Forget Irish freedom - come to Marlboro country. © Presseurop

Vom Freiheitskampf zur Zigarettenabzocke

Sechs Jahre nachdem Irland als erstes europäisches Land das Rauchverbot in Restaurants und Pubs einführte, steht es nun im Mittelpunkt eines kontinentweiten illegalen Tabakhandels. Die Irish Times untersucht die Rolle einstiger IRA-Mitglieder und herkömmlicher Drogenbanden in dieser lukrativen Industrie.

Veröffentlicht auf 4 März 2010 um 15:03
Forget Irish freedom - come to Marlboro country. © Presseurop

Als die Beamten der Garda [= irische Polizei] und des Zolls im November eine Razzia bei verdächtigen Zigarettenschmugglern durchführten, stießen sie auf einen unerwarteten Fang. Statt der üblichen Stangen Zigarettenschachteln – entweder Importkopien oder legal produzierte Rauchwaren, auf die kein Einfuhrzoll gezahlt wurde – fielen den Behörden Beweise für eine sehr aufwändige Aktion in die Hände. Bei der Durchsuchung eines Lastwagens, der in der Nähe des in Schmugglerkreisen beliebten Carrickmacross im County Monaghan in einem Hinterhof geparkt war, wurden genug Tabak, Zigarettenpapier, Filter und Verpackungsmaterial für 12 Millionen Zigaretten gefunden.

"Das alles wäre in einer illegalen Fabrik irgendwo in Grenznähe zu fertigen Zigarettenpackungen verarbeitet worden", verrät eine gut plazierte Quelle. Die beschlagnahmte Ware, deren Wert auf fünf Millionen Euro geschätzt wird und die bis zu einem dänischen Hafen zurückverfolgt werden konnte, gelangte über die Autofähre ins Land. Zollbeamte überprüften die Fracht des Containers mit einem Röntgengerät, doch die Strahlen zeigten, dass der Inhalt des 40-Fuß-Containers nicht den in den Versandunterlagen aufgeführten Papierwaren entsprach. Der Lastwagenfahrer wurde verhört, jedoch wieder freigelassen. Es gab keinerlei Beweise, um die Grenzraumbande zu identifizieren, die hinter dem Manöver steckt. Eine beachtliche Lieferung wurde von der Straße genommen, doch niemand gefasst. Ein vertrautes Muster im florierenden Expansionsmarkt für geschmuggelte Zigaretten, der die Staatskasse letztes Jahr um 400 Millionen Euro an Steuern und Gebühren gebracht hat.

Nachfrage nach Kokain geht zurück

Dienstälteren Garda-Beamten zufolge beherrschte während der Troubles [= Nordirlandkonflikt] die Provisional IRA den Handel mit geschmuggelten und gefälschten Zigaretten. Die Einnahmen aus diesem Handel – sowie aus dem Kraftstoffschmuggel und -diebstahl – gingen vorwiegend an "die Sache". "Zu ihren besten Zeiten finanzierten sie nicht nur hier und in Großbritannien eine terroristische Kampagne, sondern sie brauchten auch Geld, um ihre Leute, die Familien der Gefangenen usw. zu versorgen", erzählt eine Garda-Quelle. Mit dem Schwarzhandel vertraute Beamte erklären, dass seit der Waffenruhe viele der früher mit dem Zigarettenschmuggel betrauten IRA-Mitglieder sowie die Kriminellen, mit denen sie zusammenarbeiteten, den Markt weiter kontrollieren, doch heute zu ihrem rein persönlichen Gewinn. Einstige IRA-Männer, Mitglieder der aktuellen Real IRA und "ganz normale Kriminelle" haben ein beeindruckendes Netzwerk mit internationalen Kontakten – von den USA bis nach Osteuropa und Fernost – aufgebaut, aus welchem sie gewaltige Zigarettenlieferungen beziehen. So konnten zum Beispiel 120 Millionen Zigaretten im Wert von 50 Millionen Euro, die im Oktober 2009 im Hafen von Greenore im County Louth beschlagnahmt wurden, bis auf die Philippinen zurückverfolgt werden.

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Manche Unterweltunternehmer, die insbesondere aufgrund der rückläufigen Kokainnachfrage von Seiten der Gelegenheitskonsumenten unter der Rezession leiden, haben nun begonnen, Zigaretten zu schmuggeln – doch diese Diversifizierung steht noch in den Anfängen. Garda-Quellen zufolge müssten Verbrecherbanden und herkömmliche Schmuggler, die an diesem Handel reich werden wollen, einen nicht abreißenden Fluss von Zigaretten importieren und verkaufen. Nach Angaben eines Insiders "kostet eine Schachtel mit 20 Zigaretten, die es hier auf der Straße für circa vier Euro zu kaufen gibt, am Herstellungsort im Ausland 50 Cent. Doch in Südamerika bekommt man als großer Abnehmer Kokain für rund 800 Euro das Kilo. Die gleiche Menge ist in Irland 70.000 Euro wert. So ein Profit lässt sich aus Zigaretten nicht schlagen." Doch ein erfahrener Garda-Beamter hat einen interessanten Standpunkt zu bieten: "Wegen der Rezession haben die Leute, die in Nachtclubs und Partys eine Menge Kokain konsumierten, einfach nicht mehr dieselbe Kaufkraft wie vorher. Das war ein ganz schön schwerer Schlag für den Drogenhandel. Doch bei den Zigaretten ist es genau das Gegenteil. Die Kippen auf dem Schwarzmarkt kosten nur halb so viel wie die legale Ware in den Läden, und in einer Rezession heißt das, die Nachfrage wird enorm sein."

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