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Zivilist*innen im Krieg: Was Europa von der Ukraine lernen kann

Was bedeutet Krieg in einer demokratischen Gesellschaft? Der Krieg in der Ukraine gibt Anlass dazu, über die Veränderungen nachzudenken, die ein Land durchmacht, das täglich um sein Überleben kämpfen muss.

Veröffentlicht am 26 Mai 2026

„Wir backen Kuchen für die Angestellten und mit dem Geld kaufen wir Panzer für die Soldaten“, erklärte mir Stanislaw Zawertailo im Februar 2024. Ich traf ihn damals zusammen mit anderen Journalisten und Journalistinnen in Kiew während eines von der NGO n-ost organisierten Besuchs. Zawertailo ist Konditor und Inhaber von zwei trendigen Cafés in der ukrainischen Hauptstadt. 

Ein Teil seiner Einnahmen geht seit nunmehr über vier Jahren an die Armee. Stanislaw kauft militärisches Material, um die Soldaten und Soldatinnen zu unterstützen. Er sagt, dass er mit all dem Geld, das er in den letzten drei Jahren gespendet hat, zwei weitere Läden hätte eröffnen können. Doch er kauft lieber Waffen, “um die Russen zu töten, bevor sie uns töten.“

Zawertailo hatte einmal vierhundert Angestellte. Einige sind an die Front gegangen, manche inzwischen gefallen. Mit seinen Cafés unterstützt er auch ehemalige Mitarbeiter*innen. Zawertailo hat sich selbst bisher nicht zum Militär gemeldet, wird es aber in wenigen Jahren tun. Sobald der jüngste seiner drei Söhne volljährig ist. Er trainiert schon darauf hin. „Wir sind bereit oder bereiten uns vor, und was ist mit euch?*“ Zawertailos Geschichte ist nicht außergewöhnlich in der Ukraine, die sich im Krieg mit Russland befindet.

In dem Land gibt es heute Dutzende von Stiftungen und Hunderte von Initiativen, um Geld an die verschiedenen Bataillone zu überweisen, Waffen und Ausrüstung zu kaufen, Soldat*innen auszubilden oder sie mit Lebensmitteln zu versorgen. Auch einzelne Bürgerinnen und Bürger sammeln Spenden, um Verwandte, Freunde, Familienmitglieder oder eine Brigade zu unterstützen. Auch gibt es Werkstätten, in denen freiwillige Zivilisten Drohnen bauen.

Viele Ukrainer*innen stellen ihre Kompetenzen in den Dienst des Krieges. Über zweitausend Start-ups widmen sich der Verteidigung. Wie zum Beispiel die Personalvermittlungsagentur Lobby X von Wladyslaw Greziew, einem Unternehmer aus Kiew. Er hat die Website Lobby X Army ins Leben gerufen, auf der die verschiedenen Brigaden „Stellenangebote“ veröffentlichen können, um Lücken im Rekrutierungsdienst der Armee zu schließen.

Die „Zivilisierung“ des Krieges

„Strategische Analysen des Krieges lassen die Frage der Gesellschaft in der Regel außer Acht“, schreibt Anna Colin Lebedew. „Stattdessen finden wir in den Sozialwissenschaften […] eine Reflexion über die gesellschaftlichen Veränderungen durch den Krieg (die Belastung für Opfer und Veteranen, materielle Zerstörung, Vertreibung der Bevölkerung, Veränderungen in sozialen Bindungen und im sozialen Status usw.), aber auch über den Krieg selbst (die Entstehung von Diskursen und Ideologien, Militärkultur, die Neuordnung wirtschaftlicher Aktivitäten, Formen des Widerstands usw.). Krieg hat quantifizierbare materielle Kosten, doch ist ein eher qualitativer Ansatz erforderlich, um seine gesellschaftlichen Konsequenzen zu bewerten und das Ausmaß der sozialen Transformation zu erfassen, die die Kriegsführung mit sich bringt.“

Als Dozentin und Wissenschaftlerin beschäftigt sie sich mit dem Verhältnis zwischen Bürger*innen und Staat in postsowjetischen Gesellschaften. Sie ist Autorin von Jamais frères ?- Niemals Brüder? (Le Seuil, 2022), eine Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der russischen und der ukrainischen Gesellschaft. Außerdem hat sie den Essay Ukraine: la force des faibles - Ukraine: die Stärke der Schwachen“ (Le Seuil, 2025) geschrieben, in dem sie viele ihrer Überlegungen zu diesem Thema aufgreift.

Für die Ukrainer*innen war das Leben in Frieden vor 2014 normal, ein alltäglicher Zustand. Heute ist der Krieg Teil ihres Daseins: „Wir leben in Gesellschaften, die jahrzehntelang der Ansicht waren, dass es keiner starken Verteidigung bedürfe, dass Bildung, Soziales und Arbeit Priorität haben… Die Ukrainer*innen glaubten das auch. Und als dann der Krieg ausbrach, war die Armee nicht in der Lage, mit der Situation fertig zu werden“, erzählt Anna Colin Lebedew. 

Was die Situation vor dem Krieg betrifft – militärisch, aber vor allem zivil und sozial – ähnelt die ukrainische Gesellschaft anderen europäischen Gesellschaften: „Wir sind politisch und wirtschaftlich liberale, urbanisierte, gebildete und vernetzte Gesellschaften, ganz anders als früher, als im Falle eines Krieges die Mehrheit der Bürger*innen der Meinung war und akzeptierte, dass es Aufgabe des Staates sei, Funktionen und Aufgaben zu verteilen und Opfer zu bringen, wenn der Staat dies verlangt.”

Wie viele andere Länder hatte auch die Ukraine seit ihrer Unabhängigkeit 1991 den Personalbestand ihrer Streitkräfte stark reduziert: von 465.000 im Jahr 1993 auf 165.000 im Jahr 2013. Parallel dazu stieg der Anteil der Zeitsoldat*innen, die nicht über die Wehrpflicht eingezogen werden, von 8 % im Jahr 2001 auf 70 % im Jahr 2013.

Als Russland 2022 die groß angelegte Invasion startete, überraschten der Widerstand und die Reaktion Kiews die ganz Welt. Dahinter verbirgt sich ein Phänomen, das unsere Gesellschaften in Europa zum Nachdenken anregen sollte: Colin Lebedew spricht von der „Zivilisierung des Krieges“, einem von Jean-Baptiste Jeangène Vilmer geprägten Neologismus, der bedeutet, dass Kriege zunehmend von Zivilist*innen geführt und vorangetrieben werden.

Dies, fügt Colin Lebedew hinzu, gelte bereits für hybride Kriege oder Angriffe auf die Infrastruktur. Im Fall der Ukraine sei dies jedoch besonders ausgeprägt. Seit 2022 musste das Land die Größe seiner Armee massiv aufstocken. Heute seien „mindestens drei Viertel in der Armee Dienenden, Menschen, die vor 2022 ein ziviles Leben führten“.

Was bedeutet das? „Wenn man in die Armee eintritt, nimmt man die Militärkultur auf, behält aber auch zivile Praktiken und eine zivile Berufskultur bei.“ Mittlerweile ist die gesamte Gesellschaft in der Ukraine am Krieg beteiligt, weit über das uns vertraute Bild der „Kriegswirtschaft“ hinaus – man denke an die Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs in Fabriken Geschosse herstellten.

Heute „sind die Ukrainer*innen der Ansicht, dass sie eine Rolle bei der Verteidigung zu spielen haben“, erklärt Colin Lebedew. Manche Menschen wechseln ihren Beruf, andere „stützen sich auf ihre Kompetenzen und stellen diese in den Dienst der Verteidigung“.


„Wenn man in die Armee eintritt, nimmt man die Militärkultur auf, behält aber auch zivile Praktiken und eine zivile Berufskultur bei“ – Anna Colin Lebedew


Zudem ist die Art der Verteidigung selbst ziviler: Die Menschen probieren eigenständig Dinge und Lösungen aus. Wenn diese gut funktionieren, gelingt es ihnen, „den Staat davon zu überzeugen, sich diese Techniken zu eigen zu machen“. Dies ermöglicht eine hohe und schnelle Anpassungsfähigkeit. 

Diese Logik „unterscheidet sich allerdings von unserer. Bei uns verläuft die Verteidigung immer noch von oben nach unten“, erklärt die Wissenschaftlerin. Dies hänge, so Colin Lebedew, mit der Geschichte der Ukraine zusammen. Denn in der Gesellschaft herrscht ein grundlegendes Misstrauen gegenüber dem Staat, das mit dem Ende der UdSSR und der Unabhängigkeit entstanden ist: „Die Ukrainer*innen haben gelernt, sich nicht auf den Staat zu verlassen. Weil er instabil und korrupt war, und weil der Sozialstaat zusammengebrochen ist…“

Später dann, während des Maidan-Aufstands und des Krieges im Donbass, engagierte sich ein Teil der ukrainischen Gesellschaft von der Basis aus für die Verteidigung des Landes, durch eine Vielzahl von Projekten und Gruppen. Zivilist*innen meldeten sich zum Militärdienst – nicht nur diejenigen, die rechts oder konservativ gesinnt waren. Es entstanden Vereinigungen, um die Bataillone mit Lebensmitteln oder Material zu versorgen oder um Veteranen zu unterstützen.

Warum ist das so?

 „Als ich 2015 Ukrainer und Ukrainerinnen interviewte, die sich zur Armee gemeldet hatten oder diese unterstützten, sagten sie mir: ‚Ich weiß ganz genau, wie viele Kilometer zwischen der russischen Armee, meiner Stadt und meinem Zuhause liegen. Und ich weiß, dass die Russen vorrücken werden, wenn ich sie nicht aufhalte’”, erinnert sich Colin Lebedew.

Dies ist eine ganz einfache, praktische, aber auch tragische Reaktion: „Die Bedrohung ist sehr konkret und greifbar – für die eigene Familie und das eigene Zuhause.

Das geht über die Frage des Landes hinaus. Das führt dazu, dass sich jeder oder jede sagt: ‚Ich muss etwas tun‘“. Und hier liegt ein großer Unterschied zwischen uns Europäer*innen und den Ukrainer*innen: „Wir befinden uns zwar auch schon im Krieg mit Russland, aber es handelt sich um einen hybriden Krieg. Es sind keine russischen Streitkräfte, die auf unsere Städte vorrücken, sondern andere Formen von Angriffen. Ich denke, es ist für Europäerinnen und Europäer deshalb schwieriger zu begreifen, dass sie bedroht sind.“ 

„Wer Rechte hat, hat auch Pflichten. Ich liebe meine Heimatstadt Kiew und mein früheres Leben, daher habe ich jetzt auch etwas zu verteidigen. Nach dem russischen Einmarsch 2014 habe ich mir deshalb verschiedene Szenarien ausgemalt“, erklärte mir Alla (Name von der Redaktion geändert), lächelnd, fröhlich und ein bisschen punkig, als ich sie im Februar 2025 zum ersten Mal traf. „Ich kenne die Geschichte der Ukraine gut genug und bin überzeugt, dass [die Russen] niemals aufhören werden, uns erobern zu wollen. Das war nur eine Frage der Zeit. Ich konnte mir lange nicht vorstellen, in der Armee zu sein, aber ich wusste, dass ich dazu bereit wäre, wenn es nötig ist. Denn ich kann das, ich habe keine Angst und ich habe etwas zu verteidigen.“ 


„Ich habe 2004 an der Orangenen Revolution und 2013 an der Revolution der Würde teilgenommen. Ich war auch bei anderen wichtigen Demonstrationen in Kiew dabei, wie dem Marsch für Frauenrechte, der Kyiv Pride, sowie Protesten gegen den Abriss alter Gebäude. Soldatin zu sein bedeutet, Teil von etwas zu sein, das für unsere Zukunft sehr wichtig ist.“ – Alla


Heute ist Alla 38 Jahre alt und hat sich 2023, kurz nach dem russischen Einmarsch, freiwillig gemeldet: Sie ist Leutnantin und gehört einer Einheit an, die mit Drohnen arbeitet und sich um militärische Ziele, Kommunikation und Kartografie kümmert. In ihrem früheren Leben war sie Journalistin: „Ich habe 2004 an der Orangenen Revolution und 2013 an der Revolution der Würde teilgenommen. Ich war auch bei anderen wichtigen Demonstrationen in Kiew dabei, wie dem Marsch für Frauenrechte, der Kyiv Pride, sowie Protesten gegen den Abriss alter Gebäude. Soldatin zu sein bedeutet, Teil von etwas zu sein, das für unsere Zukunft sehr wichtig ist.“

Für sie und ihre Kolleg*innen – Männer und Frauen zwischen 35 und 40 Jahren, alle Freiwillige und aus Berufen, die nichts mit dem Militär zu tun hatten (ein Regisseur, eine Schriftstellerin, ein Philosophieprofessor) – war der Eintritt in die Armee die Fortsetzung eines schon vor langer Zeit eingeschlagen Weges. Für sie alle war dies nicht nur eine konkrete Entscheidung, vor die sie das Leben stellte, sondern eine Verpflichtung.

„Manchmal denke ich über meine Zukunft nach und spiele verschiedene Szenarien durch: Was ich tun werde, wenn der Krieg zu Ende ist, oder wie ich in einem noch schlimmeren Krieg klarkommen muss? Aber dann kehre ich zur Realität zurück und frage mich, was ich jetzt tun muss. Ich habe innerhalb der Armee den Beruf gewechselt, um neue Kompetenzen zu erwerben und effizienter zu sein und ich versuche, mit meinen Lieben in Kontakt zu bleiben. Und vielleicht möchte ich auch Kinder bekommen. Aber das ist im Moment eher ein Traum“, sagte mir Alla damals.

Ein Jahr nach unserem ersten Treffen haben wir erneut miteinander gesprochen: „Wenn ich auf die letzten drei Jahre und länger zurückblicke, bin ich eine viel ‚militärischere‘ Person geworden. Vielleicht werde ich nie wieder zum Journalismus zurückkehren; ich glaube, dass meine derzeitige Arbeit für die Zukunft der Ukraine wichtiger ist.“

Laut einer Umfrage des Marktforschungs- und Analysezentrums Kiss sind 54 % der über 18-jährigen Ukrainer*innen, die nicht beim Militär dienen, „auf jeden Fall oder eher“ bereit, sich den Streitkräften anzuschließen und die Ukraine im Bedarfsfall zu verteidigen. Zwar wird die Mobilmachung weitgehend als notwendig angesehen, doch muss sie „gerecht“ sein, schreibt Colin Lebedew. Das bedeutet, dass „die Notwendigkeit einer sozial gerechten Rekrutierung“ mit einem „gerechten Einsatz an der Front“ einhergehen muss.

*In der Nacht vom Samstag, dem 23. auf den Sonntag, den 24. Mai, wurde Kiew (wie auch viele andere Teile der Ukraine) heftigen Bombardements ausgesetzt. Mehrere Geschäfte wurden getroffen, darunter ein Café von Stanislav Zavertailo, der gerade dabei war, ein drittes Café zu eröffnen. Glücklicherweise gab es keine Opfer. Russland feuerte 90 Raketen und 600 Drohnen in einem Angriff ab, der mehrere Stunden dauerte und von vielen als einer der schwersten seit Beginn des umfassenden Krieges angesehen wird.

🤝 Dieser Artikel ist Teil des Gemeinschaftsprojekts PULSE. Silvia Martelli (Il Sole 24 Ore, Italien), Marina Kelava (H-Alter, Kroatien), Nikola Lalov (Mediapool, Bulgarien), Martin Tschiderer (Der Standard, Österreich), Petr Jedlička (Denik Référendum, Tschechien), Justė Ancevičiūtė (Delfi, Litauen) und Tornike Kakalashvili (Obct) haben dazu beigetragen.

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