Sherif Arafa international law

Deutschland und die Last des Schweigens in Bezug auf Gaza

In seiner Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels sprach der französisch-britische Anwalt und Schriftsteller Philippe Sands vom Schweigen seiner Familie über den Holocaust und schlug dabei die Brücke von Nürnberg über Lwiw bis nach Den Haag. Deutschland habe sich seiner Vergangenheit zwar wie kein anderes Land gestellt, doch zu Israel, Gaza und zum Westjordanland sei das deutsche Schweigen bis heute laut, kritisierte er.

Veröffentlicht am 13. Oktober 2026

Es ist eine Ehre, an diesem Morgen bei Ihnen zu sein. Die Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist außerordentlich. Sie ist außerordentlich, weil meine Leserinnen und Leser bis vor Kurzem aus den engen Grenzen der Welt des Rechts kamen, und weil Frankfurt für unsere Familie von Bedeutung ist. André Schiffrin war ein angesehener Verleger. Er kam jedes Jahr zur Buchmesse, und drei seiner Autor*innen – Gunnar und Alva Myrdal und George F. Kennan – wurden mit diesem Preis geehrt. Seine Tochter Natalia ist meine Frau, meine erste Leserin und meine schärfste und ausdauerndste Kritikerin.

Und die Auszeichnung ist außerordentlich, weil das Thema Frieden im Zentrum jener Themen steht, die meine Arbeit durchdringen und auf die ich an diesem Vormittag zu sprechen komme: die Last und die Gefahren des Schweigens; die Auseinandersetzung mit Missständen; die Rechte von Individuen und Gruppen; und die Unentbehrlichkeit des Rechtsstaatsprinzips.

Diese Themen formieren sich um die – 1945 revolutionäre und nach wie vor umstrittene – Idee, dass staatliche Macht begrenzt wird durch die Rechte von Individuen und Gruppen gemäß nationalen und internationalen Gesetzen. Diese Idee geht über Rechtswissenschaft und Literatur hinaus und betrifft jeden von uns. Was mich angeht, so tauchten solche Themen erst später in meinem Leben auf. Meine Kindheit war glücklich, ich wurde geliebt und hatte alles, was ein Kind sich wünschen konnte.

Doch ich wuchs auf in einer Welt des Schweigens – des Schweigens über Dinge, von denen mein Bruder und ich nur eine vage Vorstellung hatten. Es war ein Schweigen der Familie – ein Schweigen über die Vergangenheit. Erst später erfuhr ich die Einzelheiten. Die Auswirkung fassten die Psychoanalytiker Mária Török und Nicolas Abraham in Worte, die mein Buch Rückkehr nach Lemberg einleiten:

„Nicht die Gestorbenen sind es, die uns heimsuchen, sondern die Lücken, die aufgrund von Geheimnissen anderer in uns zurückgeblieben sind.“

Die Geheimnisse unserer anderen waren mörderische Ereignisse, an die ich Sie nicht erinnern muss. Unser Schweigen war ein deutsches Schweigen, geboren aus Schrecknissen, die meinen Großeltern und meiner Mutter widerfuhren. Die Konsequenz war: nichts Deutsches im Haus. Weder Spülmaschine noch Musik, kein Auto, keine Bücher, nichts. Nun ja, nicht ganz nichts: Irgendwie kamen deutsche – also österreichische – Nahrungsmittel durch die Hintertür herein. Ich habe noch heute eine Schwäche für Schnitzel und Strudel. 

Im Lauf der Jahre änderten sich die Dinge für mich. Auf der Universität lernte ich einen deutschen Dozenten kennen – eigentlich ein Österreicher –, ein liebenswürdiger Mensch, kein Monster, wir wurden Freunde. Als Lehrbeauftragter waren unter meinen Studentinnen und Studenten eindrucksvolle junge Deutsche. Und sie hatten nichts Monströses an sich. Wir sprachen über die Vergangenheit, auf gute, offene Weise.

Mehrere meiner lieben deutschen Freund*innen sitzen heute hier im Publikum. Eine Filmemacherin. Ein Museumsdirektor. Ein im Osten geborener Rechtsanwalt. Und der Sohn eines Rechtsanwalts, der in Nürnberg für die Ermordung von vier Millionen Menschen, darunter achtzig Mitglieder meiner Familie, verurteilt und gehängt wurde. Niklas Frank hat das Schweigen gebrochen und sich mit den Verbrechen seines Vaters, seiner Familiengeschichte, der Geschichte seines Landes beschäftigt. Er ist mein Freund. Seine Anwesenheit heute sagt mehr, als irgendwelche Worte es vermöchten.

In meiner Arbeit als Wissenschaftler und Prozessanwalt – wir tragen die Perücken – zählen Unabhängigkeit und Integrität und die angemessene Beurteilung von Fakten, wohin auch immer sie führen mögen. Ein Prozessanwalt kann schwerlich im Stammesdenken verharren: Man agiert für einige, die man mag oder nicht, deren Werte man teilt oder verabscheut. Und man wird nicht kritisiert, weil man gegen sein eigenes Land oder irgendeine Gruppe, der man möglicherweise angehört, handelt. Wissenschaftler und Prozessanwalt zu sein heißt jedoch nicht, keine Gesinnung zu haben. Die habe ich, und ich werde auf sie zurückkommen.

Eines führte zum anderen. Ein unabhängiger Geist ließ zu, dass Dinge, die deutsch waren, Teil meines Lebens wurden. Eine Spülmaschine hier, ein Auto dort, ein Fußballer – welcher neunjährige Londoner könnte Gerd Müllers Siegtor gegen England bei der Weltmeisterschaft 1970 vergessen? –, dann Musik, deutsche expressionistische Kunst und Bücher. Einige Werke haben mich stark beeinflusst, etwa Sebastian Haffners Geschichte eines Deutschen – ich schrieb kürzlich das Vorwort für eine englische Neuausgabe.

Als Richter in der Ausbildung am Berliner Kammergericht erlebte Haffner 1933 das Versagen der Leitplanken seines Landes, ein unmittelbares Ende von verfassungsmäßiger Regierung und Legalität und eine Gruppe von Referendaren, zugrunde gerichtet von nationalistischen und persönlichen Ambitionen, Korruption und einem Personenkult. Ebenso wie das preußische Rechtssystem kapitulierten auch die Rechte von Individuen und Gruppen.

Die Tradition der Rechtsstaatlichkeit “verschwand über Nacht”. Klingt das vertraut? Ich bekunde meinen Respekt für die Anwälte und Richter in den Vereinigten Staaten und anderswo, die angesichts der Angriffe standhaft bleiben. Haffner erinnert uns daran, wozu wir fähig sind und wie leicht es sein kann. Es gibt keine bessere Schilderung. Kapitel 30 der Geschichte eines Deutschen sollte Pflichtlektüre an allen Schulen werden.

Die Jahre vergingen. Ich schrieb wissenschaftliche Wälzer und vertrat Fälle vor internationalen Gerichten, zu Umwelt, Grenzen, Kriegen, Völkerstraftaten.

Dann kam eine Einladung aus Lwiw, einen Vortrag über meine Rechtssachen zu Völkerstraftaten zu halten. Lwiw war Lemberg in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, wo 1904 Leon Buchholz geboren wurde. 1914, als die Russen einmarschierten, floh er nach Wien. 1938 wurde er seiner Staatsbürgerschaft beraubt und ausgewiesen. Er wurde mein französischer Großvater in Paris. Nach Lwiw ging ich weniger, um einen Vortrag zu halten, als vielmehr, um sein Geburtshaus zu finden.

Hier ging es um Erinnerung und Identität, darum, zu erfahren, wer er war, und zu erfahren, wer ich bin. Als Vorbereitung übergab mir meine Mutter zwei Aktenmappen, voll mit den quälenden Geheimnissen anderer. Ich war fünfzig. Ich hatte noch nie die Geburtsurkunden, die Pässe mit eingeprägtem Hakenkreuz, die Deportationsbefehle und anderen Dokumente gesehen, welche die Lücken unserer Familiengeschichte füllten.

Ich fand Leons Haus. Ich hielt einen Vortrag über die Ursprünge von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord – die Früchte des Nationalsozialismus, könnte man sagen. Es stellte sich, beinahe unglaublich, heraus, dass die Ursprünge dieser Konzepte in Lwiw lagen und bei zwei Männern, die dort studierten. Trotz der Schrecknisse, die folgten, verzogen sich Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin nicht in eine Ecke und weinten.

Sie produzierten Ideen und Bücher – Lauterpacht über Verbrechen gegen die Menschlichkeit und das Individuum, Lemkin über Genozid und die Gruppe. In Nürnberg wurde aus ihren Ideen Völkerrecht, wie ich es in Rückkehr nach Lemberg nacherzählt habe. Letzten Monat war ich wieder in Lwiw, als der Bürgermeister eine Gedenktafel an dem Gebäude enthüllte, wo die beiden Männer zuerst Strafrecht studiert hatten. Heute sind es die Menschen der Ukraine, welche die Nürnberger Prinzipien verteidigen. Sie brauchen unsere Unterstützung und unsere Solidarität, und sie sollten sie bekommen. Ihr Kampf ist unser Kampf.

Lwiw gab mir die Stimme eines Autors, eine, die das Individuum und die Gruppe, Fragen von Identität, Erinnerung und Schweigen tangiert. Das ist hier alles nicht neu. Laurent Naouri sang das »Erbarme dich« aus der Matthäus-Passion. Die Arie ist eine Bitte um Gnade. Sie folgt auf Petrus’ Verleugnung der Wahrheit – „Ich kenne den Menschen nicht“ – und seinen moralischen Zusammenbruch beim Anblick dessen, was er getan hat – ”[Er] weinete bitterlich“.

In Rückkehr nach Lemberg verbindet die Passion zwei Personen.


Heute sind es die Menschen der Ukraine, welche die Nürnberger Prinzipien verteidigen. Sie brauchen unsere Unterstützung und unsere Solidarität, und sie sollten sie bekommen. Ihr Kampf ist unser Kampf


In Cambridge, England, quälte sich Hersch Lauterpacht, als er das Schlussplädoyer für Nürnberg schrieb. „Ich werde getröstet durch die ‘ergreifenden Klänge’ der Matthäus-Passion“, erzählte er seinem Sohn Eli, der später mein Lehrer wurde. Zur selben Zeit, in einer Nürnberger Zelle, erzählte Frank einem Besucher, was ihm helfe, die Gerichtsverhandlung durchzustehen, sei, „mir vorzustellen, ich höre die Matthäus-Passion“. Wie seltsam: Ein Angeklagter und sein Ankläger, an gegenüberliegenden Seiten des Gerichtssaals, finden beide Trost in einem gemeinsamen musikalischen Raum. Lauterpacht verstand Bachs Werk, Frank tat es nicht.

Es drückt eine pietistische Grundhaltung aus, welche die Rolle des zelebrierenden Priesters und der Gruppe herunterspielt und den Vorrang des Individuums betont. Diese Vorstellung spiegelte unterschiedliche juristische Ansätze von Lauterpacht und Lemkin wider – das Individuum oder die Gruppe? Die Unterscheidung besteht bis heute fort. Sie prägt Konflikte und das Bestreben, dem dieser Preis gewidmet ist. Frieden.

Frieden braucht Gerechtigkeit. Gerechtigkeit braucht Regeln. Regeln brauchen das Recht. Und das Recht und Gesetze gelten universell, nicht selektiv. Genau das meint das Rechtsstaatsprinzip. Doch das Recht agiert nicht im luftleeren Raum. Das habe ich gelernt. Autor*innen und Literatur haben eine Funktion, indem sie uns an Orte bringen, wo Anwälte und Richterinnen nicht auftreten.

Wie Haffner anmerkte: Als die Legalität verschwand, verschwand auch die »Welt der Bücher und der Diskussionen«. Dies ist ein Thema meines jüngsten Buches, Die Verschwundenen von Londres 38, über die Ära Pinochet. Während dreier Jahrzehnte versäumten es die chilenischen Gerichte, sich mit den Verbrechen zu beschäftigen, also brachen die Autor*innen das Schweigen. Pablo Neruda sagte es voraus, dann erzählten Bruce Chatwin, Pedro Lemebel und Roberto Bolaño.  


Frieden braucht Gerechtigkeit. Gerechtigkeit braucht Regeln. Regeln brauchen das Recht. Und das Recht und Gesetze gelten universell, nicht selektiv


So ist es heute wieder, weil Nationalismen und Populismen Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie und mehr hervorbringen. Grenzen werden verletzt, Zivilist*innen ins Visier genommen, Verbrechen begangen, Kräfte entfesselt, rechtsfreie Räume geschaffen. Auch die Natur wird angegriffen, wie der Klimanotstand dieses Sommers bestätigte.

Im April nächsten Jahres werde ich The Fifth Crime veröffentlichen, einen Appell, den vier internationalen Verbrechen bzw. Völkerstraftaten, die uns Menschen schützen, ein weiteres hinzuzufügen. Auch diejenigen, welche die Natur zerstören, sollten zur Rechenschaft gezogen und vor ein internationales Gericht gestellt werden. Inspiriert von Autor*innen wie Rachel Carson und Christopher Stone, heißt dieses Verbrechen ‘Ökozid’.

Und als wären unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und die Zerstörung der Natur, die uns erhält, nicht genug, beschließen wir, eine neue Abhängigkeit zu entwickeln: von Technologien und künstlichen Intelligenzen, die uns zu vernichten drohen. Die Conditio humana, gefangen zwischen Anstand und Zerstörung – das ist so absurd, das kann man sich nicht ausdenken. Wie soll man es erklären?

Lesen Sie den Anfang von Éric Vuillards Roman Die Tagesordnung – eine Versammlung von führenden Industriellen macht ihren Frieden mit Herrn Hitler – und sehen Sie sich dann die Ansammlung führender Tech-Mogule bei der Amtseinführung des 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten an, die ihren eigenen Frieden machen. Ehrgeiz, Gier, Narzissmus, fragile männliche Egos. Plus ça change, plus c’est la même chose – je mehr sich die Dinge ändern, desto mehr bleiben sie gleich. Round and round we go – wir drehen uns im Kreis. Was ist zu tun?

Jede Gemeinschaft hat ihre Regeln, die internationale Gemeinschaft ist da nicht anders. Es nennt sich Völkerrecht, und es existiert seit Jahrhunderten. Die meisten der Regeln funktionieren gut. Sie sind nicht im Begriff zu verschwinden, auch wenn einige ernsthaft verletzt werden.

Jetzt ist die Zeit, für sie einzutreten, nicht zu schweigen; Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen, unsere Prinzipien hochzuhalten, auf sie zu bauen. Zeit, um zu widerstehen, nicht um zu verzagen, denn für das Rechtsstaatsprinzip braucht man einen langen Atem. Dies ist die Lektion von Lauterpacht und Lemkin. Wenn der Feind uns bei der Kehle packt – wie Spencer Tracy in dem Film Urteil von Nürnberg erklärt –, ist es an der Zeit, unsere Prinzipien zu verteidigen. Und zu diesen Prinzipien gehört die Sprache des Rechts.

Vor einigen Jahren vertrat ich einen Abschnitt des Falles, der von Gambia vor den Haager Gerichtshof gebracht worden war, das Myanmar genozidaler Handlungen gegen die Gemeinschaft der Rohingya beschuldigte. Mir gefiel nicht viel von dem, was meine Gegenspielerin, eine Nobelpreisträgerin, an jenem Tag im Gericht sagte, aber eine Zeile war denkwürdig: „Es kann durchaus sein, dass das Völkerrecht unser einziges globales Wertesystem ist“, sagte Aung San Suu Kyi zu den Richtern.

Sie hatte recht. Ich bin nicht blauäugig, das Völkerrecht ist nicht perfekt, uneingeschränkt wirksam oder gefeit gegen Äußerungen roher Gewalt. Aber eine Welt ohne Regeln ist unsinnig. Und diese Regeln sind nicht bloß für andere da, für unsere Feinde. Sie sind universell. Sie sind auch für uns da und unsere Freunde.

Was mich wieder auf Deutschland bringt, das sich wie kein anderes Land mit den Verbrechen seiner Vergangenheit beschäftigt hat und mich zu dem gemacht hat, der ich bin. Doch da hängt eine schwere Last der Verantwortung, wie der Albatros, der um den Hals des alten Seemanns hängt, in Samuel Taylor Coleridges denkwürdigem Gedicht.1 

Die Hamas-Angriffe vom 7. Oktober 2023 waren entsetzlich. Sie erinnerten an die Pogrome, die Raphael Lemkin veranlassten, das Wort ›Genozid‹ zu erfinden. Ich war zutiefst schockiert an jenem Tag, doch ich fürchtete auch das, was folgen würde. Zusammen mit anderen britischen jüdischen Anwälten – darunter ein früherer Präsident des Obersten Gerichtshofs – schrieben wir eine Kolumne für die Financial Times. Wir stellten drei Punkte klar:

1. Die Taten der Hamas auf dem Staatsgebiet Israels waren eine ungeheuerliche Verletzung grundlegender Normen des Völkerrechts.

2. Wie jeder Staat hat Israel das Recht, in Selbstverteidigung zu reagieren.

3. Dieses Recht ist nicht unbegrenzt und muss innerhalb der Grenzen des Völkerrechts ausgeübt werden. 

Ich halte an diesen drei Punkten fest und bedauere, dass unsere Befürchtungen sich bewahrheiteten. Völkerstraftaten wurden am 7. Oktober auf dem Territorium Israels und anschließend auf dem Territorium Palästinas, im Gazastreifen und im Westjordanland begangen. Die Bezeichnung, die man diesen Verbrechen geben soll, ist umstritten. Lemkin hätte wahrscheinlich beide als ›Genozid‹ bezeichnet, aber seine Definition legte die Messlatte niedriger als die später in der UN-Völkermordkonvention von 1948 angenommene. Der Internationale Strafgerichtshof hat Führer auf beiden Seiten wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, aber nicht – zumindest vorerst nicht – wegen Völkermord.

Südafrika hat am Internationalen Gerichtshof, einem anderen Gericht in Den Haag, eine Klage eingereicht. Sie unterstellt einen Völkermord im Gazastreifen. Im nächsten Monat wird dieses Gericht sein Urteil im Fall Gambia vs. Myanmar fällen. Seine Interpretation und Anwendung der Konvention von 1948 wird erkennen lassen, ob Südafrika Erfolg haben oder scheitern wird. 

Wie auch immer die Entscheidungen aussehen werden, die Debatte über Bezeichnungen ist, so fürchte ich, ein nutzloses Ablenkungsmanöver. Es gibt keine Hierarchie unter den verschiedenen Völkerstraftaten. Töten als Kriegsverbrechen oder als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist nicht weniger schwerwiegend als ein Völkermord. Dies sind alles schreckliche Verbrechen. Sie verlangen nach Verantwortlichkeit und müssen angeprangert werden, und diejenigen, die anprangern – ganz gleich, welche Bezeichnung sie verwenden –, sollten nicht zum Schweigen gebracht, ausgeschlossen oder bestraft werden, nur weil sie ihre Rede- und Meinungsfreiheit ausüben. Autorinnen und Journalisten, Sänger und Dichterinnen, Filmemacher und andere müssen ihre Geschichten erzählen können. 

Die Tatsache der Verbrechen zum Schweigen zu bringen ist unanständig. Diejenigen zum Schweigen zu bringen, die versuchen, die Verbrechen anzuprangern, ist unanständig.


Es gibt keine Hierarchie unter den verschiedenen Völkerstraftaten. Töten als Kriegsverbrechen oder als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist nicht weniger schwerwiegend als ein Völkermord


Deutschland hat viele Gräuel angeprangert und ist aktiv geworden, von den Jesid*innen bis zu den Uigur*innen, von Syrien bis Iran, von Myanmar bis Sudan und der Ukraine. Doch zu Israel, zum Gazastreifen und zum Westjordanland ist das deutsche Schweigen bis heute laut. Zugleich sind die Debattenbeschränkungen beunruhigend.

Dies umso mehr nach dem eindeutigen Gutachten des Internationalen Gerichtshofs von 2024 zum palästinensischen Selbstbestimmungsrecht. Großbritannien, Kanada, Frankreich und andere haben seitdem einen palästinensischen Staat anerkannt. In jüngster Zeit haben sie Sanktionen verhängt, der britische Außenminister hat die Handlungsweise in den besetzten Gebieten als ethnische Säuberung bezeichnet.

Deutschland weiß Bescheid über ethnische Säuberung. Warum dann das Schweigen?

Die Literatur hilft uns zu verstehen, warum es schwierig sein kann, die Wahrheit zu sagen. In Die Rattenlinie schrieb ich über den Sohn eines Nazi-Gouverneurs, der die Verwicklung seines Vaters in Massenmord anerkennt, aber unfähig ist, ihn als Verbrecher zu bezeichnen. In scharfem Gegensatz dazu hat die Enkelin des Gouverneurs die Kraft gefunden, die Tatsachen beim Namen zu nennen. Das ist Mut. 

Ich verstehe, dass die Identität eines Sprechers und seine frühere Handlungsweise von Bedeutung sind. Mir ist auch bekannt, dass einige deutsche Führungspersönlichkeiten in ihrer Kritik an den Handlungen Israels allmählich schärfere Töne anschlagen. Das ist richtig, auch wenn es noch sehr zögerlich und verhalten geschieht. Es ist nicht antisemitisch. Es ist nicht ›Anti-Israel‹. Es ist die Wahrheit.

Und eine echte, nicht rassifizierte ›Staatsräson‹ für Deutschland, achtzig Jahre nach Nürnberg, muss doch wohl das Schweigen über Völkerstraftaten brechen, wo auch immer sie geschehen und durch wen auch immer sie begangen werden, auch wenn es Freunde, vor allem, wenn es Freunde sind. Das schließt Verbrechen ein, die vielleicht von einem Staat begangen werden, der gegründet wurde, um Individuen zu schützen, die Handlungen im Namen des deutschen Staates erlitten. Jahrzehnte später sind auch diese ›unbegreiflich‹.

Schweigen – und Schweigen über Verbrechen – ist, was ich anfechte und worüber ich schreibe. Die Bücher sind eine Form von literarischer Verteidigung gegen das Schweigen. Das Schweigen der Familie. Meines und das von anderen auf der Opferseite und auf der Täterseite. Das Schweigen von Gemeinschaften, auch von politischen und religiösen Institutionen.

Das Schweigen von Ländern. Wie das von Großbritannien wegen seines kolonialen Erbes, wie in meinem Buch Die letzte Kolonie geschildert, über Chagos und Mauritius oder über die Unruhen in Nordirland. Oder Chile oder Ruanda oder Serbien, das kürzlich zuließ, dass ein verurteilter Völkermörder mit militärischen Ehren beigesetzt wurde.


Doch zu Israel, zum Gazastreifen und zum Westjordanland ist das deutsche Schweigen bis heute laut. Zugleich sind die Debattenbeschränkungen beunruhigend


Was ich weiß, ist dies: Schweigen ist nicht der Weg. Nicht für eine Familie. Nicht für eine Gemeinschaft. Nicht für ein Land. Und genau hier kommen Recht und Literatur zusammen, indem sie Geschichten erzählen, Denkanstöße geben, den Mächtigen die Wahrheit sagen, Vorurteilen und Doppelmoral entgegentreten, Dinge ausgraben, die manche gern verbergen würden.

Lassen Sie uns also, in diesen schwierigen Zeiten, hier in Deutschland und anderswo, im Angesicht des gähnenden Abgrunds, weder vergessen, woher wir kamen, noch die Prinzipien, die aufgestellt wurden, um ein Licht auf Schrecknisse und Gräuel zu werfen. Lassen Sie uns Hoffnung schöpfen aus den Lauterpachts, den Lemkins und den Haffners. Lassen Sie uns erkennen, dass Schweigen uns wie ein Albatros um den Hals hängen wird.

Lassen Sie uns die Autorinnen, Dichter und Songschreiber anhören, die Dinge beim Namen nennen, selbst wenn es Unannehmlichkeiten bringt: Schriftstellerinnen wie Beata Umubyeyi Mairesse, über den Völkermord in Ruanda; oder Adania Shibli, über ein Verbrechen im Negev; Autorinnen und Autoren wie Eva Menasse und Richard Flanagan, die sich unseren Kämpfen mit der Wahrheit stellen; und Filmemacher wie Luca Guadagnino, Yuval Abraham und Rachel Szor; und alle, welche die Macht von Worten, Bildern und Regeln nutzen, um die Autonomie und die Rechte von Individuen und Gruppen zu schützen.

Und daher … Lassen Sie uns die Autor*innen und die Jurist*innen schützen, damit sie frei von Gefahr, Übergriffen oder Sanktionen sein können. Lassen Sie nicht zu, dass „wir so werden wie jene, die wir bekämpfen“, wie George F. Kennan einst warnte, und lassen Sie uns die Regeln auf alle anwenden, auf Freunde und Feinde gleichermaßen. Und daher, um einen Refrain meines kanadischen Lieblingsdichters zu zitieren:

Let us run no more, with the lawless crowds, whoever they may be. 

Let us hold to account the killers in high places, even as they say their prayers aloud.

Let us ring the bells, that still can ring.

Let us not forget there is a crack, a crack in everything, that’s how the light gets in. (2)

  1. „Den Albatros, den ich erschoß / hat man mir umgehangen.“ — Samuel Taylor Coleridge, Der alte Matrose, übertragen von Ferdinand Freiligrath (München: Verlag Josef Müller, 1925). In der Ballade erschießt der Seemann grundlos den Albatros, den Vogel des guten Omen, woraufhin ihm die Besatzung das tote Tier um den Hals hängt. Seither steht der „Albatros um den Hals“ für eine drückende Schuld oder Bürde, die man nicht loswird.
  2. Leonard Cohen, Anthem (1992):  „Lasst uns nicht mehr rennen, mit den gesetzlosen Massen, wer immer sie sein mögen // Lasst uns die Mörder höheren Orts zur Rechenschaft ziehen, auch wenn sie laut ihre Gebete sprechen // Lasst uns die Glocken läuten, die noch läuten können // Lasst uns nicht vergessen: Es gibt einen Riss, einen Riss in allem, so kommt das Licht herein“.
👉 Der Text der Rede auf der Website des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.

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