„Die Jugend wird immer rechter“, hört man oft und manche Verallgemeinerungen haben einen wahren Kern. Die von uns gesammelten statistischen Daten zeigen tatsächlich einen Anstieg der Popularität der rechtsextremen Parteien bei den 18- bis 24-Jährigen und den 25- bis 34-Jährigen. In Ländern wie Frankreich, Deutschland, Schweden und Spanien geht dieser Trend mit einer Abkehr der jungen Wählerinnen und Wähler von den traditionellen Parteien einher.
Während bei den Parlamentswahlen 2002 in Frankreich 6 % der 18- bis 24-Jährigen und 13 % der 25- bis 34-Jährigen für den Front National (FN, 2018 umbenannt in Rassemblement National) stimmten, stieg dieser Anteil bis 2024 auf 33 % bzw. 32 %. Diese Entwicklung ging einher mit dem Durchbruch der radikalen Rechten in der Bevölkerung insgesamt: 11 % der Stimmen in der ersten Runde der Parlamentswahlen 2002 und 34 % im Jahr 2024.
In Deutschland erfreut sich die AfD - auf Bundesebene lange Zeit eine Randerscheinung - ebenfalls wachsender Beliebtheit bei jungen Menschen. Bei ihrer Gründung im Jahr 2013 erzielte die rechtsextreme Partei 5,3 % der Stimmen der 18- bis 24-Jährigen und 5,4 % der 25- bis 34-Jährigen. 2025 war die Partei die zweitbeliebteste Partei bei den 18- bis 24-Jährigen (19 %) und die beliebteste bei den 25- bis 34-Jährigen (20,8 %).
| Methodik |
| Daten zur Stimmaufteilung junger Menschen auf die verschiedenen Parteien sind rar und schwer zugänglich. Unsere Analyse basiert auf einer Vielzahl von Daten zu den Parlamentswahlen in Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden, Spanien, Schweden und der Tschechischen Republik seit dem Jahr 2000. Sie wurden von Meinungsforschungsinstituten, offiziellen Behörden oder Universitäten erhoben. Sofern nicht anders angegeben, beziehen sich die Daten ausschließlich auf Parlamentswahlen und die Wahlbeteiligung für die Altersgruppen 18-24 Jahre und 25-34 Jahre. Da diese Zahlen unvollständig sind und nach unterschiedlichen Methoden erhoben wurden, ist es schwierig, die verschiedenen nationalen Gegebenheiten zu vergleichen. Unsere Analyse basiert so weit wie möglich auf Daten, die miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Weitere Informationen zu unseren Quellen finden Sie hier. |
Damals gaben 3 % der 18- bis 24-Jährigen und 4,5 % der 25- bis 34-Jährigen an, für die rechtsextreme Partei Vox stimmen zu wollen.
Ist Spanien ein Land, in dem junge Menschen die Rechtsextremen meiden? Diese Schlussfolgerung ist verlockend, entspricht aber nicht ganz der Realität: 2023 gaben 12,4 % der 18- bis 24-Jährigen und 11,3 % der 25- bis 34-Jährigen an, für die radikale Partei stimmen zu wollen – Zahlen, die also deutlich näher an ihrem Ergebnis in der Gesamtbevölkerung liegen (12,38 %).
Die Besonderheit der politischen Landschaft in Spanien liegt eher darin, dass Vox erst 2013 gegründet wurde, also deutlich später als viele andere rechtsradikale Parteien in Europa, was die relativ geringe Zustimmung erklären könnte.
Während die rechtstextreme Partei Fratelli d’italia (FdI) von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni bei den italienischen Parlamentswahlen 2022 den größten Anteil der Stimmen für sich gewinnen konnte (26,04 %), war ihr Erfolg bei den jüngeren Wähler*innen geringer: 10,61 % bei den 18- bis 24-Jährigen und 16,43 % bei den 25- bis 34-Jährigen.
Für Cristiano Vezzoni, Professor für politische Soziologie an der Universität Mailand, „stellen diese Zahlen die über die Grenzen hinweg verbreitete Idee infrage, laut der sich junge Menschen in Europa allgemein nach rechts bewegen.” Zwar hat in den letzten Jahren die Unterstützung junger Menschen (insbesondere junger Männer) für die radikale Rechte in ganz Europa zugenommen, doch „ist das Bild weder homogen noch linear, und Italien ist dafür der beste Beweis.”
| Ideologische Ausrichtung der Parteien |
| Wie lassen sich politische Ausrichtung und Ideologie einer Partei definieren? Diese Aufgabe ist eine echte Herausforderung. In dieser Analyse verwenden wir die vom Chapel Hill Expert Survey (CHES) vorgeschlagene Nomenklatur. Seit mehr als zwanzig Jahren klassifiziert diese Studie die Ideologie der wichtigsten politischen Parteien Europas anhand verschiedener Kriterien - keine perfekte Methode, aber sie hat den Vorteil, dass sie eine langfristige und klare Einordnung der politischen Parteien ermöglicht und dabei die Subjektivität vermeidet, die manchmal bei der traditionellen politischen Spaltung zwischen links und rechts auftritt. |
Sind alle jungen Menschen rechtsextrem? Nicht wirklich!
Der Anstieg der Stimmen für die radikale Rechte unter jungen Menschen hat manchmal dazu geführt, dass sich die Medien auf dieses Thema fokussiert haben. Dabei wurden andere bemerkenswerte Trends unter jungen Wähler*innen ausgeblendet: die Zustimmung für die Linke und die Streuung der Stimmen.
In Frankreich erhielt die Nouvelle Front Populaire, eine Koalition, die von der Mitte-Links- bis zur „radikalen“ Linken reichte, sehr große Unterstützung unter den jüngeren Wähler*innen: 48 % der 18- bis 24-Jährigen und 38 % der 25- bis 34-Jährigen stimmten 2024 für die NFP, was weit über dem nationalen Durchschnitt von 28,1 % liegt.
Die Popularität linker Parteien variiert stark je nach Land und politischem Kontext. In Schweden wurde die Linkspartei (12,52 % der Stimmen) bei den Parlamentswahlen 2022 erstmals von den rechtsextremen Schwedendemokraten überholt, die mit 13,29 % der Stimmen die viertbeliebteste Partei bei den 18- bis 24-Jährigen war. Auch wenn die Partei, die im CHES-Index als „radikal links“ eingestuft wird, bei den jungen Wähler*innen an Unterstützung verliert, ist sie bei ihnen immer noch viel beliebter als in der Gesamtbevölkerung (6,75 % im Jahr 2022). Diese Popularität radikaler linker Parteien gibt es auch anderswo in Europa. Es ist jedoch zu beachten, dass sich alle diese Zahlen nur auf Personen beziehen, die tatsächlich zur Wahl gehen.
Die „Zersplitterung” der Wählerschaft
Die von uns gesammelten Daten lassen noch einen weiteren Trend erkennen, der in mehreren europäischen Ländern zu beobachten ist, nämlich die „Zersplitterung” der Wählerschaft - ein Phänomen, das seit den 2010er Jahren besonders ausgeprägt ist.
In Deutschland hat sich die historische Dominanz traditioneller Parteien wie der Christlich-Demokratischen Union (CDU) oder der Sozialdemokratischen Partei (SPD) allmählich abgeschwächt, wodurch sich der Abstand zwischen den verschiedenen Parteien verringert hat.
Im Jahr 2002 verteilte sich die Wählerschaft im Alter von 18 bis 24 Jahren hauptsächlich auf die SPD (38,1 %) und die CDU (23,5 %). Bei den Bundestagswahlen von 2009 dagegen lagen die Ergebnisse der vier führenden Parteien (SPD, CDU, Grüne, Liberale) in einer Spanne von 15 bis 21 %. Auch 2017 war eine Fragmentierung der Stimmen junger Wähler und Wählerinnen zu beobachten.
Während die Stimmen junger Spanierinnen und Spanier lange Zeit hauptsächlich auf zwei traditionelle Parteien verteilt waren, der Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE, Mitte-Links) und der Volkspartei (PP, Rechts), so war im Zeitraum von 2015 bis 2023 ein Rückgang der Popularität dieser beiden Parteien zu beobachten. Das ebnete den Weg für liberale, regionale, radikal linke und später auch rechtsextreme Alternativen in den Wahlabsichten jungen Wähler*innen.
In manchen Fällen könnte diese Streuung der Stimmen jungen Wähler*innen auf mehrere Parteien eine Neukonfiguration für diese bedeuten.
In Frankreich wurde die Vorherrschaft der Sozialistischen Partei und der UMP (2015 umbenannt in Les Républicains) auch unter den jungen Wählern*innen beendet. Zunächst durch den Popularitätsanstieg der radikalen Rechten und dann durch den Eintritt der Partei La République en marche von Emmanuel Macron in die Politik, die es schaffte, bei den Parlamentswahlen 2017 kurzzeitig die Führung bei den 18- bis 24-Jährigen und den 25- bis 34-Jährigen zu übernehmen. Die von Voxeurop gesammelten Daten könnten auf die aktuelle Entstehung eines neuen Wahlgleichgewichts hindeuten, bei dem sich die Stimmen der jungen Wählerinnen und Wähler hauptsächlich auf radikale linke und rechte Parteien verteilen.
Diese Streuung der Stimmen lässt sich teilweise durch die Unbeständigkeit junger Wähler*innen erklären, die weniger zögern, zwischen den Wahlen die Partei zu wechseln.
Zu diesem Schluss kommt Javier Lorente Fontaneda, Assistenzprofessor am Institut für öffentliches Recht und Politikwissenschaften der Universität Rey Juan Carlos in Madrid. „Die Identifikation mit einer politischen Partei entwickelt sich im Laufe der Zeit und ist eng mit dem Lebenszyklus verbunden: Je älter die Menschen sind, desto stärker ist in der Regel ihre Identifikation mit einer Partei“, erklärt er. „Dieses Phänomen ist seit den 1960er Jahren gut dokumentiert.“ Wenn politische Systeme Zeiten des Wandels durchlaufen, neigen ältere Wähler dazu, ihren traditionellen Parteien treu zu bleiben, während jüngere Wähler*innen eher dazu neigen, neue Kräfte zu unterstützen. Die Parteien sind sich dieser Mechanismen bewusst, „was erklärt, warum sie spezifische Kampagnen entwickeln, die sich insbesondere über soziale Netzwerke an junge Menschen richten“.
Neue Formen von politischem Engagement
Laut Lorente Fontaneda spielt das Alter eine grundlegende Rolle bei der politischen Beteiligung: Junge Menschen gehen zwar seltener zur Wahl als Ältere, beteiligen sich aber stärker an Demonstrationen. „Protestzyklen sind jedoch unregelmäßig, was Vergleiche erschwert“, erklärt er.
Für den Mailänder Soziologen Cristiano Vezzoni lässt sich die geringere Mobilisierung junger Wähler*innen unter anderem dadurch erklären, dass „es in der heutigen Gesellschaft viele miteinander konkurrierende Möglichkeiten gibt, seine Zeit zu verbringen“. Da Zeit eine begrenzte Ressource ist, müssen die Anreize zur politischen Teilhabe stark sein. „Heute sind die Anreize, die die traditionelle Politik bietet, jedoch selten oder sogar abschreckend“, sagt Vezzoni. Die in den Medien viel beachteten Demonstrationen dagegen „mobilisieren, wenn ihr Engagement mit einer starken identitären und ideologischen Komponente verbunden ist“ – etwas, das eine individuelle Beteiligung durch die Stimmabgabe nicht mehr bietet.
Sind junge Menschen also entpolitisiert? Für Politikwissenschaftler Vincent Tiberj führt diese Frage in die Sackgasse. „Die Fünfzigjährigen von heute sind viel weniger engagiert als die Fünfzigjährigen vor zwanzig Jahren.” Um das Ausmaß der „großen Abkehr“ der Wählerinnen und Wähler von der institutionellen Politik und den Parteien zu verstehen, schlägt er vor, das Problem eher unter dem Gesichtspunkt der Generationen als unter dem der Altersklassen zu betrachten. „Das Phänomen ist viel umfassender, viel tiefgreifender“, erklärt Tiberj, der eine ähnliche Wahlveränderung auch anderswo in Europa beobachtet.
„Der Aufschwung des Rassemblement National (RN) zwischen 2022 und 2024 bedeutet nicht, dass junge Menschen sich für den RN entschieden hätten“, fährt Tiberj fort. „Im Gegenteil, die Mehrheit von ihnen stimmt mit großer Mehrheit dagegen.“
„Wenn man sich zu sehr auf die jungen Menschen konzentriert, vergisst man, dass der Umschwung eigentlich bei den älteren Wählern stattfindet“, erklärt er und fügt hinzu, dass diese nicht nur häufiger als früher für die extreme Rechte stimmen, sondern auch zahlreich sind, lange leben und regelmäßiger an Wahlen teilnehmen.
„Die Wahlurnen spiegeln die Gesellschaft immer weniger wider“, fügt Tiberj hinzu. „Der RN wird stärker, weil die linken Parteien nicht in der Lage sind, viele Wähler*innen, insbesondere die jüngeren Generationen, wieder zu mobilisieren und eine Verbindung zu ihnen aufzubauen. Wenn man sich nicht um die Nichtwähler*innen bemüht und nicht versucht, mit ihnen wieder Politik zu machen, hat man verloren.“
🙏 Vielen Dank an Michael Škvrňák, Forscher am Institut für Soziologie der Tschechischen Akademie der Wissenschaften und bei PAQ Research, der uns freundlicherweise seine Daten zu den Wahlpraktiken in der Tschechischen Republik zur Verfügung gestellt hat. Catherine André, Francesca Barca und Gian-Paolo Accardo haben zur Erstellung dieses Artikels beigetragen.
🤝 Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit dem European Data Journalism Network im Rahmen des ChatEurope-Projekts veröffentlicht und unterliegt einer CC BY-SA 4.0-Lizenz.

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Cet article est publié en partenariat avec the European Data Journalism Network
