Meine Woche als Zigeuner

Wie fühlt sich das Leben eines Roma in Rumänien an? Ein Journalist des Adevărul wollte es wissen und legte eine Woche lang die Zigeuner-Kluft an. Er traf auf keine direkte Diskriminierung. Dafür aber auf viel Geringschätzung.

Veröffentlicht auf 10 November 2010 um 14:48
Journalist in der Haut eines Zigeuners.

Nie waren die Zigeuner präsenter in der öffentlichen Debatte als jetzt. In diesem Jahr wurden 8.000 Zigeuner aus Frankreich abgeschoben, aber die Hälfte ist bereits wieder zurückgekehrt. Wie steht es denn um die Akzeptanz der Zigeuner in Rumänien? Das habe ich begriffen, als ich mich eine Woche lang wie ein Zigeuner gekleidet habe: Hut, grellbuntes Hemd, Lederjacke und Hosen aus Veloursleder. Ich habe mir einen Schnurrbart wachsen lassen, die dunkle Haut hat Gott mir sowieso beschert.

Ich startete meinen Streifzug am Universitätsplatz. Volltrunkene Studenten lachten mich lauthals aus und riefen mir die allseits bekannten Wörter aus der Zigeunersprache hinterher: „mucles“ [Halt's Maul] „bahtalo“ [Viel Glück] „sokeres“ [Wie geht's]. Ein großer, blonder Mann machte ein Foto von mir. Anschließend fotografierte er die Plastikflaschen auf dem Bürgersteig, die Hunde und die Bettler. In seinem skandinavischen Computer wird mein Bild wahrscheinlich im Ordner „Bucharest garbage“ [Bukarester Müll] landen.

Solange ich zahle, bin ich willkommen

Später am Abend sah ich mir ein Stück im Nationaltheater an. Meine Sitznachbarn waren zwar nicht begeistert von meiner Anwesenheit, schwiegen aber. Dann hörte ich erneut das Gelächter einiger Jugendlicher. Sie, so scheint es, sind am perfidesten und gemeinsten, wenn es um Zigeuner geht. Sie lachen immer hinterrücks. Und ihre Blicke sind schmerzhafter, als die hässliche Geste Nicolas Sarkozys, dem französischen Präsidenten. Es gibt in Rumänien Integrations- und Alphabetisierungskampagnen für Zigeuner, aber es fehlen Kampagnen dafür, dass die Menschen nicht mehr lachen, wenn sie einen buckligen Zigeuner auf der Straße erblicken.

Und trotzdem: nennen Sie dieses Verhalten wie Sie wollen, nur nicht Diskriminierung. Ich wurde ja nie aus einem Café, Geschäft oder Restaurant verwiesen. Solange ich bezahlt habe, wurde ich mit offenen Armen empfangen. In Rumänien werden nicht die Zigeuner diskriminiert, sondern vielmehr die Armen. Wir wünschen uns, dass die Zigeuner gut riechen, die Kunst lieben, aber kein Arbeitgeber möchte mit einem Zigeuner zusammen arbeiten. Doch ohne Geld versinken die Zigeuner entweder in Armut oder sie suchen nach unkonventionellen Gewinnquellen.

Nicht mal die Müllabfuhr will mich

Ich habe mich für den konventionellen Weg entschieden und wollte bei einem Patron anheuern. Ich habe Zeitungsanzeigen durchforstet, nach unqualifizierten Tätigkeiten gesucht, beim Autowaschen oder bei der Ausschlachtung von Altautos. Ich rief an und man sagte mir, es seien noch Stellen frei. Als ich dann vor den Arbeitgebern stand, wurde ich regelrecht verjagt: „Hau ab, Zigeuner, weg hier Alter!“, andere erwiderten spöttisch: „Mensch, gerade jetzt haben wir Einstellungsstopp!“. Nicht einmal bei der Müllabfuhr wurde ich genommen. Die junge Frau aus der Personalabteilung schaute unter ihren Brillengläser durch und sagte: „Wir stellen niemanden ein. Wir haben nie Leute eingestellt.“ Das bedeutet, dass die Müllmänner auf dem Hof den Beruf vom Vater vererbt bekommen haben, oder wie?

Ich dachte, es gebe so etwas wie Solidarität, wenn nicht zwischen den Menschen, dann wenigstens unter Autofahrern. Am Rande von Bukarest hatte ich eine mehr oder weniger beabsichtigte Reifenpanne. Ich stand gut drei Stunden am Straßenrand, winkte den vorbeifahrenden Autos zu. Einigen konnte ich die Beschimpfungen von den Lippen ablesen, andere hupten und lachten, einer wollte mich fast überfahren.

Zigeuner sind in Gruppen unterwegs oder tot

Ich war mutterseelenallein; an mir zogen Hunderte Menschen vorbei, die mir offensichtlich nicht helfen wollten. Da habe ich verstanden, warum die Zigeuner immer in Gruppen unterwegs sind. Bleiben sie allein, sind sie tot! Endlich hielt ein alter Skoda Octavia. Ein 50-55 Jahre alter einfacher Mann in einem schmutzigen Blaumann stieg aus. Während der zwei Minuten, die das Reifenwechseln schließlich dauerte, sagte er mir offen: „Ich habe dich vor zwei Stunden gesehen, du hast gewunken. Ich sah dich im Rückspiegel und habe es bereut, dass ich nicht angehalten hab'. Da habe ich mir gesagt, ich halte auf dem Rückweg. War das eine gute Tat?“ Ich antworte mit gesenktem Haupt: „Ja, sicher.“

Ich fuhr auf Bukarest zu. An der Tankstelle auf der Landstraße tankte ich ein paar Tropfen Benzin. Die Verkäuferin trat erstaunt aus dem Laden und fragte: „Warst du an Säule 5?“ Getankt hatte ich an der Zapfsäule 4. An Säule 5 waren Zigeuner mit einem Auto mit gelbem Nummernschild gewesen. Ich erfuhr, dass sie vollgetankt hatten und dann das Bezahlen irgendwie vergessen hatten. Ich freute mich, dass auch sie ein einmaliges journalistisches Experiment durchführten.

Sie müssen wiedergeboren werden

Am 25. Oktober, dem Tag der Armee, hatten die Gewerkschaften der Reservisten eine Protestkundgebung organisiert. An besagtem Morgen erkundete auch ich gerade die Gegend. Als ich schnellen Schrittes auf die Soldaten zulief, baute sich eine Gruppe Polizisten vor mir auf. Einer bedeutete mir mit einem Kopfnicken, was ich denn hier wolle: „Ich wollte bis nach Räzoare gehen“ erwiderte ich. „Hast du Papiere dabei? Hast du Schwierigkeiten mit dem Gesetz?“ Ich holte meinen Personalausweis heraus: „Was habe ich denn getan, Mensch?“ Der, der mir den Ausweis abnahm, verschwand in einem Auto und gab meine Personalien durch. Jugendliche auf dem Weg zum Polytechnikum liefen an mir vorbei. Dann stellte auch ich eine Frage: „Warum halten Sie die denn nicht auch an?“

Einer der Polizisten fragte darauf: „Ist dir etwa kalt, Mann?“ „Nein.“ „Wenn dir kalt ist, stecken wir dich kurz ins Auto und dann wird dir schon warm. Also noch mal: ist dir kalt?“ Und er öffnete die Autotür. Da drehte sich der Polizist mit meinem Ausweis, ein anständig wirkender Mann, gerade um und ließ mich laufen. „Mann, geh' nach Räzoare. Aber pass' auf, dass du nicht in die Demo gerätst!“

Damit es eine runde Sache wird, endet der Artikel dann auch nur wenige Schritte vom Ausgangsort entfernt: auf dem Universitätsplatz. Ich denke, ich hätte nichts erreicht, hätte keine Lösung für das Roma-Problem gefunden. Was sollte nach dem Willen der Gesellschaft mit ihnen geschehen? Nach den sieben Tagen, an denen ich wie ein Roma behandelt wurde, traue ich mich zu sagen, dass die Antwort als Spruch an einer alten Hauswand zu finden ist, den ein religiöser Fanatiker als Bibelvers hinterlassen hat: Johannes 3,7 - „Jesus sagte ihm: Sie müssen wiedergeboren werden“. Und das ist wirklich nicht als Metapher zu verstehen.

Übersetzung von Ramona Binder

Rechte der Roma

Rumänien drückt sich vor der Verantwortung

Der Roma-Aktivist Nicolae Gheorghe prangert im Guardianärgerlich die Versuche europäischer Politiker an, die Roma als Nomaden darzustellen und ihre Bevölkerungsgruppe zu kriminalisieren. „Tatsache ist, dass die große Mehrheit der Roma sich in Mittel- und Osteuropa angesiedelt hat, wo sie zu Bürgern der entsprechenden Länder geworden sind. Das hat nichts mit der klischeehaften Vorstellung des Nomaden zu tun“, schreibt er. „Der Ausdruck ‚Nomade‘ wurde in den 1930er Jahren von der Sowjetunion verwendet, um umherziehenden Roma-Handwerker die Reisefreiheit zu verweigern. Anschließend diente der Begriff zur Rechtfertigung der Deportationen während des Zweiten Weltkrieges. Und in jüngster Zeit fürfranzösische Abschiebungen.“

Ganz besonders kritisiert Gheorghe Rumäniens „unverblümten und autoritären“ Präsidenten Traian Băsescu. „In Băsescus Augen sind Roma grundsätzlich Nomaden. Dies erklärte er, als er Bürgermeister von Bukarest war. Nicht selten äußert er sich aggressiv zu den Roma“, schreibt er. Allerdings gehört der Wunsch, „die Zigeuner loszuwerden“ seit den Deportationen des Zweiten Weltkrieges zur rumänischen Psyche. „Die Massenwanderungen der Roma seit dem EU-Beitritt dienten einem ähnlichen Zweck: Roma sollten aus den lokal ansässigen Gemeinschaften verschwinden.“ Indem es das Problem „europäisiert“ drückt sich Rumänien vor seiner Verantwortung gegenüber den Roma-Mitbürgern. „Mit anderen Worten wälzt es das Problem auf die EU-Institutionen und die anderen Mitgliedsstaaten ab.“ Die einzig mögliche Lösung ist, „sich das Können und die Dynamik der Roma zunutze und in der Wirtschaftwelt legitime Unternehmer aus ihnen zu machen: Durch Eigenbeschäftigung, Familienkooperativen, internationalen Handel im Handwerk und anderen geschäftlichen Tätigkeiten, die in den EU-Rahmen des freien Verkehrs von Kapital, Waren, Dienstleistungen und Personen passen”.

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