“Ausfahrt”. Auf der griechischen Insel Samos.

Wenn Griechenland ginge...

Und würde Griechenland aus der EU austreten, was dann? Es käme zu neuen geopolitischen Umwälzungen im Balkan, warnt Giorgos Prevelakis, Professor für Geopolitik. Die EU selbst müsste sich zudem eingestehen, dass ihr es in dreißig Jahren Mitgliedschaft nicht gelungen ist, das Land zu “europäisieren”.


Veröffentlicht auf 4 November 2011 um 15:33
“Ausfahrt”. Auf der griechischen Insel Samos.

Für Griechenland markiert dieser November 2011 das Ende gleich mehrerer Zyklen: jenes, der mit dem Amtsantritt Papandreous 2009 eröffnet wurde, aber vor allem jenes, der 1981 mit dem Beitritt Griechenlands in die EWG und dem darauffolgenden erstmaligen Wahlsieg der Pasok begann. Von beiden Zyklen bleibt nunmehr eine wirtschaftliche und soziale Lage zurück, die herzlich wenig mit dem griechischen Traum von Europa zu tun hat.

Rezession, Schulden, staatliche Misswirtschaft, demoralisierte Bevölkerung: Es hat den Anschein, als sei Griechenland nicht Mitglied der NATO und der Europäischen Union, sondern entsteige, wie die anderen Länder des Balkans, der Finsternis des Kommunismus. Die Rache der Geographie? Oder schlicht das Ergebnis der Misswirtschaft einer Familie, des Papandreou-Clans, den viele in Griechenland für alle Übel im Land verantwortlich machen?

Griechenland und Europa sorgen sich heute um die Zukunft. Sie sieht nicht gerade rosig aus. Das Management der Wirtschaftskrise durch eine opportunistische Regierung und ein Europa, dass zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, hat nach und nach eine Reihe von Krisen hervorgerufen: Wirtschaftskrise gestern, politische Krise heute und vielleicht morgen eine geopolitische Krise.

Misstrauen gegenüber dem Westen

Es hat sich in der Tat im Laufe der vergangenen Monate eine neue Kluft zwischen Griechenland und Europa aufgetan. Die Karikaturen in der griechischen Presse vergleichen immer häufiger die Europäische Union mit Nazi-Deutschland. Anti-Europäismus und anti-westliche Haltungen nehmen rasch zu.

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Ein Misstrauen gegenüber dem Westen, das mit dem morgenländischen Schisma von 1054, dem vierten Kreuzzug, der Nazi-Besatzung oder der amerikanischen Unterstützung der Obristendiktatur usw. fest im griechischen Geist verankert ist, und das noch durch die Nostalgie für eine Vergangenheit mit relativem Wohlstand und Würde — die Epoche der Drachme —, durch demütigende Kommentare der europäischen Presse und Politiker und last but not least durch eine Regierungspropaganda bestärkt wird, welche jegliche politische Verantwortung von sich weist und die Sparpolitik als angebliches Diktat der Europäischen Union verkauft.

Man muss sich nur den geopolitischen Kontext Griechenlands vor Augen führen, um sich der drohenden Gefahren bewusst zu werden. Der westliche Balkan ist noch lange nicht stabilisiert, die Türkei nimmt vom Westen Abstand, die amerikanische Wirtschaftskrise raubt den USA einen Großteil ihres Einflusses. Gleichzeitig bandeln Russland und China wieder mit ihren ehemaligen Einflussbereichen an und schaffen neue politische und wirtschaftliche Vernetzungen.

Demütigung für das Prestige Europas

Griechenland bleibt der wichtigste Ankerpunkt des Westens in dieser geopolitischen Region, was vermutlich auch ein Grund war, warum Europa bei Griechenlands Abweichungen von den europäischen Wirtschaftsnormen ein Auge zugedrückt hat. Sollte Griechenland aus der EU oder auch nur aus der Eurozone austreten, dann würde das Land erneut zum Spielfeld der Konfrontationen britischer, deutscher, französischer, amerikanischer, russischer und chinesischer Interessen.

Und abgesehen von den Folgen hinsichtlich der Stabilität der Region: Welch eine Demütigung für das Prestige Europas! Europa wollte Modell und Friedensstifter auch für seine Nachbarn sein. Es würde sich eingestehen müssen, dass es in dreißig Jahren nicht fähig war, ein Mitglied, die Wiege der Demokratie, zu “europäisieren”.

Das schlechte Management der Wirtschaftskrise führte zur politischen Krise. Wir müssen so schnell wie möglich die Konsequenzen aus diesem Versagen ziehen. Es ist der einzige Weg, um zu verhindern, dass aus der politischen noch eine geopolitische Krise wird.

Aus dem Französischen von Jörg Stickan

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