Die Vorstellung von Europa als einer Einheit verschiedener Völker, die eine gemeinsame Geschichte teilen, lässt sich bis ins 3. Jahrhundert v. Chr. zurückverfolgen. Damals stellte Apollonios’ Argonautika – verfasst vom Leiter der Bibliothek von Alexandria – erstmals die griechische Gewohnheit in Frage, alle nicht-hellenischen Völker als „Barbaren“ zu bezeichnen. Apollonios nannte ausdrücklich Medeas Muttersprache Kolchisch, eine kartwelische Sprache, und erkannte damit die Vielfalt der Welt jenseits Griechenlands an, einschließlich ihrer sprachlichen Vielfalt.
Hier liegen die Wurzeln der demokratischen Kultur des Zusammenlebens in einer mehrsprachigen Welt, die das bislang fortschrittlichste Paradigma darstellt. Die europäische Zivilisation spiegelt in jeder Phase die anhaltende Spannung zwischen Rechten, Freiheiten, angestrebten Idealen und gelebten Realitäten verschiedener Gruppen, Nationen oder Gemeinschaften über Zeit und Raum hinweg wider, gepaart mit der ständigen Suche nach Formen des Zusammenlebens und der Verbundenheit.
Noch nie in seiner Geschichte war Georgien ein vollwertiges Mitglied dieses Raums. Vielmehr blieb es am Rande stehen und bemühte sich, sich in den europäischen Raum – dieses höchst fesselnde Kontaktnetzwerk – zu integrieren und einzuordnen. Die Intensität dieser Bemühungen schwankte je nach den historischen Umständen.
Der EU-Kandidatenstatus Georgiens, den das Land am 15. Dezember 2023 erhielt, ist die höchste Position, die unser Land in seiner gesamten Geschichte in Bezug auf Europa jemals innegehabt hat. Es ist daher paradox, dass Georgiens europäische Perspektive gerade jetzt, da das Land Europa so nah gekommen ist wie nie zuvor, zunehmend in Frage gestellt wird. Menschenrechte, institutionelle Autonomie, akademische Freiheit und andere Grundprinzipien der Demokratie stehen zunehmend unter Druck.
Anfang Mai hielt Marci Shore, eine amerikanische Professorin für Geistesgeschichte (Schwerpunkt Geistesgeschichte Mittel- und Osteuropas) an der Yale University, einen öffentlichen Vortrag. Eine Studentin der Ilia-Staatsuniversität wurde festgenommen, als sie auf dem Weg zum Vortrag die Treppe zur Universität hinaufging. Ihr wurde vorgeworfen, während einer Protestaktion auf dem Bürgersteig gestanden zu haben. Vor diesem Hintergrund ist es besonders bedeutsam, dass die diesjährigen „Debates on Europe“ in Tiflis stattfinden, einer Stadt, in der es zu anhaltenden Protesten für die EU-Integration kommt.
Seit jeher europäisch
Die europäische Idee hat in Georgien eine lange Tradition. Der alten georgischen Geschichtsschreibung zufolge leitete König Wachtang I. Gorgassali, der Gründer von Tiflis, bereits im 5. Jahrhundert einen radikalen Wandel in der strategischen Ausrichtung des damaligen Georgiens (genauer gesagt Kartlien) ein, indem er den Einflussbereich des Iran (und damit den Zoroastrismus) verließ und sein Land dem Oströmischen Reich (also dem Christentum) zuwandte. König Wachtangs Wille drückte die Treue zum „griechischen Weg“ aus – ein Begriff, der nicht nur die Religion des Landes, sondern auch seine Außenpolitik und seine Bestrebungen in Richtung Westen bestimmte.
Dieser Wille wurde im 8. Jahrhundert zum Leitprinzip der politischen Agenda Georgiens: Kartlien, ein Pufferstaat des Oströmischen Reiches oder, wie es der Chronist Iovane Sabanisdze im 8. Jahrhundert beschrieb, der Rand und die Peripherie der mittelalterlichen christlichen Welt, verkörperte dennoch alle typischen Merkmale des Zentrums.
Die georgischen Herrscher*innen, von David dem Erbauer bis hin zu Königin Rusudan, waren bestrebt, das Land durch dynastische Verbindungen, Diplomatie und kulturellen Austausch in Europa zu verankern. Der Fall Konstantinopels unterbrach diesen Prozess für Jahrhunderte. Georgien erlebte eine lange Phase politischer Zersplitterung und kulturellen Niedergangs, bevor unter Wachtang VI. und Erekle II. erneut Reformbemühungen unternommen wurden, die darauf abzielten, die alten feudalen Strukturen in Georgien abzubauen.
„Bildung, Wissen und Gelehrsamkeit sind Kräfte, denen heute nichts etwas entgegenzusetzen hat: weder Faust noch Schwert, noch eine große Armee“ – Ilia Chavchavadze
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gipfelte dieser Prozess in dem von Ilia Chavchavadze und der Gesellschaft zur Förderung der Alphabetisierung angeführten Modernisierungsprojekt nach europäischem Vorbild, das dem Land zu Beginn des 20. Jahrhunderts, noch vor der sowjetischen Besetzung, drei Jahre Unabhängigkeit sowie die fortschrittlichsten demokratischen Standards bescherte.
Auch die Zeit nach dem Ende der Sowjetunion war im Hinblick auf die europäische Integration weder einfach noch günstig. Der jüngste radikale Umschwung in Politik, Kultur und insbesondere im Bildungswesen fügt der europäischen Perspektive der demokratischen Entwicklung unseres Landes und seiner Zukunft insgesamt irreparablen Schaden zu. Diese negativen Entwicklungen gefährden die Angleichung des georgischen Hochschulsystems an das europäische. Sie verletzen die gesetzlich zu garantierende akademische Freiheit und institutionelle Autonomie und bewirken, dass den Universitäten konkret die Schließung droht.
Aufgrund eines Regierungsbeschlusses wurden die Studiengänge und die Studierendenzahlen an der Ilia State University – die von internationalen Experten die höchste Bewertung erhalten hatte – für das Jahr 2026 um 92 % gekürzt.
In den letzten Jahren gab es vielfältige Zeichen für die anhaltende Unterstützung der europäischen Idee – sowohl konkrete und statistische als auch symbolische und metaphorische: 80 bis 85 % der Bevölkerung sprechen sich nachdrücklich für eine europäische Zukunft aus, und die EU-Flagge wehte während jahrelanger Proteste auf den Straßen von Tiflis.
Doch die Begeisterung für Europa ging lange Zeit mit einer strukturellen Schwäche einher: Die Tatsache, dass Georgien nicht Teil des historischen Prozesses war, der zur Gründung der Universität führte, wirkte sich nachteilig aus. Die Universität ist eine der ältesten und gefestigtsten europäischen Institutionen und ein wesentlicher Faktor im Kern der modernen, unabhängigen und demokratischen europäischen Gesellschaft. Das Land war bis 1918 von dieser Entwicklung ausgeschlossen.
Eine kritische Betrachtung dieser Lücke oder ihrer Alternativen in unserer historischen Entwicklung kann uns bis zu einem gewissen Grad helfen, eine Reihe von Umständen zu verstehen, die zuvor unerklärlich schienen. Natürlich kann der historische Rückblick keine direkte Antwort auf unsere Frage zur zutiefst umstrittenen europäischen Agenda liefern. Dennoch kann er ein klareres Verständnis dafür bieten, wie sich die Idee der Universität in Georgien entwickelte, warum wir uns dort befinden, wo wir heute sind, und warum die rasche und reibungslose Übernahme bewährter Praktiken in die bereits 35 Jahre andauernde postsowjetische Ära so schwierig erscheint.
Wissenschaft vs. Universität
Im mittelalterlichen christlichen Osten und Westen entwickelten sich unterschiedliche Ansätze in Bezug auf Bildung, Autorität und Wissen. Diese Unterschiede prägten gegensätzliche Auffassungen von der Universität und ihrer Rolle in der Gesellschaft.
Auch die Merkmale und die Chronologie der Moderne im christlichen Osten sind umstritten. Dort tauchten Elemente der Moderne Jahrhunderte früher auf als im Westen, mit der allmählichen Emanzipation der Volkssprachen, die in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens vordrangen und schließlich zu Schriftsprachen wurden. Bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. hatten sich Syrisch, Koptisch, Äthiopisch, Armenisch, Georgisch und Kaukasisch-Albanisch als Schriftsprachen mit eigenen Alphabeten etabliert.
Während die Volkssprachen aufblühten, unterlag die religiöse Autorität im Oströmischen Reich einer strengen Kontrolle. Priestern wurde untersagt, den Inhalt ihrer Predigten selbst zu gestalten, eine eigenständige Auslegung der Heiligen Schrift wurde unterbunden, und bei der Verkündigung durften ausschließlich die Predigtwerke der Kirchenväter verwendet werden. Diese Einschränkung der intellektuellen Debatte trug später zur Entstehung der Universitäten in Westeuropa bei.
Die oströmische Welt als vorherrschender kultureller Rahmen mag zwar im Umgang mit den Volkssprachen scheinbar demokratisch gewirkt haben, war aber in Bezug auf die Auslegung biblischer Texte genau das Gegenteil und hinderte die Priester daran, den Inhalt ihrer Predigten selbst zu gestalten. Die östlich-christliche Welt lehnte jeden Versuch, eigene Auslegungen biblischer Passagen zu präsentieren, entschieden ab und schrieb vor, dass bei der Predigt ausschließlich die homiletischen Werke der Heiligen Väter herangezogen werden durften.
Das bedeutet, dass im Oströmischen Reich wesentliche Elemente verboten waren: das Lesen und Verstehen religiöser Texte, eine mehr oder weniger freie, individuelle Auslegung, Reflexionen, das Umschreiben und die Neubewertung. Tatsächlich schränkte das Oströmische Reich das ein, was im Westen zum Studium Particulare und zum Studium Generale – den Vorläufern der mittelalterlichen westlichen Universität – führte, die Entstehung mittelalterlicher westlicher Universitäten als Zunft von Studenten und Meistern.
So führten die beiden genannten religiösen Verbote zu erheblichen Unterschieden in der Entwicklung des mittelalterlichen Ostens und Westens. Die Folgen dieser unterschiedlichen Entwicklungswege sind heute offensichtlich: starke Tendenzen zum mittelalterlichen Ethnonationalismus und ethnische Konflikte in den Ländern des ehemaligen mittelalterlichen christlichen Ostens sowie universitäre Werte wie Toleranz, Gleichheit, Menschenrechte und Demokratie in den Ländern des mittelalterlichen christlichen Westens.
Es überrascht daher nicht, dass sich im mittelalterlichen christlichen Osten keine Universitäten entwickelten, sondern ein ausgeklügeltes System byzantinischer religiöser Bildung, dessen Mittelpunkt Akademien bildeten, allen voran die Akademie von Mangana und ihre wichtigsten Zweigstellen in Alexandria und Antiochia. Obwohl einige moderne Enzyklopädien Mangana – bereits 425 als philosophische Schule gegründet – als Universität bezeichnen, ist der Status der Akademie als solche nach wie vor höchst umstritten.
Das gleiche Muster lässt sich in den Pufferstaaten des christlichen Ostens beobachten, darunter auch im mittelalterlichen Georgien. Anstatt Universitäten hervorzubringen, führten ihre Traditionen der höheren Bildung zur Entstehung akademischer Zentren, die den religiösen Akademien der byzantinischen Welt nachempfunden waren.
Als die Akademie von Mangana von einer Welle religiöser Unterdrückung erschüttert wurde, die zur Verbannung neoplatonischer Gelehrter und ihrer Anhänger führte, kehrten zwei georgische Studenten, Iovane Petritsi und Arsen von Ikalto, in ihre Heimat zurück und spielten eine Schlüsselrolle bei der Gründung der Akademien von Gelati und Ikalto. Über die Funktionsweise dieser Einrichtungen sind, abgesehen von oft umstrittenen historischen Überlieferungen, nur wenige Belege erhalten. Die in Gelati und Ikalto verfassten, übersetzten und kopierten Werke lassen jedoch vermuten, dass Georgiens Hochschulen dem Vorbild der Akademie von Mangana eng folgten.
Ebenso wie in Byzanz erlitt die Idee eines auf Wissen basierenden Glaubens in Georgien eine bittere Niederlage. Die Strömungen, die zur Entstehung der Universitäten im mittelalterlichen Westen beitrugen, wurden im Georgien des 13. Jahrhunderts endgültig ausgelöscht, als die Kirche dem größten Werk der georgischen Literatur aller Zeiten, Der Recke im Tigerfell von Schota Rustaweli, den Krieg erklärte. Das Gedicht wurde so stark verfolgt, dass keine seiner früheren Abschriften erhalten geblieben ist.
So führte das Fehlen der grundlegenden Phase der Hochschulbildung im Mittelalter in Verbindung mit den Entwicklungen nach dem Fall Konstantinopels zu einer langfristigen Lücke in unserer angestrebten europäischen Perspektive.
Ähnliche Wege, unterschiedliche historische Kontexte
Erst im 19. Jahrhundert konnte Georgien wieder den Weg nach Europa einschlagen und, wie die kleineren europäischen Nationen, sein europäisches Modernisierungsprojekt in Angriff nehmen. Im Jahr 1918 legte dies den Grundstein für einen unabhängigen Staat, der sich für die damalige Zeit durch ein herausragendes Maß an Demokratie auszeichnete. Nur wenige Monate zuvor war die erste Universität in Georgien und im weiteren Sinne im Südkaukasus gegründet worden. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts entbrannten heftige Debatten zwischen der technischen und der intellektuellen Elite über die Hauptaufgabe der Universität als zentraler Gestalter der Wissensgesellschaft.
Zum ersten Mal in Georgien schufen die Universität und ihre Gründer eine selbstorganisierte Gemeinschaft nach europäischem Vorbild. In ihr kamen die politische Elite und die herrschenden Gruppen mit radikal unterschiedlichen ideologischen Ausrichtungen zusammen und es gelang ihnen, auf der Grundlage demokratischer Prinzipien gemeinsame Verantwortung zu übernehmen.
Etwa drei Jahre später sah sich die erste Demokratische Republik Georgien mit historischen Umständen konfrontiert, die sich gänzlich von denen der kleineren europäischen Nationen unterschieden. Darüber hinaus war Georgien aufgrund der sowjetischen und postsowjetischen Isolation von jenem Rahmen ausgeschlossen, in dem deren Entwicklung beschrieben wurde, obwohl das Land zwischen 1870 und 1921 die Phasen der Nationalstaatsbildung durchlaufen hatte, die der Historiker Miroslav Hroch in seiner vergleichenden Studie über kleinere europäische Nationen dargelegt hatte.
Das gleiche Schicksal ereilte Georgiens erste Universität, deren Gründer entlassen, vor Gericht gestellt oder hingerichtet wurden.
Im Bereich der Hochschulbildung erwies sich die postsowjetische Zeit als nicht weniger herausfordernd und war geprägt vom Aufbrechen aller bisher bestehenden Standards. Die Modernisierung des Hochschulwesens in Georgien begann im Jahr 2005, als das Land dem Bologna-Prozess beitrat. Diese Zeit markierte den Beginn des schwierigsten Weges hin zur Standardisierung der Hochschulbildung in Georgien sowie zur Stärkung ihrer Aufgaben – Bildung, Forschung und die sogenannte „dritte Aufgabe“, in deren Rahmen die Universität als Institution dazu aufgerufen ist, die Bürgerkultur und das öffentliche Bewusstsein zu fördern.
Vor dem Hintergrund der europäischen Integration wurde im Jahr 2006 die Ilia-Staatsuniversität gegründet. Es war von Anfang an ihr Ziel, Bildung, Forschung und gesellschaftliches Engagement miteinander zu verbinden, was die allgemeinen Bemühungen widerspiegelte, Georgiens akademische Einrichtungen an europäische Standards anzupassen. Damit hat die Universität versucht, das Erbe von Ilia Chavchavadze fortzuführen, der Bildung als Grundlage sowohl für die nationale Entwicklung als auch für die europäische Moderne betrachtete. Wie er so treffend schrieb: „Bildung, Wissen und Gelehrsamkeit sind Kräfte, denen heute nichts etwas entgegenzusetzen hat: weder Faust noch Schwert, noch eine große Armee.“
Wie im Fall von Ilia Chavchavadzes europäischem Projekt gilt auch im heutigen Georgien, dass die Universität – und das Hochschulwesen im weiteren Sinne – ein Motor des Wandels sein sollte, eine Institution, die darauf abzielt, einen öffentlichen Raum zu fördern, der nicht nur in Georgien, sondern weltweit immer weiter schrumpft; einen Raum, in dem moderne, multidimensionale und pluralistische Gesellschaften zusammenkommen können, um die Formen ihrer Vernetzung zu diskutieren und sich letztendlich über sie zu einigen.

🤝 Dieser Beitrag erscheint in Zusammenarbeit mit „Debates on Europe“ anlässlich der Debatten in Tiflis, die im Juni 2026 stattfanden.
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