Jedes Land besitzt seine eigenen literarischen Besonderheiten. In unserer Vorstellung spielt ein italienischer Roman nicht im strömenden Regen und in tiefster Dunkelheit, auch wenn es solche gibt. Das wäre absurd. In einem ordentlichen italienischen Roman hört man im Hintergrund die Mandoline dudeln, springen halbnackte Teenager am Strand umher und die Erzählung endet unweigerlich damit, dass irgendeine reifere Frau, die nur allzu lange ihre Jungfräulichkeit hütete, sich verführen lässt. Ein kaltes, düsteres, vom Nordwind gepeitschtes Italien beschränkt sich auf sozialistische Literatur aus Mailand oder irgendwelche überforderte Schriftsteller aus Triest.

Die ermüdende sozialgeographische Vielfalt Frankreichs, von der Armut der Bretagne über die Müßigkeit der Provence bis zur aufdringlichen Oberflächlichkeit von Paris, muss sich vor allem im hochtrabenden Stil widerspiegeln. Der Autor muss seine Intelligenz, oder zumindest seine Geschicktheit, unter Beweis stellen. Das Wort Esprit ist unübersetzbar. Andre Bedingung sine qua non: Der Autor muss unbedingt Barthes gelesen haben.

Russischer Roman: Kältetod inmitten leerer Wodkaflaschen

Die Engländer dagegen geben sich ungern selbst in ihren literarischen Erzeugnissen preis. Darin liegt wahrscheinlich auch der Grund, warum die Autobiographien dort die schamlosesten sind. Wer sich jahrelang hinter einer schlichten, eleganten, zweifelnden und distanzierten Prosa versteckt, muss sich doch irgendwann einmal gehenlassen dürfen. Was der englische Schriftsteller am meisten fürchtet ist, dass man ihn für einen französischen Intellektuellen halten könnte, jener Spezies, die er vielleicht noch mehr verachtet als kreischende Touristenhorden aus Südfrankreich. In einem Roman à l’anglaise entdecken wir schrittweise eine anfangs dümmlich scheinende Figur, die in Wirklichkeit die einzig clevere sein soll, wenn auch am Ende der erste Eindruck sich für uns dennoch bestätigen sollte.

Sicherlich, es gibt ihn noch, den russischen Roman, in dem die Figuren wie Schlosshunde heulen und die Mama ihnen den uralten Mantel aus dem Zweiten Weltkrieg überstreift, damit sie nicht inmitten leerer Wodkaflaschen erfrieren mögen. Doch kommen sie aus der Mode. Gefragt sind Spionageromane mit Geheimagenten im Dienste von exakt fünf Ländern (USA, China, Italien, Russland und Panama). Oder Romane über die georgische Mafia, die in Wirklichkeit den Vatikan samt Petersdom in ihrer Hand hat. Oder Romane über einen Dorftrottel, dem Gott in Form eines Rentiers mit Zylinder erschienen ist. Man sieht, der russische Roman ist dem nordamerikanischen heute zum Verwechseln ähnlich. Darum wollen wir auch nicht über ihn reden.

Deutscher Held, hinter der Langweile Baader-Meinhof, Auschwitz und Sachertorte

Doch der ernsthafteste, der solideste Roman — und angesichts seines mageren Beitrags zum Genre, ist das ja wohl das mindeste — bleibt der deutsche. So kalt, dass einem das Blut in den Adern gerinnt. Der Nebel so dicht, dass man nicht weiter sieht, als bis zur eigenen Nasenspitze. Doch lassen wir das einmal beiseite. Die Hauptfigur lebt gewöhnlich unter netten und langweiligen Menschen, von denen einer, wie sich im Laufe der Handlung herausstellt, die Baader-Meinhof-Bande wieder auferstehen lässt, während der andere eine Seifenfabrik in Auschwitz betrieben hat, und ein dritter schreibt an seiner Doktorarbeit über die mathematischen Grundvoraussetzungen für eine gelungene Sachertorte.

Im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte haben sich diese europäischen Modelle herauskristallisiert und wurden mehr und mehr kopiert. Kein Engländer schreibt heute noch einen englischen Roman (sondern italienische, wie Martin Amis), jeder Russe schreibt leidenschaftlich wie ein Engländer, ein Schwede wie ein Schweizer, und so weiter... außer die Franzosen. Die schreiben weiter wie Franzosen.

Spanien, Spezialisten des Schreibens ausländischer Romane

Und die Spanier, was ist mit denen, fragen Sie? Im spanischen Modellroman kommt unweigerlich ein Polizeikommissar vor, der beim Heimkommen schreit: "Ich bin ein Frankistenschwein und werde sofort meine Weib sexuell nötigen!" Oder aber ein Dorflehrer spricht mit einem braven Jungen und sagt: "Da ich eine republikanischer Lehrer bin, werde ich dir die Tugenden der Demokratie und des Humanismus anhand des schönen Beispiels des Schmetterlings erklären." Dieses Modell kennt natürlich Variationen. So kann der Kommissar durch einen neo-konservativen Unternehmer aus den Reihen der Volkspartei ersetzt werden, oder der Dorflehrer durch einen Transsexuellen aus Cádiz, der den braven Jungen vor der Lüsternheit eines Pfaffen bewahren will. Das Modell, das wissen wir alle, ist in einem katatonischen Zustand.

Wir müssen dabei aber betonen, dass eben gerade weil ihre Geschichten so unglaublich dumpf sind, die spanischen Romanschriftsteller zu Spezialisten für das Schreiben von ausländischer Literatur wurden. Dermaßen, dass man eine ganz eigenartige Umkehrung feststellen kann: Die englischen Schriftsteller imitieren bereits zur Perfektion die englischen Romane aus spanischer Feder.

Huldigung des jungen Meisters

Nun, wir könnten so noch weitermachen, doch ist das Vorstehende nur erstunken und erlogen. Ein MacGuffin. Ein Ablenkungsmanöver, um die Aufmerksamkeit des Lesers auf die plumpeste Art und Weise auf den seriösen Teil des Artikels zu lenken, eine Lobeshymne auf jenen, der meines Erachtens derzeit der bemerkenswerteste junge Romanautor ist, und was mir gerade erst jetzt klar wurde: Patricio Pron. Sein El comienzo de la primavera (Frühlingsbeginn, Mondadori, 2009) ist ein Meisterwerk. Ich habe diesen stilistischen Kunstgriff benutzt, um diesen perfekten und dichten Roman in den Himmel zu loben, denn ich denke, das beste Resümee wäre zu sagen, dass es sich hierbei um einen deutschen Roman im nobelsten Sinne handelt. Was in der spanischen Tradition eine Einmaligkeit ist. Hätte ich gesagt, dass Pron auf der Höhe des besten Sebald ist, Bernhard ebenbürtig oder Jelinek übertrifft, sie hätten mir nicht geglaubt.

Daher der flapsige Ton meines Artikels. Reine Feigheit. Ein Nektar, die mitreißende Geschichte, die Pron erzählt, eine grandiose Handlung, in der ein Philosophiestudent halb Deutschland bereist, um einen Philosophen und Heideggerschüler ausfindig zu machen. Die Suche des Mannes wandelt zur Verfolgung des Konzepts selbst. Unmerklich gleiten wir von der Emotion zur Reflexion, jener empfindlichen Substanz, die uns glauben macht, wir wären jemand, was andere irgendwann entdecken könnten. Doch letztlich sind wir nichts anderes als eine vergilbte Fotografie, an die sich keiner erinnern mag. Es gibt nicht Herrlicheres als einem jungen Meister zu huldigen: "Ruhm dir! Und lass uns deine Lehren hören." Das zweitgrößte Vergnügen ist es, von einem jungen Meister zu lernen. (js)