Der neue Wettlauf im All

Die Welt steht kurz vor einer neuen Ära der Entdeckung des Weltraums. Dazu zettelt sie einen grimmigeren Wettlauf an, als den zwischen Amerika und der Sowjetunion in en sechziger Jahren. Die größte Überraschung der neuen Runde ist jedoch, berichtet The Independent, dass und diesmal die Umweltschützer dahinter stehen.

Veröffentlicht auf 20 Juli 2009 um 16:45
Planet Erde, neue Perspektive aus Apollo-Sicht (Image: NASA)

Dieses Wochenende, also 40 Jahre nachdem der erste Mann auf dem Mond landete, fliegen mehr Menschen denn je in ein und demselben Raumfahrzeug um die Erde. 1969 zwängten sich drei Männer in die Kommandokapsel von Apollo 11, einem Raumschiff, das kaum größer war als ein Mini Cooper. Gestern nahm die Internationale Raumstation, die etwa die Ausmaße eines vierstöckigen Hauses besitzt und in einem Tempo von 27.743 km/h vorandüst, die Mannschaft der Raumfähre Endeavour an Bord. Nun umkreisen zwölf Männer und eine Frau, sieben Amerikaner, zwei Russen, zwei Kanadier, ein Japaner und ein Belgier in einer Höhe von 350 km 15 Mal pro Tag den Erdball.

Die Arbeit dieser multinationalen Crew, die fünf Raumspaziergänge ausführen soll, ist ein weiterer kleiner Schritt im Rahmen unserer Versuche, über die Grenzen unseres Planeten hinauszuwachsen. Doch nächsten Monat könnte ein weit größerer Schritt erfolgen. Ein Gremium von Experten wird den US-Präsidenten Barack Obama dahingehend beraten, ob die USA ein Weltraumprogramm des 21. Jahrhunderts starten sollen, bei welchem die Amerikaner wieder auf den Mond zurückkehren und sich dann weiter bis zu erdnahen Asteroiden und zum Mars wagen könnten.

Die Entscheidung des Präsidenten könnte einen Wettstreit mit China initiieren, der den ganzen Wettlauf ins All mit den Russen in den sechziger Jahren noch weit überträfe. Obwohl China nicht zu den Mächten gehört, die an der Internationalen Raumstation teilnehmen, ist Peking bereit, es im Alleingang zu versuchen, und erklärt seine Absicht, bis 2020 auf dem Mond zu landen. Seit September 2008 ist China mit dem bemannten Raumschiff Shenzhou 7 die dritte Nation, die einen Raumflug mit Ausstieg durchführte. Russland hat ebenfalls eine bedeutende Hochrüstung seiner Weltraumkapazitäten angekündigt, die erste der Nachsowjetzeit. Russische Ingenieure verbrachten bereits 105 Tage in völliger Isolation in einem nachgebauten Raumschiff, um die Stressfaktoren zu testen, mit welchen auf einer 276 Millionen Kilometer weiten Reise zum Mars gerechnet werden muss.

Der Apollo 11-Veteran Buzz Aldrin, der zweite Mann auf dem Mond, erzählte gestern auf Fox News, dass Amerika seine internationalen Partner bei der Monderkundung unterstützen und somit seine eigenen Raumfahrtressourcen freisetzen könnte, um Systeme für "noch höher gesteckte Ziele" zu entwickeln. Wenn es erst einmal einen internationalen Stützpunkt auf dem Mond und eine Technologie zur Betankung im Weltraum gebe, so Aldrin, sollten sich die USA darauf konzentrieren, Astronauten ins ferne All zu entsenden, um den Asteroiden Apophis auf seiner erdnahen Laufbahn im Jahr 2021 zu besuchen. Danach gebe es die Möglichkeit eines zeitweise bemannten Stützpunkts auf dem Marsmond Phobos. "Bis dahin wären wir dann so weit, bis 2031 Leute schrittweise auf dem Mars zu stationieren", meinte Aldrin.

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Doch anscheinend kommt China der Sache auch näher – Yinghuo 1, die erste Marssonde des Landes, tritt 2010 nach einer 380 Millionen Kilometer langen Reise in die Umlaufbahn des Mars ein, um "Umweltveränderungen" zu untersuchen. Weiter hegen auch Indien und Japan ihre Mondambitionen, dazu kommt die Rivalität unter diversen Firmen um die kommerzielle Weltraumfahrt. Richard Bransons Firma Virgin Galactic und XCOR Aerospace wetteifern um die ersten suborbitalen Flüge. Laut Branson sollen Virgin Galactics Raumschiffe bis Dezember 2009 fertig gestellt werden und „auf dem besten Weg zur CO2-Neutralität“ sein. Zahlende Passagiere gebe es dann im Jahr 2011.

Und doch wird sich morgen, am Jahrestag von Neil Armstrongs kleinem, doch historischem Schritt, die Frage stellen, ob groß angelegte Weltraumprojekte gerechtfertigt sind, wenn es doch auf der Erde so viele Probleme gibt. Ist die Begeisterung für die bemannte Weltraumerforschung mit der Bewältigung von Umwelt-, Armuts- und Krankheitsfragen kompatibel?

James Lovelock, Mitbegründer der Gaia-Hypothese, unterstützt die Raumfahrt sehr. "Das ganze Gaia-Konzept kam durch die Raumfahrt auf. Mir scheint, dass jeder Umweltschützer, der gegen die Raumfahrt ist, keinerlei Phantasie besitzt. Das prachtvolle, inspirative Bild des Erdballs, das... wir durch die Raumfahrt bekommen haben..., hatte womöglich den größten Wert für die Umweltbewegung."

"Je mehr wir über den Mars wissen", sagt er, "desto besser können wir unseren eigenen Planeten verstehen. ... Die abenteuerlicheren persönlichen Reisen (die bemannte Erforschung) bieten eine großartige Inspiration für die Menschen. Und wenn es keine Raumfahrt gäbe, dann hätten wir keine Mobiltelefone, kein Internet, keine Wettervorhersage, wie wir sie heute haben, usw."

London Eye

Bürgermeister Boris hat den Mars-Blues

"Wir werden den Roten Planeten nie erobern", bedauert Londons Bürgermeister und regelmäßiger Kolumnist Boris Johnson im [Daily Telegraph](http://www.telegraph.co.uk/comment/columnists/borisjohnson/5865346/We-are-now-so-spineless-I-will-never-see-a-man-walk-on-Mars.html - postComment). "Der Homo Sapiens wird am nächsten großen Test scheitern, nicht etwa weil es uns an der Technologie mangelt, oder gar am Geld." 40 Jahre nach dem Mondflug, erklärt er, fehle es der Menschheit an der nötigen körperlichen Risikobereitschaft.

Johnson staunt über die Maschinen, die 1969 zum Mond flogen, mit ihrer "absurden Alufolien-Zerbrechlichkeit". Das krönende Erfolgserlebnis der Menschheit – "eine Person auf einem Himmelskörper absetzen, der einst als Gott verehrt wurde" – wurde durch das Zusammenspiel von drei Faktoren möglich gemacht: Raketenwissenschaftler aus dem NS-Deutschland, Amerikas Wunsch, der Sowjetunion zu beweisen, was eine kapitalistische Demokratie erreichen kann, und schließlich der Schneid der Astronauten. Mit Sextanten, Rechenschiebern und "ein paar Papieren zur Navigation im Weltraum" den Eagle landen, Sekunden bevor der Treibstoff ausging – so ein Einsatz "war so riskant, dass er heute überhaupt nicht genehmigt würde", klagt Johnson. "Jede Versicherung würde die Finger davon lassen." Durch Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften unterbunden, würden die Raketen "auf der Startrampe bleiben". Die Tragik unseres Zeitalters, so schließt er, sei "dass die von Anwälten geplagte westliche Welt hundertmal phobischer und paranoider ist als die Generation, die zum Mond flog".

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