Die „Porta Macedonia”, eingeweiht 2012 auf dem Pella-Platz in Skopje

In Skopje wird Geschichte zurechtgebogen

Von Alexander dem Großen bis hin zu Mutter Theresa deckt sich die kleine, zwischen Bulgarien und Griechenland eingeklemmte Republik mit Schulden und Statuen ein, um ihre Identität zu behaupten.

Veröffentlicht am 28 August 2013 um 15:21
Die „Porta Macedonia”, eingeweiht 2012 auf dem Pella-Platz in Skopje

Wie kann man sich behaupten, wenn man – wie Mazedonien – ein kleines Land ist, deren einer Nachbar – Bulgarien – seine nationale Identität in Abrede stellt, und deren zweiter Nachbar – Griechenland – seinen Namen ablehnt? Seit zwei Jahren ist diese kleine, zwei Millionen Einwohner zählende Balkanrepublik gezwungen, sich offiziell FYROM zu nennen (die englische Abkürzung für „Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien“). [Und dennoch] setzt sie überwältigende Kräfte und Mitteln ein, um zu beweisen, dass auch sie weit in die Geschichte zurückreichende Wurzeln hat – genau wie ihre reizbaren Nachbarn. [Mazedonien] schreibt seine Geschichte neu: Im Bronze und Stuck mehrerer Dutzend Statuen, die nun seine Hauptstadt Skopje schmücken. Jede einzelne bemüht sich darum, die antike Vergangenheit Mazedoniens zu verherrlichen und wagt es sogar, Alexander den Großen (alias Alexander III. von Makedonien) als Vorfahren zu inszenieren. In Athen reagiert man auf diese Vision [der Geschichte] angewidert und verurteilt sie schlicht und einfach als „unberechtigte Aneignung“ des berühmtesten Eroberers der eigenen Geschichte.

100 Meter Geschichte

Das Verschönerungsprojekt der mazedonischen Hauptstadt, die im Jahr 1963 durch ein Erdbeben zerstört wurde, ist die Gelegenheit, eine neue Erzählung der nationalen Geschichte durchzusetzen. Das „Skopje 2014“ getaufte Projekt verbindet neoklassische Bauten mit Gebäuden im Barockstil (ein Stil, der in diesem ländlichen Teil der Balkanhalbinsel nie verwendet wurde), und integriert Springbrunnen, Säulengänge, Fußgängerbrücken über der Vardar und römische Galeeren an den Ufern des Flusses. Und das Ganze wird von einer Vielzahl von Skulpturen geschmückt. Die ehrfurchterregendste aller [Statuen] ist 23 Meter hoch und trägt den Namen „Krieger zu Pferd“. Dabei ist jedem durchaus bewusst, dass sie Alexander abbildet. Außerdem steht sie genau gegenüber der Statue „Krieger zu Fuß“, die Alexanders Vater, Philipp II. von Makedonien, repräsentiert. Mit der offiziellen Bezeichnung soll nur verhindert werden, dass Athen (und die Europäische Union, die Griechenland unterstützt, und damit den EU-Beitritt Mazedoniens immer weiter nach hinten hinausschiebt) sich verletzt fühlen.

Auf diese Art und Weise wird die ganze Geschichte der Gegend mitten im Zentrum der Hauptstadt auf nicht einmal 100 Metern dargestellt. Die Statue von Kaiser Justinian I. erinnert daran, dass Mazedonien nach Alexander Roms „Grandeur“ erlebte. Ein paar Schritte weiter beeindruckt König Samuel (10. Jahrhundert) den Passanten. Lokalhistoriker sind der Überzeugung, dass er der Gründer des ersten Staates der Slawen Mazedoniens ist. Dabei wird genau diese Version von Bulgarien als unzutreffend bezeichnet. Für Sofia ist dieser König nämlich ein bulgarischer Herrscher, der nur den Mittelpunkt seines Königreiches von Sofia nach Ohrid, im Süden Mazedoniens, verlegt hat... Aus dieser mittelalterlichen Epoche verherrlicht Skopje auch die Heiligen Kyrill und Methodius, denen die Slawen ihr Alphabet zu verdanken haben, aber auch die Heiligen Kliment von Ohrid und Naum, die in Ohrid die erste slawische Universität gegründet haben. Insgesamt handelt es sich also um vier Persönlichkeiten, um die sich Bulgaren und Mazedonier streiten.

Sonderbarerweise scheint die fünf Jahrhunderte lange türkische Besetzung keine Spuren hinterlassen zu haben, die es wert gewesen wären, zum nationalen Erbe hinzugezählt zu werden. Vom Mittelalter geht es dementsprechend gleich weiter mit dem 19. Jahrhundert und der Verherrlichung der Männer, die gegen das Osmanische Reich gekämpft haben. Sie bewundert man in Bronze und zu Pferd: Militärische Führer oder Ideologen wie Goze Deltschew und Damjan Gruew, welche die Innere Mazedonische Revolutionäre Organisation (kurz IMRO) gründeten.

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Kein Platz für dunkle Flecken

Im Gedenken an diese Helden des nationalen Kampfes bauten ihre Nachkommen am anderen Ufer der Vardar ein Museum und erweckten die alte Partei 1990 zu neuem Leben. Seit den Parlamentswahlen im Jahr 2006 regieren sie das Land. Das 2011, zum 20. Jahrestag der Unabhängigkeit Mazedoniens eröffnete Museum, ist eine Aneinanderreihung unzähliger Wachsstatuen und im Stil des Realismus des 19. Jahrhunderts gehaltener Gemälde, welche die Schrecken, Leiden und Heldentaten der kleinen Leute zeigen.

Nur äußerst oberflächlich behandelt wird die Phase, in der die IMRO zwischen beiden Weltkriegen terroristisch aktiv war, sowie ihre Zusammenarbeit mit den Nazis. Außerdem verschweigt das Museum die Rolle, die Titos kommunistisches Jugoslawien für die mazedonische Nation und Sprache gespielt hat.

Dieser überzogene Nationalismus irritiert die albanische Minderheit, die ein Viertel der Bevölkerung des Landes ausmacht. Zwar hat sie ihren Skanderbeg-Platz zur Würdigung des albanischen Nationalhelden bekommen, und wird auch eine Statue von Mutter Teresa erhalten – die albanische Heilige, die in Mazedonien geboren wurde, und in Indien zur Wohltäterin wurde. Aber genug ist genug. Nach den gewalttätigen Straßenkrawallen zwischen jungen Albanern und jungen Mazedoniern Anfang 2011 war die Regierung gezwungen, auf den Bau eines Kirchenmuseums zu verzichten, das ein Kreuz auf dem Gipfel der albanischen Festung Kale von Skopje überragen sollte. Darüber hinaus ärgert sich diese größtenteils muslimische Gemeinschaft auch über den zunehmend wachsenden Einfluss der Orthodoxie, die von dieser Ode an die alte Vergangenheit begünstigt wird.

Teurer Kitsch

Dagegen teilen nicht alle orthodoxen Mazedonier den nationalistischen Traum und die Rückbesinnung auf antike Quellen. „Ich brauche weder Alexander noch Philipp um zu wissen, dass ich Mazedonier bin“, schimpft der Soziologe Vladimir Milcin. „Das habe ich als kleines Kind von meiner Großmutter gelernt. Meine Sprache ist Slawisch. Meine Familie orthodox. Und ich sehe nichts, was Alexander und die Orthodoxie miteinander verbinden könnte.“

Während das krisengebeutelte Land nahezu alle zwei Monate neue Schulden aufnimmt, um die Renten und Gehälter seiner Beamten zu bezahlen, fragen sich die Bewohner Skopjes nach und nach, wie hoch der Preis für all diesen Kitsch ist. „Man sagt uns, dass dies die Touristen anziehen wird, aber die Touristen lassen sich auch in Disneyland fotografieren“, meint der neue Bürgermeister des Innenstadtbezirks von Skopje, Andrej Zemovski, der untröstbar ist, dass seine Stadt zum „Gespött der ganzen Welt“ wird.

Vom Traum zur Farce

Der im März gewählte [Zemovski] hat sich seinen ganzen Wahlkampf über gegen „Skopje 2014“ gestellt – zum Leidwesen der Verwaltung, die bis dahin von den Männern der IMRO beherrscht wurde. „Als sich bei der ersten Runde der Kommunalwahlen abzeichnete, dass ich aller Voraussicht nach gewinnen würde, wurden in den Straßen Skopjes über Nacht 29 Statuen aufgestellt. Meine Vorgänger wussten, dass sie diese nach meiner Amtsübernahme nicht mehr errichten können würden“, erzählt Andrej Zemovski. Die erste Entscheidung, die er in seinem kleinen Bürgermeisterbüro traf, war folgende: Er nahm alle Fotografien der geliebten Denkmäler des alten Teams ab. Und in einer ersten offiziellen Maßnahme sprach er ein Moratorium der Bauarbeiten aus und forderte eine Finanzprüfung.

Der Minister für Kultur, der mit diesem Skandal gerechnet hatte, beeilte sich mit der Bekanntmachung der Kostenerhöhung für das Gesamtprojekt, das rund 80 Millionen Euro kosten sollte und bereits 300 Millionen Euro verschlungen hatte. Die Alexander-Statue kostete letzten Endes 10,4 Millionen Euro, das Museum des nationalen Kampfes ein bisschen mehr als 13 Millionen Euro... In einem Land, in dem jeder dritte Einwohner unterhalb der Armutsgrenze wohnt, wurde das Projekt „Skopje 2014“, das wie ein Traum begonnen hatte, nicht nur überaus leichtsinnig durchgeführt, sondern wird aller Voraussicht nach in einer Abrechnungs-Farce enden.

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