
Giorgi Mamulia ist Doktor der Geschichtswissenschaften, Absolvent der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Frankreich und Spezialist für die Geschichte des Kaukasus.
Seine Arbeiten erscheinen regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Zudem ist er Autor und Forscher am Centre d'études des mondes russe, caucasien et centre-européen (CERCEC) in der Nähe von Paris.
Manana Kweliaschwili: Welchen Schaden hat Stalin Georgien zugefügt, und wie lässt sich trotz allem seine anhaltende Beliebtheit erklären?
Giorgi Mamulia: Dafür gibt es mehrere Gründe. Der wichtigste ist, dass Stalin für einen Teil unserer Bevölkerung zum Vorbild für eine erfolgreiche Karriere wurde. Vor allem in den unteren sozialen Schichten wird Stalin noch immer als georgischer König auf russischem Thron angesehen. Die Vorstellung, dass ein Mann aus einfachen Verhältnissen zu Erfolg gelangen kann, ist ansteckend und dieser Mythos lebt heute weiter.
Stalins Beispiel suggeriert, dass jemand, der als armer georgischer Bauer aus einer Familie ohne Perspektiven stammt, es dennoch schaffen kann, auf den Thron des riesigen Russischen Reiches zu gelangen. Diese Vorstellung ist unter Georgiern und Georgierinnen seit langem präsent und wird es auch sicher noch bleiben.
Der Kommunismus, insbesondere die stalinistische Variante des Bolschewismus, erwies sich als außerordentlich anpassungs- und nachahmungsfähig, vor allem in Bezug auf die konservativen und traditionellen Werte in unserer Gesellschaft. Wenn man genau hinschaut, erkennt man, wie der Kommunismus diese rückständigen und schädlichen Überreste absorbiert hat – die sogenannten „Traditionen”, die nicht nur das russische Volk, sondern auch die Menschen in allen rückständigen Republiken der UdSSR prägten.
Die ethnische Solidarität, die viele Georgier*innen gegenüber Stalin empfinden, ist an sich schon rückständig. Was also hält Stalins Widerstandsfähigkeit aufrecht? Sie ist eindeutig eine direkte Folge der russischen Propaganda, die sich in Georgien verbreitet.
Der Stalinismus und die UdSSR in ihrer stalinistischen Form werden in dieser Propaganda als russisches Imperium dargestellt, mit Stalin als Kaiser. Diese Propaganda findet bei den weniger gebildeten und weniger kritisch denkenden Menschen Anklang. Obwohl sie Zugang zu alternativen Informationen hätten, beherrschen sie leider keine Fremdsprachen. Dieser Teil der Bevölkerung wird besonders von der russischen Propaganda beeinflusst.
Wenn man in Georgien mit den Leuten spricht, hört man oft: „Wir brauchen Stalin. Wenn er noch leben würde, dann würdet ihr sehen, was er mit ihnen machen würde.” Wie ist es möglich, dass Stalin's Brutalität und Unterdrückung auch nach so vielen Jahren noch immer so sehr bewundert werden, dass sich die Menschen seine Rückkehr wünschen? Was sagt das über unser Volk aus?
Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste ist der Mangel an Bildung und das Fehlen alternativer Informationen, wie ich bereits erwähnt habe. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR erlebte Georgien unter der postkommunistischen Führung von Schewardnadse eine äußerst schwierige Zeit. Dann begannen unter der Regierung Saakaschwili Reformen, die er jedoch leider nicht vollständig umsetzen konnte.
Dann kam die derzeitige Regierung an die Macht, und wir sind praktisch in eine oligarchische Realität abgeglitten, in der materielle Interessen alles dominieren. Unter solchen Umständen ziehen Menschen, die nichts anderes als die Sowjetzeit erlebt haben, Vergleiche zwischen dieser Zeit und der Gegenwart.
Dazu kommt ihr sozialer Background. Diese Menschen fürchten sich vor der Zukunft. Welche Optionen stehen ihnen noch offen? Viele gehen in die Kirche, um Trost zu finden und der Realität zu entfliehen, mit der sie derzeit in Georgien konfrontiert sind.Dass vor kurzem eine Stalin-Ikone in der Heiligen-Dreifaltigkeits-Kathedrale [der größten und neuesten orthodoxen Kirche in Tiflis] auftauchte, ist ein typisches Beispiel dafür. Man bedenke, wie viele verstörte Menschen in Russland mit Stalin-Ikonen herumlaufen.
Russland instrumentalisiert die orthodoxe Kirche, genauso wie vorher den Kommunismus, damit die Georgier*innen im Einflussbereich Russlands bleiben und daran gehindert werden, sich ideologisch von den 70 Jahren Kommunismus zu befreien, die wir erdulden mussten.
„Wir müssen uns bewusst sein, dass Stalinismus und Rückständigkeit ein und dasselbe sind”
Welchen Schaden hat Stalin in Georgien angerichtet? Wie hat sich die Tatsache, dass Stalin Georgier war, auf Georgien ausgewirkt?
Von allen Sowjetrepubliken hat Georgien am meisten unter Stalins Herrschaft gelitten. Stalin und seine Untergebenen, Sergo Ordschonikidse und die georgischen Bolschewiki, waren für die Sowjetisierung Georgiens und den Einmarsch der 11. Rotarmee im Februar 1921 verantwortlich. Sie wussten, dass sie in Russland keine Zukunft haben würden, wenn Georgien unabhängig bliebe. Sie drängten auf die Sowjetisierung Georgiens, um ihre eigenen Positionen zu sichern. Stalin wollte ja von der Zentrale aus regieren.
Unmittelbar nachdem der Oberste Rat der Entente [die Alliierten, die den Ersten Weltkrieg gewonnen haben] Georgien am 26. Januar 1921 als unabhängig anerkannt hatte, wurde die Entscheidung getroffen, zu intervenieren. Dies wiederholte sich 2008, als Georgien die NATO-Mitgliedschaft versprochen wurde und es sofort zu russischen Provokationen und einer Invasion kam.
Nach der Sowjetisierung besuchte Stalin 1922 zum ersten Mal Georgien. Die Georgierinnen und Georgier empfingen ihn sehr kühl. Mitarbeitende der Eisenbahn fragten ihn: „Warum haben Sie die Unabhängigkeit Georgiens aufgegeben? Was können Sie uns dafür im Gegenzug anbieten?“ Woraufhin Stalin offen erklärte, dass Georgien gesäubert und alle antibolschewistischen Manifestationen zerstört werden müssten.
In den frühen 1930er Jahren dann verschlechterten sich Stalins Beziehungen zu den alten Bolschewiki drastisch. Selbst diejenigen, die die Sowjetisierung unterstützt hatten, befürworteten nun die Autonomie und lehnten den von Stalin geforderten totalen Gehorsam ab. Während der Säuberungen von 1937 beschloss Stalin, nicht nur die alten Bolschewiki selbst zu eliminieren, sondern auch ihre Familien und Verwandten sowie alle, die sie in Georgien in eine relativ wichtige Position berufen hatten. Dies führte zu einer Ausweitung der Repressionen.
Laut Stalins Listen wurden zwischen 1937-1938 3.600 Menschen unterdrückt, von denen 3.500 hingerichtet wurden. Nur etwa 100 Personen, überwiegend Frauen, wurden ins Exil geschickt. Zusätzlich zu den Personen auf den Listen wurden weitere 20.000 Menschen hingerichtet.

Der Zweite Weltkrieg hatte verheerende Auswirkungen auf die georgische Bevölkerung. Um den Russen zu zeigen, dass er die Georgier nicht bevorzugte, schickte Stalin viel mehr georgische Soldaten an die Front als aus anderen Sowjetrepubliken. Stalin, der Georgier auf dem russischen Thron, fürchtete den russischen Chauvinismus zutiefst. Deshalb versuchte er, alle davon zu überzeugen, dass er Russe und kein Georgier war.
Nach dem Krieg fragte ihn einmal ein General: „Josef Wissarionowitsch, wie können Sie als Georgier die russische Mentalität so gut verstehen?“ Stalin missfiel diese Frage und er antwortete: „Ich bin kein Georgier, ich bin Russe georgischer Herkunft. Ich bin Russe georgischer Herkunft!“
Alle seine Handlungen zielten darauf ab, seine Karriere auf Kosten seines eigenen Volkes und der Interessen Georgiens voranzutreiben. Georgische Kommunisten hatten zwar einen direkten Kontakt zu Stalin, aber das war kein Privileg. Auch sie waren von den Säuberungen von 1937 betroffen.
Diese Repressionen zerstörten einen Großteil unserer Intelligenzija und einen wichtigen Teil der Bauernschaft. Dasselbe geschah in den 1950er Jahren, als sich Stalin in seinen letzten Lebensjahren gegen Beria und die anderen alten Mitglieder des Politbüros wandte und ihnen nicht mehr vertraute.
Trotz Stalins blutiger Verbrechen überwiegt bei seiner Bewertung noch immer provinzielles Denken. Auch heute noch glauben manche Menschen, dass er als Georgier dem Land Vorteile gebracht habe.
Ich dagegen bin überzeugt, dass die Unterdrückung unseres Landes weit weniger gravierend gewesen wäre, wenn Georgien keine Verbindung zu Stalin gehabt hätte und sich in einer ähnlichen Lage wie Turkmenistan oder Usbekistan befunden hätte. Letztendlich waren es Stalins enge Verbindungen zu Georgien und seine Kenntnis der lokalen Gegebenheiten, die dazu führten, dass Georgien einen so hohen Preis für den Stalinismus zahlen musste.
Stalin als Heiligen zu bezeichnen und ihn zu einer Ikone zu machen, ist reine stalinistische Propaganda und das Ergebnis unserer Rückständigkeit und unserer provinziellen Komplexe.

Was ist das Ziel derjenigen, die den Stalin-Kult wiederbeleben? Was hoffen sie damit in der georgischen Gesellschaft zu erreichen?
In erster Linie geht es darum, sich Russland anzunähern und die Idee zu verbreiten, dass Stalin Georgier war und die UdSSR gegründet hat und dass das Leben dort gut war. Was will man mehr? Außerdem wird das Bild eines Mannes aus einfachen Verhältnissen propagiert, der Großes erreicht hat. Das spricht die Massen an. Das ist das gleiche Phänomen wie mit Bidsina Iwanischwili in Georgien oder Silvio Berlusconi in Italien.
Warum haben die Georgier Iwanischwili unterstützt? Aus dem gleichen Grund, aus dem Stalin einst unterstützt wurde. Der Traum eines Menschen aus bäuerlichen Verhältnissen ist es, plötzlich ein milliardenschwerer Oligarch zu werden und alle seine persönlichen Launen befriedigen zu können, wie zum Beispiel Zebras zu importieren. Das ist auch im heutigen Kapitalismus noch das Ideal.
Stalins Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind genauso schlimm wie die Hitlers, wenn nicht sogar schlimmer. Während Hitler in die Geschichte als das Böse einging, ist das bei Stalin noch immer nicht der Fall. Warum ist das so?
Hitler und die Nazis regierten Deutschland von 1933 bis 1945. Stalin kam 1924 an die Macht und regierte die UdSSR 30 Jahre lang. Unter Stalin wurde die UdSSR als Staat gegründet. Er schuf ein System, das auf Terror, Angst, Totalitarismus und totaler staatlicher Kontrolle beruhte. Die Angst, die er verbreitete, ermöglichte es dem System aber, auch nach seinem Tod noch 40 Jahre lang zu überleben. Stalin war ein Tyrann östlicher Prägung, der über die Ressourcen eines riesigen russischen Reiches verfügte und in genau diesem Ausmaß auch seinen Terror ausübte.
Wie können wir Stalin töten?
Durch Bildung. Allen, die in diesem System aufgewachsen sind, kann nicht geholfen werden. Sie sind wie Gläubige. Für sie ist Stalin zur Ikone geworden und nichts kann ihre Meinung ändern. Sie glauben an ihn. Veränderungen sind nur bei jüngeren Generationen möglich, die nicht unter Stalin gelebt haben.
Dies kann durch Bildung, entsprechende Literatur und Aufklärungskampagnen in den Medien erreicht werden. Wir müssen uns bewusst sein, dass Stalinismus und Rückständigkeit ein und dasselbe sind. Für Georgier und Georgierinnen ist der Stalinismus die deutlichste und gefährlichste Form der Rückständigkeit.
👉 Originalartikel auf Batumelebi
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