Alexander der Große in Skopje. Um die Griechen nicht zu verärgern, wurde es offiziell “Der Reiter auf dem Pferd” getauft.

Balkan im Größenwahn

Von Skopje über Nis bis Split: In Ex-Jugoslawien sprießen überall größenwahnsinnige nationalistische Denkmäler aus dem Boden. Mit dem Ziel die Geschichte umzuschreiben, meint der kroatische Schriftsteller Jurica Pavicic.

Veröffentlicht auf 3 Oktober 2011 um 14:05
Alexander der Große in Skopje. Um die Griechen nicht zu verärgern, wurde es offiziell “Der Reiter auf dem Pferd” getauft.

Ein paar Tage bevor der Bürgermeister von Split, Zelijko Kerum, den Bau der größten Jesus-Statue der Welt an der Strandpromenade, der Riva, seiner Heimatstadt bekannt gab, wurde zweihundert Kilometer entfernt, im Nordosten des Landes, von einem anderen “Sheriff”, Milorad Dodik, seinerseits Präsident der Republika Sprpska “Serbischen Republik”, Teilrepublik von Bosnien Herzegowina in Begleitung “seines Hausarchitekten”, dem bekannten Filmregisseur Emir Kusturica, der Grundstein für die Baustelle von Kamengrad-Višegrad in Bosnien Herzegowina gelegt.

Kamengrad wurde als ein Ensemble von historisierenden Gebäuden konzipiert, von geschmacklos heterogenem Stil, und liegt in der Altstadt von Višegrad, am Ufer der Drina, unweit jener Brücke, die vom Literatur-Nobelpreisträger 1961 mit seinem Roman “Die Brücke über die Drina” weltweit bekannt gemacht wurde. Eine Operettenkulisse wurde geschaffen, welche der Verfilmung des Romans dienen soll. Nach dem Dreh soll der 30-Millionen-Euro-Bau weiterbestehen und die ach so bosnisch-banale Altstadt von Višegrad ersetzen. “Alle Epochen wurden miteinbezogen, selbst die Renaissance, welche den Völkern des Balkans durch die türkische Besetzung vorenthalten wurde”, erklärte Kusturica, der ganz offensichtlich seine ganz persönliche Vision von Geschichte hat.

Kamengrad und die geplante Jesus-Statue von Split illustrieren sehr bezeichnend den Denkmalwahn, der in der letzten Zeit im Balkan grassiert.

Seitdem die Waffen schweigen, wurde Architektur zum verlängerten Arm der Politik. Eine Politik, die heute zwangsläufig (Danke Europa!) weniger kriegerisch geführt wird, aber dennoch Symbole braucht. Je größer, desto besser. In südserbischen Nis wird derzeit das “größte Kreuz der Welt” errichtet, nur ein paar Meter von der Autobahn entfernt, welche die Stadt durchquert.

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Park mit vulgären Denkmälern für “Nationalhelden”

Ebenso im mazedonischen Skopje. Dort wurde gerade ein äußerst kitschiges Denkmal für Alexander den Großen eingeweiht. Um die Griechen nicht zu verärgern, wurde es offiziell “Der Reiter auf dem Pferd” getauft. In nur wenigen Jahren hat es die nationalistische Regierung in Mazedonien geschafft, die Innenstadt von Skopje zu verunstalten, welche ein Musterbeispiel modernen Städtebaus ist und nach dem Erdbeben von 1960 von Kenzo Tange erbaut wurde. Heute ist daraus eine Art Park mit vulgären Denkmälern für “Nationalhelden” geworden. In Split will der Bürgermeister es übrigens nicht bei der Jesus-Statue belassen. Folgen sollen noch Statuen von Johannes Paul II., vom ersten kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman usw.

In der westlichen Zivilisation wurden Denkmäler während der Ära der Bildung der Nationalstaaten errichtet zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert. Es galt, dem Volk eine Ikonographie von Helden und Mythen zu liefern, welche die Spaltungen vergessen machen sollten. Die Denkmäler sollten der Schaffung eines Zugehörigkeitsgefühls dienen und ein sozialer Zement für eine gemeinsame Identität sein.

Auf dem Balkan haben die Denkmäler eine ganz andere Funktion. Sie sollen die — realen oder eingebildeten — Lücken der Geschichte schließen. Das Gefallen der Nationalisten an der Geschichte basiert auf notorischen Lügen: Die Geschichte ihres Volkes reicht ihnen nie; sie müssen sich permanent eine alternative Geschichte herbei erfinden.

Symbolische “Säuberung” eines Viertels

Auf dem Balkan unterliegen die Denkmäler der Logik der Ausgrenzung des Anderen. Das architektonische Delirium der der nationalistischen Regierungspartei VMRO dient nicht dazu, das “Mazedonische” zu stärken. Es dient vielmehr dazu, alles, was ihnen nicht in den Kram passt, vergessen zu machen, wie beispielsweise den modernistischen Internationalismus der Tito-Ära oder den orientalischen Charme der ottomanischen Reminiszenzen in Altstädten. Jeder Beitrag der albanischen Bevölkerung zur nationalen Identität soll ausgemerzt werden.

Die Operation “Kamengrad” in Višegrad verfolgt kein anderes Ziel als die symbolische “Säuberung” des Viertels um die alte Brücke, die trotz aller Anstrengungen Kusturicas unverbesserlich als ottomanisches Erbe bestehen bleibt.

In der Stadt, so wie sie Kusturica vorschwebt, wird die Brücke zur simplen Requisite in einem Bühnenbild des serbischen Nationalismus. Den Anderen erniedrigen und ihm zeigen, dass er unerwünscht ist: Das ist auch das Ziel der Priester Herzegowinas der kroatisch-katholischen Teilrepublik Bosniens, die Mostar mit einem regelrechten Wald von Kruzifixen und Kirchtürmen schmücken, um die dortigen Minarette in Anzahl und Höhe auszustechen. (js)

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