Die Bücher der Dissidenten

Sie haben die Werke Václav Havels und aller im kommunistischen Regime der Tschechoslowakei verbotenen Schriftsteller verlegt. Vierzig Jahre ist es her, dass Zdena und Josef Škvorecký in Toronto mit Sixty-Eight Publishers einen der wichtigsten osteuropäischen Dissidentenverlage gründeten.

Veröffentlicht auf 27 Dezember 2011 um 11:00

Die Idee, einen Verlag zu gründen, hatte Zdena Salivarová-Škvorecká. Bevor sie 1969 das Land verlies, hatte sie in Prag bereits einen literarischen Erfolg mit ihrem Märchenband Pánská jízda [Die Reise der Herren] zu verzeichnen und mehrere Bücher aus dem Französischen übersetzt.

Sie hatte in den Filmen O slavnosti a hostech [Über das Fest und seine Gäste] von Jan Němec, und Farářův konec [Das Ende eines Priesters] von Evald Schorm mitgespielt, zwei Meisterwerke der tschechischen Nouvelle Vague. Sie arbeitete als Sängerin im Theater Paravan und studierte Dramaturgie an der Prager Filmhochschule FAMU. Von einen Tag auf den anderen fand sie sich in Toronto wieder, wo ihr Ehemann Josef Škvorecký einen Lehrstuhl an der Universität bekommen hatte. Der [nach dem Prager Frühling 1968] vom kommunistischen Regime begonnene „Normalisierungsprozess“ hatte damals begonnen, seine Unmenschlichkeit in aller Härte zu zeigen. Beiden war klar, dass sie nicht in ihre Heimat zurückkehren werden können.

Anbetung der marxistisch-leninistischen Götter

Tankový prapor [Das Panzerbataillon] war das erste Buch, das sie im November 1971 herausbrachten. Josef Škvorecký hatte das Buch mit dem Untertitel „Chronik der Anbetung“ [der marxistisch-leninistischen Götter] 1955 geschrieben und darin seine Erfahrungen in der Armee verarbeitet. Selbstverständlich war eine Veröffentlichung zu jener Zeit völlig ausgeschlossen. Erst in den Sechzigerjahren erschienen Auszüge des Manuskripts in der Zeitschrift Plamen und lösten sogleich einen Skandal aus.

Im April 1968 kam Josef Škvorecký beim staatseigenen Verlag Československý spisovatel [„der tschechoslowakische Schriftsteller] unter Vertrag. Doch im November 1970 erhielt er ein Schreiben des neuen Direktors, dem Dichter Ivan Skála, das ihm mitteilte, der Verlag habe seine „politische und kulturelle Linie geändert“ und das Buch nicht veröffentlicht werden könne.

Ironischerweise brachte diese Entscheidung dem jungen Exilverlag eine gewisse Werbung ein. Der Ruhm vom verbotenen und skandalumwitterten Tankový prapor zog die Aufmerksamkeit vieler potentieller Leser auf sich, die nach dem russischen Einmarsch im August 1968 in den Westen emigriert waren. Wie Zdena Škvorecká später sagen sollte: Tankový prapor hat Sixty-Eight-Publishers erst gemacht.

Kostenlose Bücher hinter dem Eisernen Vorhang

In der Anfangszeit wurde das Verlagshaus von den Ehegatten Škvorecký komplett selbst finanziert. Sie arbeiteten ohne Bezahlung und Josef Škvorecký investierte einen Teil seines Professoreneinkommens. Er war der Herausgeber, sie kümmerte sich um Layout, Verpackung, Versand und Bestellungen. Alles Geld des Buchverkaufs wurde von den Škvoreckýs wieder direkt in den Verlag investiert. Mit der Zeit hatten sie rund 2000 feste Abonnenten und 1000 gelegentliche, die je nach Anzahl der Bestellungen und Schnelligkeit der Bezahlung von Subkriptionspreisen profitierten.

Die Bücher, die in die Tschechoslowakei oder in andere Länder hinter dem Eisernen Vorhang gesendet wurden, waren kostenlos. Alle Bücher waren im Taschenbuchformat 17,5 x 10,5 cm.

Insgesamt hat Sixty-Eight Publishers 224 Titel herausgebracht, bei einer durchschnittlichen Auflage von 1500 bis 2000 Exemplare für Prosa und 500 bis 1000 Exemplare für Lyrik. Neben den eigenen Büchern hat der Verlag auch anderen Exilautoren die Veröffentlichung ermöglicht: Egon Hostovský, Jiří Gruša, Milan Kundera, Arnošt Lustig, Ferdinand Peroutka oder Viktor Fischl.

Verlag hinter Schloss und Riegel

1974 begann Sixty-Eight Bücher von zeitgenössischen, in der Tschechoslowakei verbliebenen Autoren zu publizieren. Der Roman Štěpení von Karel Pecka war der erste einer ganzen Reihe. In ihrem Katalog des Jahres 1978 verkündeten die Škvoreckýs, dass sie ihre Landsleute in der Heimat unterstützen wollten, welche mit voller Wucht von der Zensur der „Normalisierung“ getroffen wurden. Sie begannen, die Bücher des Samsidat- [Selbst- oder Eigen-] Verlags Edice Petlice [Verlag hinter Schloss und Riegel] zu veröffentlichen, dessen spiritueller Vater Ludvík Vaculík war.

Zu den herausgegeben Schriftstellern zählten unter anderen Ludvík Vaculík, Jan Skácel, Ivan Klíma, Egon Bondy, Václav Havel, Bohumil Hrabal, Lenka Procházková und Jan Trefulka. Mit Tricks aller Art wurden die Bücher durch den Eisernen Vorhang ins Land geschmuggelt. Wer in den Westen reisen durfte, versteckte auf der Rückreise Bücher im Gepäck. Manche tarnten die Bücher mit Umschlägen von Kriminalromanen, andere versteckten sie in Waschmittelpackungen.

Man konnte die Bücher in Kanada, aber auch in den USA und Westeuropa und Australien kaufen. Manche Buchsendungen kamen über die diplomatische Post ins Land. Diese Bücher zu lesen oder zu besitzen war verboten, doch das hielt die Menschen nicht davon ab, sie untereinander auszutauschen und zu kopieren. Wer immer damals eines Škvorecký-Bücher in der Hand gehalten hatte, weiß noch heute von wem er es bekommen und wie schnell er es gelesen hatte, welches Buch er kopiert und welches nach einer Hausdurchsuchung vom StB [der Staatssicherheit] konfisziert worden war.

Einer der gefährlichsten Gegner des kommunistischen Regimes

„Ich erinnere mich heute noch an den physischen Kontakt mit diesen Büchern, wie man sie in die Tasche stecken konnte, wie manchmal nachts beim frenetischen Lesemarathon die Seiten die Seiten sich lösten“, erzählt der Schriftsteller Jáchym Topol.

Mit Informationen ihrer Agenten und den Verhören von Menschen, welche die Škvoreckýs mit Westen getroffen hatte, versuchte die Staatssicherheit herauszufinden, was der Verlag im Schilde führte und auf welchem Wege die Bücher in die Tschechoslowakei kamen. Ein Teil der Akten ist vernichtet worden; Deshalb ist es leider unmöglich, mit Genauigkeit festzustellen, was die Geheimdienste über die Aktivitäten des Verlags in Toronto wussten und welche Mittel gegen den Verlag mobilisiert wurden. Eines aber ist sicher: Sixty-Eight Publishers war nach den Ereignissen vom August 1968 für das kommunistische Regime einer der gefährlichsten Gegner unter den Exiltschechen.

Im Mai 1989 schrieb Milan Kundera über Sixty-Eight Publishers: „In dem winzigen Verlag mit zwei oder vielleicht drei Büroräumen hat die gesamte zeitgenössische tschechische Literatur, ob aus dem Exil oder aus der Heimat, Zuflucht gefunden. Und da die beiden Menschen, die zum richtigen Zeitpunkt das Richtige getan haben, auch selbst ausgezeichnete Schriftsteller sind, geniest der Verlag eine moralische und ästhetische Autorität, wie sie meines Wissens kein anderer tschechischer Verlag je besessen hat. Sie opferten einen Teil ihrer eigenen Arbeit, um der Arbeit ihrer Schriftstellerkollegen aus der Heimat das Überleben zu ermöglichen.“

Zusammenhang

Nach der Revolution

1990, ein Jahr nach der Samtenen Revolution, kündigte Sixty-Eight-Publishers sein „Abschiedsjahr“ an. Es sollten ausschließlich Werke aus der Zeit vor 1989 herausgegeben werden. Zdena und Josef Škvorecký bekamen vom Staatspräsidenten Václav Havel den Orden des Weißen Löwen, die höchste Auszeichnung der Tschechischen Republik, verliehen. Doch sollte es noch vier Jahre dauern, bis der Verlag seine Tätigkeit vollends einstellte.

In der Zwischenzeit ermöglichte die Abschaffung der Zensur es den Menschen, die verbotenen tschechischen Autoren zu entdecken. Mehr als 3000 Verlage wurden gegründet, von denen viele nach der Veröffentlichung von nur ein paar Büchern Insolvenz anmelden mussten. Wie Sixty-Eight fragten sich auch andere Exilverlage, ob ihr Bestehen noch Sinn machte. Manche stellten ihre Tätigkeit ein [wie der Verlag Index], andere beschlossen, nach Tschechien zurückzukehren und in der neuen freien Marktwirtschaft ihre Arbeit fortzuführen (Arkýř, Pražská imaginace).

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