Die vermeintliche Gesellschaft

Die Unruhen in Katunitsa und verschiedenen Städten des Landes sind mehr als ein erneutes Aufflackern der Roma-Feindlichkeit. Einer Anthropologin zufolge handelt es sich um das Symptom einer kranken, dem Klientelismus verfallenen Gesellschaft.

Veröffentlicht auf 30 September 2011 um 13:46
Hier wohnte ein Alleinherrscher. Das Haus von “König Kiro” in Katunitsa, 24. September 2011

Die Ereignisse in Katunitsa waren bei weitem kein einfacher Zwischenfall [siehe Kasten unten]. Es handelt sich auch nicht um einen Einzelfall, sondern um eine zerstörerische Tendenz, die sich aufgrund des passiven Verhaltens der Behörden in den letzten Jahren endemisch entwickelt. Dieser Konflikt muss im globalen politischen Kontext Bulgariens gesehen werden. Unsere Politiker sind keine Staatsführer, sondern Para-Politiker. Dies beeinflusst unsere Erwartungen, und die Hoffnungen der zivilen Gesellschaft werden verfälscht.

Seit Beginn der Wahlkampagne [am 23. Oktober dieses Jahres finden Präsidentschafts- und Kommunalwahlen statt] konnten wir noch keinem interessanten Ideenaustausch über Wirtschaft, Außenpolitik oder Gesellschaft beiwohnen. Kleine Intrigen und unfaire Angriffe gibt es dafür in Massen. Die bulgarische Politik ist aus den Skandalblättern hervorgegangen, und beide nähren sich gegenseitig.

Der politische Dialog ist auf ein Mindestmaß zurückgegangen, und interethnische und interreligiöse Beziehungen im Land werden schamlos ausgenutzt. Kein Politiker hat es in den letzten Jahren für nötig gehalten, Ordnung in die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen, zwischen den Roma und den anderen Gemeinschaften zu bringen oder wirksame Strategien für eine echte Integration der Minderheiten vorzuschlagen, weil die gesamte selbst ernannte Elite durch diesen erniedrigenden Status quo, der ihr das Festhalten an der Macht erleichtert, auf ihre Kosten kommt.

Selbsterklärte Könige

Diesen Spannungen liegen immer politische Interessen zugrunde, besonders während des Wahlkampfs. In Bulgarien gibt es Tausende Gründe, Hoffnung auf soziale Gerechtigkeit zu verlieren. Diese Hoffnungslosigkeit erreicht alle Gesellschaftsschichten, von Ärzten über Landwirte bis hin zu Dichtern.

Eine Ausnahme bilden selbstverständlich neureiche Banditen, Großbetrüger, korrupte Politiker und hohe Beamte. In einem solchen Fall – und hier spricht die Historikerin und Anthropologin in mir – ist nichts wirksamer, als seine Wut auf die Minderheiten, die anderen Religionen und ganz einfach auf alle, die anders sind, umzulenken. Kurz gesagt, die echten Probleme durch vermeintliche zu ersetzen. Grenzen werden verwischt, und es ist nicht schwer, politische Irrtümer oder dem gemeinen Recht unterliegende Ereignisse zu interethnischen Konflikten zu erklären, was teilweise dramatische Folgen hat.

Pulverfässer wie Katunitsa gibt es in ganz Bulgarien. Bei den Roma zählt man inzwischen die dritte oder vierte Generation ohne Schulbildung und somit ohne jegliche Chance auf dem Arbeitsmarkt, und die Kriminalität nimmt ständig zu. Auf der anderen Seite war die Roma-Feindlichkeit in der bulgarischen Gesellschaft nie zuvor so hoch wie heute. Die politischen Parteien haben ihrerseits die Ärmsten und Randgruppen der Gesellschaft verdorben, indem sie ihnen den Handel mit Wählerstimmen beibrachten.

So entstanden die selbsterklärten “Roma-Könige”, korrupte Ghetto-Chefs, die sich auf Kosten der anderen Angehörigen ihrer religiösen Gruppe bereicherten und ihre Stimmen an den Meistbietenden veräußerten. In ihren Stadtvierteln, Dörfern oder Städten in ganz Bulgarien sind sie Alleinherrscher.

Feudale Privilegien

Der so genannte “König Kiro” und ein Großteil seiner Familienangehörigen müssten eigentlich längst für Verbrechen wie Herstellung von gepanschtem Alkohol oder Frauen- und Kinderhandel im Gefängnis sitzen. Dass das nicht der Fall ist liegt daran, dass sie über beträchtliche Mittel verfügen: Bargeld, um Polizei, Politikern und Beamten Schmiergelder zu zahlen, aber auch mehrere Tausend Wählerstimmen.

Es handelt sich nicht um ein rein ethnisches Problem, sondern um eine Krankheit des ganzen Landes. Was soll man über die zahlreichen Städte und Regionen sagen, die de facto von Mafiabossen verwaltet werden, die die Einwohner durch die Vergabe von Privilegien unter Kontrolle halten, oder indem sie ihnen Angst einjagen?

Die richtige Politik würde ganz einfach darin bestehen, das Gesetz anzuwenden: Abschaffung der Privilegien örtlicher Feudalherren und Verurteilung von Verbrechern, damit sich die Bürger emanzipieren und frei wählen, leben und arbeiten können. Dies scheint allerdings in Bulgarien derzeit unmöglich zu sein. (ae)

Kontext

Gewaltwelle gegen Roma

Seit dem 24. September finden in den bulgarischen Großstädten immer wieder Aufstände gegen die Roma statt. Die oft sehr jungen Demonstranten protestieren gegen die vermeintliche Straffreiheit der Roma, die sich selbst zu “Verteidigern der bulgarischen Nation” ernennen ...

Begonnen hat alles mit einem von den Behörden zunächst als “tragischer Verkehrsunfall” bezeichneten Vorfall: ein 24-jähriger Mann wurde von einem Minibus überfahren, mit dem eine Gruppe Roma zu Kiril Rachkov fuhr, Roma-Patriarch mit furchterregendem Ruf aus dem 3000-Einwohner-Dorf Katunitsa in der Nähe von Plovdiv im Süden Bulgariens.

Dem Vater des Opfers zufolge handelte es sich um einen geplanten Mord. Die Fahrzeuginsassen flohen in das Haus von “König Kiro”, bevor sie eine von den Dorfbewohnern improvisierte Straßensperre durchbrachen und dabei mehrere Personen verletzten. Gemeinsam mit Ultras des Fußballvereins Plovdiv setzten Einwohner Katunitsas die Häuser des Rachkov-Clans in Brand und plünderten sie. Am nächsten Tag starb ein Sechzehnjähriger mit chronischem Herzleiden bei Auseinandersetzungen im Dorf.

Der Fahrer des Minibusses stellte sich schnell der Polizei und gab zu Protokoll, den jungen Mann unbeabsichtigt nach einer Pöbelei auf der Straße überfahren zu haben. Am 28. September kündigte das bulgarische Innenministerium die Inhaftierung Kiril Rachkovs an. Er soll wegen “Todesdrohung” und Steuerhinterziehung in großem Umfang verfolgt werden.

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