANDARD-Interview dafür aus. Es wäre Option B, eine Abkürzung in die EU und in die Nato. Kenner der moldauischen Politszene sagen, dass es der Regierung bei dem Vorhaben wohl darum gehe, ein wenig Druck in Brüssel aufzubauen. Zu verdeutlichen, dass man Alternativen hat, sollte man Moldawien zu lange vor der Integrationstür warten lassen.
Kampf gegen Korruption
Die Angst vor Russland, sie ist der erklärende Faktor für so viele der Entwicklungen in dem kleinen, aber so dynamischen Land. So erzählt etwa die Transparenz-Aktivistin Vlada Ciobanu von CPR Moldova, dass sich Präsidentin Sandu immer wieder Kritik ausgesetzt sieht, proeuropäische Alternativen zu ihr kaum zuzulassen. Stimmen für solche Parteien würden sie und ihr Team als "verloren" und als "Stimme für Russland" framen. Auch Tofilat erzählt davon, der sich mit der Partei des Wandels selbst für solch eine proeuropäische Alternative zu Sandu engagierte, damit aber scheiterte.

Insgesamt machte Moldawien in den vergangenen Jahren sowohl im Bereich der Gesellschaftsrechte als auch im Bereich Antikorruption große Fortschritte. Von 2019 bis 2024 holte man im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International starke elf Punkte auf, ehe es 2025 wieder einen Schritt zurückging auf insgesamt 42 Punkte auf der 100-Punkte-Skala. Mit Rang 80 von 182 untersuchten Ländern rangiert Moldawien im unteren Mittelfeld, der Punkteabzug im Vorjahr folgte einem globalen Trend und ist ein Resultat der schleppenden Justizreform im Land. Die kleine Korruption habe man zusehends besser im Griff, bei den großen Summen, vor allem in der Baubranche, aber auch im Energiesektor, komme es aber immer noch zu Käuflichkeit und Vorteilsannahmen, sagt Ciobanu.
Sie sagt auch, dass sie momentan weitgehend ohne Einflussversuche arbeiten könnten. Das stehe immer noch im starken Kontrast zu den prorussischen Vorgängerregierungen. Dennoch warnt sie, dass das System fragil ist und der Wunsch des EU-Beitritts nicht selbst-zensierend wirken darf. "Mit dem Krieg in der Nachbarschaft und dem massiven Einfluss russischer Kanäle, Trolle und Marionetten" sei man manchmal versucht, Kritik an Vorgängen im Staat kleinzuhalten. Gerade eine mutige Zivilgesellschaft müsse sich diesen Fragen im Kampf gegen Korruption aber stellen. Umso drängender, wenn das Land mit derart vielen Richtungsentscheidungen konfrontiert ist.
👉 Originalartikel in Der Standard
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