Vor einigen Jahren galt Moldawien noch als einer der verwundbarsten Staaten Europas: abhängig von russischer Energie, von Korruption geplagt und noch immer im Schatten Moskaus.
Heute bereitet sich das Land darauf vor, den bedeutendsten Schritt in Richtung europäischer Integration seit seiner Unabhängigkeit zu machen. Nachdem am 3. Juni alle 27 EU-Mitgliedstaaten die Vorbereitungen zur Eröffnung des ersten Verhandlungsblocks mit Moldawien und der Ukraine gebilligt haben, wird erwartet, dass die Europäische Kommission am 16. Juni offiziell den Beginn der Gespräche vorschlägt. Die europäischen Staats- und Regierungschefs könnten diesen Schritt dann zwei Tage später auf dem Gipfel des Europäischen Rates in Brüssel billigen.
Für Präsidentin Maia Sandu ist dieser Moment mehr als nur ein formeller Meilenstein.
„Vor einigen Jahren glaubten noch nicht viele an uns“, sagte sie Anfang Juni vor Investor*innen in Chișinău. „Man sagte uns, unser Land sei zu klein, zu instabil und zu nah dran am Krieg in der Ukraine. Man prophezeite uns, dass unsere Entscheidung für Europa dem Druck nicht standhalten würde. Aber das hat sie, weil wir daran festgehalten haben.“
Die Eröffnung von Cluster 1 – der die Bereiche Rechtsstaatlichkeit, demokratische Institutionen und Grundrechte abdeckt – markiert den offiziellen Beginn eines Prozesses, der Moldawien letztendlich in die Europäische Union führen könnte. Auch wenn der Beitritt noch Jahre dauern wird, betrachtet Brüssel das Land zunehmend als Erfolgsgeschichte für den Erweiterungsprozesses.
„Moldawien ist Spitzenreiter bei den Vorbereitungen auf die EU-Mitgliedschaft“, sagte Erweiterungskommissarin Marta Kos während eines Besuchs in Chișinău. „Das Land hat im Erweiterungsbericht des letzten Jahres von allen Kandidatenländern den größten Sprung nach vorne gemacht.“
Offizielle Zahlen untermauern diese Aussage. Im Oktober 2024 schlug die Europäische Kommission einen Wachstumsplan im Wert von bis zu 1,9 Milliarden Euro für den Zeitraum 2025–2027 vor – das größte EU-Finanzhilfepaket in der Geschichte Moldawiens.
Kos hob die Umsetzungsbilanz des Landes hervor: „Niemand sonst hat das erreicht, was Moldawien erreicht hat“, sagt sie und verweist auf eine Umsetzungsquote von 93 % bei den Reformen im Zusammenhang mit dem Wachstumsplan. Diese Leistung habe dazu beigetragen, Investitionen in Höhe von mehr als 600 Millionen Euro freizusetzen, die bereits vorangetrieben werden, so die Kommissarin.

Kos legte zudem einen Zeitplan vor, der zwar vorsichtig formuliert war, aber sehr ehrgeizig ist: „Die Europäische Kommission ist der Ansicht, dass mit Moldawien und der Ukraine alle Verhandlungskapitel eröffnet werden können, und ich hoffe, dass dies noch vor den Sommerferien geschehen wird.“ Sie fügte hinzu, dass Moldawien, sollte das derzeitige Tempo anhalten, den technischen Teil seiner Verhandlungen noch innerhalb der Amtszeit der derzeitigen Kommission abschließen könnte, die im November 2029 endet.
Laut einer Regierungsquelle könnte diese sogar bis Ende 2028 abgeschlossen sein. Die größten Herausforderungen seien dabei die kapitalintensivsten Kapitel, wie etwa jene, die mit der Umsetzung des Green Deal und der Anbindung an das transeuropäische Verkehrsnetz zusammenhängen, das Straßen, Schienen, Flughäfen und die Wasserinfrastruktur in der EU miteinander verbindet.
Reform als geopolitisches Projekt
Moldawiens europäische Ambitionen waren schon immer eng mit Geopolitik verknüpft. Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine im Jahr 2022 ist der Beitritt nicht nur ein wirtschaftliches und politisches Projekt, sondern auch eine Sicherheitsstrategie geworden – vor dem Hintergrund, dass Russland nun als direkte Bedrohung für das Land angesehen wird, wie eine Quelle im Verteidigungsministerium erklärte.
Seit 2022 sind fast 50 russische Drohnen auf moldauischem Gebiet abgestürzt, wobei die lokalen Behörden nicht sagen können, ob dies zufällig geschah. Der jüngste Vorfall ereignete sich am 13. Mai, am Vorabend eines wichtigen Treffens der Minister*innen des Europarats in Chișinău.
Wenn militärischer Druck nicht möglich sei, so Sandu, greife Moskau auf andere Mittel zurück. „Wo Russlands Drohnen nicht hinkommen, wird Russland andere Formen hybrider Maßnahmen einsetzen, um Demokratien auf dem gesamten Kontinent zu destabilisieren, sagte sie auf die Frage nach hybriden Angriffen und Wahlbeeinflussung.
„Die russische Einmischung ist konstant. Sie geschieht vor den Wahlen, während der Wahlen und nach den Wahlen.“ Laut der moldauischen Präsidentin sieht sich das Land einer Kombination aus Cyberangriffen, Manipulation der orthodoxen Kirche, Schwarzgeld, Desinformationskampagnen und politischer Einmischung gegenüber, die darauf abzielen, die demokratischen Institutionen des Landes zu destabilisieren und seinen Weg in die EU zu verlangsamen.
„Die russische Einmischung ist konstant. Sie geschieht vor den Wahlen, während der Wahlen und nach den Wahlen" - Maia Sandu
Russisch- und bulgarischsprachige Minderheiten in Gagausien seien besonders empfänglich für russische Propaganda, wie eine Regierungsquelle feststellte, insbesondere für Darstellungen, wonach Moldawien in den Krieg in der Ukraine hineingezogen werde.
Internationale Beobachter bestätigten, dass die Präsidentschaftswahlen und das EU-Referendum in Moldawien im Jahr 2024 sowie die Parlamentswahlen im Jahr 2025 vor dem Hintergrund intensiver hybrider Einmischung stattfanden. Trotz dieses Drucks stimmten die Menschen in dem Land dafür, die EU-Mitgliedschaft in der Verfassung zu verankern, und wählten Sandu Ende 2024 wieder.
Kos stellte die Erfahrungen Moldawiens als zunehmend relevant für die Europäische Union selbst dar. „Wir wissen, wozu Russland fähig ist“, sagte sie. „Wenn wir über den Beitrittsprozess Moldawiens sprechen, gewinnt der geopolitische Aspekt immer mehr an Bedeutung.“
Moldawien ist keineswegs nur Empfänger europäischer Hilfe, sondern wird in Brüssel zunehmend als ein Faktor angesehen, der zur europäischen Widerstandsfähigkeit beiträgt. „Moldawien leistet bereits einen Beitrag zu unserer europäischen Sicherheit“, sagte Kos und wies darauf hin, dass die Lehren aus den Bemühungen zur Bekämpfung ausländischer Einmischung nun an andere Beitrittskandidaten weitergegeben werden.
Die Europäische Kommission plant, Moldawien in ihre neue Initiative „Democracy Shield“ einzubeziehen, die darauf abzielt, die demokratische Widerstandsfähigkeit sowohl in den Mitgliedstaaten als auch in den Beitrittskandidatenländern zu stärken.
Eine NATO-Mitgliedschaft steht derweil allerdings nicht zur Debatte. Moldawien hat jedoch sein Verteidigungsbudget auf 0,6 % des BIP erhöht, mit dem Ziel, bis 2030 1 % zu erreichen, vor allem um die noch aus der Sowjetzeit stammende Militärausrüstung gemäß den NATO-Standards zu modernisieren.
Energie: Von der Schwäche zur Stärke
Nirgendwo ist Moldawiens Wandel wohl so deutlich zu sehen wie im Energiesektor. Jahrzehntelang verschafften russisches Gas und Strom aus der abtrünnigen, pro-russischen Region Transnistrien Moskau viel Macht gegenüber Chișinău. Aufeinanderfolgende Regierungen hatten Mühe, diese Abhängigkeit zu verringern.
Sandu argumentiert, dass die derzeitige Regierung genau das erreicht habe, was frühere vermieden hätten: „Vor vier Jahren war unser Land bei Gas und Strom vollständig von einem einzigen Lieferanten abhängig“, sagte sie. „Diese Abhängigkeit wurde gegen uns verwendet, und wir haben dem deshalb ein Ende gesetzt.“
Vor der russischen Invasion in der Ukraine im Jahr 2022 importierte Moldawien fast sein gesamtes Erdgas aus Russland, und das kostenlos an Transnistrien gelieferte Gas erzeugte etwa 75 % des Stroms des Landes. Seitdem hat Moldawien seine Gasversorgung diversifiziert, die Verbindungsleitungen mit Rumänien ausgebaut und Investitionen in erneuerbare Energien beschleunigt. Es hat sein Netz vom System aus der Sowjetzeit abgekoppelt und mit dem europäischen Netz synchronisiert.
„Wir haben den Anteil erneuerbarer Energien an unserem inländischen Strombedarf von 3 auf 25 % gesteigert“, erklärt Sandu. Im April 2025 deckte lokal erzeugte erneuerbare Energie einen Rekordanteil von 36 % des Gesamtverbrauchs. „Wir haben unsere Schwäche in eine Stärke verwandelt“, erklärt sie gegenüber Journalisten. „Ich glaube, es gibt kein anderes Land in der jüngeren Vergangenheit, das einen so bedeutenden Wandel in Bezug auf Diversifizierung und Energiesicherheit vollzogen hat.“
Die Energiewende ist zu einem der am häufigsten angeführten Beispiele für Moldawiens Reformfähigkeit in Brüssel geworden. „Ich kann mir Sicherheit in Europa nicht vorstellen, ohne eng mit Moldawien zusammenzuarbeiten“, sagt Kos. „Ich spreche dabei nicht nur von Militärpolitik, sondern auch von Energiesicherheit.“
Ein wirtschaftliches Argument für Europa
Neben der Sicherheit präsentieren moldauische Regierungsvertreter*innen die EU-Integration zunehmend als wirtschaftliche Chance. Die Regierung hofft, dass die Beitrittsverhandlungen das Vertrauen der Investoren stärken und ausländische Investitionen beschleunigen werden, noch bevor die Mitgliedschaft Realität wird.
„Moldawiens Platz in der Europäischen Union wird von allen 27 Mitgliedstaaten unterstützt“, erklärt Sandu vor Wirtschaftsvertretern. „Wenn Sie in Moldawien investieren, investieren Sie in ein Land, dessen Zukunft in Europa verankert ist.“
Moldawien gehört in den letzten Jahren zu den größten Empfängern bilateraler EU-Hilfe, und sein Assoziierungsabkommen – das eine vertiefte und umfassende Freihandelszone umfasst – hat seinen Rechtsrahmen bereits näher an die Standards des Binnenmarkts herangeführt. Laut Sandu sind die europäischen Investitionen in Moldau in den letzten vier Jahren um fast 30 % gestiegen. Der von der EU unterstützte Wachstumsplan für Moldawien im Wert von fast 2 Milliarden Euro soll Infrastruktur-, Energie- und Industrieprojekte finanzieren.
Sandu hebt den Technologiesektor als besondere Stärke hervor und weist darauf hin, dass Innovation und digitale Dienstleistungen der moldauischen Wirtschaft bereits rund 1 Milliarde Euro pro Jahr einbringen. Außerdem bezeichnet sie die geografische Lage des Landes als einen sich abzeichnenden Vorteil: „Sobald der Wiederaufbau der Ukraine beginnt, wird Moldawien zu einem natürlichen Knotenpunkt für Logistik, Dienstleistungen, Produktion und Energie.“
Wie sieht es mit Transnistrien aus?
Die ungelöste Frage Transnistriens überschattet allerdings weiterhin die europäische Zukunft Moldawiens. Die abtrünnige und an die Ukraine grenzende Region wird seit Anfang der 1990er-Jahre von einer pro-russischen Regierung kontrolliert. Sie umfasst etwa 11 % des moldauischen Staatsgebiets und befindet sich nach wie vor außerhalb der effektiven Kontrolle Chișinăus.
Russland unterhält dort etwa 1.200 Soldaten, die laut Moskau zur Wahrung von Frieden und Stabilität entlang des Dnjestr notwendig sind. Abgesehen von 70 bis 100 russischen Offizieren handelt es sich bei den meisten dieser Streitkräfte um lokale Rekruten, die die moldauische Staatsbürgerschaft besitzen und die gleichen Rechte wie andere moldauische Bürger*innen genießen. Auf moldauischer Seite sind rund 300 Soldaten in der Sicherheitszone stationiert, einem entmilitarisierten Pufferstreifen entlang des Dnjestr, der eine Eskalation der Spannungen verhindern soll.
Dennoch argumentieren moldauische Regierungsvertreter zunehmend, dass die europäische Integration den besten Rahmen für eine spätere Wiedereingliederung Transnistriens biete. Sandu ging in ihren jüngsten Reden nicht direkt auf künftige verfassungsrechtliche Regelungen ein, betonte jedoch wiederholt, dass die europäische Integration allen Moldauern zugutekommen solle.
Die Strategie der Regierung setzt zunehmend auf wirtschaftliche Konvergenz statt auf politische Konfrontation. Durch die Integration in die europäischen Märkte, die Verbesserung der Infrastruktur und die Anhebung des Lebensstandards hofft Chișinău, engere Verbindungen mit dem Rest Moldawiens für die Bewohner*innen der abtrünnigen Region attraktiver zu machen.
Gleichzeitig haben das Ende des russischen Gastransits durch die Ukraine und der allmähliche Verlust des Einflusses Moskaus einige der wirtschaftlichen Grundlagen geschwächt, auf denen das transnistrische Modell beruht: 71 % der Exporte der Region gehen bereits in die EU (Moldawiens Anteil an den Exporten in die EU beträgt 68 %), teilte uns eine Regierungsquelle mit und fügte hinzu, dass „Transnistrien in gewisser Weise besser integriert ist als Moldawien selbst“. Für viele Beamte und Beamtinnen in Chișinău läuft die Zeit nicht mehr unbedingt für Russland.
Der Weg in die Zukunft
Trotz des Optimismus in Brüssel und Chișinău bleiben noch erhebliche Herausforderungen. Kos betonte wiederholt, dass die Eröffnung der Verhandlungskapitel nur der Anfang sei. Die Justizreform sei unvollständig, Korruption gebe weiterhin Anlass zur Sorge, und die wirtschaftlichen Vorteile des Beitritts seien für viele Bürger*innen noch nicht in vollem Umfang spürbar.
„Der Beitrittsprozess besteht nicht nur aus technischen Verhandlungen“, erklärt sie. „Bitte setzen Sie die Reformen weiter um, arbeiten Sie an den vorläufigen Benchmarks zur Rechtsstaatlichkeit und arbeiten Sie mit den Mitgliedstaaten zusammen.“

Der vor uns liegende Verfahrensweg ist klar, aber nicht trivial. Der Prozess erfordert die Zustimmung des Ausschusses der Ständigen Vertreter*innen und die Billigung durch alle Mitgliedstaaten auf einer Regierungskonferenz. Kos merkt an, dass die Aufhebung der Blockade durch Ungarn nach einem Regierungswechsel in Budapest und einem bilateralen Abkommen zwischen Ungarn und der Ukraine über Minderheitenrechte das größte politische Hindernis beseitigt habe.
Die bevorstehenden und für nächstes Jahr geplanten Kommunalwahlen werden die öffentliche Unterstützung für den europäischen Weg auf die Probe stellen, während russische Einflussnahmen voraussichtlich anhalten werden. Dennoch sprechen sowohl Brüssel als auch Chișinău davon, dass sich der Weg nicht mehr umkehren lasse. „Wir haben uns für Europa entschieden“, sagt Sandu. „Wirklich, ganz klar, trotz aller Widrigkeiten und des Drucks.“
Sollte die erste Verhandlungsrunde wie erwartet noch in diesem Monat beginnen, wird diese Entscheidung sowohl in den moldauischen als auch in den europäischen Institutionen tiefer verankert sein – eine Grundlage, die sich, egal welcher Druck auch immer folgen mag, nur schwer wieder rückgängig machen lässt.
🤝 Dieser Artikel ist Teil des gemeinsamen journalistischen Projekts PULSE Europe. Mitgewirkt haben Katarina Moravecz (HVG, Ungarn) und Desislava Stefanova (Mediapool, Bulgarien).
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