Die Glienicker Brücke, in der Nähe von Berlin. Dort wurden Agenten während des Kalten Krieges ausgetauscht. (Andreas Levers)

Der Kalte Krieg der Geheimagenten

Am vergangenen 17. August wurden zwei Mitarbeiter der russischen Botschaft in Prag, denen Spionage vorgeworfen wurde, des Landes verwiesen. Als Vergeltungsmaßnahme wurden die zwei in Moskau arbeitenden tschechischen Diplomaten am darauffolgenden Tag nach Hause geschickt. Diese Vorfälle zeigen, wie gespannt die Beziehungen zwischen Russland und seinen ehemaligen Satellitenstaaten noch immer sind, die heute zur Europäischen Union und der NATO gehören.

Veröffentlicht auf 28 August 2009 um 14:32
Die Glienicker Brücke, in der Nähe von Berlin. Dort wurden Agenten während des Kalten Krieges ausgetauscht. (Andreas Levers)

Dass die beiden mutmaßlichen russischen Geheimdienstagenten des tschechischen Gebietes verwiesen wurden ist sicherlich keine "vom Himmel gefallene" Entscheidung. Vielmehr ist sie Teil des Finales eines Kampfes, den sich das atlantische Bündnis und Russland seit elf Monaten liefern. Es ging darum, in Erfahrung zu bringen, ob es möglich sei, das so gut organisierte internationale Netzwerk der russischen Agenten zu zerschlagen, die in den Mitgliedsstaaten der NATO geheime Informationen sammeln. Die Verteidigungsaktionen des atlantischen Bündnisses hatten letztes Jahr im September begonnen, als Herman Simm, ein Regierungsbeamter des estnischen Innenministeriums, verhaftet wurde. Diese Verhaftung hatte es dem tschechischen Geheimdienst ermöglicht, die beiden russischen "Spione" in Prag zu entlarven.

Wir erinnern uns an den Monat September 2008. An diesem Morgen verließ der 61-jährige Hermann Simm seinen Luxuswohnsitz in der Nähe der estnischen Hauptstadt und versank in den Sitzen seiner Dienstlimousine. Zum Innenministerium sollte diese ihn bringen, wo er mit der Koordinierung des Top-Secret-Daten- und Informationsaustauschs zwischen dem NATO-Sitz und Estland betraut war. Doch an diesem Tag hat er sein Büro niemals erreicht. Eine Spezialeinheit der estnischen Polizei nahm ihn in dem Moment fest, als er mitten im Stadtzentrum von Tallin aus seinem Auto ausstieg. Man warf ihm vor, ein für Moskau arbeitender Spion zu sein.

Festgestellt wurde, dass sich Simm regelmäßig mit hohen Beamten des russischen Auslandsnachrichtendienstes (Sluschba Wneschnej Raswedki, SWR) getroffen hatte. Für entsprechende Geldsummen versorgte er sie mit den geheimen und für sie wichtigen Informationen zum atlantischen Bündnis. Die besonders sensiblen Themen waren zum einen das Projekt des US-amerikanischen Raketenabwehrsystems, welches in der Tschechischen Republik und Polen errichtet werden sollte, zum anderen die zukünftige Strategie der NATO bezüglich der Verteidigung der baltischen Staaten im Falle eines russischen Angriffs. Insgesamt wurden den Russen auf diesem Weg etwa 3000 Dokumente und Daten übermittelt.

Um der sicheren Verurteilung und der schweren Strafe zu entgehen, die ihn zweifellos erwartete, gab Simm seine Spionageaktivitäten in vollem Umfang zu und lieferte den estnischen Fahndern obendrein wertvolle Informationen zu dem ausgedehnten Netzwerk russischer Spione, die in den verschiedenen NATO-Ländern agieren. Daraufhin eröffnete diese eine Offensive mit dem Ziel, mehrere russische Agenten aus den Ländern des Bündnisses auszuweisen. Die letzte aufsehenerregende Maßnahme ist diejenige vom 17. August. Die beiden "Ausgewiesenen" arbeiteten in der russischen Botschaft als Militärattachés. Der tschechische Geheimdienst enthüllte die Spionageaktivitäten der beiden Männer. Sie wurden als so schwerwiegend eingeschätzt, dass die Entscheidung der Ausweisung in nur wenigen Minuten getroffen, anschließend aber mehrere Tage geheim gehalten wurde. "In den meisten Mitgliedsstaaten der NATO wurde festgestellt, dass die russischen Agenten immer aktiver wurden. Sobald uns ein diplomatischer Visa-Antrag russischer Herkunft erreicht, nehmen wir den Namen zunächst in unsere, dann in die NATO-Datenbank auf, um festzustellen, ob dieser Name schon einmal mit einer verdächtigen Aktivität in Verbindung gebracht wurde. Man kann beinahe davon ausgehen, dass einer von zwei Namen schon in der Datenbank aufgeführt ist", behauptet ein tschechischer Diplomat. Die beiden Männer hatten ein äußerst effizientes und einflussreiches Informanten-Netzwerk errichtet. Und ihre Ausweisung bedeutet mit Sicherheit nicht, dass dieses Netzwerk nun völlig zerstört ist.

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Russland interessiert sich ganz besonders für die Tschechische Republik. Nicht nur, weil sie ein Mitgliedsstaat der Europäischen Union und der NATO ist, sondern auch weil ein Teil des amerikanischen Raketenabwehrsystems hier errichtet werden soll, [um einen mutmaßlichen iranischen Angriff abwehren zu können]. Von Anfang an waren die Russen entschieden gegen dieses Projekt. Nicht so sehr, weil sie sich von der Tschechischen Republik bedroht fühlten, sondern vielmehr, weil sie davon überzeugt sind, dass diese noch immer Teil der russischen "Einflusssphäre" ist. Zumindest hat das der russische Außenminister Sergei Wiktorowitsch Lawrow im vergangenen Monat März erklärt. In der Tat verweigern die Russen der Tschechischen Republik die Anerkennung als Teil der westlichen Welt. Diese Zugehörigkeit verlangt nämlich tatsächlich von ihr, dass sie ihre demokratischen Standards verbessert und ausbaut. Und für Russland kann das nur eines bedeuten: Die Schwächung seines Einflusses.

Seit vielen Jahren warnt der tschechische Geheimdienst vor den Risiken, die mit einem zunehmenden russischen "Einfluss" verbunden sind. In seinem letzten Bericht schreibt der zivile tschechische Spionage-Abwehrdienst (BIS): "Der Wirtschaftssektor oder die Industriekonzerne, die vom russischen Geheimdienst beeinflusst werden, können als politisches Druckmittel verwendet werden". Kürzlich hatte einer der wichtigsten Verantwortlichen der BIS der tschechischen Wochenzeitung Respekt anvertraut: "In den letzten Jahren haben wir festgestellt, dass tschechische Unternehmer, von denen man weiß, dass sie verdächtige Geldsummen aus Russland erhalten, mehrfach versucht haben, die Kontrolle von Telekommunikationsunternehmen, Informationssystemen und Transportinfrastrukturen (Eisenbahnnetze, Flughäfen oder Fluggesellschaften) zu übernehmen."

Polen

Verlockende Rüstungsindustrie?

Versuchen die russischen Geheimdienste die polnische Rüstungsindustrie zu unterwandern? Glaubt man Lidové Noviny, geht dies aus einer Studie des polnischen Büros für Nationale Sicherheit hervor. Dem Direktor des Büros Aleksander Szczyglo zufolge soll der tschechoslowakische Pensionsfond Penta nämlich Beziehungen zum Kreml unterhalten. Penta ist in Mitteleuropa sehr aktiv und wollte kürzlich PZL Świdnik, die größte polnische Rüstungsfabrik, aufkaufen. Szczyglo betont die Undurchsichtigkeit der Herkunft von Geldern für Penta, dessen Sitz sich auf Zypern befindet, und weist darauf hin, dass sich unter den Investoren der ehemalige Chef der kommunistischen tschechoslowakischen Geheimpolizei befindet. Vorsicht oder nationalistischer Reflex? Jedenfalls hat sich Penta gegen die Anschuldigungen mit einem offenen Brief gewehrt, der in den großen polnischen Tageszeitungen abgedruckt wurde. Darin wird beteuert, dass Penta "niemals eine russische Gesellschaft" war, nie "russisches Kapital benutzt" habe und schon gar nicht "mit dem russischen Geheimdienst in Verbindung" stehe.

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