Sylvain Bourmeau ist Gründer und Leiter des 2018 gegründeten Online-Mediums AOC („Analyse, Opinion, Critique“). AOC veröffentlicht täglich eine Analyse, eine Meinung und eine Kulturkritik, die von Akademikerinnen und Akademikern, Schriftstellerinnen und Schriftstellern sowie Intellektuellen verfasst werden. Diese Artikel wollen die Aktualität mit Abstand betrachten und die Informationen einer Reflexion unterwerfen.
Bourmeau ist außerdem Produzent der Sendung „La Suite dans les idées“ auf France Culture (Kultursender der Radio France-Gruppe) und außerordentlicher Professor an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne. Er war an der Gründung der Zeitschrift für Politikwissenschaft Politix, der Wochenzeitung Les Inrockuptibles und der Internet-Zeitung Mediapart beteiligt. Zwischen 2011 und 2014 war er stellvertretender Redaktionsleiter der französischen Tageszeitung Libération.
Vor den letzten Wahlen in Frankreich, die durch den Vormarsch der rechtsextremen Partei Rassemblement National (RN) gekennzeichnet waren, veröffentlichte Bourmeau einen Artikel mit dem Titel L’inconsciente irresponsabilité du journalisme politique (Die unbewusste Verantwortungslosigkeit des politischen Journalismus), in dem er das Verhältnis des französischen Journalismus zu seinem eigenen Beruf und die Verzerrungen, die Teil der Arbeit sind, analysiert.
Seine Analyse ist für die Presse sowie Journalistinnen und Journalisten in ganz Europa relevant, denn der Beruf der Journalistin bzw. des Journalisten, ein grundlegendes Werkzeug der Demokratie, trägt Verantwortung für die Krise, in der sich unsere Demokratien befinden: Haben wir es versäumt, von der Komplexität der Welt zu erzählen und sie zu erklären? Zu dieser Frage äußert sich Bourmeau im folgenden Interview.
Politischer Journalismus und der Aufstieg der extremen Rechten: Wie könnte eine Überlegung zu dieser Beziehung aussehen?
Meine Arbeit besteht darin, über die journalistische Praxis im Allgemeinen nachzudenken, nicht nur über den politischen Journalismus, und nicht nur über seine Rolle bei der Förderung der extremen Rechten.
Aber ich habe einen besonderen Kontext gewählt, nämlich den der Parlamentswahl in Frankreich, um Dinge deutlich zu machen, die ich schon sehr lange beobachte und die den Journalismus im Allgemeinen betreffen. Der politische Journalismus wirkt für mich oft wie eine „konzentrierte“ Form des Journalismus, weil er dazu neigt, bestimmte Merkmale des Journalismus zu karikieren.
Meine allgemeine und theoretische Reflexion über den Journalismus, die auch aus meiner beruflichen Praxis stammt, ermöglicht es mir, Wege aufzuzeigen, um zu verstehen, warum Journalistinnen und Journalisten, die nicht mit der extremen Rechten sympathisieren und nicht für sie stimmen, unbewusst dazu beitragen, dass die extreme Rechte mehr Stimmen erhält und ihre Ideen im öffentlichen Raum sichtbarer werden.
Denken Sie an die Medienkonzentration? In Frankreich denkt man an das Medienimperium des Milliardärs Vincent Bolloré.
Es gibt Theorien und eine Tradition der Medienkritik, die darauf bestehen, zu wissen, wem die Medien gehören. Sie glauben, dass dies entscheidend ist, um solche Dinge zu verstehen und Antworten geben zu können.
Natürlich ist die Tatsache, dass heute Vincent Bolloré in Frankreich eine Reihe von Medien besitzt, wie in Italien die Tatsache, dass Silvio Berlusconi Medienbesitzer war, oder auch der Fall von Rupert Murdoch [in der angelsächsischen Welt], ein Problem. Ich finde jedoch, dass man die Überlegungen noch weiter vorantreiben muss.
Wenn man sich darauf beschränkt, dieses Problem zu erklären, indem man sich vorstellt, dass die Medieneigentümer den Redaktionsleitungen und Journalistinnen bzw. Journalisten systematisch Befehle erteilen, verbaut man sich meiner Meinung nach das Verständnis dafür, wie das Ganze funktioniert. Für mich muss man, um auf der wirtschaftlichen Ebene zu bleiben, nicht so sehr das Kapital der Medien hinterfragen, sondern vielmehr die Geschäftsmodelle.
Die Geschäftsmodelle der Medien wurden durch den digitalen Wandel stark erschüttert, und es gab viele „Gratisangebote“, die in Wirklichkeit durch Werbung bezahlt werden. Dies hat zu dem geführt, was man als „Wettlauf um Klicks“ bezeichnen könnte. Um Klicks zu erzeugen, um Einschaltquoten zu gewinnen, begannen die Medien, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten, bestimmte Themen eher zu behandeln als andere.
Sie reden von einer „Berufsideologie der Journalistinnen und Journalisten“. Was verstehen Sie unter diesem Begriff?
Die „Berufsideologie der Journalistinnen und Journalisten“ ist ein soziologischer Begriff; man könnte ebenso gut von der „Berufskultur der Journalistinnen und Journalisten“ sprechen.
Ich beziehe mich auf die Anwendung und Rechtfertigung einer bestimmten Art von Berufspraktiken, wie man sie in Journalismusschulen lernt und wie man sie in der eigenen Erfahrung immer wieder bekräftigt. Eine Reihe dieser Praktiken führt zu einer Verzerrung des Wissens.
Der Journalismus ist eine besondere Art, die Gesellschaft kennenzulernen: Er ist per definitionem umfassend und enzyklopädisch. Journalistinnen und Journalisten zeichnen sich durch ihre Neugier aus. Es gibt nicht viele Wissensarten, die sich auf diese Weise für alles interessieren: Philosophie, Soziologie, Mathematik, Recht, Literatur und Kunst im Allgemeinen ...
Alle Forscher, die sich mit Migration beschäftigen, stimmen darin überein, dass die Migration in Europa im Vergleich zur Migration auf dem gesamten Planeten sehr minimal ist
Dennoch stellt sich der Journalismus nicht oft die Frage, wie er Wissen produziert. Das heißt, er hat sich nicht viel mit Epistemologie beschäftigt und ist manchmal sehr naiv, was seine Art der Wissensproduktion angeht.
Der Journalismus produziert durch seine Praxis selbst eine Reihe von Verzerrungen, sagen Sie, die in dem spezifischen aktuellen Kontext dazu neigen, der extremen Rechten zu nutzen. Wie kommt es dazu?
Es gibt mehrere Verzerrungen. Zu diesen gehört das Interesse des Journalismus an allem, was „neu“ ist. Das ist natürlich das Herzstück der journalistischen Praxis: die „News“. Das Problem ist, dass dieses Streben nach Neuem insbesondere durch den digitalen Wandel noch verstärkt wurde, da man Live-Berichte, also Journalismus in Echtzeit, machen kann.
So jagen sich die Informationen gegenseitig und dieser Mechanismus zerstört etwas, das eines der Grundprinzipien des Journalismus sein sollte, nämlich seine Fähigkeit, ständig eine Informationshierarchie anzubieten. Heutzutage wird die Informationshierarchie tendenziell permanent durch Live-Übertragungen zerstört, was dazu führt, dass viele Dinge de-institutionalisiert werden.
Zum Beispiel die Hierarchie der „Autorität“ des Wortes, die dazu neigt, eine Form der allgemeinen Relativierung zu produzieren.
Man wird auf der einen Seite einer Person das Wort erteilen, die über eine Autorität verfügt, die sie berechtigt, das Wort zu ergreifen. Das kann darauf beruhen, dass diese Person eine Universität oder eine Gesellschaft vertritt oder einfach über einen wissenschaftlichen Titel verfügt. Dieser Person wird man jemanden gegenüberstellen, der nur eine Meinung als Bürger*in hat oder ein(e) Berater*in für politische Kommunikation ist. Beide werden gleichberechtigt, Auge in Auge, auf eine Bühne gebracht.
Die Verzerrung aufgrund der Neuigkeit neigt dazu, die Dinge zu de-institutionalisieren, und ich denke, dass diese De-Institutionalisierung insbesondere der extremen Rechten zugutekommt.
Hat diese Methode zur Polarisierung der Debatte beigetragen und sehr kontrastreiche Darstellungen der Realität hervorgebracht, die zur Vorstellung einer gespaltenen Gesellschaft beigetragen haben?
Vor zehn Jahren – heute ist das nicht mehr der Fall – organisierte der Journalismus, um die Klimafrage aufzugreifen, Debatten zwischen Wissenschaftlerinnen bzw. Wissenschaftlern – die die Realität des Klimawandels aufzeigten – und Klimaskeptikerinnen bzw. Klimaskeptikern ... Die Journalistinnen und Journalisten hatten damals das Gefühl, ihre Arbeit gut zu machen, „neutral“ zu sein, indem sie zwei widersprüchliche, ja sogar antagonistische Meinungen einander gegenüberstellten.
Man dachte, dass wenn man diese beiden Meinungen wie zwei Feuersteine aneinander rieb, sie die Funken der Wahrheit erzeugten: In Journalismusschulen lernt man oft, Objektivität zu erzeugen, indem man zwei Meinungen aufzwingt oder einander gegenüberstellt – eigentlich ist das eine seltsame Art, Objektivität zu produzieren.
Eine der größten Verzerrungen des Journalismus ist die Vorstellung, dass man Wahrheit produzieren würde, indem man zwei widersprüchliche Meinungen gegenüberstellt.
Ich halte das für einen rhetorisch-geometrischen Trick, der vom Standpunkt des Versuchs, das zu verstehen, was wir vor uns haben, keinen Sinn ergibt: Manchmal muss man, um die Dinge zu verstehen, wesentlich mehr Standpunkte berücksichtigen. Hier kommen wir auf elementare Prinzipien zurück, die normalerweise in der Geschichte der Demokratie geregelt wurden.
Sollte man also das methodische Vorgehen anderer Disziplinen betrachten?
Die Soziologie zum Beispiel weiß genau, dass man so keine Objektivität erzeugt: Es gibt unzählige Methoden und Erhebungen, mit denen versucht wird, Teile der Objektivierung und nicht der Objektivität zu produzieren. Soziologinnen und Soziologen sind in Bezug auf die Objektivierung der Realität bescheidener als Journalistinnen und Journalisten.
Journalistinnen und Journalisten hingegen haben das Gefühl, dass sie mit solch grundlegenden und karikaturistischen Vorgehensweisen die Wahrheit über die Dinge erzählen werden. Das ist eine Verzerrung, die der extremen Rechten zugutekommt, weil auf diese Weise Themen auf die politische Agenda kommen, die eigentlich kein Recht auf Erwähnung haben sollten.
Besteht die Aufgabe des Journalismus darin, die Wahrheit zu produzieren?
Ich weiß nicht, was Wahrheit ist. Ich denke, die Aufgabe des Journalismus ist es, die Welt zu beschreiben und dabei nicht zu vergessen, dass man durch die Beschreibung der Welt und vor allem durch die Veröffentlichung der Beschreibungen mit dieser Welt interagiert.
Das heißt, durch eine Rückkopplungsschleife lässt man sie auch ein wenig durch die Beschreibung existieren. Und deshalb sind möglichst viele Beschreibungen wichtig.
Ich denke, der Journalismus muss lernen, sich von seinen Berufsreflexen zu lösen, die ihn glauben lassen, dass er durch die Anwendung rudimentärer Rezepte zwischen dem, was los ist und dem, was ist, unterscheiden kann.
In Wirklichkeit ist die Unterscheidung zwischen dem, was los ist und dem, was ist, eine Arbeit, die immer wieder neu gemacht werden muss, die immer kritisch sein muss, immer reflexiv, und die vor allem so viele Bürger wie möglich in einen demokratischen öffentlichen Raum einbeziehen muss.
Können Sie einige Beispiele nennen?
Nehmen Sie ein Treffen von Astrophysikern, ein Kolloquium: Sie werden niemanden einladen, der glaubt, dass die Erde flach ist, denn diese Äußerung hat keine Existenzberechtigung und wäre für alle anderen Zeitverschwendung.
Journalistinnen und Journalisten lassen aber im Namen des Pluralismus oder im Namen der Demokratie Menschen zu Wort kommen, deren Aussagen genauso lächerlich sind wie die Behauptung, die Erde sei flach.
Zum Beispiel ist die Auffassung, dass es heute in Europa ein riesiges Migrationsproblem gibt, ungefähr so idiotisch wie die Behauptung, die Erde sei flach. Alle Forscher, die sich mit Migration beschäftigen, stimmen darin überein, dass die Migration in Europa im Vergleich zur Migration auf dem gesamten Planeten sehr minimal ist, und sind mit der Art und Weise, wie dieses Thema in den Medien dargestellt wird, nicht einverstanden.
All das kommt natürlich der extremen Rechten zugute.
Sie sprachen in Bezug auf aktuelle Geschehnisse von einer Art Besessenheit von Devianz. Können Sie das näher ausführen?
Es ist die Tatsache, dass man im Journalismus nur auf die Menschen schaut, die die Grenzen überschreiten. Das ist es, was uns verstehen lässt, warum das Thema Unsicherheit in den Medien allgegenwärtig ist und jede noch so kleine Begebenheit repräsentativ für die Gesellschaft wird.
Wenn man sich beispielsweise soziologische Arbeiten ansieht, stellt man fest, dass dies nicht der Fall ist: Im Gegensatz zu dem, was uns eine Reihe von Medien zeigt, sind Minderjährige, die Gewalt ausüben, nicht zahlreicher, nicht jünger. Die Zahl der Morde in diesem Land geht tendenziell zurück, wie in allen Ländern ... Diese Art und Weise, wie Journalistinnen und Journalisten sich immer auf Abweichungen konzentrieren, produziert eine verdrehte, voreingenommene Darstellung der Realität. Wir bekommen eine Gesellschaft zu sehen, in der alles viel schlechter ist als in Wirklichkeit.
Und da wir ständig mit Darstellungen konfrontiert werden, die Angst machen können, weil sie Probleme betonen (deren Existenz ich nicht leugne), haben diese Mediendarstellungen Auswirkungen auf die Politik, die offensichtlich sind und die wiederum Parteien zugute kommen, die diese aktuellen Geschehnisse ausnutzen, die die Unsicherheit ausnutzen, um zu gedeihen.
Seit den 1980er Jahren und der Finanzialisierung der Wirtschaft haben uns die Akteure der Finanzwirtschaft gelehrt, dass sich hinter jeder Gesetzeslücke eine kurzfristige Gewinnmöglichkeit verbirgt. All das und mehr diskutieren wir mit unseren Investigativ-Journalisten Stefano Valentino und Giorgio Michalopoulos. Sie haben für Voxeurop die dunklen Seiten der grünen Finanzwelt aufgedeckt und wurden für ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet.
Veranstaltung ansehen >