„Als ich aufwuchs, gab es [keine Informationen zu dem Thema]. Zumindest wusste ich nichts davon und ich wusste auch nicht, woher ich sie kriegen sollte. Ich fühlte mich total isoliert“, erinnert sich Robin Zlatarev, der das Trans-Programm der bulgarischen Stiftung Bilitis koordiniert. „Als Teenager litt ich unter Angstzuständen und Depressionen aufgrund meiner Dysphorie, aber auch weil ich mich unverstanden und nicht gesehen fühlte.“ Der Weg zur Akzeptanz war für Zlatarev, der sich als nicht-binäre Person identifiziert, lang und beschwerlich. Trotzdem ist es ihm/ihr seit zehn Jahren gelungen. In diesem Zeitraum „hat sich der Hass gegen Transpersonen jedoch nur noch weiter verstärkt“, konstatiert Zlatarev.
In Bulgarien sind trans- und nicht-binäre Menschen, denen dieser Hass entgegenschlägt, auf sich allein gestellt, und ihre Betreuung obliegt de facto zivilgesellschaftlichen Organisationen. Für Zlatarev müsste sich angemessene Hilfe auf zwei Aspekte konzentrieren: „Es müsste Gemeinschaften und Räume geben, in denen sich Menschen treffen, Kontakte knüpfen und Erfahrungen austauschen können, während sie gleichzeitig von qualifizierten Fachkräften begleitet werden.“
Die Lage in Bulgarien ist für Transpersonen, die Opfer einer regelrechten moralischen Hysterie seien, besonders schwierig, meint Zlatarev. Die einzige positive Entwicklung sei, dass es heute mehr und leichter zugängliche Informationen zu dem Thema gebe. Offizielle Daten, die die psychische Gesundheit von Transpersonen oder gar deren Anzahl erfassen, gibt es in Bulgarien jedoch nach wie vor nicht.
2023 fällte der Oberste Gerichtshof ein Urteil, wonach das Geschlecht ausschließlich im biologischen Sinne zu verstehen sei, und erklärte die rechtliche Anerkennung des Geschlechts für die betroffenen Personen für unmöglich. Ein deutlicher Rückschritt im Recht, dessen unmittelbare Folgen sich in der Möglichkeit zum Reisen oder zum Zugang zur Gesundheitsversorgung zeigen, wenn eine Diskrepanz zwischen dem äußeren Erscheinungsbild und dem in den Ausweisdokumenten vermerkten Geschlecht besteht.
Transphobie mit schwer abschätzbaren Folgen
Es ist schwierig, die Zahl der Transgender-Personen in Europa zu beziffern – die Schätzungen und Erhebungsmethoden variieren von Land zu Land. Was die gesundheitlichen Folgen von Transphobie betrifft, liefert eine 2022 im „Journal of Psychopathology“ veröffentlichte Studie, die unter 47 Transgender-Personen und 47 Cisgender-Personen mit Wohnsitz in Italien durchgeführt wurde, erste Anhaltspunkte zu diesem Problem.
Die von Forscher*innen der Universität Palermo durchgeführte Studie zeigt, dass „transgeschlechtliche Personen im Vergleich zur cisgeschlechtlichen Kontrollgruppe deutlich mehr Angst bezüglich ihres Körpergewichts und Sorgen um ihr Erscheinungsbild haben. Auch leiden sie auffällig oft unter Vermeidungsverhalten, zwanghafter Selbstüberwachung und Depersonalisation.“
Der Studie zufolge berichteten Transpersonen zudem von einer geringeren Lebensqualität als Cisgender-Personen in sexueller, psychologischer und zwischenmenschlicher Hinsicht. Die Befragung ergab jedoch keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich der körperlichen und umweltbezogenen Lebensqualität oder bei psychischen Gesundheitsproblemen.
2024 veröffentlichte die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte ihren dritten Bericht über die Lebenserfahrungen und Diskriminierungen von LGBT+-Personen in der EU. Zwar gaben damals alle LGBT+-Personen, unabhängig von ihrer Identität, an, aufgrund ihrer Identität Diskriminierungen erfahren zu haben, doch sind trans- und intersexuelle Personen besonders stark davon betroffen.
Im Jahr 2023 gaben 54 % bzw. 61 % von ihnen an, in mindestens einem Lebensbereich aufgrund ihrer Identität diskriminiert worden zu sein. Auch wenn Transidentität häufig mit einer Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit in Verbindung gebracht wird, ist Transphobie die eigentliche Ursache dafür. Das Erleben von Transphobie geht zudem tendenziell mit einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit und einer Zunahme von Suizidgedanken einher.
Der Bericht belegt auch, dass Transpersonen häufiger unter Selbstmordgedanken leiden: 59 % der Transfrauen, 60 % der Transmänner und 55 % der nicht-binären Personen gaben an, im Jahr vor der Umfrage gelegentlich, oft oder ständig an Selbstmord gedacht zu haben. Die Frage, wie diese schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen vor Diskriminierung geschützt werden können, ist daher nicht mehr nur ein demokratisches Gebot. Es geht dabei auch um öffentliche Gesundheit.
Wie die Psychotherapeutin Agnieszka Pixie Frączek betont, hat Transphobie sehr reale Folgen, insbesondere wenn sie von Personen oder Institutionen ausgeht, die Menschenrechte eigentlich verteidigen sollten. „Die Behörden sollten den Diskurs in eine Richtung lenken, die humanitären Maßnahmen förderlich ist, und dabei die gesamte Bevölkerung berücksichtigen.
Ist dies nicht der Fall, wird herabwürdigende Sprache zunehmend toleriert und verbreitet“, warnt sie. In Polen, wo Agnieszka Pixie Frączek tätig ist, sind konservative Politiker wie Jarosław Kaczyński oder Andrzej Duda (der Ex-Präsident und der ehemalige polnische Ministerpräsident) dafür bekannt, sich spöttisch oder herabwürdigend über LGBT+-Personen, vornehmlich Transgender, zu äußern.
Eine bestimmte Sichtweise auf psychische Gesundheit
Die Anerkennung der eigenen Existenz und des Rechts auf Gesundheit ist jedoch keine Garantie dafür, Transphobie zu entgehen. Sandra Konstatzky, Leiterin der österreichischen Gleichbehandlungsstelle (GAW) schlägt Alarm hinsichtlich der Diskriminierung im Gesundheitswesen. Sie hat mehrere Beschwerden wegen Diskriminierung oder unangemessenen Verhaltens während Arztbesuchen erhalten. Transgender-Personen, die mit erniedrigenden Behandlungen, der Verweigerung von medizinischer Versorgung oder aufdringlichen Fragen konftrontiert sind, haben nur wenig rechtliche Mittel, um dagegen vorzugehen.
Für Konstatzky sind die Probleme im Bereich der sexuellen und psychischen Gesundheit besonders gravierend, und die Pathologisierung während einer Untersuchung stelle ein Risiko dar. Es wurden Fälle gemeldet, in denen transgeschlechtliche Patienten während der Konsultation dazu angehalten wurden, ihre Identität zu überdenken oder zu leugnen, anstatt eine wohlwollende Begleitung zu erfahren.
Technisch gesehen müssen sich Transpersonen in Österreich seit 2009 keiner Sterilisation oder geschlechtsangleichenden Operation mehr unterziehen, um eine rechtliche Anerkennung ihres Geschlechts zu erhalten. Dennoch ist diese Anerkennung nach wie vor weitgehend an medizinische oder psychiatrische Gutachten geknüpft. In der Praxis müssen Transpersonen oft mehrere Gutachten einholen, die eine Diagnose von „Geschlechtsinkongruenz“ oder „Transsexualität“ bestätigen, bevor sie eine Änderung ihrer amtlichen Dokumente erhalten. Nach Ansicht von Aktivist*innen führt dies dazu, dass Transidentitäten unter ärztlicher Kontrolle bleiben, anstatt die Selbstbestimmung anzuerkennen.
Doch die Anerkennung von Geschlechtsidentitäten und die Frage der psychischen Gesundheit von Transpersonen beschränken sich nicht auf Arztbesuche und Gesetzestexte. In den Debatten über Geschlechterfragen besteht stets die Gefahr, Transidentitäten zu pathologisieren und sie auf die Folgen vorangegangener psychologischer Probleme zu reduzieren, die logischerweise behandelt werden sollten.
Im Laufe der Zeit hat sich die Lage jedoch durchaus verbessert. Der Begriff „Geschlechtsdysphorie“, der ein Unbehagen beschreibt, das durch die Diskrepanz zwischen der eigenen Geschlechtsidentität und dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht hervorgerufen wird, hat in der fünften Ausgabe des diagnostischen und statistischen Handbuchs psychischer Störungen (DSM-5, erschienen 2013) den Begriff „Geschlechtsidentitätsstörung“ abgelöst.
Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betrachtet die Identifikation als Transperson seit 2019 nicht mehr als „psychische Störung“. Zwei Anzeichen für einen Mentalitätswandel und eine – wenn auch noch unzureichende – Entpathologisierung von Transidentitäten.
Angesichts dieser begrifflichen Entwicklung erscheint die von manchen Stimmen vertretene „Repathologisierung“ wie ein ewiger Rückschritt. Die psychische Gesundheit ist dann keineswegs ein aufrichtiges Anliegen, sondern wird zu einer rhetorischen Waffe – mit der die Rechte der betroffenen Menschen auf Zugang zu Gesundheitsversorgung und Rechtsschutz untergraben werden. Und das unabhängig davon, ob sich die Person, die auf diese Weise manipuliert, dessen bewusst ist oder nicht.
„Sie werden es bereuen“
Der französische Soziologe und Autor Arnaud Alessandrin hat sich auf LGBT+-Themen spezialisiert. Seiner Ansicht nach stützt sich die Instrumentalisierung der psychischen Gesundheit zum Zweck des Angriffs auf die Rechte von Transpersonen auf zwei Argumente. Das erste besteht darin, die Syndrome, mit denen Transgender-Personen konfrontiert sein können (Stress, Angstzustände, Suizidgedanken), mit „Symptomen“ zu verwechseln – was bedeutet, die Folgen von Transphobie und Transidentität miteinander zu vermischen.
Für Alessandrin lässt sich das Argument wie folgt zusammenfassen: „Behandeln wir zuerst die ‚echten‘ Syndrome, dann werden die Symptome schon verschwinden.“ Wenn man die psychischen Probleme an erster Stelle behandelt, sei es mit der Transidentität jedoch vorbei. Denn diese sei nichts anderes als „eine militante, politische und soziale Reaktion auf ganz andere Syndrome“, erklärt Alessandrin. Um Transidentitäten zu erklären, werden dann die Auswüchse des Feminismus, ein missverstandenes Unwohlsein oder medizinische und soziale Ursachen als Gründe angeführt.
„Das zweite Argument besagt, dass sich vor allem bei Jugendlichen das Verhältnis zu ihrem Körper verschlechtert und sie psychische Störungen entwickeln, wenn man Geschlechtsumwandlungen fördert“, fährt Alessandrin fort.
Eine Vorstellung, die sich oft hinter Formulierungen verbirgt, die – zumindest dem Anschein nach – von edlen Absichten geprägt sind: Wer sorgt sich schließlich nicht um das körperliche Wohlbefinden der Jüngsten? Noch bevor er sich gegen Transpersonen richtete, zielte der Slogan „Denkt an unsere Kinder“ bereits auf LGBT+-Personen und Feministinnen ab.
Dabei ist diese Argumentation nicht stichhaltig. „Alle Forschungsergebnisse zeigen eine langfristige Verbesserung der psychischen Gesundheit, wenn die gesundheitlichen Bedürfnisse im Falle einer Geschlechtsumwandlung erfüllt werden“, erklärt Alessandrin. „Es lässt sich nicht mehr bezweifeln, dass sich die Lebensbedingungen von Jugendlichen und Erwachsenen dann verbessern.“
Auch das Risiko, eine Geschlechtsangleichung zu bereuen, wird regelmäßig angeführt – doch laut Alessandrin greift auch dieses Argument nicht: „Die Wissenschaftsliteratur belegt, dass nur 1 % der Betroffenen ihre Geschlechtsangleichung bereut.”
In der Adipositaschirurgie oder der plastischen Chirurgie dürfte diese Quote seiner Meinung nach weit höher liegen. Aber trotz der schwachen wissenschaftlichen Belege für die These vom Bedauern findet diese in den Medien großen Anklang.
Die psychische Gesundheit von Transpersonen bleibt ein zentrales Thema. In einem Bericht aus dem Jahr 2022 erinnern Dr. Hervé Picard und Simon Jutant – damals aktiv bei der französischen Trans-Selbsthilfegruppe Acceptess T – daran, dass „die historische Psychiatrisierung von Trans-Lebenswegen Auswirkungen auf die Inanspruchnahme psychischer Gesundheitsversorgung durch Transpersonen hat. (...) Sie haben nach wie vor Schwierigkeiten, über ihre psychische Gesundheit zu sprechen, ohne dass diese ausschließlich durch das Prisma ihrer Transidentität betrachtet wird.“
Für die Autoren des Berichts erfordert diese oft missverstandene psychische Gesundheit jedoch eine angepasste Betreuung, die die Bedürfnisse nach psychologischer Begleitung nicht außer Acht lässt, ohne dabei alles auf diese zu reduzieren. Kurz gesagt: Es braucht eine Entpathologisierung, ohne dabei jedoch auf die nötige psychologische Begleitung zu verzichten.
Die Entpathologisierung spielt eine grundlegende Rolle bei der Emanzipation von Transpersonen. Denn sie gewährt ihnen die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie sie ihre Transition gestalten möchten. Über die Frage der öffentlichen Gesundheit hinaus ist dies eine politische Herausforderung, bei der es um die Selbstbestimmung von Transpersonen geht – ein wichtiges Ziel, das noch in weiter Ferne liegt.
🤝 Dieser Artikel entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts PULSE unter Mitwirkung von Dimitris Angelidis (Efsyn, Griechenland), Lorenzo Ferrari (OBCT, Italien), Iwona Görke (Gazeta Wyborcza, Polen), Desislava Koleva (Mediapool, Bulgarien) und Flora Mory (Der Standard, Österreich).
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