Russische Schnäppchenjäger in der Ägäis

Ferienhäuser, Hotels, Bauland und Fußballklubs: Der russische Rubel rollt nach Griechenland, vor allem in die Region um Thessaloniki. So groß ist der Geldsegen, dass er die geplanten Privatisierungen der Infrastrukturen des Landes finanzieren könnte.

Veröffentlicht auf 25 September 2012 um 15:19

Der Rechtsnationalist Wladimir Schirinowski kann sich zufrieden geben. Seine Prophezeiung unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion, dass der Tag, an dem „die Russen ihre Stiefel in den warmen Meeren waschen werden“, nicht mehr weit sei, scheint sich zu bewahrheiten. Doch zum Glück nicht mittels Waffengewalt mit der Neuerrichtung des zaristischen Reichs – vom Mittelmeer bis zum Indischen Ozean, wie es sich der bunte Möchtegern-„Zar“ erträumte – sondern über den Touristenstrom.

Der Unternehmer Sergei Fedorow, Verwaltungsratsmitglied der Industrie- und Handelskammer von Moskau und früherer Offizier der Kriegsmarine im Atom-U-Boot, ist bereits ein Teil von ihm. Fedorow besitzt einen luxuriösen Wohnsitz auf der Halbinsel Kassandra [südöstlich von Thessaloniki]. Und er ist nicht der Einzige. Ihm gegenüber, auf Sithonia, dem zweiten Finger der Halbinsel Chalkidiki mit Blick auf den Berg Athos, soll ein Landhaus inmitten eines pinienbestandenen Berghangs von 0,7 Hektar dem Generalstaatsanwalt und mächtigsten Mann Russlands nach Putin, Juri Tschaika, gehören.

Immer mehr vermögende Russen erwerben Landhäuser auf der Halbinsel Chalkidiki, während russische Unternehmen Hotels aufkaufen und in Land investieren. Ein genaues Bild von den russischen Investitionen auf Chalkidiki gibt es nicht.

Acht bis zwölf Hotels gekauft

Doch es scheint, als hätten die Russen bereits einen großen Hotelkomplex in Potidea erworben, einen anderen in Psakoudia, und sie scheinen daran interessiert zu sein, an der Ausschreibung für den Kauf eines großen Hotels in Gerakini teilzunehmen; gleichzeitig errichten sie in Paliouri in Zusammenarbeit mit einem griechischen Unternehmen einen Hotelkomplex mit 600 Zimmern.

Ferner ist ein russisches Unternehmen in Sithonia am An- und Verkauf von Grundstücken im Umfang von 4 200 Hektar beteiligt, Ziel ist der Bau eines Fünf-Sterne-Hotels, während die schnell wachsenden Touristenströme aus den Ländern der früheren Sowjetunion fast ausschließlich von russischen Interessen kontrolliert werden.

„Für gewöhnlich jagen sie Angeboten zu Preisen unter 30 Prozent des Wertes nach. Sie investieren in Land, luxuriöse Landhäuser und Hotels. Bis jetzt haben sie acht bis zwölf Hotels gekauft“, berichtet uns der Vorsitzende des Hotelierverbands von Chalkidiki, Grigoris Tassios.

„Ich glaube, es gibt kein anderes Land in der Welt, mit dem Russland eine solche Beziehung hat, wie mit Griechenland“, erklärte vor kurzem in einem griechisch-russischen Finanzforum in Thessaloniki Terenti Mescheriakow, Mitglied der Kreisregierung von Sankt Petersburg. Deswegen investieren sie Kapital in Immobilien, überall, nicht nur in Chalkidiki.

Begehrter Hafen von Thessaloniki

Interesse besteht auch für Kreta, Korfu und Patmos. Mit russischem Kapital wurden die [Fußballmanschaft] PAOK aufgekauft, und es wurde Interesse am Kauf von OSE [Eisenbahn] gezeigt, während in den inländischen Unternehmerkreisen das Gerücht umgeht, die Russen würden einer möglichen Privatisierung eines Hafens in Nordgriechenland, allem voran des Hafens von Thessaloniki, nicht gleichgültig gegenüberstehen. Sie würden sich damit den Alptraum der Durchreise der Dardanellen beim Transport von losem Stückgut ersparen, für den sie heute sehr viel Geld an die Türken bezahlen.

Die Russen mögen in der sogenannten „Perle der Nordägäis“ die Nummer 1 bei Investitionen und Tourismus sein, doch stehen ihnen Besucher und Zuziehende vom Balkan nicht nach, sowohl was den Erwerb von Häusern und kleinen Hotels betrifft, als natürlich auch die Touristenströme nach Chalkidiki.

Der derzeitige bulgarische Staatspräsident, Rosen Pnevneliev, beispielsweise hat ein Ferienhaus in Ouranoupolis, der frühere Ministerpräsident von Mazedonien, Vlado Buckovski, in der Gegend von Neos Marmaras, serbische und albanische höhere Staatsbeamte – und andere – in Sithonia und Kassandra.

Ein Hotelbesitzersagt: „Wir müssen uns damit abfinden, dass in Nordgriechenland unser Tourismus und unsere Wirtschaft im Allgemeinen vom Balkan leben wird.“

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