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Von Brüssel bis zu den Antillen: Pestizide werden weiter eingesetzt

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Eine Studie der Deutschen Welle zeigt, dass sich Pestizide gut verkaufen und der jüngste Rückschritt der EU im Umweltschutz daran nicht unschuldig ist. In den französischen Überseegebieten sind die Folgen der Pestizidbelastung nach wie vor spürbar.

Veröffentlicht am 30 Juli 2026

Nach 20 Jahren Prozess hat das Pariser Berufungsgericht Ende Juni die Einstellung des Verfahrens im Gesundheitsskandal um Chlordecon bestätigt. Ein Fall, der bis ins letzte Jahrhundert zurückreicht und ein Pestizid betrifft, das zwischen 1972 und 1993 in den Bananenplantagen der französischen Antillen eingesetzt wurde.

In Frankreich dagegen war es bereits seit 1990 verboten, weil es gesundheitsschädlich ist. Bereits 2006 hatten Verbände aus Guadeloupe und Martinique Anzeigen wegen der Verabreichung schädlicher Substanzen oder Vergiftung gegen den Staat und gegen Unbekannt erstattet.

Frankreichs Kolonialisierung den Antillen

Im 17. Jahrhundert kolonisierte Frankreich einen Teil der Karibik, insbesondere Martinique und Guadeloupe. Diese Kolonien entwickelten sich ab 1635 rasch zu Plantagengesellschaften, insbesondere für den Zuckerrohranbau, wo auf Sklavenarbeit zurückgriffen wurde. 

Die Sklaverei wurde 1848 in Martinique, Guyana, Guadeloupe und auf La Réunion offiziell abgeschafft. Diese Gebiete wurden 1946 zu Übersee-Departements, was theoretisch – denn es gibt nach wie vor Ausnahmen – ihre vollständige Eingliederung in die Französische Republik gewährleistet. Doch die Wirtschaft der Antillen ist nach wie vor vom Plantagensystem geprägt und die menschlichen, ökologischen und gesundheitlichen Folgen dieser Agrarwirtschaft sind bis heute spürbar.

Nach Angaben der Nationalen Agentur für Gesundheitssicherheit (Anses) sind mehr als 90 % der erwachsenen Bevölkerung in Guadeloupe und Martinique mit dem karzinogenen Chlordecon kontaminiert, das bis zu 600 Jahre lang im Boden verbleiben kann - eine Gesundheitskatastrophe mit erschreckenden Folgen.

Der französische Staat hat durch ein am 12. Juni 2026 verkündetes Gesetz seine Verantwortung in dem Skandal zwar anerkannt, verweigert jedoch Entschädigungszahlungen, was für Empörung sorgt. „Hunderte von Menschen aus Martinique – Männer, Frauen und Kinder – leiden und sterben an den Folgen schwerer Erkrankungen, die durch das Pestizid verursacht wurden, zu dessen Einsatz die Arbeiter*innen gezwungen wurden“, beklagt das Kollektiv der durch Pestizide vergifteten Landarbeiter*innen in einer als Reaktion auf die Einstellung des Verfahrens veröffentlichten Erklärung.

„Der Vorwand, es bestehe kein wissenschaftlich belegter Zusammenhang zwischen dem Einsatz des Pestizids und den Erkrankungen, ändert nichts daran, dass diese sehr wohl real sind“, fährt das Kollektiv fort. Seine Mitglieder werfen dem Staat außerdem vor, keine Mittel für die Erforschung der gesundheitlichen Folgen von Chlordecon bereitzustellen. „Wir werden weiter für Gerechtigkeit kämpfen und dafür, dass die Verantwortlichen für die Chlordecon-Vergiftung dazu verpflichtet werden, die Opfer zu entschädigen und die Böden und Gewässer unseres Landes zu dekontaminieren.“

Pestizide – eine französische Marotte

Mit einer landwirtschaftlichen Produktion im Wert von umgerechnet mehr als 88 Milliarden Euro im Jahr 2024 bleibt Frankreich eine der Kornkammern Europas. Diese Bedeutung verleiht dem Agrar- und Ernährungssektor einen herausragenden Stellenwert in der Politik des Landes. Der Einsatz von Pestiziden, der als unverzichtbar gilt, um die Wettbewerbsfähigkeit der Branche und die französische Ernährungssouveränität zu gewährleisten, ist Gegenstand permanenter Lobbyarbeit.

Die französische Vorliebe für Pestizide wird durch eine Studie der Deutschen Welle (Medienpartner von Voxeurop im Europäischen Netzwerk für Datenjournalismus) bestätigt. Die Deutsche Welle hat analysiert, wie sich der Einsatz, der Absatz und die Auswirkungen von Pestiziden entwickelt haben - vor und nach dem Verzicht der EU auf ihr Ziel, den Gebrauch von Pflanzenschutzmitteln bis 2030 zu halbieren. 

Frankreich gehört zu den Ländern, in denen der Pestizidabsatz im Jahr 2024 im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2015–2017 gestiegen ist. Dieser moderate Anstieg (+0,2 %) bleibt jedoch hinter dem in anderen Ländern zurück, insbesondere in Bulgarien (+26 %), Österreich (+23 %), Lettland (+15,4 %) oder Estland (+15,5 %). 

2024 war das erste Jahr seit 2021, in dem die Pestizidverkäufe in Europa gestiegen sind: Laut einer Analyse der Deutschen Welle war der Trend in den Jahren 2022 und 2023 rückläufig, was insbesondere auf die europäischen Umweltziele zurückzuführen war. Ana Muñoz Padrós, die die Recherche für die DW durchgeführt hat, fasst es so zusammen: „Obwohl sie um 14 % niedriger waren als 2015, lagen die Gesamtverkäufe von Pestiziden im Jahr 2024 um 8 % höher im Vergleich zum Vorjahr, als das verbindliche Reduktionsziel noch aktuell war.“

Anhand von Daten des Dienstes für statistische Studien (SDES) des Ministeriums für ökologischen Wandel lassen sich die Verkäufe von Herbiziden in Frankreich nachvollziehen. 2018 beliefen sich diese auf rund 34.389 Tonnen, was einen Anstieg gegenüber den Vorjahren darstellte, auf den jedoch 2019 ein rascher und historischer Rückgang folgte (22.377,67 verkaufte Tonnen). Diese Schwankung lässt sich teilweise durch das Inkrafttreten gesetzlicher und behördlicher Änderungen erklären, die darauf abzielen, den Verbrauch von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren.

Im Fall von Glyphosat lässt sich der Anstieg im Jahr 2023 (6.758,49 Tonnen gegenüber 5.862,09 Tonnen im Jahr 2022) teilweise durch die Zustimmung der Europäischen Union erklären, die den Einsatz des Wirkstoffs im selben Jahr für einen Zeitraum von zehn Jahren erneut genehmigt hat. Im Jahr 2023, dem letzten, für das dem SDES Daten vorliegen, belief sich der Gesamtabsatz an Herbiziden auf 29.939,85 Tonnen.

S-Metolachlor ist ein sehr mobiler Wirkstoff, dessen Metaboliten (Abbauprodukte) dazu neigen, in Gewässer und ins Grundwasser zu gelangen. Da S-Metolachlor als möglicher endokriner Disruptor und Karzinogen gilt, ist es in der EU seit 2024 verboten.

Auch Prosulfocarb ist in die Kritik geraten. Dieses in Frankreich sehr beliebte Herbizid ist hochflüchtig und wurde in Anbauflächen in der Nähe der Ausbringungsorte nachgewiesen, insbesondere in privaten Gemüsegärten. Seine potenzielle Gefährlichkeit ist noch nicht ausgeschlossen und wird weiterhin diskutiert.

Die Frage nach dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wird besonders dringlich, wenn man sich mit den für Umwelt und Gesundheit schädlichsten Pestiziden befasst. Diese sind jedoch keineswegs im Verschwinden begriffen, ganz im Gegenteil. Die Untersuchung der Deutschen Welle beleuchtet das Problem im Detail: „Im Zeitraum von 2014 bis 2024 war der Rückgang bei einer Untergruppe hochgefährlicher Pestizide, die für ihre potenziell schädlichen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt bekannt sind, weniger ausgeprägt.“

Muñoz Padrós stellt zudem fest, dass der Absatz dieser gefährlichen Stoffe im Jahr 2024 im Vergleich zu 2023 insgesamt um 27 % gestiegen ist, insbesondere aufgrund gestiegener Verkaufszahlen in Spanien, Polen, Ungarn, Litauen und der Slowakei.

„Zu diesen Chemikalien gehört auch Glyphosat, ein umstrittenes Pestizid, das mit einem Krebsrisiko und dem Risiko von Fehlgeburten in Verbindung gebracht wird“, erklärt die Journalistin. „Während die EU behauptet, der Einsatz gefährlicher Pestizide sei zurückgegangen, sind die Verkäufe von Glyphosat zwischen 2015 und 2024 um mehr als 44 % gestiegen.“

Die Entscheidung der EU, Glyphosat trotz zahlreicher Kontroversen über seine möglichen gesundheitlichen Folgen erneut zuzulassen, hat einen Aufschrei der Entrüstung ausgelöst. Zwischen 2024 und 2025 brachte das Pesticide Action Network (PAN), ein internationales Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen, die sich gegen Pestizide einsetzen, den Fall vor den Gerichtshof der Europäischen Union und focht die erneute Zulassung von Glyphosat durch die Kommission an. Das PAN, nach dessen Ansicht die Entscheidung der EU die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die die Gefährlichkeit von Glyphosat belegen, nicht ausreichend berücksichtigt, wartet nun auf das Urteil des EuGH.

Die Persistenz – eine große Herausforderung

Ein charakteristisches Merkmal von Pestiziden ist ihre Persistenz: Nachdem sie ausgebracht wurden, verschwinden diese Substanzen nicht, sondern dringen im Gegenteil in jeden Winkel unserer Umwelt ein.

Im Mai 2026 ergab eine von Foodwatch durchgeführte Untersuchung von rund 60 in Frankreich, Deutschland, Österreich und den Niederlanden verkauften Konsumgütern des täglichen Bedarfs, dass 49 davon Pestizidrückstände enthielten. Die Analyse der Organisation wies das Vorhandensein von 54 verschiedenen Rückständen nach, von denen 27 auf europäischer Ebene nicht zugelassen sind.

Anfang 2026 hat die französische Organisation Atmo France, welche die Luftqualität beobachtet, eine interaktive Karte veröffentlicht, um das Vorkommen von Pestiziden in der Luft visuell darzustellen. Das Ziel: Behörden und Bevölkerung auf ein Thema aufmerksam zu machen, das nach Ansicht der Organisation allzu oft vergessen wird. Die Messungen zeigen, dass Pestizide in Frankreich flächendeckend in der Luft vorkommen, unabhängig vom beobachteten Standort. Von den 72 im Jahr 2023 untersuchten Wirkstoffen wurde durchschnittlich jeder dritte nachgewiesen und jeder achte quantifiziert. Darunter befinden sich mehrere Substanzen, die wegen ihrer Toxizität oder Flüchtigkeit in der Kritik stehen – sofern sie nicht sogar gänzlich verboten sind.

Lindan zum Beispiel ist ein Insektizid, das seit 1998 in der Landwirtschaft verboten ist. Dieser Wirkstoff ist jedoch besonders langlebig und findet sich auch heute noch in der Umgebungsluft und im Boden. Laut Atmo France wurde Lindan zwischen 2022–2023 in 61 % der Luftproben in Frankreich nachgewiesen.

S-Metolachlor und Prosulfocarb, zwei der oben genannten Wirkstoffe, gehören ebenfalls zu den von Atmo France am häufigsten nachgewiesenen Substanzen.

Das anhaltende Vorkommen von Pestiziden in europäischen Flüssen wurde ebenfalls von der Deutschen Welle untersucht. Von den 20 Ländern, für die dem Sender Daten vorliegen, geben nur zwei an, im Jahr 2023 die empfohlenen Grenzwerte für Flüsse mit Pestizidrückständen im Wasser einzuhalten. Im Gegensatz dazu melden 13 Länder einen Anstieg der Pestizidbelastung in Flüssen über die empfohlenen Grenzwerte hinaus, darunter Frankreich (35 % der Flüsse sind betroffen).

Auf europäischer Ebene scheint sich dieser Trend nicht umzukehren, wie Ana Muñoz Padrós in ihrer Reportage für die Deutsche Welle erläutert. „Seit [der Aufhebung der europäischen Grenzwerte] hat die Europäische Kommission ihre Prioritäten neu ausgerichtet: Anstatt sich auf die Reduzierung des Pestizideinsatzes zu konzentrieren, bemüht sie sich nun darum, den Verwaltungsaufwand für Unternehmen zu verringern, insbesondere durch die Senkung der Verwaltungskosten“, erklärt sie. „Ende 2025 legte sie einen neuen Vorschlag vor, der die automatische Zulassung der meisten Pestizide ohne Neubewertung ihrer Unbedenklichkeit nach Ablauf ihrer ursprünglichen Zulassungsfrist vorsieht.“

Was Chlordecon betrifft, soll das Gesetz vom 12. Juni, das die staatliche Haftung in dieser Angelegenheit anerkennt, Entschädigungen für die Opfer ermöglichen. Doch der begrenzte Umfang dieser Entschädigungen hat Kritik hervorgerufen. Auf den französischen Antillen, wo infolge der Chlordecon-Belastung nach wie vor viele Menschen sterben, sind die Produkte des „chemischen Kolonialismus“ weiterhin im Boden, in den Körpern und im Alltag präsent.

🤝 Catherine André hat zu diesem Artikel beigetragen. Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Netzwerk für Datenjournalismus (European Data Journalism Network, EDJNet) im Rahmen des Projekts ChatEurope veröffentlicht und steht unter der Lizenz CC BY-SA 4.0 zur Verfügung. Er stützt sich auf die Ergebnisse einer von der Deutschen Welle veröffentlichten Studie, aus der bestimmte Daten wiederverwendet wurden. Der Originalartikel der Deutschen Welle wurde im Rahmen desselben Projekts verfasst und steht unter einer ähnlichen Lizenz zur Verfügung.

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