Ablasshandel in "Ein Frag an eynen Müntzer". Holzschnitt von Jörg Breu der Ältere (um 1530)

Die Religion der Bestecher

Bestechung ist einer der Hauptgründe für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten von Problemländern der Eurozone. Dass die meisten davon katholisch sind, also einer Religion angehören, die Korruption gegenüber toleranter war als anderen „Sünden“, ist vielleicht nicht bloß Zufall.

Veröffentlicht auf 3 Juli 2013 um 11:46
Ablasshandel in "Ein Frag an eynen Müntzer". Holzschnitt von Jörg Breu der Ältere (um 1530)

„Korruption ist heute die größte Gefahr für die Demokratie in Europa. Immer mehr Menschen auf unserem Kontinent verlieren den Glauben an die Rechtsstaatlichkeit.“ Das sagte der norwegische Generalsekretär des Europarates Thorbjørn Jagland im Januar 2013. Man wird ihm kaum Unrecht geben können, besonders, wenn man bedenkt, dass die korruptesten Länder Europas oft auch Demokratien in der Krise sind. Oder gar keine Demokratien (wie etwa Russland unter Wladimir Putin, wo Korruption Schätzungen zufolge für über 20% des PIL verantwortlich ist).

Portugal, Italien, Griechenland, Spanien. Aus den Anfangsbuchstaben dieser vier Staaten wird das verhasste Akronym PIGS gebildet (ursprünglich war auch noch Irland dabei), von bestimmten Medien besonders aus dem angelsächsischen Raum verknappend für die fragilen Volkswirtschaften Südeuropas verwendet, kurz: für jene, die für die Krise der Eurozone verantwortlich waren. Natürlich handelt es sich dabei um eine Vereinfachung. Die Lombardei mit ihrer Produktion hat wohl wenig mit der touristischen Algarve gemein, und auch eine Weltstadt wie Barcelona ist wohl Lichtjahre vom Chaos entfernt, das in Athen herrscht.

Dennoch steckt auch ein Fünkchen Wahrheit im PIGS-Akronym. Abgesehen von der Wirtschaftskrise haben die genannten Länder noch mehr gemeinsam. Etwa eine größtenteils korrupte Führungsschicht. Ist das skandalgebeutelte Mailand tatsächlich so anders als Lissabon? Hat Katalonien mit seiner Vetternwirtschaft wirklich gar nichts mit Griechenland gemein? Und wenn man bedenkt, dass in den südeuropäischen Zeitungen jeden Tag Korruptionsvorwürfe gegen irgendeinen Politiker auftauchen, sind dann die Wahlsiege der populistischeren und systemfeindlicheren Parteien wirklich so unverständlich?

Sind Katholiken tatsächlich korrupter?

Schließlich ist da noch die Gefahr, dass Korruption als ein kulturelles Charakteristikum ganz Südeuropas betrachtet wird. Und dass man den Klischees einiger nordeuropäischer Boulevardblätter verfällt, in denen Italiener, Griechen und Spanier als ein Haufen Faulenzer dargestellt werden, die sich der Prasserei und der Bestechung hingeben. Wird einem dann noch die Tatsache bewusst, dass die PIGS alle katholisch sind (mit Ausnahme des orthodoxen Griechenlands), die weniger korrupten Staaten dagegen alle protestantisch (außer Singapur), wird die Gefahr des Kulturdeterminismus konkreter als je zuvor.

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„Vetternwirtschaft und eine neopatrimonialistische politische Kultur sind typisch für die südeuropäischen Länder. In den katholischen Ländern ist Religion ein wichtiger Faktor, der das Wählerverhalten und die herrschende politische Kultur erklärt“, so Luís de Sousa, Experte am Institut für Sozialwissenschaften an der Universität Lissabon und Präsident des portugiesischen Chapters von Transparency International. „Dennoch würde ich der Religion auch nicht zu viel Bedeutung beimessen, das geht zu Lasten anderer struktureller Faktoren, die die Wahrnehmung der Korruption und den Umgang mit ihr beeinflussen könnten. Es heißt immer, die weniger korrupten Länder der Welt seien protestantisch, doch sieht man sich die Schlusslichter der Rangliste an, so finden sich darunter zahlreiche subsaharische Länder, die ehemalige Kolonien protestantischer Staaten sind.“

Der gleichen Meinung ist Gianfranco Pasquino, Dozent am Bologna Center der School of Advanced International Studies, Johns Hopkins University [Bologna, Italien]. „Religion spielt sicherlich eine Rolle, doch die Katholiken in den Ländern mit protestantischer Mehrheit sind nicht korrupter als ihre evangelisch-lutherischen oder evangelisch-reformierten [calvinistischen] Mitbürger. Es ist also die Gesamtstruktur des Systems, die es ausmacht. Eine noch größere Rolle als die Religion spielt vielleicht die Einstellung der Kirche zur Korruption. Die Kirche hat Korruption zu lange geduldet und fleischliche Sünden für schlimmer erachtet als den sündhaften Umgang mit Geld.“

Die Ausländer sollen es richten

Andererseits wurde just in einem zutiefst katholischen Land, nämlich Irland (einst ebenfalls im Akronym PIIGS [mit Doppel-I] vertreten) ein ungewöhnlicher Lösungsansatz entwickelt, um Vetternwirtschaft und Verwicklungen zwischen Politik- und Finanzwelt entgegenzuwirken: die Bestellung von Ausländern als Leiter der lokalen Banken, jener Banken, die 2008 die Finanzkrise in Irland verursacht hatten. So wurde der Brite Matthew Elderfield, ehemaliger Chef der Bermuda Monetary Authority, zum Leiter der irischen Finanzaufsicht bei der irischen Zentralbank bestimmt. Laut Financial Times, die dem Thema einen Artikel widmete, war die Bestellung eines Ausländers für ein so wichtiges Amt ein Wendepunkt für Irland, ein kleines Land, wo der Finanzsektor zuvor von familiären Beziehungen, politischen Verbindungen und Vetternwirtschaft dominiert war.

Elderfield ist in guter Gesellschaft. Der Vizepräsident der irischen Zentralbank, Stefan Gerlach, ist Schwede, ebenso ihr Chefökonom Lars Frissell. In Dublin hatte man es also für eine gute Idee gehalten, sich den Ruf der Skandinavier, die als aufrichtig gelten, zunutze zu machen und wieder ein wenig Moral in das zerrüttete Finanzsystem hineinzubringen.

Vielleicht könnte diese Idee ja mit einigen Verbesserungen auch auf Südeuropa übertragen werden, vielleicht könnte Griechenland und ein paar italienische und spanische Regionen von Technokraten aus den nordischen Ländern regiert werden – schließlich belegen Dänemark, Finnland und Schweden den ersten, zweiten und vierten Platz auf der Rangliste von Transparency International. Für sie ist eine Gesellschaft ohne Korruption möglich.

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