Ein Paar in den Vierzigern, beide Sozialarbeiter. Sie leben im Berliner Richardkiez, überlegen jedoch, aus der Stadt wegzuziehen. Warum? Weil ihnen nach der Geburt ihres Kindes klar wurde, dass sie bald ein zusätzliches Zimmer brauchen, was sie sich in der Gegend jedoch nicht leisten können.
Eine Kollegin, ebenfalls Sozialarbeiterin, Anfang dreißig, sucht ebenfalls nach einer alternativen Wohnmöglichkeit. Derzeit teilt sie sich ein kleines Zimmer in einer Wohngemeinschaft und würde gerne alleine wohnen. Aber trotz eines Vollzeitjobs kann sie sich das nicht leisten. Ähnliche Situation, andere Stadt: Sie lebt im Prager Stadtteil Smíchov.
Dies sind weit mehr als nur zwei Anekdoten. Im Rahmen des Projekts The Housing Games hat das Urban Journalism Network die Erschwinglichkeit von Mieten für systemrelevante Arbeitskräfte in europäischen Städten und Stadtvierteln untersucht. Ein Blick auf Berlin und Prag zeigt, dass Sozialarbeiter*innen dort mehr als 40 Prozent ihres Gehalts aufwenden müssten, um eine 50 m² große Wohnung in ihrem Stadtteil zu mieten.
2023 veröffentlichte das Australian Urban Observatory eine Studie zur Wohnsituation von systemrelevanten Arbeitskräften in australischen Städten. Die Daten zeigten, dass Menschen in systemrelevanten Berufen wie Krankenpfleger*innen und Lehrer*innen in günstigere Wohngebiete verdrängt wurden. Infolgedessen wurden ihre Arbeitswege so lang, dass manche Städte Gefahr liefen, ihre systemrelevanten Arbeitskräfte zu verlieren.
Obwohl auf europäischer Ebene keine derartigen Daten vorliegen, zeigt unsere Studie – die erste ihrer Art – ein ähnlich düsteres Bild, und Expert*innen warnen vor schwerwiegenden Konsequenzen.
Angefangen beim Pendeln, das an sich schon problematisch ist. Wie Reporter*innen des Tagesspiegel herausfanden, berichten Arbeitgeber wie die Berliner Feuerwehr und die Sana Kliniken AG, ein großer privater Gesundheitsdienstleister, dass ihre Mitarbeitenden vom Pendeln frustriert sind. Für Schichtarbeiter*innen ist es besonders wichtig, in der Nähe des Arbeitsplatzes zu wohnen. Für die meisten Fachkräfte in systemrelevanten Berufen ist Homeoffice keine Option. Einen Krankenwagen fahren oder die Straßen reinigen kann man nicht von zu Hause aus.
Was könnte also passieren, wenn die Mieten weiter steigen, ohne dass die Löhne besser werden? Zdeňka Havlová vom Prager Institut für Stadtplanung warnt: „Wenn Beschäftigte in strategischen Positionen Gehälter unter dem Prager Durchschnitt beziehen, könnte es für sie schwieriger werden, sich Wohnraum in der Stadt zu leisten, was bedeutet, dass sie möglicherweise wegziehen müssen.“
Wie unsere Daten zeigen, hat die Mehrheit der systemrelevanten Arbeitskräfte tatsächlich unterdurchschnittliche Löhne. Dies gilt sogar für scheinbar gut bezahlte Berufe wie Universitätsdozent*innen oder Richter*innen – wobei Ärzte, Ärztinnen und Rettungssanitäter*innen bemerkenswerte Ausnahmen darstellen. Hinzu kommt, dass ein geschlechtsspezifisches Lohngefälle die Situation für Frauen verschärft. Eine Rettungssanitäterin muss im Vergleich zu ihrem männlichen Kollegen oft einen Tag mehr pro Monat arbeiten, um ihre Miete bezahlen zu können.
Der Brüsseler Staatssekretär für Wohnen warnt davor, dass ein Wegzug von systemrelevanten Arbeitskräften aus der Stadt zu Personalmangel führen könnte. Darüber hinaus drohe die Pendlersituation, den Verkehr zu belasten und den finanziellen Druck weiter zu verschärfen. Die Gehälter von Berufseinsteiger*innen in Belgiens Hauptstadt reichen nicht aus, um sich in einer der 19 Brüsseler Gemeinden eine Wohnung leisten zu können.
Wir laufen also Gefahr, nicht nur Menschen zu verlieren, die bereits in unseren Städten leben, sondern auch potenzielle neue Einwohner*innen.
Junge Menschen am Anfang ihrer Karriere haben besondere Schwierigkeiten, Wohnraum zu finden, wie Daten aus Warschau, Brüssel sowie italienischen Städten wie Mailand und Bologna bestätigen. Reporter*innen der Gazeta Wyborcza berichten, dass viele junge Menschen die polnische Hauptstadt meiden und sich lieber einen Job in einer kleineren Stadt suchen, wo Wohnraum günstiger ist.
Systemrelevante Arbeitskräfte sind für das Funktionieren von Städten jedoch unverzichtbar – wie die Pandemie schmerzlich deutlich gemacht hat. In vielen Städten herrscht in Bereichen wie dem Gesundheits- und Bildungswesen bereits kritischer Personalmangel. Und diese Situation könnte sich noch verschärfen. Mit dem Wachstum der Städte steigt auch die Nachfrage nach Plätzen in Kindergärten und Schulen. Hinzu kommt, dass viele Städte überaltert sind, was Arbeitsplätze im Gesundheits- und Pflegesektor noch unverzichtbarer macht.
Es ist bekannt, in welchen Branchen Personalmangel herrscht. Auch der erforderliche Kapazitätsausbau lässt sich anhand von Stadtentwicklungsprognosen abschätzen. Was die Kommunen jedoch nicht wissen, ist, wie viele Menschen aufgrund unerschwinglicher Mietpreise wegziehen und wie viele potenzielle neue Einwohner*innen gar nicht erst in die Städte kommen.
Manche Menschen, wie die Prager Rettungssanitäterin Kristýna zum Beispiel, haben bessere Bedingungen. Sie hat es geschafft, über das Krankenhaus, in dem sie arbeitet, eine Wohnung mit billigerer Miete zu bekommen. Systemrelevante Arbeitskräfte haben in Prag oft auch Anspruch auf Sozialwohnungen. Wegen der steigenden Privatisierung herrscht jedoch seit Langem Mangel an staatlichen Wohnungen. Vor zwanzig Jahren gab es in Prag noch 100.000 öffentlich geförderte Wohnungen; heute sind es weniger als 30.000. Davon stehen nur etwa 3.500 für systemrelevante Arbeitskräfte zur Verfügung, obwohl davon 105.000 in Prag leben.
Ebenso könnte der soziale Wohnungsbau in Warschau eine willkommene Unterstützung für Menschen in systemrelevanten Berufen sein. Doch leider gibt es auch hier viel zu wenige davon. Die polnische Hauptstadt verfügt über rund 80.000 Sozialwohnungen, von denen über 70.000 bereits belegt sind. Die Wartezeit für diese Wohnungen beträgt zwischen zwei und 15 Jahren.
Anders als in postkommunistischen Städten, wo die Wohnungsbestände aufgrund der Privatisierung oft geschrumpft sind, galt Wien lange als Vorbild für soziale Wohnungspolitik. Doch auch dieses Modell zeigt allmählich Risse. Über die Hälfte der 750.000 Mietwohnungen der Stadt werden öffentlich gefördert oder von gemeinnützigen Genossenschaften verwaltet, wodurch die Preise für Langzeitmieten relativ niedrig bleiben. Neuankömmlinge und jüngere Arbeitnehmer*innen können jedoch nicht von diesen Vorteilen profitieren und sind deshalb dem privaten Mietmarkt ausgeliefert.
Es mag überraschen, doch ein Grundschullehrer in Wien muss 35 % seines Gehalts für eine 50 m² große Wohnung aufwenden; in Prag sind es 33 % und in Berlin 29 %. Nur in London ist die Lage noch schlimmer: Dort geben Lehrerinnen und Lehrer die Hälfte ihres Gehalts für Miete aus.
Viele Städte haben das Problem jedoch erkannt und versuchen, Lösungen zu finden. In Berlin beispielsweise baut das staatliche Unternehmen Berlinovo neue Wohnungen speziell für systemrelevante Arbeitskräfte. Nach Angaben des Unternehmens gibt es bereits mehr als 5.600 Wohnungen, und bis 2029 sollen es 6.800 werden.
Auch in Prag sollen Tausende von Sozialwohnungen gebaut werden. Außerdem ist die Stadt dabei, viele Gebäude zu sanieren. “Prag investiert derzeit in eine Reihe von sozialen Wohnungsbauprojekten in bestimmten Stadtteilen“, erklärte ein Sprecher des Prager Rathauses auf unsere Frage, wie die Stadt dieses Problem angehen will.
Aber werden diese Maßnahmen ausreichen? Niemand weiß es.
Die „Wohnungskrise“ wird zunehmend von rechtsextremen Parteien aufgegriffen: Die Freiheitspartei in den Niederlanden und Chega in Portugal haben erschwinglichen Wohnraum zu einem zentralen Thema ihres Wahlkampfs gemacht.
Auch in der EU gewinnt das Thema Wohnen an politischer Bedeutung. Ende 2025 stellte die Europäische Kommission den Europäischen Plan für bezahlbaren Wohnraum vor, ein wegweisendes Dokument, in dem sie sich verpflichtet, das Wohnungsproblem auf EU-Ebene anzugehen.
Die Auswirkungen nicht bezahlbarer Wohnkosten auf die Bereitstellung grundlegender Dienstleistungen werden jedoch nur im begleitenden Arbeitsdokument der Kommission erwähnt. In dem fast zweihundert Seiten starken Dokument findet sich ein Unterkapitel zum Thema „Unverzichtbare Arbeitskräfte und die Bereitstellung grundlegender Dienstleistungen“. Die Kommissionsdienststellen verweisen auf eine frühere Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses, in der anerkannt wurde, dass „sich eine wachsende Zahl von Arbeitnehmenden kein Wohnen in der Nähe ihres Arbeitsplatzes leisten kann, was zu Arbeitskräftemangel in Schlüsselbereichen wie Gesundheitswesen, Bildung und öffentlichen Dienstleistungen führt“. Allerdings fehlen in diesen Dokumenten jegliche Daten, die das Ausmaß dieses Problems verdeutlichen.
Lange Zeit wurde die Wohnungskrise als Unfähigkeit wahrgenommen, eine Immobilie zu erwerben. Dies hat dazu geführt, dass Förderprogramme für den Wohnungskauf eingeführt wurden. Diese Maßnahmen haben jedoch den Wohnraum nicht erschwinglicher gemacht; sie haben lediglich die Investitionen angekurbelt.
In den letzten Jahren hat sich in der öffentlichen Debatte die Erkenntnis durchgesetzt, dass steigende Lebenshaltungskosten, insbesondere die Mieten, die Mittelschicht und vor allem junge Menschen bedrohen. Durch die steigenden Energiepreise für europäische Haushalte ist dieses Thema noch stärker in den Fokus gerückt. Wer fällt unter die Kategorie des „durchschnittlichen“ Bürgers oder der Durchschnittsbürgerin in Berlin, Wien, London oder Brüssel?
In Berlin kann es sich jemand mit mittlerem Einkommen leisten, in 70 Prozent der Stadtteile zur Miete zu wohnen. Diese Zahl wird von Polizist*innen, Altenpfleger*innen, Feuerwehrleuten, Erzieher*innen und Sozialarbeiter*innen bei weitem nicht erreicht. Sie können es sich in weitaus weniger Bezirken leisten, eine Wohnung zu mieten. Während es in Berlin noch erschwinglichere Stadtteile gibt, sind die Marktmieten in Prag und Wien für systemrelevante Berufe wie Pflegekräfte völlig unerschwinglich.
Eine detaillierte Untersuchung der Daten für jedes Stadtviertel und jeden Beruf hilft, die Ungleichheiten aufzudecken, die unsere Städte prägen. Es bestehen erhebliche Unterschiede zwischen den Stadtteilen: Während sich Einwohner*innen mit höherem Einkommen in bestimmten Gebieten konzentrieren, werden andere an den Stadtrand oder sogar außerhalb der Städte verdrängt.
Die Einkommensunterschiede zwischen den Ländern nehmen zu, wobei selbst manche Dozent*innen und Richter*innen nicht genug verdienen, um ihre Mietkosten zu decken. Auch das geschlechtsspezifische Lohngefälle vergrößert sich deutlich in besser bezahlten Spitzenpositionen. Am kritischsten ist jedoch, dass das Einkommenswachstum nicht mit den steigenden Mieten und Energiekosten Schritt halten konnte.
🤝 Der Artikel entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts The Housing Games, das vom Urban Journalism Network koordiniert wird.
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