Droht uns die Ökodiktatur?

Bei den großen Klimakonferenzen geht es nicht nur um Kohlendioxid. Es geht auch um die Frage, ob es demokratische Wege gibt, eine ökologische Katastrophe abzuwenden. Der Freitag überlegt zwischen Ökodiktatur und Ökokratie.

Veröffentlicht auf 13 Dezember 2010 um 15:29

Vom nordhessischen Universitätsstädtchen Marburg in den Luxusbadeort Cancún an der mexikanischen Karibikküste sind es etwa 8.600 Kilometer Luftlinie. Zwischen den beiden Orten liegen 12 Stunden Flugzeit und mehrere Welten. Aber eines haben sie in diesen Tagen gemeinsam: Die Frage, wie viel Freiheit oder Zwang nötig sind, um das Überleben auf dem Planeten zu sichern. Es ist die Frage, ob uns eine Öko-Diktatur droht.

In Marburg wird diese Frage aus strategischen Gründen gestellt. Die rot-grüne Stadtregierung dort hat die Hausbesitzer verpflichtet, bei einer Renovierung ihres Daches eine Solaranlage einzubauen. Die Maßnahme ist demokratisch legitimiert, mit Subventionen und Ausnahmen abgepolstert und stützt sich auf ein Gerichtsurteil. „Öko-Diktatur“ nennt die bürgerliche Opposition die Maßnahme, weil hier Hausbesitzer zu ihrem ökonomischen Glück und zu unserer ökologischen Zukunft gezwungen werden.

In Cancún dagegen wird die gleiche Frage aus strategischen Gründen nicht gestellt. Bei der UN-Klimakonferenzversuchen die wenigen Staaten, denen Klimaschutz am Herzen und an der Brieftasche liegt, die zähe UN-Weltdemokratie ein Stück weiterzubringen. Damit wenigstens die Hoffnung bleibt, die Welt vor dem Klimakollaps zu retten. Diese Demokratie in Zeitlupe kontrastiert mit dem Klimawandel, der außerhalb der klimatisierten Tagungshotels gerade von „Normal“ auf „Fast Forward“ schaltet. Von der Möglichkeit künftiger Öko-Diktaturen reden hier hinter vorgehaltener Hand Wissenschaftler und Experten, weil sie weiter denken als bis zur nächsten Wahl. Und weil sie sehen, wie viel Kraft es kosten wird, den Klimawandel jetzt noch zu stoppen.

Die Debatte um autoritäre Einschränkungen grundlegender Menschenrechte zur Sicherung des Überlebens speist sich aus einem Zweifel, ob parlamentarische Demokratien, Antworten auf die ökologischen Überlebensfragen geben können. Zum Originalartikel des Freitag...

Konferenz in Cancún

Europa ist nicht mehr Teil der Lösung

„Der Kampf gegen das Klima ist vorbei, die Anpassung [an die Erwärmung] beginnt“: so resümiert der tschechische Klimatologe Jan Pretel, zitiert von Lidové noviny, die Lektion, die aus der Klimakonferenz von Cancún vom 11. Dezember zu ziehen ist. „Die Welt wird keine Koalition gegen das Klima bilden, wie die Idealisten in Kopenhagen letztes Jahr noch dachten, sondern jeder wird sich auf seine eigene Art damit befassen“, stellt die Prager Tageszeitung fest. „Europa, das zum Kampf gegen den Klimawandel durch die CO2-Emissionen aufrief, hat den Kampf gegen China, Indien oder Brasilien verloren. Warum? Da Europa immer weniger CO2-Emissionen ausstößt, ist es immer weniger Teil des Problems. Seine Sichtweise ist also auch immer weniger Teil der Lösung.“ Die Tageszeitung ist der Meinung, dass der Gedanke, das CO2 sei der Kern des Problems, mit dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls in zwei Jahren verschwinden wird, und dass die Strategien zur Anpassung an den Klimawandel je nach Region verschieden ausfallen werden. In Cancún habe, so die Zeitung, „die konfuzianische Harmonie die westliche Konfliktualität besiegt“. Doch eine Anpassung an das Klima wird auch nicht weniger kosten als der Kampf gegen seinen Wandel.

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