Als die Tschechen die Welt entdeckten

1989, als das kommunistische Regime gefallen war, brachen tschechoslowakische Autobusse auf, die großen Städte Europas zu erobern... und ihre Einkaufsmeilen. Zwanzig Jahre später erinnert Lidové Noviny an die Zeit, als das Abenteuer noch in der Ecke eines Parkplatzes wartete.

Veröffentlicht auf 16 Juli 2009 um 12:02
Autobus Karosa SD11. Photo: blog.galerie-autobusu.cz

Auf den großen Plätzen in den Städten klang noch das Schlüsselklirren der Demonstranten nach. Reste von feierlich zerschnittenen Stacheldrahtzäunen hingen an der Grenze. An den wenigen Übergängen in den Westen, die von den Parteikameraden freigegeben worden waren, reihten sich bereits die Autobusschlangen mit den vielen Neugierigen. Vor 20 Jahren machten wir uns auf, eine Welt zu entdecken, die wir bis dahin nur von Fotos kannten.

An der Grenze waren in den ersten Jahren des "freien Tourismus" denkwürdige Bilder zu sehen. Reisende, die an einem panierten Schweineschnitzel mit Brot kauten, im Dunkeln, inmitten der Abgase, und aus dem Augenwinkel die anderen Reisenden beobachteten, die mit ein bisschen mehr Glück und einem anderen Reisebüro einen Bus ergattert hatten, der zwar uralt, aber immerhin ein Mercedes war. "Wie bequem doch so ein Mercedes ist", hörte man oft. Doch auch: "Letzte Woche war das noch ein rollender Tante-Emma-Laden. Ich habe meine Tasche unter den Sitz gestellt und jetzt stinkt sie nach verfaulten Karotten."

Aber trotzdem war die Reisefreiheit mit beliebigem Ziel, auch ins Ausland, ein unerhörter Luxus. Ein paar Monate vorher musste die ganze Familie abwechselnd in einer endlosen Schlange vor dem Reisebüro Čedok anstehen, um sich mit viel Geduld und einer gehörigen Portion Glück eine Urlaubsreise wie etwa "Nebelschleier über holländischen Windmühlen" zu erhoffen – Kostenpunkt: ein halbes Jahresgehalt. Doch nun waren die Löcher im Karosa (eine Autobusmarke) oder die 20 cm Beinfreiheit im Mercedes-Bus belanglos, verglichen mit der Notwendigkeit, sich Ausreiseformulare und eine Auslandsdevisenzuteilung zu erbetteln. Die Behörden stellten Reisepässe innerhalb von 24 Stunden aus. Demütigende Verhöre durch arrogante, 18-jährige Grenzbeamte mit Maschinenpistolen gehörten der Vergangenheit an. Der Wind hatte sich gedreht. Nach den genussvollen Jahren des Nichtstuns, die sie mit der Bewachung der undurchdringlichen Stacheldrahtgrenze zugebracht hatten, kamen jetzt die Zöllner ins Schwitzen.

Tastentelefone und Feinwaschmittel

Ebenso schnell wie sie das Reisen lernten, lernten die Tschechen auch das Verkaufen von Reisen. 1990 gab es in der Tschechischen Republik 6000 Reisebüros. In den 90er Jahren entstanden 5000 weitere. Kurz nach der Revolution gabe es eine erste Reisewelle, die sich in zwei große Kategorien unterteilen ließ.

Die erste war der Typ "Europa in 4 Tagen". Wir wollten in möglichst kurzer Zeit alles kennen lernen, was uns 50 Jahre lang entgangen war. Nachts riss uns die Stimme des Reiseführers aus dem Schlaf: "Wir sind jetzt in der Schweiz. Wenn Sie nach links sehen, können Sie die Lichter der Stadt Sion erkennen."

Beim zweiten Reisetyp ging es darum, Venedig, Wien oder München und andere, mit dem Bus erreichbare Städte zu besichtigen. Die Touristen bekamen somit die Gelegenheit, den Stephansdom in Wien oder den Markusplatz in Venedig aus der Nähe und bei Tageslicht zu sehen. Doch oft nahmen sie sich nicht einmal die Zeit, stehen zu bleiben. Ihr wahres Ziel waren Einkaufszentren und Billigmärkte. Sie flanierten mit weit aufgerissenen Augen durch die Wiener Shopping City Süd, ließen ihre Einkaufswagen zwei Stunden später leer stehen und antworteten auf die fragenden Blicke der Verkäuferinnen mit einem Achselzucken. Was haben wir hier gekauft? Hier? "Nichts." Dann gab es da auch den Mexikoplatz, wo man eine Dreikilopackung Kaffee, ein chinesisches Tastentelefon, Getränkedosen und Waschmittel kaufen konnte, die nicht nur sauber wuschen, sondern auch noch gut rochen.

Ab Sommer 1990 gingen wir auf Entdeckungsreise in neue, unerforschte Gebiete. Bulgarien war zwar noch das beliebteste Reiseziel der Tschechen, doch Bibione in Italien, die spanische Costa Brava und die griechischen Strände begannen schon, die Gunst des Publikums einzufangen.

Ein paar Jahre später fiel der Enthusiasmus der ersten Zeit jedoch wieder zusammen. 1997 meldete das Reisebüro Travela Konkurs an. Die berauschenden Urlaubseindrücke mischten sich mit der Spannung, ob man nun gut wieder nach Hause kam oder erst einmal am Flughafen hängen blieb. Die immer freundlichen Kroaten begannen, sich über die Leberwurst essenden Tschechen zu beschweren, und in den österreichischen Geschäften wurden die "Wir sprechen tschechisch"-Schilder durch andere, weniger einladende, ersetzt: "Tschechen, bitte stehlt nicht!"

Zum Glück eilten die Billig-Airlines zu unserer Rettung herbei und wirkten Wunder auf unser Urlaubsbudget. Wir erkannnten auch, dass Brot auf der ganzen Welt ungefähr gleich viel kostet und dass frisches Gemüse besser schmeckt als Tütensuppen. Es gibt immer noch manchmal Reisebüros, die Pleite gehen, aber da sie eine Pflichtversicherung abschließen müssen, laufen Sie weit weniger als früher die Gefahr, Ihren Urlaub um vierzehn Tage verlängern zu müssen. Kurz, wenn man unsere heutige Situation mit der von vor 20 Jahren vergleicht, dann kann man durchaus versichern, dass Abenteur im Reiseverlauf nur dann eintreten, wenn dies auch so geplant war.

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