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Der Teschener Marktplatz (Polen). © Marek and Ewa Wojciechowscy


Teschen: und in der Mitte eine Grenze

Es ist nicht einfach, Geburtstag zu feiern, wenn die Geschichte einen geteilt hat. Trotz der bestehenden Spannungen zwischen Polen und Tschechen in der Region, ist die Grenze, die beide Städte trennt, zunehmend ein Gewinn für das tägliche Leben in Teschen und Tschechisch Teschen.

Veröffentlicht auf 5 Februar 2010 um 16:27
Der Teschener Marktplatz (Polen). © Marek and Ewa Wojciechowscy

Teschen (Cieszyn) hat die Feierlichkeiten anlässlich seines 1200-jährigen Bestehens begonnen. Anfang Dezember, ein bisschen in letzter Minute hat die Stadt Český Těšín (Tschechisch Teschen) verkündet, dass sie sich den Feierlichkeiten anschließen wollte. Davor war allerdings auf der westlichen Seite der Olsa wenig Begeisterung für eine gemeinsame Feier zu spüren. Und dies aus gutem Grund, denn Český Těšín entstand 1920, als eine Grenze die Stadt in zwei teilte. Es wird seinen 90. Geburtstag mit großem Pomp feiern. Viele Polen aus Zaolzie [wörtlich die "Länder hinter dem Fluss Olsa"] sind über diesen Geburtstag empört und in Teschen ist die Zurückhaltung gegenüber des tschechischen Geburtstages offensichtlich.

Einer Legende nach, die auf beiden Seiten der Olsa verbreitet ist, haben sich hier die drei Söhne eines slawischen Fürsten Bolko, Leszko und Cieszko 810 zusammengefunden und die Stadt Teschen gegründet. Im Herbst 1918 [als Österreich-Ungarn aufgelöst wurde und Polen und die Tschechoslowakei entstand] hat der Nationalrat des Herzogtums Teschen im Namen der polnischen Regierung offiziell die Macht ergriffen. Ein Abkommen zur Teilung des Teschener Schlesien in einen polnischen und einen tschechischen Teil wurde unter Berücksichtigung der linguistischen Daten der Erfassung von 1910 unterzeichnet (als dort 123.000 Polen, 32.000 Tschechen und 22.000 Deutsche lebten).

Der reichste Teil für die Tschechoslowakei

Für die Polen war die Frage damit geregelt. Deshalb schickten sie ein Infanterie-Regiment and die Front von Ost-Galizien gegen die Ukrainer. Die tschechoslowakischen Legionen nutzten dies aus. Der Krieg war blutig, aber kurz, und der Waffenstillstand kam nur unter Druck des Bündnisses zustande. Die Zukunft des Teschener Schlesien wurde willkürlich im Juli 1920 auf der Botschafterkonferenz in Paris beschlossen. Die reichste und am meisten industrialisierte Region mit Minen, Stahlwerken und der Bahnstrecke, die Tschechien mit der Slowakei verband, wurde der Tschechoslowakei zugesprochen.

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Die blutigen Ereignisse von 1919 wurden zu Monumenten errichtet: In Český Těšín dasjenige von Tomáš Masaryk, dem Vater der unabhängigen Tschechoslowakei und ihr Präsident von 1918 bis 1935. Sein Monument, das im Oktober 1938 beim Einsatz der polnischen Armee in Zaolzie zerstört wurde, soll nun wiedererrichtet werden. Diese Nachricht hat viele Polen bestürzt, für die die Politik von Masaryk zur Teilung des Teschener Schlesien beigetragen hat. "Aber es ist ein tschechisches Fest und er ist ihr Held, was geht uns das schon an?", bemerkt Zygmunt Stopa, Präsident des polnischen Bildungs- und Kulturverbundes in der Tschechischen Republik. Auf polnischer Seite hat man 1934 ein Monument zum Gedenken der siegreichen Schlachten der polnischen Legionen enthüllt. Das Monument wurde im September 1939 von den Deutschen zerstört. Vor einigen Jahren hat es erneut seinen Platz eingenommen. "Ich weiß, dass man auf tschechischer Seite eher die Zähne zusammengebissen hat", sagt Bogdan Ficek, Bürgermeister von Teschen.

In der Festschrift zu den gemeinsamen Feierlichkeiten anlässlich der 1200 Jahre von Teschen, die Anfang Dezember bei einer gemeinsamen Sitzung der Gemeinderäte verabschiedet wurde, steht geschrieben: "Wir können die Geschichte nicht ändern und auch nicht vergessen, aber wir können den nächsten Generationen eine gemeinsame Zukunft geben." "Wir glauben, dass wir in den Angelegenheiten unserer beiden Städte einen Schritt voran gehen müssen, selbst wenn das einigen nicht gefällt", erklärt Bogdan Ficek.

Der Teschener Handel verdankt den Tschechen und Slowaken fast 70 Prozent seines Umsatzes. Die Tschechen profitieren von einem vorteilhaften Wechselkurs ihrer Krone gegen den Zloty. Auf dem Markt von Teschen haben die Korbprodukte einen Bombenerfolg; auch die künstlichen Weihnachtsbäume, die Plaids, die Schuhe, das Gemüse und die Süßigkeiten sind sehr gefragt. Die tschechischen Touristen nehmen schwerbeladen das polnische Taxi zum Bahnhof oder zurück zu ihrem Auto, das sie auf der anderen Seite der Grenze gelassen haben. Vor der Brücke versteckt der Fahrer das Taxischild und fährt wie ein ganz normaler Autofahrer weiter, denn in der Mitte der Brücke verläuft die Grenze. "Wenn wir uns strikt an die Regeln halten würden, müsste ein polnischer Krankenwagen in der Mitte der Brücke anhalten und darauf warten, dass ein tschechischer Krankenwagen den Patienten übernimmt", erklärt der Bürgermeister von Teschen. Umgekehrt gilt dies genauso.

Diese nichtamtlichen Grenzverletzungen betreffen auch die Zusammenarbeit der Polizei und der Stadtaufsicht bei der Verfolgung fliehender Krimineller. Heute kann sich auch niemand vorstellen, dass die junge Sängerin Ewa Farna aus Zaolzie nur auf einer Seite der Olsa singen dürfte. Sie singt auf polnisch und auf tschechisch und ist somit die beste Botschafterin der "polnischen Geistes" in Zaolzie. Sie ist darüber hinaus auch das Idol der grenzüberschreitenden polnischen und tschechischen Jugend. Im Endeffekt sind alle, wie man im Teschener Schlesien sagt, stela Stąd ("von hier").

Minderheiten

Kein so friedliches Miteinander

Die tschechischen Behörden haben versprochen, das Problem der Rechtsverstöße gegen die polnische Minderheit in der Grenzregion Teschener Schlesien zu lösen, berichtet Warschaus Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Während seines kürzlich stattgefundenen Besuches in Prag hatte der polnische Präsident Lech Kaczyński dieses Versprechen gegeben. Die 40.000 in der Region lebenden Polen beschweren sich darüber, dass Schilder in polnischer Sprache von tschechischen Rechtsextremisten mutwillig beschädigt werden. Von den 31 Gemeinden, die nach der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitssprachen dazu berechtigt sind, Schilder in zwei Sprachen auszuweisen, haben sich nur die Hälfte von ihnen dazu entschlossen, von ihrem Recht Gebrauch zu machen; viele haben eingelenkt. Es gab sogar Probleme beim bloßen Anbringen einer Tafel am Geburtshaus des derzeitigen Präsidenten des Europäischen Parlamentes Jerzy Buzek in Smilovice. "Die Tschechen sind bloß nicht an dergleichen gewöhnt, wir müssen ihnen einfach etwas Zeit lassen", erklärt Józef Szymeczek, Leiter des Kongresses der Polen in der Tschechischen Republik. Der schlimmste Fall ist Szymeczek zufolge die Stadt Třinec, in der eine polnische Minderheit von 6000 Menschen lebt und deren Behörden versucht haben, eine polnische Schule zu schließen und sich weigern, das Thema der zweisprachigen Schilder auch nur anzusprechen. Die in der Tschechischen Republik lebenden Polen geben an, dass ihnen der meiste Hass von der tschechischen Jugend entgegenschlägt. Eine Internetgruppe mit dem Namen "Ich hasse Polen" zählt beinahe tausend Mitglieder. "Es wird deutlich, dass polnisch-tschechische Beziehungen sehr viel besser auf Regierungsniveau funktionieren als auf örtlicher Ebene", schließt die Tageszeitung.

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