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140 Millionen Freunde

Zum ersten Mal wird der 11. November, an welchem des französischen Sieges über Deutschland am Ende des Ersten Weltkriegs gedacht wird, zum deutsch-französischen Feiertag. Ein weiterer Schritt hin zu einer immer engeren Freundschaft zwischen den zwei großen europäischen Ländern, findet die Presse beiderseits des Rheins.

Veröffentlicht auf 11 November 2009 um 16:25

Zwei Tage nachdem Nicolas Sarkozy von Angela Merkel in Berlin zum 20. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer begrüßt wurde, erklingt das Deutschlandlied unter dem Arc de Triomphe in Paris, während der französische Präsident und die deutsche Kanzlerin vor dem Grab des unbekannten Soldaten Andacht halten. Dieses Jahr ist der 11. November, an welchem seit einem knappen Jahrhundert des französischen Sieges über Deutschland und der Beendung des Ersten Weltkriegs gedacht wird, ganz anders als sonst. Zum ersten Mal nimmt ein deutscher Staatschef an der Seite eines französischen Präsidenten an den Gedenkfeiern teil, ein Wendepunkt in einer bereits sehr vertrauten bilateralen Beziehung.

„Man erinnert sich an die massive Gestalt Helmut Kohls, Hand in Hand mit François Mitterrand vor dem Beinhaus in Douaumont im Jahr 1984 – doch das war im September, zum Gedenken der Schlacht von Verdun“, stellt Le Monde fest. (…) „Jetzt ist es an der Zeit. Der letzte ‚poilu‘ (frz. Soldat aus dem Ersten Weltkrieg) ist gestorben. Und Angela Merkel, 55, steht für eine neue, nach dem Zweiten Weltkrieg geborene Generation. Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen“, freut sich Le Monde und betont, dass „Deutschland und Frankreich die Einrichtung eines gemeinsamen Ministeriums in Erwägung ziehen, das im Januar 2010 unter einer noch zu definierenden Form Gestalt annehmen könnte“.

Berlin, Resonanzboden für neue Sarko-Show?

„Alles scheint möglich“, ist in der Frankfurter Rundschau zu lesen. „Ein gemeinsamer deutsch-französischer Minister, eine deutsch-französische Agenda für Europa, eine gemeinsame Industriepolitik“, und noch dazu will Angela zur großen Freude von Paris die Steuern senken! Doch fragt man, was sich – über die neue französische „Leidenschaft für Deutschland“ hinaus – an den deutsch-französischen Beziehungen ändern wird, „wird man auf das kommende Jahr vertröstet“, bemerkt die Süddeutsche Zeitung. Berlin „fürchtet, als Resonanzboden für eine neue Sarko-Show herhalten zu müssen.“

Die nicht ganz so enthusiastische Frankfurter Allgemeine Zeitung ist der Meinung, jedes Land habe zwar das Recht, seine Triumphe zu feiern, doch ein Deutscher werde sich wohl bei derartigen Kommemorationen immer als Fremdkörper fühlen. „Ist die Mimikry der Bundesrepublik auf ihrem ‚langen Weg nach Westen‘ nun so weit gediehen, dass man sich in einer erinnerungspolitischen Gymnastik als der Besiegte den Siegern zugesellen will?“ Die FAZ schlägt also vor, den Waffenstillstandstag zu „entpolitisieren in ein allgemeines Gedenken aller gefallenen Soldaten aller Nationen“, bemerkt dabei jedoch, es werde wohl schwierig sein, dies in Paris zu feiern, unter einem den napoleonischen Siegen geweihten Arc de Triomphe.

Freundschaft der Eliten

„Zahlreiche politische Symbole, der gemeinsame Fernsehsender Arte, ein deutsch-französisches Geschichtsbuch, gemeinsame Ministerräte usw. – mehr noch als eine Versöhnung hat das deutsch-französische Paar im Laufe der Jahre eine echte Freundschaft aufgebaut“, heißt es in La Croix. Doch, so die katholische Tageszeitung weiter, die Bande zwischen den beiden Ländern scheinen vor allem bei den politischen Entscheidungsträgern innig zu sein. Ein Professor für zeitgenössische Geschichte, den die französische Zeitung zitiert, deutet somit auf die „Diskrepanz zwischen der französischen Regierung, die auf Biegen und Brechen die deutsch-französische Freundschaft zelebriert, und der Realität der Bürger, die nichts über ihre Nachbarn wissen“. So studieren immer weniger französische Studenten in Deutschland und Deutsch als Fremdsprache verliert an den Schulen jedes Jahr an Boden.

Und doch könnte der 11. November, so schließt Le Monde, durchaus das Symbol einer Schicksals- und Erinnerungsgemeinschaft werden, denn das Datum sei vom symbolischen Standpunkt her ideal. Es „dokumentiert den Selbstmord Europas und bereitet vor, wonach die Union mit ihrer Errichtung strebt: Innerhalb ihrer Grenzen sollen Krieg, Shoah und Verletzung der Grundrechte nie wieder möglich sein“. Der Pariser Tageszeitung ist jedoch nicht entgangen, dass in Deutschland auch „schon immer am 11.11. um 11 Uhr 11 der Karneval eingeläutet wird“. Ein Karneval, zu dem der französische Präsident mit einer Polemik seinen Beitrag leistete. Er habe sich am 9. November 1989 am Fuße der Berliner Mauer befunden, verkündete er auf seiner Facebook-Seite, doch der satirischen WochenzeitungLe Canard Enchaîné zufolge war der damalige Bürgermeister von Neuilly-sur-Seine zwar tatsächlich im November 1989 in Berlin, jedoch nicht am Tag, an dem die Mauer fiel.

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