Never mind Höhlenmalereien, here’s the Sex Pistols

Die Höhlenkunst von Lascaux zeigt frühen “menschlichen Fortschritt”, doch die Graffitis der Punkrockgruppe aus den 70er Jahren kennzeichnen vielleicht den Zeitpunkt, an dem der Glaube an das Ganze sich aufzulösen begann.

Veröffentlicht auf 25 November 2011 um 16:00

In den letzten Jahren bin ich auf der Suche nach historischen Stätten der Popmusik durch die Straßen des Londoner West Ends gezogen. Das ging von der Seitengasse hinter dem Savoy, wo Bob Dylan “Subterranean Homesick Blues” drehte, bis zum Club in Mason’s Yard, in dem der erste britische Auftritt von Jimi Hendrix stattfand.

Ich wusste schon seit einiger Zeit von der Verbindung der Sex Pistols mit dem Haus in der Denmark Street Nummer 6, doch eine beiläufige Bemerkung in einer Radiosendung führte zu der Entdeckung, dass die Pistols, insbesondere Johnny Rotten (John Lydon), dort eine ganze Menge Graffitis hinterlassen hatten und diese überraschenderweise noch erhalten waren. Die Funde werden nun in der neuesten Ausgabe der wissenschaftlichen Zeitschrift Antiquity beschrieben, die Anfang dieser Woche erschienen ist.

Zu den Graffitis, die mein Kollege John Schofield (von der Universität York) und ich über einem Geschäft für Vintage-Gitarren protokollierten, gehören sowohl versierte Karikaturen von Malcolm McLaren, Nancy Spungen und John Ritchie (alias Sid Vicious) als auch andere Objekte, die bezeugen, dass das Gebäude von 4” be 2” (einer von Lydons Bruder Jimmy gegründeten Band) genutzt wurde.

Doch die Bedeutung dieser Stätte reicht über die auffälligen Graffitis hinaus. Nachdem die Pistols im Dezember 1976 Bill Grundy begegnet waren, entstand um sie eine enorme Mythologie. Nicht zuletzt galten sie als “die Band, die nicht spielen konnte”.

Dabei sind die Graffitis ein Nebenprodukt der Tatsache, dass die Band hier etwa zwei Jahre lang probte und mit ihrem ersten Produzenten Dave Goodman Aufnahmen machte, die sowohl als die berüchtigte Bootleg-CD “Spunk” und als B-Seiten einiger ihrer Singles erschienen: Aufnahmen, die ganz deutlich zeigen, dass sie eigentlich eine ziemlich fähige Rockband waren.

Ist die ehemalige Silberschmiedwerkstatt im Hinterhaus der Denmark Street Nummer 6 ebenso bedeutend wie die Höhle von Lascaux? Ich habe beide gesehen und würde sagen, dass alle beide einen gewissen Wonneschauer auslösen, ein tiefes Gefühl der Beziehung zu vergangenen Ereignissen.

Obwohl der Vergleich eine gute Schlagzeile hergibt, würde ich nicht darüber urteilen wollen, welche Stätte nun bedeutender ist. Bedeutender für wen? Sind Ereignisse, die vor Tausenden von Jahren stattfanden, automatisch wichtiger als das, was gestern passiert ist? Und wie entscheiden wir darüber?

Die “Kunst” aus Lascaux wird oft als der Beweis für die progressive Entwicklung “moderner” Menschen hochgehalten. Doch der Punk – und dabei besonders die Sex Pistols – steht für eine ausschlaggebende Zeit, in der dieser Glaube an den menschlichen Fortschritt ins Stocken kam. Und in welcher der unabwendbare Marsch der Menschheit in ihre aussichtsvolle Zukunft durch den Verdacht ersetzt wurde, es gebe gar keine Zukunft – no future.

Heute ist der zweite Standpunkt beträchtlich verbreitet, also könnte der Stätte, an der Lydon und die anderen ihre nihilistische und vielleicht prophetische Weltanschauung ausformulierten, durchaus eine für uns alle erhebliche Bedeutung beigemessen werden.

Aus dem Englischen von Patricia Lux-Martel

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