Wählen Sie eine Sprache
The border between Transnistria and Moldova at Dubăsari. | Photo:
Moldau auf beiden Seiten des Dnister wiedervereint? Die EU hat einen Plan und das nötige Geld
In Transnistrien weht die russische Flagge, es sind russische Truppen stationiert und die Häuser werden mit Gas beheizt, das von Moskau bezahlt wird. All das hindert die EU nicht daran, über den Beitritt Moldawiens zu verhandeln – oder die abtrünnige Region in ihren Einflussbereich zu ziehen.
The border between Transnistria and Moldova at Dubăsari. | Photo:
Fast 35 Jahre nach dem blutigen bewaffneten Konflikt am Dnister, dem Bürgerkrieg in der ehemaligen Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik, besteht die Chance, dass Moldau wieder zu einem geeinten Staat wird – oder zumindest, dass seine beiden Landesteile friedlich wieder zusammenfinden: der eine mit dem Zentrum Chișinău, der andere mit Tiraspol, der Hauptstadt der international nicht anerkannten, abtrünnigen Region Transnistrien.
Am 15. Juni 2026 eröffnete die Europäische Union im Rahmen ihrer Beitrittsverhandlungen mit Moldau den Verhandlungscluster zu den grundlegenden Themen; am 14. Juli folgte der Cluster zu den Außenbeziehungen. Marta Kos, EU-Kommissarin für Erweiterung, erklärte, Moldau sei fachlich bereit, alle sechs Cluster zu eröffnen. Chișinău will die technische Phase der Verhandlungen bis Ende 2028 abschließen.
Keiner dieser Schritte wurde davon abhängig gemacht, dass zuvor der Status Transnistriens geklärt wird – einer Region mit eigener Währung, eigenem Parlament und russischer Garnison.
Am 8. Mai 2026 erklärte die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas in Chișinău, die Existenz Transnistriens werde Moldaus Weg in die EU nicht blockieren. Im Juni sagte Moldaus Außenminister Mihai Popșoi, der EU-Beitritt und eine Lösung der Transnistrien-Frage würden "parallel" verfolgt.
Strategische Priorität
Während Wladimir Putins Russland Druck auf die Länder des ehemaligen Ostblocks ausübt, die weiterhin außerhalb der Europäischen Union stehen – neben dem offensichtlichen und dramatischsten Fall Ukraine betrifft das Georgien, Armenien und über den Ostblock hinaus sogar Serbien –, erscheint die Aufnahme Moldaus in die EU zunehmend als strategische Priorität. Umso mehr, als selbst Transnistrien sich der Frage offenbar pragmatisch nähert.
Damit könnte die postsowjetische Atmosphäre am linken Dnisterufer, wie sie in der westlichen Presse häufig dargestellt wird, allmählich zu einer touristischen Kuriosität werden.
Bereits im Juni 2023 hatte Josep Borrell, damals Hoher Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik und Vizepräsident der Europäischen Kommission, offen erklärt, dass auch ein Land mit geteiltem Staatsgebiet der Europäischen Union beitreten könne – so wie Zypern im Jahr 2004. Protokoll Nummer 10 zum Beitrittsvertrag Zyperns setzte die Anwendung des EU-Rechts im Norden der Insel bis zu einer Wiedervereinigung aus.
Ein genauerer Blick lohnt sich allerdings. Transnistrien bewegt sich bereits schrittweise in den Rechtsraum Moldaus und der Europäischen Union hinein – über Zollbestimmungen, Steuern und Handelsbeziehungen –, während sein politischer Status ungeklärt bleibt. Die Lage ist weiterhin kompliziert. Die Hindernisse sind nicht verschwunden: Die Region wird von einem oligarchischen Netzwerk beherrscht, das sich um den Konzern Sheriff gebildet hat. Ihre Bewohner fühlen sich Russland tendenziell stärker verbunden als Moldau. Auf beiden Seiten des Dnister schrumpft die Bevölkerung, und auch der moldauische Staat bleibt anfällig für russische Finanzströme und Desinformation.
Noch 2020 bezeichneten Experten wie Bogdan Koszel, Politikwissenschaftler an der Adam-Mickiewicz-Universität in Posen, die europäischen Bemühungen, Moldau auf einem proeuropäischen Kurs zu halten, als "zum Scheitern verurteilt". Sie verwiesen auf korrupte Eliten auf beiden Seiten des Flusses und ein schwach ausgeprägtes staatliches Zugehörigkeitsgefühl. Diese Einschätzung gehört inzwischen jedoch einer anderen Zeit an. Russlands umfassender Angriff auf die Ukraine hat die Ausgangslage grundlegend verändert.
Wie Paweł Jędral auf der polnischen Investigativplattform OKO.press schrieb, lässt sich Transnistrien als "Republik pragmatischer Oligarchen" beschreiben. Das Gebiet steht zweifellos unter russischem Einfluss. Es wird jedoch weder von einer ideologischen Vorstellung der "russischen Welt" geprägt noch von einem Clan regiert, der Wladimir Putin persönlich treu ergeben wäre wie etwa in Tschetschenien. In Transnistrien stehen wirtschaftliche Interessen an erster Stelle.
Abkommen von 2014
Ein wichtiger Ausgangspunkt für das Verständnis der heutigen Lage ist das Assoziierungsabkommen, das die Europäische Union 2014 mit Moldau schloss. Mitte Dezember 2015 weitete der Assoziationsrat EU–Moldau die vertiefte und umfassende Freihandelszone (DCFTA) auf das gesamte Staatsgebiet aus. Unternehmen am linken Dnisterufer erhielten dadurch Zugang zum EU-Markt, sofern sie ihre Waren über die moldauischen Zollbehörden abfertigen ließen.
Forschende beschreiben diesen Ansatz als Kern einer seit 2005 verfolgten Politik: "Einbindung ohne Anerkennung". Die Wirtschaftsbeziehungen wurden kontinuierlich enger, während der politische Status der Region eingefroren blieb.
Die Auswirkungen auf Transnistriens Wirtschaft zeigten sich rasch. Das belegt der wachsende Anteil der Exporte, die in die Europäische Union gingen:
Eine Quelle aus der moldauischen Regierung erklärte Voxeurop im Juni 2026, inzwischen gingen 71 Prozent der Exporte der Region in die Europäische Union. "In gewisser Hinsicht ist Transnistrien besser in den EU-Markt integriert als Moldau selbst", sagte die Quelle. Moldau exportiere 68 Prozent seiner Waren in die EU.
Seit Jänner 2024 zahlen Unternehmen am linken Dnisterufer gemäß dem moldauischen Zollkodex von 2021 Zölle an Chișinău: 0,4 Prozent des Exportwerts und 0,1 Prozent des Importwerts. Medien in Tiraspol verurteilten diesen Schritt als "wirtschaftlichen Genozid".
Chișinău ging inzwischen noch weiter. Am 1. September 2026 führte die Regierung eine Mehrwertsteuer von 20 Prozent sowie Verbrauchsteuern auf Luxus- und verbrauchsteuerpflichtige Waren ein, die nach Transnistrien eingeführt werden. Dazu gehören Alkohol, Tabak, Parfüm, Schmuck, Edelmetalle und Pyrotechnik. Gheorghe Balan, ein ehemaliger stellvertretender Ministerpräsident Moldaus, bezeichnete die Maßnahme als Teil eines Versuchs, Schmuggelnetzwerke zu zerschlagen. Das Haupthindernis seien jedoch weiterhin die russischen Truppen und die Munitionsbestände in der Region. Energieprodukte und Metalle sollen 2027 folgen.
Im März 2024 waren offiziell 367.800 Menschen als Einwohner Transnistriens registriert, knapp 359.000 von ihnen besaßen die moldauische Staatsbürgerschaft. Viele haben zwei, drei oder sogar vier Pässe. Auch soziale Dienstleistungen gelangen gewissermaßen durch die Hintertür in die Region: Das EU-Programm zur Vertrauensbildung unterstützt deren Finanzierung ebenfalls am linken Dnisterufer.
Kostenloser Strom
Einer dieser Pässe ist allerdings russisch. Bis zum vergangenen Jahr war die wichtigste Einnahmequelle der Region der Stromverkauf an Moldau am rechten Dnisterufer gewesen. Der Strom wurde aus russischem Gas erzeugt, das kostenlos geliefert wurde und dessen Kosten Moskau übernahm. Diese Einnahmen machten rund 60 Prozent des Haushalts von Tiraspol aus.
Nach dem 24. Februar 2022 schloss die Ukraine ihre Grenzübergänge zur Region und sprengte die Eisenbahnbrücke bei Kuchurhan, die Tiraspol mit Odessa verbunden hatte. Sie war einst Teil einer Route von der transnistrischen Hauptstadt durch die Ukraine und die von Russland besetzten Gebiete nach Russland gewesen. Heute werden sämtliche Exporte der Region über das von Chișinău kontrollierte Gebiet abgewickelt.
Damit das Bild nicht zu rosig ausfällt, muss eines klar gesagt werden: In der Praxis ist Transnistrien ein Staat, der einem einzigen Konzern gehört und von postsowjetischen Oligarchen gestützt wird.
Sheriff, ein von den ehemaligen Innenministeriumsbeamten Viktor Gușan und Ilja Kasmalî gegründeter Mischkonzern, besitzt Supermärkte, Tankstellen, ein Fernsehnetzwerk und große Teile der regionalen Industrie. Sein politischer Arm, Obnovlenie, verfügt seit 2016 über die Mehrheit im Obersten Rat. Auch das Präsidentenamt ist in seinem Einflussbereich: Vadim Krasnoselski, der eng mit Sheriff verbunden ist, wurde im Dezember 2021 mit 79,4 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Die Wahlbeteiligung lag bei lediglich 35,2 Prozent – ein Negativrekord bei einer Präsidentschaftswahl.
Als Gegenkandidat durfte lediglich Sergei Pynzar antreten, ein Beamter aus dem Bezirk Grigoriopol. Zwei bekannte Oppositionelle, Anatoli Dirun und Nikolai Malyschew, wurden von der Wahlkommission nicht zugelassen. Sie begründete dies mit Unregelmäßigkeiten bei den eingereichten Unterstützungsunterschriften.
Vier Jahre später, bei der Wahl am 30. November 2025, gewann Obnovlenie sämtliche 33 Sitze im Obersten Rat. In 21 Wahlkreisen gab es überhaupt keinen Gegenkandidaten. Die Wahlbeteiligung lag bei 26 Prozent.
Gleichzeitig gibt es Anzeichen dafür, dass sich die Haltung der Bevölkerung Transnistriens gegenüber Moldau verändert. Eine Onlineumfrage, die Zona de Securitate und WatchDog.MD zwischen Februar und April 2026 durchführten, ergab, dass sich bei einem hypothetischen Referendum 53 Prozent der Bewohner am linken Dnisterufer für eine Wiedervereinigung mit Moldau aussprechen würden. 2024 waren es noch 45 Prozent gewesen. Rund 30 Prozent betrachteten Russland als potenzielle Bedrohung.
Die Einwohner Transnistriens sind sich auch des Lohngefälles sehr bewusst. 2023 lag das monatliche Bruttogehalt am linken Dnisterufer bei etwa 360 US-Dollar – ungefähr der Hälfte des Niveaus am rechten Ufer. Nach Angaben der Friedrich-Naumann-Stiftung schrumpfte die Wirtschaftsleistung der Region 2025 um 18 Prozent, während die Industrieproduktion um 30 Prozent zurückging.
Viele Pensionisten
Das Zentrum für Osteuropastudien berichtet, dass die offiziell ausgewiesene Bevölkerung Transnistriens von 740.000 Menschen im Jahr 1990 auf 455.000 Anfang 2024 sank. Tatsächlich dürfte die Einwohnerzahl kaum über 300.000 liegen. Mehr als 30 Prozent der Bevölkerung sind Pensionisten. Doch auch am rechten Dnisterufer sieht es kaum besser aus: Seit 1991 hat Moldau rund 35 Prozent seiner Bevölkerung verloren. Schätzungsweise eine bis 1,2 Millionen moldauische Staatsbürger arbeiten im Ausland.
Beim moldauischen Referendum im Oktober 2024 über die Verankerung des europäischen Kurses in der Verfassung fiel die Entscheidung zugunsten der EU-Integration äußerst knapp aus.
50,46 Prozent der Wähler stimmten für die Verfassungsänderung. Selbst dieser knappe Sieg war für die proeuropäischen Kräfte ein bedeutender Erfolg – angesichts des Ausmaßes russischer Einflussnahme mit finanziellen Mitteln. Die moldauischen Behörden schätzen, dass Russland fast 36 Millionen Euro und 100 Millionen Euro in Bemühungen investierte, das Referendum zu beeinflussen, unter anderem durch die Bestechung von rund 130.000 Wählern.
"Dieser Konflikt ist in erster Linie geopolitischer Natur", sagte Alexandru Flenchea, von 2019 bis 2020 stellvertretender Ministerpräsident Moldaus für die Wiedereingliederung Transnistriens und heute Leiter der moldauischen Denkfabrik Initiative 4 Peace Association, gegenüber der Gazeta Wyborcza. Flenchea verwies darauf, dass Maia Sandu bei der Präsidentschaftswahl 2024 auch unter den Wählern am linken Dnisterufer gut abgeschnitten habe. Dies deute darauf hin, dass die Befürchtungen hinsichtlich des Einflusses prorussischer Stimmen übertrieben gewesen seien.
Drei Jahrzehnte lang lebte die Region von faktisch kostenlosem Gas des russischen Staatskonzerns Gazprom, das auf Grundlage eines von Chișinău unterzeichneten Vertrags geliefert wurde. Tiraspol verkaufte es zu symbolischen Preisen an Haushalte und Unternehmen weiter und finanzierte mit den Erlösen unter anderem Pensionen.
In einer Analyse für OKO.press schätzte Paweł Jędral die Liefermenge auf rund 2,1 Milliarden Kubikmeter jährlich, die bis 2024 nahezu kostenlos bereitgestellt wurden. Ein Teil des Gases wurde im Kraftwerk MGRES in Cuciurgan verbrannt; den erzeugten Strom verkaufte die Region anschließend an das rechte Dnisterufer. Nach Angaben des Moskauer Instituts für GUS-Studien, das sich auf Daten des russischen Energieunternehmens Energocom berief, lieferte MGRES allein im Oktober 2024 rund 90 Prozent des moldauischen Stroms.
Heizung abgestellt
Dieses Arrangement endete am 1. Jänner 2025, als die Ukraine das Gastransitabkommen nicht verlängerte. Die Folgen waren unmittelbar spürbar: Bei Temperaturen von minus drei Grad Celsius wurde die Heizung abgestellt, die Industrie kam weitgehend zum Stillstand, und die Kohlevorräte sollten angeblich nur noch für 60 Tage reichen. Tiraspol machte Moldau und die Ukraine verantwortlich und stellte beide als Vertreter des "Westens" dar.
Doch bereits im April 2025 fragte Alexandru Flenchea öffentlich, woher die Region eigentlich ihr Geld beziehe. Die Hälfte der Industrie stand still, die wichtigste Einnahmequelle – der Stromverkauf von MGRES an das rechte Dnisterufer – war versiegt. Trotzdem wurden Gehälter und Pensionen weiterhin ausgezahlt.
Moldau, das seit Ende 2022 Gas von westlichen Lieferanten bezog, wandte sich für Stromlieferungen an Rumänien. Tiraspol lehnte zunächst Lieferungen über Moldovagaz ab und versuchte stattdessen, einen privaten Zwischenhändler einzuschalten. Der moldauische Geheimdienst brachte den Geschäftsführer des Unternehmens jedoch dazu, von dem Geschäft Abstand zu nehmen. Später akzeptierte Tiraspol europäisches Gas, das über Moldovagaz geliefert wurde und durch eine Unterstützung der Europäischen Union in Höhe von 64 Millionen Euro abgesichert war. Die EU bot zudem kostenloses Gas und weitere Lieferungen im Gegenzug für politische Reformen an.
Tiraspol lehnte ab. Stattdessen nahm es Moskaus Angebot an. Das Gas wird von MET Gas and Energy Marketing geliefert, einer in der Schweiz registrierten Gesellschaft im Besitz des ungarischen Energiekonzerns MET. Die Zahlungen laufen über JNX General Trading, ein Unternehmen mit Sitz in Dubai. Tiraspol behauptet, das Geld stamme aus einem russischen Kredit. Moskau hat diese Darstellung jedoch nie bestätigt.
Wie JNX seinerseits seine Verbindlichkeiten gegenüber Russland begleicht, ist weiterhin unklar.
Politischer Hebel
Russische Subventionen sind zu einem politischen Hebel geworden, den Moskau nach Belieben bedienen oder abstellen kann. Im Juni 2025 sanken die Gaslieferungen auf weniger als eine Million Kubikmeter pro Tag, woraufhin erneut der Ausnahmezustand ausgerufen wurde. Mitte Juli stiegen sie wieder auf mehr als zwei Millionen Kubikmeter täglich. Das Stahlwerk nahm den Betrieb wieder auf, und die Stromerzeugung bei MGRES stieg von weniger als 150 auf 200 bis 250 Megawattstunden. Im März 2026 störte der Krieg im Nahen Osten die Zahlungsströme. Die Gasversorgung der Industrie wurde unterbrochen, 158 Heizhäuser wurden von der Versorgung abgeschnitten, und MGRES stellte auf Kohle um. Die Lizenz von MET läuft Ende 2026 aus. Chișinău bereitet deshalb einen Notfallplan für den Fall vor, dass die Lieferungen während der Heizperiode 2026/27 erneut unterbrochen werden.
Mit anderen Worten: Russland wird für Transnistrien wirtschaftlich immer weniger nützlich.
Auch die russische Militärpräsenz in der Region ist geschrumpft. Im Jahr 2020 wurden die russischen Streitkräfte auf etwa zwei motorisierte Bataillone beziehungsweise 1500 bis 1700 Soldaten geschätzt. Rund 400 davon waren im Rahmen des Abkommens von 1992 als Friedenstruppen stationiert; die übrigen gehörten zur Operativen Gruppe der Russischen Streitkräfte. 2023 gingen Schätzungen von insgesamt rund 2.000 Soldaten aus. Sie verfügten über keine schweren Waffen und waren nicht in der Lage, Moldau ernsthaft militärisch zu bedrohen. Im Juli 2025 erklärte der russische Botschafter in Chișinău gegenüber TASS, noch etwa 1000 Soldaten seien vor Ort. Ihre Hauptaufgabe bestehe darin, die Munitionslager bei Cobasna zu bewachen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezifferte die Zahl im Juni 2026 dagegen auf 2500.
Die meisten einfachen Soldaten sind Einheimische mit russischem Pass, die nicht aus Russland eingeflogen oder dorthin zurückrotiert werden. Ein Abzug würde deshalb weniger darin bestehen, Truppen physisch aus dem Gebiet zu bringen, als vielmehr ihren rechtlichen und militärischen Status zu ändern. Tatsächlich müssten vergleichsweise wenige Menschen nach Russland zurückgeschickt werden. Moldauische Experten argumentieren offen, dass die russischen Streitkräfte vollständig und ohne Blutvergießen aus der Region entfernt werden könnten – indem man die einheimischen Soldaten demobilisiert und die kleine Zahl russischer Offiziere ausweist.
Laut einem Bericht des moldauischen Sicherheits- und Nachrichtendienstes sowie des Militärnachrichtendienstes vom 21. August 2026 lagern in Cobasna noch rund 14.000 der 20.000 Tonnen Munition, die dort 2006 aufbewahrt wurden. Etwa 2800 Tonnen davon bestehen aus Sprengstoff.
Auch die sogenannten „Wahlrazzien“ gehören der Vergangenheit an: organisierte Aktionen, bei denen Inhaber moldauischer Pässe zu Wahllokalen gebracht wurden, um für prorussische Kandidaten zu stimmen. 2025 fror die Ukraine die Vermögenswerte transnistrischer Oligarchen ein, weil diese die russische Rüstungsindustrie beliefert hatten. Moskau wiederum behauptet, rund 220.000 russische Staatsbürger in der Region seien „gefährdet“. Präsident Wladimir Putin unterzeichnete zudem einen Erlass, der den Bewohnern den Erwerb der russischen Staatsbürgerschaft erleichtert.
Da die Region zunehmend von Moskau abgeschnitten wird – eine der Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine –, wissen Transnistriens Oligarchen, dass sie sich mit der Europäischen Union arrangieren müssen. Die Frage ist, zu welchen Zugeständnissen sie bereit sind.
"Unrechtmäßige Einmischung"
Der Plan in Brüssel und Chișinău ist klar: zuerst der EU-Beitritt, während die Wiedereingliederung parallel und zu den Bedingungen Chișinăus vorangetrieben wird. Tiraspol verurteilt dies als „unrechtmäßige Einmischung“. Doch auch Alexandr Rozenberg, der Regierungschef der Region, hat die Tür für eine Zusammenarbeit in ausgewählten Bereichen offengelassen.
Brüssel setzt sowohl auf finanzielle Anreize als auch auf Druck. Beim EU-Moldau-Gipfel am 4. Juli 2025 forderte die Europäische Union den vollständigen Abzug der russischen Truppen. Ihr Wachstumsplan sieht 1,9 Milliarden Euro vor; zugleich hat die EU Sanktionen gegen prorussische Akteure wie Ilan Șor verhängt. Auf diese Weise wird Transnistrien in den europäischen Zeitplan Moldaus eingebunden – über Zollvorschriften und einen Konvergenzfonds. Das erinnert an den Umgang mit Nordzypern im Rahmen des EU-Beitritts Zyperns im Jahr 2004.
Vorerst handelt es sich allerdings größtenteils um Vereinbarungen auf dem Papier. Brüssel ist daran interessiert, Chișinău möglichst rasch in die Europäische Union aufzunehmen. Gleichzeitig zwingt Russlands Konzentration auf den Krieg in der Ukraine die Eliten in Tiraspol dazu, nach anderen externen Mächten Ausschau zu halten, die zum Erhalt der regionalen Wirtschaft beitragen könnten. Ähnlich ist in den vergangenen Jahren auch das traditionell prorussische Serbien vorgegangen.
Die Moldauer selbst scheinen bereit zu sein, abzuwarten. In einer Umfrage des Instituts iData vom Mai 2026 bezeichneten 44,2 Prozent der Bewohner am rechten Dnisterufer die vollständige Wiedereingliederung als beste Lösung des Konflikts. Weitere 17,9 Prozent sprachen sich für den Status quo aus, 12,4 Prozent befürworteten eine Sonderautonomie der Region innerhalb Moldaus, und lediglich 8,4 Prozent unterstützten die Unabhängigkeit.
Doch Russlands imperiale Politik und seine Überzeugung, dass nicht nur Transnistrien, sondern ganz Moldau in Moskaus Einflussbereich gehöre, lassen sich nicht einfach beiseiteschieben.
Die Nachwirkungen des bewaffneten Konflikts von 1991/92 sind bis heute spürbar. Einer der Gründe für Transnistriens Abspaltung im Jahr 1990 und die anschließenden Kämpfe war die von Moskau geschürte Angst der russischsprachigen Minderheiten, Moldau könne sich mit Rumänien vereinigen. Der gegenwärtige Plan löst diese ethnischen Fragen nicht.
Insbesondere die Sprache spielt weiterhin eine wichtige Rolle, und Russland wird sie mit ziemlicher Sicherheit auch künftig für seine Zwecke nutzen. Wie in anderen Teilen des ehemaligen Sowjetreichs entwickelte sich Russisch zur Verkehrssprache der Region – auch unter den dort lebenden Ukrainern, Tataren und Gagausen. Doch während Moskau einen zunehmend nationalistischen Kurs verfolgt, stehen diese Minderheiten nun vor einer schwierigen Wahl: vollständige Russifizierung oder ein wachsender Einfluss der rumänischen Sprache und Kultur im Rahmen der Europäischen Union. Dort werden bedrohte Sprachen nicht nur gesetzlich geschützt, sondern – ebenso wichtig – auch durch öffentliche Fördermittel unterstützt.
"Moldau verhandelte fünf Jahre lang mit der Europäischen Union über ein Assoziierungsabkommen und die vertiefte und umfassende Freihandelszone (DCFTA), ohne dass ein klarer Zeitplan für die Unterzeichnung oder das Inkrafttreten der Abkommen feststand. Erst Russlands Invasionen in der Ukraine – zunächst 2014 und dann der umfassende Angriff 2022 – haben den Integrationsprozess erheblich beschleunigt", sagte Flenchea.
Weitere Fortschritte bei Moldaus europäischer Integration werden seiner Ansicht nach deshalb auch künftig von geopolitischen Faktoren abhängen. In der jetzigen Phase, in der die Beitrittsverhandlungen bereits laufen, seien jedoch noch weitere Faktoren entscheidend: die innenpolitische Lage Moldaus, die Richtung der Reformen, ihre Umsetzung und die Art und Weise, wie die Verhandlungen geführt werden.
"Ihr oberstes Ziel: Geld verdienen"
"Oligarchen sind pragmatische Menschen", fügte er hinzu. "Ihr oberstes Ziel ist es, Geld zu verdienen. Deshalb werden sie mit jedem zusammenarbeiten, der ihnen das weiterhin ermöglicht."
"Der einzige Weg, sie zu Kooperation und konstruktivem Verhalten zu bewegen, besteht darin, ihre Wahlmöglichkeiten auf zwei zu reduzieren", sagte Flenchea. "Sie können sich dem Gesetz unterwerfen – zunächst dem moldauischen Recht und später auch dem europäischen Recht – und aufhören, Geschäfte nach den Regeln zu betreiben, die heute für sie gelten. Es ist genau dieselbe Entscheidung, vor der jeder Bürger in jedem Land steht: Entweder man hält sich an das Gesetz und bleibt ein gesetzestreuer Bürger, oder man kann nicht länger in Freiheit leben. So einfach ist das."
Flenchea warnte allerdings, dass vieles vom weiteren Verlauf des Krieges in der Ukraine abhängen werde. Auf beiden Seiten des Dnister sei eines klar: Die Ukrainer kämpften nicht nur um ihr eigenes Überleben, sondern auch für ein unabhängiges Moldau.
👉 Originalartikel in der Gazeta Wyborcza.
Deutsche Übersetzung von Der Standard
🤝 Dieser Artikel entstand im Rahmen einer grenzüberschreitenden europäischen journalistischen Zusammenarbeit im Rahmen des Programms EUNEIGHBOURS EAST.
Schätzen Sie unsere Arbeit?
Dann helfen Sie uns, multilingualen europäischen Journalismus weiterhin frei zugänglich anbieten zu können. Ihre einmalige oder monatliche Spende garantiert die Unabhängigkeit unserer Redaktion. Danke!
Spenden Sie, um unsere Unabhängigkeit zu gewährleisten!Ich unterstütze Voxeurop.
