Der Eisbrecher Oden bringt die 20 Mitglieder der dänischen Expedition an den Nordpol.

Dänemark nimmt Kurs auf den Nordpol

Eine dänische Expedition ist in die Arktis aufgebrochen. Sie will die Zugehörigkeit zentraler Teile des arktischen Ozeans zu den Territorialgewässern des Königreiches beweisen. Es geht auch um Erdöl. Aber Widerstand kommt aus Russland und von Umweltaktivisten.

Veröffentlicht auf 7 August 2012 um 10:25
Thorsten Mauritsen  | Der Eisbrecher Oden bringt die 20 Mitglieder der dänischen Expedition an den Nordpol.

Vor wenigen Tagen ist eine dänische Expedition von rund 20 Forschern von Svalbard (einem norwegischen Archipel an der Grenze zwischen dem arktischen und dem atlantischen Ozean) an Bord des schwedischen Eisbrechers Oden zum Nordpol aufgebrochen. Sie wollen beweisen, dass 155.000 Quadratkilometer arktischer Meeresboden – einschließlich des Nordpols – zum grönländischen Kontinentalsockel und somit zum Königreich [das außer Dänemark auch Grönland und die Färöer-Inseln umfasst] gehören.

Die Expedition muss dafür in nur sechs Wochen geologische Nachweise erbringen. Die Eisschichten des Pols könnten allerdings die Forscher daran hindern. Ihr Ziel ist es, auf dem Lomonossow-Rücken und in den Sedimentsschichten des Amundsen Beckens im Osten des Nordpols bathymetrische Daten zu sammeln. Damit will Dänemark 2014 vor der UNO seine Gebietsansprüche, die sich von der 200 Seemeilengrenze von Nordgrönland bis zum Nordpol erstrecken, untermauern.

Der Wettlauf um die Arktis wirft mehrere Fragen auf : Besteht die Gefahr eines Konfliktes zwischen Dänemark und Russland, das ebenfalls Teile dieses Gebietes beansprucht? Was verbirgt sich hinter den dänischen Gebietsansprüchen ? Wird Dänemark den Nordpol schützen, sollte er zu dänischem Hoheitsgebiet werden?

Nutzbare Ölvorräte an anderer Stelle

Die UN-Seerechtskonvention von 1982 erlaubt es den Staaten, über ihre Wirtschaftszone von 200 Seemeilen hinaus Ansprüche auf weiteres untermeerisches Territorium zu erheben. Bereits 2001 hatte Russland seine Territorialansprüche den Arktischen Ozean betreffend vorgelegt. Diese decken sich weitestgehend mit denen von Dänemark. Nachdem 2007 ein U-Boot die russische Flagge auf dem Meeresboden unter dem Nordpol hisste, herrschen allerdings Zweifel an den friedlichen Absichten in Moskau. Dennoch ist das Risiko eines Konflikts um den Nordpol eher gering.

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Dänemark, Russland und die anderen Anrainerstaaten der Arktis haben zugesichert, die Regeln der Seerechtskonvention bezüglich der Grenzziehung einzuhalten. Russland kann von einer friedlichen Entwicklung der Lage nur profitieren. Mit seiner 20.000 Kilometer langen sibirischen Küste könnte das Land einen Großteil des arktischen Meeresbodens beanspruchen.

Durch einen Gebietsstreit mit Dänemark, das deutlich bescheidenere Territorialansprüche hat, würde die Föderation diesen Gebietszuspruch vielleicht gefährden. Zudem gibt es keine Gewissheit über die Rohstoffvorkommen rund um den Nordpol. Auch wenn die Forscher bisher nur wenig über die Geologie des Gebiets wissen, glauben sie, dass man nutzbare Ölvorräte in der Arktis an anderer Stelle suchen muss.

Die konkrete Grenzfestlegung zwischen Russland und Dänemark, welche die selbe Region des Meeresbodens beanspruchen, bleibt noch ungeklärt. Zahlreiche russische Diplomaten glauben, dass für eine dauerhafte Lösung auch andere Arktis-Anrainer hinzugezogen werden sollten – einschließlich den USA. Fraglich ist auch, ob die nationalistischen Kräfte in Russland ein Exklusivrecht Dänemarks/Grönlands über die Verwaltung des Nordpols anerkennen würden.

Kein Ort in Sibirien ist dem Nordpol so nah wie die Nordspitze Grönlands. Und dennoch glauben sich die Russen im Recht, die Souveränität über den Nordpol einzufordern. Dänemark und Grönland müssen sich ihrerseits über die Strategie bei den Grenzverhandlungen einigen. Offiziell wird die Außenpolitik von Dänemark gesteuert. Aber die Kompetenzverteilung verschiebt sich immer mehr, seit Grönland auf internationaler Ebene an Einfluss gewonnen hat (seit 2009 wächst die Autonomie der Insel stetig).

Umweltschutz hat schlechte Chancen

Umweltschützer kritisieren indessen das Wettrennen um die Arktis. Der Südpol und die gesamte Antarktis sind bereits geschützt. Schon seit Jahrzehnten verbietet der Antarktis-Vertrag militärische Aktivitäten sowie die wirtschaftliche Nutzung der Rohstoffvorkommen und Pflanzenwelt. Greenpeace und andere Organisationen fordern, dass der zentrale Teil des Arktischen Ozeans, der bisher keinem Hoheitsgebiet angehört, einem vergleichbaren Schutz unterstellt wird.

Dänemark, Russland und Kanada müssten somit auf ihre Gebietsansprüche verzichten. Die von Greenpeace gestartete Kampagne unter dem Motto „Rettet die Arktis” soll mit dem Aufstellen einer Fahne auf dem Nordpol 2013 auf die Umweltschützer aufmerksam machen.

In Dänemark fanden die Forderungen nach Schutz lange kein Gehör. Im Gegensatz zur unbewohnten Antarktis zählt die Arktis vier Millionen Einwohner. Außerdem werden die potentiellen Rechte des dänischen Staates auf einen Teil des Meeresbodens durch die Seerechtskonvention bestätigt. Nachdem sich 2011 der grönländische Regierungschef Kuupik Kleist für einen internationalen Schutz der Meeresregion aussprach, änderte Dänemark allerdings seine Haltung.

Im August 2011 unterstützte die damalige Außenministerin Lene Espersen (konservative Partei) die Idee eines „Naturparks”. Ihr Nachfolger Villy Søvndal (sozialistische Volkspartei) sprach von einem „Nationalerbe”. Niemand kann sagen, was die Regierung wirklich will : setzt sich Dänemark für einen internationalen Schutz des Arktischen Ozeans oder für die Industriefischerei, die Handelsschifffahrt und den Rohstoffabbau ein? Oder bevorzugt das Land einen symbolischen Schutz eines auf die Eiskuppen rund um den Nordpol begrenzten Gebietes?

Die dänische Regierung wird sich sicher so lange bedeckt halten, wie die Vereinten Nationen alle offiziellen Territorialansprüche untersucht und die Forscher ihre Ergebnisse der Expedition vorlegen. (mz)

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