Fisch ist aus

Die UNO warnt: Überfischung führt zum Rückgang der Fischbestände. Die EU-Kommission schließt sich diesem Mahnruf an. Manche NGOs gehen noch weiter und sprechen von „erschöpften“ Meeren. Dem gegenüber minimieren die Fischerei-Reedereien das Problem und versichern, dass alle Normen respektiert würden. Bis sich die Bestände sich wieder regenerieren, bietet die Aquakultur eine Alternative.

Veröffentlicht auf 4 August 2009 um 13:25

„19% der Bestände sind überfischt, 8% aufgebraucht“, auch wenn die Situation „seit 10/15 Jahren relativ stabil ist“, warnte die FAO im März diesen Jahres in ihrem Weltbericht zur Fischerei.

27% der Speisefischbestände wären überfischt oder aufgebraucht, 20% würden moderat befischt, während 1 % der Bestände sich wieder erhole „nachdem sie ausgebeutet wurden“, schreibt die FAO. 52% aller Bestände würden heute „bis zur Grenze genutzt“.

Die EU versichert dagegen, dass die Produktivität der Speisefischreserven „von einer verringerten Reproduktionsquote bedroht ist. 80% der Bestände werden so intensiv befischt, so dass der Ertrag letztlich zu gering ausfällt.“

Was sagen unabhängige Experten? „Wir haben die maximalen Fangkapazitäten in unseren Meeren erreicht, doch sind die Speisefischbestände nicht von Aussterben bedroht“, behauptet Fernando de la Gándara, Wissenschaftler am spanischen Meeresforschungsinstitut, der mit seinem Team die Reproduktion des roten Thunfischs in Gefangenschaft erforscht.

Manche NGOs beschreiben die Situation aber weniger nuanciert: „Die Überfischung hat die europäischen Meere geleert. 80% der Bestände werden überfischt, 69% davon sind vom Aussterben bedroht“, hadert ein Bericht der Meeresschutzorganisation Oceana. Raúl García, verantwortlich für Fischerei bei der Umweltorganisation WWF, meint seinerseits, dass „es in verschiedenen Regionen Probleme gibt. Zum Beispiel beim roten Thunfisch im Nordatlantik, den Kabeljau-Beständen in der Ostsee, beim Hechtdorsch im Golf der Gascogne und an der Atlantikküste.“

Bestände optimal genutzt?

Greenpeace hat eine Liste mit 15 zu intensiv befischten Arten erstellt, darunter der Seeteufel, der Kaisergranat, verschiedene Thunfischarten, der Atlantik-Heilbutt und die Scholle. Die Reeder weisen die Vorwürfe der Umweltorganisationen zurück. „Es wird fehlinterpretiert, wenn man behauptet, dass die FAO die Hälfte aller Arten als überfischt betrachtet“, erklärt Javier Garat, Präsident des spanischen Fischereiverbandes Cepesca. „Das bedeutet nämlich im Grunde nur, das die Bestände optimal genutzt werden. Wir sind die Ersten, die die Meere schützen wollen, denn wir wollen in Zukunft ja auch noch fischen. In Spanien und in der EU sind die Auflagen für die Fischerei sehr streng, viel strenger als in anderen Ländern. Natürlich gibt es auch schwarze Schafe, und ich streite auch nicht ab, dass es illegale Fischerei in internationalen Gewässern gibt, aber bei uns nicht.“

Werden Fangmengen verringert, um die Bestände nicht zu erschöpfen? Eigentlich nicht. Andererseits steigt das Fangvolumen insgesamt auch nicht. In den Hauptregionen weltweit wurden laut FAO im Jahr 2006 92 Millionen Tonnen Fische, Krebse und Weichtiere gefischt, die zweitniedrigste Ziffer in den letzten zehn Jahre (außer 2003 : 90,5 Millionen Tonnen). Parallel dazu wurde die Fischereiflotte in Europa, insbesondere in Spanien, drastisch verringert.

China ist die größte Fischerei-Nation der Welt mit 17 Millionen Tonnen pro Jahr. Insgesamt beläuft sich die Produktion von Speisefischen dort auf 51 Millionen Tonnen, wenn man das Volumen aus der Aquakultur hinzurechnet. Spanien ist die Nummer Eins in Europa und liegt weltweit auf dem 22. Platz, mit einem Fangvolumen von 950.000 Tonnen im Jahr 2006 laut FAO und einem gelöschten Fangvolumen von 778.000 Tonnen laut EU.

Doch stammt heute bereits die Hälfte der Produktion aus der Aquakultur. In den Restaurants werden immer öfter Barsch, Dorade und Steinbutt aus der Massenzucht serviert. Wenn die Fischzucht auch ökologisch schonender ist, so erinnern die Umweltschützer daran, dass auch für die Aquakultur Meerestiere verbraucht werden: „Die industrielle Fischzucht verbraucht riesige Mengen an Meerestieren als Fischfutter“, mahnt Greenpeace.

SUBVENTIONEN

Weniger aber leistungsfähigere Fischerboote

Um den zurückgehenden Fischbeständen und der Fischerei-Krise in der Union entgegenzuwirken, hat die EU-Kommission mehrere Subventionsprogramme gestartet. Das Rezept ist einfach: den Fischern Geld geben, damit sie weniger fischen, erklärt L’Espresso. Die Wochenzeitung aus Rom zitiert eine Studie von EU Transparency und der Pew Environment Group. Die beiden NGOs haben 15 Jahre lang Fischereisubventionen untersucht und das Ergebnis auf der Website fishsubsidy.org veröffentlicht. Sie stellen fest, dass der Großteil der 8,5 Milliarden Euro, die zwischen 1994 und 2006 gezahlt wurden, zum Kauf von leistungsfähigeren Schiffen und für Lizenzen in Drittländer genutzt wurden. Zwar ist die EU-Flotte zwischen 1999 und 2007 um ca. 10.000 Schiffe gesunken, doch stiegen die Fangkapazitäten. Dazu, so L’Espresso, wurden zahlreiche Schiffe an Länder außerhalb der Union verkauft (Marokko, Tunesien, Senegal, Gambia, Guinea…), wo sie von lokalen Reedern oder gemeinsam mit europäischen Reedereien genutzt werden. L’Espresso hebt hervor, dass der neue EU-Fonds für die Fischereiwirtschaft, der bis 2013 läuft, keine Subventionen für Joint-ventures oder für Schiffverkäufe an Drittländer mehr vorsieht.

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