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Der europäische Traum und der Weg nach Hause: Was die Zukunft für junge Ukrainer bereithält

1,2 Millionen junge Menschen haben die angegriffene Ukraine verlassen, etwa zwei Millionen im Land sind weder in Ausbildung noch in Beschäftigung. Nun will man ihnen gute Chancen bieten.

Veröffentlicht am 1 September 2026

Hinter jeder Diskussion über den Wiederaufbau der Ukraine steht eine weitaus grundlegendere Frage: Wer wird das Land wiederaufbauen? Seit 2022 haben rund 1,7 Millionen junge Menschen das Land verlassen, Hunderttausende verteidigen es an der Front, und etwa zwei Millionen junge Menschen gelten als NEETs – sie befinden sich weder in Ausbildung noch in Beschäftigung oder Weiterbildung ("Not in Education, Employment or Training").

Das geht aus Zahlen des UN-Kinderhilfswerks Unicef und dem ukrainischen Jugendministerium hervor.

Die Regierung sucht nun die Unterstützung ihrer internationalen Partner, allen voran der Europäischen Union, um dieser Generation nach dem Ende des Krieges – wann und wie auch immer dieses Ende aussehen wird – eine echte Grundlage für eine friedliche Zukunft zu schaffen: hochwertige Bildung und menschenwürdige Arbeit in einem Arbeitsmarkt, der sich trotz der Invasion als bemerkenswert robust erwiesen hat.

Diese Fragen standen auch im Mittelpunkt der diesjährigen Ukraine Recovery Conference, die am 25. Juni in Danzig stattfand. Bei einer von Andreas Schleicher von der OECD moderierten Podiumsdiskussion mit Pilvi Torsti von der European Training Foundation (ETF) sowie Diplomatinnen und Diplomaten aus Polen, der Ukraine und Japan wurde erneut deutlich, welch zentrale Rolle Bildung beim Wiederaufbau spielt.

Doch besonders eindringlich wurde dieses Argument von zwei jungen Ukrainerinnen und Ukrainern vorgetragen, deren persönliche Geschichten die Entscheidungen widerspiegeln, vor denen eine ganze Generation steht. Sie kamen bei einem separaten Workshop in Danzig zu Wort, an dem auch Torsti teilnahm.

Die beiden verkörperten zwei miteinander verbundene Perspektiven der ukrainischen Jugend: diejenigen, die sich außerhalb der Ukraine befinden – wie die 17-jährige Anastasiia, die in Krakau eine NGO gegründet hat, um junge Ukrainerinnen und Ukrainer sowohl in der Heimat als auch im Exil zu unterstützen – und diejenigen, die nie gegangen sind. Zu Letzteren gehört der 22-jährige Ruslan, ein Kriegsveteran, dessen Bericht über seine Rückkehr in das zivile Leben dem inzwischen etwas abgegriffenen Begriff der "Resilienz" eine zutiefst menschliche Dimension verlieh.

Zwei Perspektiven

Resilienz ist jedoch nicht nur eine persönliche Eigenschaft. Für die Ukraine ist sie eine wirtschaftliche Notwendigkeit – und sie wirft eine ganz praktische Frage auf: Welche Arbeitskräfte wird das Land tatsächlich brauchen?

Pilvi Torsti speaking in a panel at the 2026 URC in Gdańsk – photo Andrea Braschayko/OBCT
"In die neue Generation investieren" war eines der Themen der Ukraine Recovery Conference in Danzig. Andrea Braschayko | Foto: Andrea Braschayko/OBCT

Die Konturen des künftigen ukrainischen Arbeitsmarktes zeichnen sich bereits ab. Die Hälfte der Unternehmen gibt an, dass Arbeitskräftemangel ihre geschäftliche Entwicklung behindert. Das geht aus der vierteljährlichen Unternehmensumfrage der ukrainischen Nationalbank hervor. Eine in diesem Jahr veröffentlichte langfristige Prognose des Arbeitsmarktes durch die Regierung geht davon aus, dass die Wirtschaft bis 2036 rund 2,6 Millionen zusätzliche Arbeitskräfte benötigen wird.

Im Mittelpunkt steht der Wiederaufbau. Der Bedarf an Beschäftigten im Baugewerbe könnte sich mehr als verdoppeln – von rund 520.000 im Jahr 2025 auf über 1,2 Millionen. Hinzu kommen Ingenieurinnen, Architekten, Ärztinnen, Fachkräfte für Rehabilitation und Psychologen. Gerade die beiden letztgenannten Berufsgruppen erinnern daran, dass der Wiederaufbau eines Landes auch bedeutet, seine Menschen wiederaufzubauen.

Dramatischer Personalmangel

Der Wiederaufbau ist dabei ein besonders kritischer Bereich. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur ist mehr als ein Viertel der ukrainischen Erwerbsbevölkerung durch Militärdienst oder Vertreibung ausgefallen. In einigen Bauunternehmen liegt der Personalmangel bei bis zu 40 Prozent. Für die Reparatur des Stromnetzes und die Modernisierung des Gebäudebestands nach EU-Standards wird ein Defizit von mehr als 500.000 qualifizierten Arbeitskräften erwartet.

Daneben werden Lehrkräfte, Fachkräfte im Digitalbereich, Juristinnen und Beamte benötigt, die sich mit den EU-Vorschriften auskennen und diese im Zuge des Beitrittsprozesses umsetzen können.

Die Arbeitsplätze werden da sein. Ob auch die jungen Menschen da sein werden – und ob sie über die richtigen Qualifikationen verfügen –, ist eine andere Frage. Genau für diese Lücke wurde die EU-Jugendgarantie geschaffen. Die Mitgliedsstaaten verpflichten sich darin, jeder jungen Person innerhalb von vier Monaten nach dem Schulabschluss oder dem Eintritt in die Arbeitslosigkeit ein hochwertiges Beschäftigungsangebot, eine weiterführende Ausbildung, eine Lehrstelle oder ein Praktikum anzubieten.

„Für mich geht es bei der Jugendgarantie nicht nur um Beschäftigung und Ausbildungsplätze für junge Menschen. Es geht um die europäische Integration. Sie gibt uns die Möglichkeit zu zeigen, dass wir in der Lage sind, diesen Weg zu gehen. Es wird Herausforderungen geben, vielleicht auch Rückschläge – aber das ist unsere Zukunft“, sagte Daria Andriunina, Leiterin der Abteilung für internationale Zusammenarbeit beim Staatlichen Arbeitsmarktservice der Ukraine.

Wichtige Jugendgarantie

Pilvi Torsti, Direktorin der ETF, gehörte bereits 2013 in Finnland zu den Architektinnen und Architekten ihrer Einführung. Seitdem hat sich die Jugendgarantie zu einer EU-weiten politischen Maßnahme entwickelt und ist inzwischen auch für Beitrittskandidaten wie die Ukraine, Moldau und die Staaten des Westbalkans von Bedeutung.

Zum Abschluss ihrer Ausführungen auf dem Podium brachte Torsti, die zwischen 2013 und 2023 als Staatssekretärin in drei verschiedenen finnischen Ministerien tätig war, es auf den Punkt: „Wann immer jemand jungen Menschen sagt, dass sie die Zukunft sind, sollten sie antworten: ‘Eigentlich sind wir die Gegenwart. Das Handeln beginnt jetzt.’“

Anastasiia und Ruslan würden dem wohl zustimmen – ebenso wie Yulian Kritsak und Olena Podobied-Frankivska, zwei der prägenden Stimmen der ukrainischen Zivilgesellschaft.

Kritsak war Mitbegründer der NGO 3.5%, die in der multikulturellen Region Transkarpatien tätig ist. Der Name geht auf die Theorie zurück, dass eine aktive Minderheit von etwa 3,5 Prozent durch ihr eigenes Handeln gesellschaftliche Veränderungen bewirken kann.

Podobied-Frankivska ist Geschäftsführerin der National Ukrainian Youth Association (NUMO), des Dachverbands der ukrainischen Jugendorganisationen. Wer die Entwicklungen in der Ukraine aufmerksam verfolgt, könnte sie aus Jewgeni Afinejewskis viel beachtetem Dokumentarfilm Winter on Fire kennen, der die Euromaidan-Proteste – in der Ukraine als "Revolution der Würde" bekannt – dokumentiert.

Einst kaum Jugendpolitik

Podobied-Frankivska gehörte bereits 2013 zu den Hunderttausenden jungen Ukrainerinnen und Ukrainern, die sich auf dem Maidan versammelten. Sie erinnert daran, dass es zuvor „überhaupt keinen Rahmen für Jugendpolitik in der Ukraine gab – abgesehen von den alten sowjetischen Dogmen“, etwa den Jungen Pionieren oder dem Komsomol, Relikten einer längst vergangenen Welt.

In den vergangenen zehn Jahren hat es Verbesserungen gegeben. Doch wie Podobied-Frankivska betont, gehen europäische Kolleginnen und Kollegen bei internationalen Workshops häufig davon aus, dass die Ukraine – ähnlich wie einige europäische Staaten – auf beinahe ein Jahrhundert Erfahrung in der Jugendpolitik zurückblicken könne. „Tatsächlich sprechen wir von gerade einmal zehn Jahren“, sagt sie. „Unsere wichtigste Aufgabe besteht darin, die Jugendinfrastruktur auszubauen, damit diese politischen Maßnahmen überhaupt funktionieren können.“

Hinzu kommen die unmittelbaren Auswirkungen des Krieges. Einer Studie des British Council vom November 2024 zufolge vermeiden junge Ukrainerinnen und Ukrainer zunehmend langfristige Planungen. Viele schauen kaum über den kommenden Monat hinaus; ihre Vorstellungen von der Zukunft bleiben dem Ausgang des andauernden Krieges ausgeliefert.

Gleichzeitig hat sich eine wachsende Kluft aufgetan – sowohl physisch als auch psychologisch –, die vor allem durch soziale Medien verstärkt wird: zwischen jungen Menschen, die geblieben sind, und jenen, die das Land verlassen haben.

„Verstehe die Frustration“

„Ich verstehe die Frustration mancher Menschen gegenüber denjenigen, die gegangen sind“, erklärt Kritsak, der mit seinen 28 Jahren nie daran gedacht hat, Transkarpatien zu verlassen. „Manchmal ist das sogar ein unbewusster Mechanismus, um die eigene Entschlossenheit zu bleiben, zu stärken. Aber ich sehe keine offene Feindseligkeit, und ich glaube nicht, dass diese Kluft nach dem Krieg eskalieren wird – es sei denn, eine politische Kraft versucht, sie für ihre eigenen Interessen künstlich zu verschärfen.“

Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer, darunter ein erheblicher Anteil junger Menschen, leben inzwischen infolge des Krieges im Ausland. ”Viele von uns warten darauf, dass diese Ukrainerinnen und Ukrainer zurückkommen“, sagt Podobied-Frankivska. „Aber ich glaube nicht, dass die meisten von ihnen zurückkehren werden – ganz gleich, wie sehr die ukrainische Gesellschaft und Regierung darauf hoffen mögen. Ukrainerinnen und Ukrainer passen sich im Ausland sehr schnell an, und sie sind für die Länder, die sie aufgenommen haben, zu einer wertvollen Ressource geworden. Leider sehe ich bislang keine strukturellen Anstrengungen in Bezug auf die ukrainische Diaspora – die selbst gespalten ist. Dabei sollte dies zunehmend zu einer Priorität werden.“

Eine der größten Herausforderungen der Ukraine – bereits seit 2014, aber umso mehr seit der russischen Vollinvasion und der offiziellen Eröffnung der EU-Beitrittsverhandlungen – besteht darin, Reformen für eine Bevölkerung greifbar zu machen, die nach Jahren des Widerstands erschöpft ist.

„Europäische Integration wird nicht dann bedeutungsvoll, wenn Gesetze verabschiedet werden, sondern wenn junge Menschen in ihrem eigenen Leben neue Möglichkeiten erkennen können“, sagt Andriunina. „Unsere Aufgabe ist es nicht, junge Ukrainerinnen und Ukrainer davon zu überzeugen zu bleiben oder zurückzukehren. Vielmehr müssen wir die Bedingungen schaffen, unter denen sie sich aus eigenem Entschluss dafür entscheiden. Indem wir in Bildung, Kompetenzen und hochwertige Beschäftigung investieren, investieren wir in eine Generation, die den Wiederaufbau der Ukraine anführen und ihre Position in der EU stärken wird.“

Lockerung mit Folgen

Wie allgemein bekannt ist, verhängte die ukrainische Regierung 2022 ein Ausreiseverbot für Männer zwischen 18 und 60 Jahren. Als die Regeln für Männer zwischen 18 und 22 Jahren im August 2025 gelockert wurden, registrierten die Grenzbehörden innerhalb von drei Monaten rund 96.000 Ausreisen – etwa jeder siebte Mann dieser Altersgruppe. Allerdings handelt es sich bei diesen Zahlen um Grenzübertritte und nicht zwangsläufig um endgültige Ausreisen: Sie zeigen weder, wie viele später zurückkehrten, noch berücksichtigen sie, dass dieselbe Person mehrfach die Grenze überquert haben könnte.

Eine Analyse des Kyiv Independent mit dem bezeichnenden Titel "Youth Exodus" stützte sich auf eine Umfrage der Recruiting-Plattform Robota.ua. Demnach berichteten 71 Prozent der ukrainischen Unternehmen nach der Lockerung der Regelungen von einer Zunahme der Kündigungen unter jüngeren Beschäftigten; 38 Prozent bezeichneten die Abwanderung als erheblich. Besonders betroffen waren Vertrieb und Kundenservice. Doch auch die IT-Branche mit ihren hohen Gehältern und qualifizierten Arbeitsplätzen gehört zu den stark betroffenen Bereichen.

All dies verschärft einen Arbeitskräftemangel, der bereits vor der Änderung der Ausreiseregeln bestand und besonders stark in männerdominierten Branchen wie der Metallurgie zu spüren ist. Dort werden Frauen inzwischen für Tätigkeiten ausgebildet, die traditionell von Männern ausgeübt wurden. Dadurch konnte die Lücke etwas verkleinert, aber nicht geschlossen werden. Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen gibt an, dass es deutlich schwieriger geworden ist, junge Arbeitskräfte zu finden.

Gleichzeitig zeigen Untersuchungen des UN-Flüchtlingshochkommissariats UNHCR, dass ukrainische Geflüchtete – junge wie ältere – keineswegs eine Belastung für ihre Aufnahmeländer darstellen. In Polen beispielsweise sollen sie 2024 rund 2,7 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt des Landes beigetragen haben.

Unterschiedliche Interessen

Hier treffen unterschiedliche Interessen aufeinander: Auf der einen Seite steht die ukrainische Regierung, die einen Teil der jungen Menschen, in deren Bildung sie investiert hat, zur Rückkehr bewegen möchte. Auf der anderen Seite stehen einige EU-Mitgliedstaaten, die jedes Interesse daran haben, Arbeitskräfte zu halten, die gut qualifiziert und bereits gesellschaftlich integriert sind.

Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Arbeit der European Training Foundation. Neben den vielfältigen Formen ihrer Unterstützung für die ukrainische Regierung – von der Datenerhebung und Hilfsmaßnahmen für Ukrainerinnen und Ukrainer bei ihrer Ankunft in der EU bis hin zur Beratung bei Bildungs- und Arbeitsmarktreformen einschließlich der Jugendgarantie – arbeitet die ETF auch mit EU-Mitgliedstaaten zusammen, unter anderem im Rahmen gemeinsamer Initiativen wie Team Europe.

Wie ETF-Direktorin Torsti erklärt: „Unsere Aufgabe ist es, langfristige Partner zu sein, evidenzbasierte Erkenntnisse bereitzustellen und einen Raum für Dialog zu schaffen, in dem unterschiedliche Akteure miteinander verbunden werden. Die Jugendgarantie ist dafür ein gutes Beispiel. Sie wurde in den EU-Mitgliedstaaten umgesetzt, wobei jedes Land unterschiedliche Erfahrungen gemacht und unterschiedliche Formen von Mehrwert geschaffen hat.“

Die Ukraine möchte ihrerseits die Altersgrenze der Jugendgarantie von 30 auf 35 Jahre anheben. Die Umsetzung soll unter der Aufsicht des Ministeriums für Jugend und Sport erfolgen.

„Halb verlorene Generation“

Dies verdeutlicht, wie wichtig es ist, den Schaden für das zu begrenzen, was man als eine „halb verlorene Generation“ bezeichnen könnte. Podobied-Frankivska weist darauf hin, dass Kinder und Jugendliche in anderen Ländern während der Pandemie lediglich zwei Jahre lang aus der Ferne lernen mussten, während dies in der Ukraine inzwischen sechs Jahre umfasst. „Das ist eine völlig andere Generation – sogar darin, wie sie soziale Kontakte knüpft, verglichen mit der Generation davor.“

Für die „glücklicheren“ jungen Ukrainerinnen und Ukrainer, die in Europa studiert oder gearbeitet haben, haben sich ebenfalls neue Wege eröffnet – und damit die Frage, ob sie bleiben oder zurückkehren.

„Brain Drain ist ein sehr komplexes, mehrdimensionales Thema. In einigen Ländern gibt es auch einen Brain Gain“, erklärt Torsti. „Denken wir nur an den Wissenstransfer. Er ist kein einseitiger Prozess. Und es geht nicht nur um Gesellschaften, sondern auch um Individuen. Deshalb hilft ein moralisierender Ansatz hier nicht weiter.“

Als EU-Agentur, die im Einklang mit den Prioritäten der Europäischen Kommission arbeitet, zugleich aber auch für den Wohlstand der europäischen Nachbarschaft tätig ist, bestehe das Ziel der ETF darin, diesen gegenseitigen Nutzen durch Daten und politische Beratung zu fördern.

Torsti erinnert in diesem Zusammenhang an den Mythos des „polnischen Installateurs“, der vor der EU-Erweiterung 2004 in den Medien beschworen wurde. Damals traten zehn Länder des ehemaligen Eisernen Vorhangs sowie Malta und Zypern der EU bei. Der Mythos erwies sich später als völlig unbegründet.

„Partnerschaften entscheidend“

Yulian Kritsak begrüßt insbesondere die jüngste Entscheidung, den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF+) für die Ukraine zu öffnen. „Partnerschaften mit wichtigen EU-Institutionen und Akteuren, insbesondere durch länderübergreifende Projekte, helfen uns dabei, europäische Expertise und Erfahrungen auf unserem Weg zur EU-Integration zu gewinnen“, sagt er. „Ohne die Jugendgarantie hätten wir beispielsweise keinen Rahmen gehabt, um uns auf NEETs zu konzentrieren. Deshalb sind diese Partnerschaften entscheidend, wenn es darum geht, die neue Generation junger Menschen in der Ukraine zu erkennen und zu unterstützen.“

Kritsak betont, dass die europäische Unterstützung nicht nur wegen der finanziellen Mittel entscheidend sei, sondern vor allem wegen der Expertise. „Organisationen wie die ETF helfen uns dabei am meisten“, sagt er. „Sie verschaffen uns Zugang zu dem Wissen, das wir für die Reformen in der Ukraine benötigen – nicht nur durch individuelle Expertise, sondern auch als Zugang zu einer ganzen Reihe von Rahmenwerken und Empfehlungen, die entscheidend sein werden, wenn wir schließlich der EU beitreten.“

Wann also wird dieser Beitritt erfolgen?

Wie bereits aufgezeigt, ist der Weg der Ukraine in die Europäische Union unweigerlich von der Unsicherheit des andauernden Krieges und dessen Ausgang geprägt.

Doch wann wollen die Ukrainerinnen und Ukrainer selbst der EU beitreten?

Kritsaks Antwort teilt die Frage in zwei Perspektiven:

„Als Ukrainer würde ich sagen: so schnell wie möglich – wenn ich könnte, morgen. Als Wirtschaftswissenschaftler lautet meine Antwort: wenn wir wirklich bereit sind. Ich möchte nicht, dass die Ukraine als eine Art Land zweiter Klasse beitritt. Das wäre für alle Beteiligten das falsche Ergebnis.“

Damit nimmt er auch Bezug auf einen Vorschlag des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz, der Anfang dieses Jahres ins Gespräch gebracht wurde. Dieser hätte der Ukraine einen frühen Zugang zu den EU-Institutionen ermöglicht, allerdings ohne Stimmrecht und ohne eigenen Kommissar mit Zuständigkeitsbereich. In Kyjiw wurde dieser Vorschlag als unzureichend betrachtet; Präsident Wolodymyr Selenskyj lehnte ihn entschieden ab.

Pilvi Torsti weist ihrerseits darauf hin, dass die Aufgabe von EU-Institutionen wie der ETF darin besteht, langfristige Stabilität innerhalb der EU und ihrer Nachbarschaft zu stärken.

Schwierige Zeit

Diese Nachbarschaft ist durch die jüngsten geopolitischen Umwälzungen sichtbar geprägt worden – und diese gehen weit über Moskaus Expansionspolitik hinaus. Es ist eine schwierige Zeit für internationale Zusammenarbeit. Dennoch bleibt sie der einzige gangbare Weg zu einer gemeinsamen, friedlichen und vor allem prosperierenden Zukunft – für die jungen und weniger jungen Menschen in der Ukraine ebenso wie für die anderen Länder, die noch vor den Toren Brüssels auf ihre Aufnahme warten.

Die ETF-Direktorin hat eine vergleichbare Situation selbst erlebt: bei ihrer Arbeit in Bosnien und Herzegowina unmittelbar nach dem Jugoslawienkrieg. Die Narben des Konflikts sind dort bis heute sichtbar, wenn auch gemildert durch die gemeinsame Entschlossenheit der Region, Teil der europäischen Familie zu werden.

Vielleicht ist es Olena Podobied-Frankivska, die seit den frühesten Tagen dieses europäischen Ringens im Herbst 2013 auf den Straßen Kyjiws dabei ist, die es am treffendsten formuliert: "Wir wollen vom Modus des Überlebens in den Modus der Entwicklung wechseln."

Ob dieser Wandel gelingt, wird nicht allein in Kyjiw entschieden. Die jungen Ukrainerinnen und Ukrainer, die in Krakau studieren, in Berlin arbeiten oder auf ihre Rückkehr nach Hause warten, sind bereits Teil der europäischen Geschichte. Was die EU heute in sie investiert, wird sie morgen in ihrem jüngsten Mitgliedstaat wiederfinden.

👉 Originalartikel auf OBCT, Übersetzung von Der Standard.
🤝 Dieser Artikel entstand im Rahmen einer grenzüberschreitenden europäischen journalistischen Zusammenarbeit im Projekt EU NEIGHBOURS east.

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