Data Globale Erwärmung

Europas Hotspots

In mehr als 35.000 Gemeinden in Europa hat sich die Durchschnittstemperatur in den letzten fünfzig Jahren um 2 Grad Celsius erhöht. Von den Großstädten bis hin zu kleinen Dörfern: Die Klimakrise erreicht jeden einzelnen Winkel Europas. Allerdings protestieren die Bürger und die Menschen an der Macht werden endlich aktiv.

Veröffentlicht auf 14 August 2020 um 11:52

Daten, die über 50 Jahre in mehr als 100.000 europäischen Gemeinden gesammelt wurden, bestätigen den Anstieg der Temperaturen auf allen Breitengraden. In einem Drittel dieser Gemeinden hat sich die Durchschnittstemperatur zwischen den 1960er Jahren und dem letzten Jahrzehnt um mehr als 2 Grad Celsius erhöht. In bestimmten Gebieten sind es bis zu 5 Grad Celsius. In 73 der 102.445 Gebieten sind die Durchschnittstemperaturen gesunken, jedoch nur um einige Zehntel eines Grades.

Zwei Drittel der europäischen Provinzen (Provinzen bedeutet hier NUTS3-Regionen) haben Anstiege zwischen 1,5 und 2,5 Grad Celsius registriert. Diese Daten sind Durchschnittsdaten für ganze Jahrzehnte. Hinter kleinen Zahlen können sich daher größere saisonale oder jährliche Veränderungen verstecken. Die Schätzungen stammen aus dem EU-Copernicus Programm, welches versucht, die Daten im Laufe der Zeit und über die Grenzen hinweg zu harmonisieren, und Schätzungen zu entwickeln, um eventuelle Lücken zu schließen.

Verteilung der mittleren Temperaturschwankungen in europäischen Gemeinden
Median: 1,68°C
In 60% der Gemeinden stieg die Durchschnittstemperatur um 1°C bis 2°C.

Es wurden offensichtlich nicht alle Gemeinden in gleichem Maße von der Erderwärmung getroffen. In allen 35 untersuchten Ländern (außer Malta) hat zumindest eine Gemeinde in den letzten fünfzig Jahren eine Erhöhung der Durchschnittstemperatur um mehr als zwei Grad erlebt. Und in 23 Ländern hat mindestens eine Gemeinde eine Erhöhung von mehr als drei Grad erlebt.

Die Hauptstädte der globalen Erwärmung

Die Faktoren, die zum Temperaturanstieg führen, sind vielfältig, treten auf verschiedenen Ebenen auf und wirken auf komplexe Weise zusammen. Es gibt keine einheitliche Erklärung für den Anstieg in jeder der 100.000 Gemeinden. Dennoch können wiederkehrende Aspekte beobachtet werden. Innerhalb der einzelnen Länder finden wir unter den Gemeinden, in welchen die Temperaturen am stärksten gestiegen sind, häufig die Hauptstädte oder ihre Vororte, insbesondere in Mittel-und Osteuropa. Das gilt für Tallinn und Belgrad, aber auch für Riga und Budapest, d. h. die beiden europäischen Hauptstädte, in denen die Temperatur laut der Daten am meisten gestiegen ist.

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Durchschnittlicher jährlicher Temperaturanstieg in Budapest, Riga und Warschau
Differenz zwischen dem Jahresdurchschnitt und dem des Jahrzehnts 1961-1970.

Gegenden, die nahe an Flughäfen liegen, belegen die ersten Plätze auf der Liste. Beispielsweise Städte mit der größten Temperaturerhöhung, wie z. B. Reykjanesbær, neben dem immer beliebteren isländischen internationalen Flughafen. Der hier geschätzte Anstieg erreicht beachtliche 5,8 Grad Celsius innerhalb nur weniger Jahrzehnte. 

Laut den gesammelten Daten vom Copernicus-Programm beträgt die Temperaturerhöhung in Budapest 4 Grad Celsius. Ungarische Meteorologen sind der Meinung, dass die tatsächliche Abweichung etwas geringer ist. Aber das Karpatenbecken hat sich in der Tat schneller erwärmt als der europäische Durchschnitt und ist zunehmend anfällig für Dürre und Hitzewellen. Die Ungarische Hauptstadt kämpft mit ernsten Problemen, verursacht durch Wärmeinseln und Emissionen im Straßenverkehr, Heizungssysteme und Klimaanlagen, konfrontiert. “Überall sind Asphalt und Autos. In einigen Ortsteilen gibt es weniger als einen Quadratmeter Grünfläche pro Einwohner. Infolge der Immobilienspekulation wurden im Laufe der Jahrzehnte viele Grünflächen in Parkplätze, Einkaufszentren und größere Straßen umgewandelt”. András Lukács, Präsident der Umweltschutzorganisation Levegő Munkacsoport, erklärt: “Außerhalb der Stadtzentren heizen viele Leute im Winter Ihre Häuser noch immer mit Holz oder Kohle, und zahlreiche Haushalte verbrennen auch heute noch ihren Abfall”.

Winde der Veränderung

Umweltkampagnen in Ungarn hängen stark vom politischen Kontext ab. Seit dem Überraschungssieg des ungarischen Grünen Gergely Karácsony im Oktober 2019 hat Budapest einen Bürgermeister, der sich für die Umwelt interessiert. Die Stadt hat den ökologischen Ausnahmezustand ausgerufen und entwickelt eine Strategie zur Beseitigung schädlicher Emissionen: Verstärkte Energieeffizienz, mehr Grünflächen und weniger Straßenverkehr. 

Péter Vigh, Leiter von Másfél fok, eine Informationsstelle, die sich für den Umweltschutz einsetzt und mehr Umweltbewusstsein schaffen will, meint, dass die Ungarn sensibler für Klimaveränderung geworden sind. So sehr, dass Politiker jetzt verstanden haben, dass sie aktiv werden müssen. “Im September 2019 haben ungefähr 8.000 Menschen in Budapest an Kundgebungen gegen den globalen Klimawandel teilgenommen. Das war fantastisch. Im November ist es uns gelungen, Licht auf die nationale Konsultation über die von den EU-Normen geforderte langfristige Strategie zur Emissionsreduzierung zu werfen. Das verbreitete sich wie ein virus und entwickelte sich zu einem starken Statement. Selbst die Zentralbank fördert nun umweltfreundliche Maßnahmen im Pandemie-Konjunkturpaket. Orbán's Regierung führt noch immer nur Mindest-Klima-Maßnahmen durch, allerdings könnte der wachsende Druck von unten, sowie die von der EU bereitgestellten finanziellen Anreize re konkreteReaktionen fordern”.

In Liverpool, eine anderen Großstadt, in welcher die Temperaturen in den jüngsten Jahrzehnten stark gestiegen sind, beobachten Umweltschützer politische Veränderungen. Laut Frank Kennedy, Umweltschützer bei Friends of The Earth: “ist es für Politiker und Geschäftsleute immer schwieriger geworden, uns zu ignorieren. Zumindest erkennen sie jetzt die wissenschaftlichen Beweise an. In den letzten Jahrzehnten konzentrierte sich der gesamte Diskurs auf das Wirtschaftswachstum. Wir haben alles in Kauf genommen, um Investitionen anzuziehen”.

Grünere Täler

In einigen europäischen Ländern sind die Gemeinden, die sich am schnellsten erwärmen, in Wirklichkeit kleine Dörfer, die oft recht isoliert sind. Dies ist der Fall in Llívia in Spanien und Monor in Rumänien. Hier wird das Problem nicht von menschlichen Aktivitäten, Wärmeinseln, Verkehr oder Industrie verursacht. Es handelt sich hier vielmehr um Zonen, in denen die globale Erwärmung aufgrund der geographischen Lage zunehmend spürbar wird, z. B. aufgrund der Beschaffenheit des Bodens oder der Höhe. Ähnliche Gründe scheinen in europäischen Gemeinden und Provinzen eine Rolle zu spielen, die von der globalen Erwärmung weniger betroffen sind, vor allem entlang der andalusischen Küste, der Ägäis und der französischen Alpen.

Die 500 Gemeinden mit den meisten und geringsten Abweichungen
Größte
Weniger wichtig

Abgesehen vom Extremfall Island liegen acht von zehn europäischen Gemeinden, in welchen die Temperaturen am stärksten gestiegen sind, in Mittelnorwegen. Es handelt sich hier um Gebiete mit nur wenigen Tausend Einwohnern, die inmitten friedlicher, grüner Täler liegen. Diese Täler werden tatsächlich immer grüner. In jeder Gemeinde lag die Jahresdurchschnittstemperatur in den 1960er Jahren deutlich unter Null. Jetzt liegt sie darüber.

Dieses Phänomen bestätigt Markus Refsdal, Vertreter des Landkreises Innlandet bei der Jugendumweltorganisation Natur og Ungdom: “Das Klima wird immer unberechenbarer. Im Sommer haben wir nunmehr lange Dürreperioden beobachtet, gefolgt von heftigen Regenfällen. Als meine Großmutter jung war, konnte sie im Winter auf dem größten See Norwegens Schlittschuhlaufen. Das konnte ich noch nie." Meteorologische Studien belegen, dass die Winter immer kürzer und die Schneefälle immer seltener werden. Die Wasserreserven und die Wasserkraftproduktion - Norwegens Hauptenergiequellen - werden voraussichtlich erheblich beeinträchtigt.  

Von Norwegen bis Bulgarien, von Ungarn bis England zeigen die Daten, dass der Klimawandel in vielen verschiedenen Winkeln Europas konkret geworden ist. Es geht nicht mehr nur um die globale Erwärmung, sondern auch um die lokale Erwärmung. Journalismus, bürgerschaftliches Engagement und politische Antworten werden nur dann wirksam sein, wenn es gelingt, beide Niveaus zusammenzuführen, nämlich die tägliche Erfahrung einer Gemeinschaft, und die Konsequenzen für Europa und die ganze Welt. Und dafür braucht es angemessene politische Initiativen.

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Methodologie

Die von uns verwendeten Daten stammen aus der von Copernikus und dem Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF) von 1961 bis 2018 erstellten regionalen UERRA-Reanalyse für Europa auf einzelnen Ebenen. Die Daten liefern geschätzte Temperaturwerte zweier Messgeräte und decken eine Rasterzelle ab, deren Zellen 5,5x5,5 km groß sind. 

Für jede Zelle haben wir die Rohdaten verarbeitet, um die mittleren Temperaturwerte für die zwei berücksichtigten Jahrzehnte (1961-1970 und 2009-2018) zu erhalten, und so den Wert der auftretenden Temperaturschwankungen zu berechnen. Jede europäische Gemeinde wurde einer Zelle zugeordnet, wobei die städtische Dichte und die Form der Küstenlinie berücksichtigt wurden. Weitere Einzelheiten finden Sie in diesen methodologischen Anmerkungen.

Originalartikel im Osservatorio Balcani Caucaso

This article is a partnership with the European Data Journalism Network.

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