Rechter Terror oder: Abgeschmiert im Osten

Deutschland mag jetzt über “braunen Terror” und Staatsversagen debattieren. Eine Geschichte wird aber vergessen, wirft Autorin Jana Hensel ein: die von drei Jugendlichen aus Ostdeutschland, die in den Terror abglitten. Solange Ost-West-Tabus gelten, wird sie niemand hören wollen.

Veröffentlicht auf 18 November 2011 um 16:58
Die Zwickauer Zelle: Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt and Uwe Mundlos

Noch ist es nicht viel, was wir über die drei aus Thüringen stammenden Rechtsradikalen Beate Z., Uwe M. und Uwe B. wissen. Und doch stelle ich es mir so vor: Käme ich vom Land und nicht aus der Stadt, wäre nicht nur mein Vater, sondern auch meine Mutter nach der Wende abgestürzt, hätten die harten Jungs in meiner Schule ihre Springerstiefel mit weißen statt mit roten Schnürsenkeln zugebunden, hätten ihre großen Geschwister, statt in Leipzig-Connewitz Häuser zu besetzen und Galerien zu eröffnen, Ausländer an Bushaltestellen zusammengeschlagen – vielleicht wäre ich auch auf jene schiefe Bahn gelangt, die in den meisten Fällen harmlos beginnt und dennoch in der Katastrophe enden kann. Nun wurden zehn Menschen getötet.

Und so werde ich das Gefühl nicht los, dass nur wenig mehr als ein schmaler Grat meinen Lebenslauf von denen der drei gewalttätigen Neonazis trennt. Sie sind ungefähr so alt wie ich. Und das Leben in der Mitte der neunziger Jahre in Ostdeutschland war so. Irgendwie rau, irgendwie zynisch, ohne Halt. Als hätte die Lethargie, die Sinnlosigkeit und Scheinheiligkeit der Achtziger in der DDR gemeinsam mit den Enttäuschungen der Nachwendezeit in uns Heranwachsenden eine Form gefunden.

Bereits als Schüler hatte man sich nach dem Mauerfall zu entscheiden, ob man links oder rechts war. Mehr Sinn war nicht zu haben. Dementsprechend kleidete man sich, ging in Kneipen und Clubs, nahm an Demonstrationen teil. Lesen Sie den ganzen Artikel auf der Website des Freitag...

Ermittlungen

Eine Staatsaffäre?

Die Aufeckung einer Mordserie an Einwanderern durch die Zwickauer Terrortruppe hält Deutschland in Aufruhr. Die Ermittlungen zu den möglichen Pannen des Verfassungsschutzes in den letzten 15 Jahren beherrschen die Titelseiten und heizen die Gerüchteküche an. “Gibt es ein braunes Netzwerk? Haben Polizei oder Geheimdienst den Tätern vielleicht sogar geholfen? Und wird der Fall jetzt zur Staatsaffäre? Eine Woche nach der Mitteilung, dass die Karlsruher Bundesanwaltschaft die Ermittlungen im Fall der zuvor unbekannten terroristischen Vereinigung ‘Nationalsozialistischer Untergrund’ (NSU) aufgenommen hat, [gibt es] mehr vage Fragen als sichere Antworten”, konstatiert die Süddeutsche Zeitung. Die Münchner Zeitung will dem Ausufern der Verschwörungstheorien jedoch vorbeugen und erklärt, dass es keine Beweise dafür gebe, dass ein Verfassungsschütze mit dem Spitznamen “Kleiner Adolf” bei sechs Morden in Tatortnähe gewesen ist. Und auch nicht, dass der Staat der Terrortruppe beim Abtauchen geholfen hätte. Bund und Länder kommen diesen Freitag zu einem Krisengipfel zusammen. Zur Debatte steht die Zusammenlegung der 16 Landesämter für Verfassungsschutz in 3 oder 4 und die Einrichtung eines Abwehrzentrums gegen Rechtsextreme und eines Neonazi-Registers.

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