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Vermögensverwaltungsgesellschaften wie Eurizon verwenden bei der Erstellung ihrer Investmentfonds Referenzindizes, die häufig fossile Energieunternehmen enthalten. Unter Ausnutzung von Schlupflöchern in den EU-Vorschriften können sie so „grüne“ Fonds anbieten, die in Wirklichkeit gar nicht grün sind. Dem kann mit strengeren Vorschriften entgegengewirkt werden.
Vermögensverwaltungsgesellschaften stützen sich bei der Zusammenstellung ihrer Investmentfonds auf Referenzindizes, die sogenannten Benchmarks, die dazu dienen, die Wertentwicklung eines Finanzmarktes zu bewerten. Diese Indizes werden von Ratingagenturen bereitgestellt. Häufig berücksichtigen sie keinerlei ökologische und/oder soziale Merkmale, sondern beziehen im Gegenteil Unternehmen ein, die im hochprofitablen Sektor der fossilen Energieträger tätig sind.
Dank der semantischen Mehrdeutigkeiten der europäischen Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) kann Eurizon, eine Tochtergesellschaft der großen und einflussreichen italienischen Bank Intesa SanPaolo, die Kundenvermögen im Wert von 381 Milliarden Euro verwaltet, Fonds, die alles andere als umweltfreundlich sind, als "grün" anbieten. Dies gelingt ihr durch die Verwendung solcher Indizes, die nicht viel mit Umwelt und nachhaltiger Entwicklung zu tun haben. Unter Vermögensverwaltungsgesellschaften ist das eine sehr gängige Praxis, deren Mechanismen wir im Folgenden Schritt für Schritt erläutern.
Was ist ein Referenzindex?
Wie kann man schnell und einfach die allgemeine Wertentwicklung eines Marktes, z. B. des Marktes für Windenergie, beurteilen? Indem man einen Referenzindex erstellt. Dieser kann mit einer Note verglichen werden, deren Funktion darin besteht, die Effizienz eines Finanzmarktes anhand der Wertentwicklung der an ihm beteiligten Akteure zu bewerten. In unserem Windenergiemarkt sind verschiedene Hersteller von Turbinen tätig. Um die Dynamik des Sektors zu bewerten, wird daher ein Index erstellt, der diese verschiedenen Hersteller enthält, die alle unterschiedlich gewichtet sind: Große Unternehmen haben ein höheres Gewicht im Index, kleinere ein niedrigeres. Wenn also die Gewinne der großen Unternehmen steigen, wächst der Index stärker, während die Entwicklung der kleineren Unternehmen den Indexwert weniger beeinflusst.
Eine Vermögensverwaltungsgesellschaft, die einen Fonds auflegen möchte, der in den Windkraftmarkt investiert, kann daher einen Index als Benchmark verwenden, der bereits eine Liste von in diesem Sektor tätigen Unternehmen enthält. Auf der Grundlage der Liste der im Index berücksichtigten Unternehmen legt sie dann ihren eigenen Investmentfonds auf. Die Verwaltung eines Fonds wird als „aktiv“ bezeichnet, wenn das betreffende Fondsmanagement nach seinen eigenen Kriterien bestimmte im Index geführte Unternehmen aus dem Portfolio ausschließt oder andere aufnimmt.
Bei einem Fonds, der auf die „ESG“-Kriterien (Umwelt, Soziales und Governance) abzielen will, d. h. eine Anlage, die auf sozioökologische Ziele ausgerichtet ist, würde man erwarten, dass sein Management einen Index mit Unternehmen verwendet, die in der Windenergie in Bereichen mit positiven Auswirkungen auf die Umwelt tätig sind. Alternativ könnte es auf „dekarbonisierte“-Indizes zurückgreifen (die weniger oder gar nicht umweltverschmutzenden Unternehmen mehr Gewicht verleihen).
Eurizon verfolgt eine andere Strategie: In den von uns analysierten Fonds orientiert sich das Unternehmen an Indizes, die auf dem Öl- und Gasmarkt basieren, um seine sogenannten „grünen“ Fonds zusammenzustellen. Das geht so weit, dass die Fonds neben sozial und ökologisch tugendhaften Unternehmen auch Firmen enthalten, die an der Ausbeutung fossiler Energieträger beteiligt sind, wie Eni, Enel, Repsol, Chevron, TotalEnergies, BP und Shell.
„Für diese Unternehmen ist es interessant, in das Portfolio aufgenommen zu werden, da sie so die größten Finanzierungen erhalten. Diese fließen normalerweise in Fonds, die als Artikel 8 oder 9 eingestuft sind (d.h. die Artikel der SFDR, die „grüne“ Finanzprodukte regulieren)“, erklärt Fabio Moliterni, Spezialist für Klima und ethische Finanzen bei der Finanzgesellschaft Etica SGR. „Wenn sie in vielen Fonds vertreten sind, erhalten sie mehr Finanzierungen.“
Die SFDR-Verordnung schreibt Transparenzkriterien vor, die Vermögensverwaltungs- und Finanzberatungsunternehmen erfüllen müssen, wie wir im ersten Teil unserer Untersuchung erläutert haben. Der Text unterscheidet nachhaltige Anlagen in zwei Kategorien: solche, die lediglich „ökologische und/oder soziale Merkmale“ bewerben (Artikel 8) – im Fachjargon „hellgrün“ genannt – und solche, die echte „nachhaltige Produkte“ sein und strengere Kriterien erfüllen müssen (Artikel 9) – als „dunkelgrün“ bezeichnet.
Wie werden Investitionen in fossile Brennstoffe „grün“?
Nehmen wir den Fonds Eurizon Energia e Materie Prime (Energie und Rohstoffe) als Beispiel. Dieser Fonds wird auf der Grundlage der folgenden Indizes verwaltet: 50 % MSCI World Energy; 45 % MSCI World Materials und 5 % Bloomberg Euro Treasury Bills. Nach eigenen Angaben von MSCI und Bloomberg ist keiner dieser Indizes an ESG-Kriterien gebunden. MSCI ist die Ratingagentur, die 95 % der Indizes liefert, die Eurizon zur Zusammenstellung seiner Fonds verwendet.
In seinem Jahresbericht bestätigt Eurizon , dass „kein Referenzindex für die Untersuchung der ökologischen/sozialen Merkmale der Produkte bestimmt wurde“. Indem Eurizon keinen Referenzindex verwendete, erstellte das Unternehmen seinen eigenen „grünen“ Index und befreite sich damit von den spezifischen Anforderungen der technischen Standards der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA). So braucht das Unternehmen den Anlegern nicht zu erklären, wie seine Referenzindizes auf die „ökologischen und sozialen Merkmale“ (Artikel 8 SFDR) ausgerichtet sind, die sein Fonds bewirbt.

Das Unternehmen kann dies tun, indem es behauptet, im Rahmen der vorstehend erwähnten aktiven Verwaltung bis zu einem gewissen Grad von seinem Referenzindex abgewichen zu sein. Hierbei kann es seinem Portfolio umweltfreundlichere Unternehmen hinzugefügt haben, die es dem Fonds ermöglichen, die sozialen und ökologischen Ziele insgesamt zu erreichen, oder es kann umweltschädlichere Unternehmen aus dem Portfolio gestrichen haben. Die EU-Verordnung selbst lässt dem Fondsmanagement Autonomie und Flexibilität bei der Bewertung dieser Ziele. Die Bewertung wird von demselben Unternehmen MSCI, das die von Eurizon verwendeten Indizes bereitgestellt hat, „auf der Grundlage der Bewertung des Umwelt-, Sozial- und Governance-Profils der Unternehmen, in die investiert wird“ vorgenommen. Im Jahresbericht von Eurizon weist die Bewertung eine „ESG-Note“ von 6,95 (von 10) für den von ihr verwalteten Fonds aus.
MSCI liefert also einerseits Eurizon de facto einen Index ohne sozial-ökologische Kriterien und bewertet andererseits die sozial-ökologische Leistung des Eurizon-Fonds auf der Grundlage desselben Indexes mit einer ausreichenden Note. Dieses System, das auf willkürlichen Parametern beruht, die von den Fondsmanagern selbst gemeinsam mit den Ratingagenturen beschlossen werden – und zwar ohne jegliche Kontrolle durch öffentliche Institutionen – ermöglicht es also einem Fonds, sich als grün darzustellen, obwohl er große CO2-Emittenten finanziert. Kurz gesagt: Die Schiedsrichter sind die Spieler, und diese können die Spielregeln an ihre eigenen Bedürfnisse anpassen. Der Mechanismus ist nicht neu: Bereits am Anfang der Finanzkrise von 2008 gab es Ratingagenturen, die die Qualität von Hypotheken bewerten sollten und dafür von denselben Banken bezahlt wurden, die diese Hypotheken vergeben haben – ein eindeutiger Beweis für einen Interessenkonflikt.
Der Taxonomie
Dank dieses Tricks kann Eurizon behaupten, dass 17,21 % der Investitionen des Fonds „nachhaltig“ sind. Selbst dieser Prozentsatz wurde „nach der von der Fondsmanagementgesellschaft angewandten Methodik“ erzielt, wie Eurizon betont. Das Fondsmanagement bezieht sich nicht einmal auf die Europäische Taxonomie, eine Art Dekalog für grüne Finanzen, der 2022 verabschiedet wurde und in dem die Arten von Investitionen aufgelistet sind, die von der EU als nachhaltig eingestuft werden. Natürlich sind Investitionen in Wertpapiere von Ölgesellschaften, wie sie in den Eurizon-Fonds enthalten sind, ausgeschlossen. Die SFDR-Verordnung lässt „nachhaltige“ Produkte zu, die nicht an der Taxonomie ausgerichtet sind, sofern das Fondsmanagement dies offenlegt. Und tatsächlich stellt Eurizon in seinem Jahresbericht klar: „Der Anteil ökologisch nachhaltiger Anlagen im Sinne der Verordnung (EU) 2020/852 (d. h. mit der EU-Taxonomie konform) wurde auf 0 Prozent geschätzt“.
„Diejenigen, die es gut machen wollen, müssen strengere Vorschriften erfüllen als diejenigen, die es nicht gut machen wollen. Man braucht nur zu sagen‚ ‚ich stimme nicht mit der Taxonomie überein‘, das reicht, kein Problem. Man muss transparent sein, dann ist das für alle in Ordnung“, argumentiert der grüne Europaabgeordnete Bas Eickhout, der den von der Gesetzgebung gebotenen Spielraum für übertrieben hält.
Obwohl die SFDR-Verordnung die Fondsmanager nicht dazu verpflichtet, die Taxonomie zur Einstufung ihrer Fonds als „nachhaltig“ zu verwenden, weist die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) darauf hin, dass zusätzlich zu den von der Taxonomie abgedeckten Investitionen „jede andere nachhaltige Investition keinem ökologischen oder sozialen Ziel wesentlich schaden darf“. Eurizon musste daher auf der Grundlage der von der Verordnung geforderten Indikatoren die potenziellen Umweltauswirkungen seiner als nachhaltig deklarierten Investitionen berechnen. Die zu berücksichtigenden schädlichen Aktivitäten sind die in der Taxonomie spezifizierten, wie von der SFDR-Verordnung vorgeschrieben.
Dazu gehören beispielsweise hohe Emissionen von CO2 und anderen Luftschadstoffen, die Beeinträchtigung der Artenvielfalt oder die Wasserverschmutzung, die alle mit der Gewinnung und dem Verbrauch von Erdöl verbunden sind, einem Sektor, in dem mehrere Unternehmen aus dem Portfolio von Eurizon tätig sind. Eurizon ist dieser Verpflichtung jedoch nicht nachgekommen und hat daher letztendlich Produkte als „nachhaltig“ (Artikel 9) bezeichnet, die stattdessen lediglich „ökologische und soziale Merkmale bewerben“ (Artikel 8). Auf unsere Anfrage hin korrigierte die Finanzgesellschaft die in ihrer Kommunikation mit den Anlegern verwendete Formulierung, indem sie die Bezeichnung „nachhaltiger und verantwortungsvoller Fonds“ aus den Vertragsdokumenten entfernte.
Die Meinung der Experten
Die mangelnde Transparenz bezüglich der Referenzindizes stellt jedoch auch die Konformität der Eurizon-Fonds mit Artikel 8 der EU-Verordnung in Frage, wie Fabio Moliterni von Etica SGR erklärt: „Wenn ich einen bestimmten Referenzindex wähle, bedeutet das, dass ich die gleiche Anlagestrategie verfolge, andernfalls wäre es sinnlos.“
MSCI war auf Anfrage nicht bereit, uns die (öffentlich nicht zugängliche) Dokumentation zur Verfügung zu stellen, die die vollständige Zusammensetzung des Index nachzeichnet, an dem sich Eurizon orientiert hat. Der Anleger muss dem Unternehmen also blind vertrauen, wenn es um die ESG-Qualifizierung von Anlagen geht. „Dies ist ein Problem des Interessenkonflikts, dem sich die Ratingagenturen gegenüber sehen: Sie haben die Macht, den Referenzindex vorzugeben und die Produkte zu bewerten, sind aber nicht verpflichtet, umfassende Informationen darüber zu geben, wie die Bewertungen vorgenommen werden“, kommentiert Moliterni.
Auf Anfrage erklärte die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA): „Obwohl der Finanzmarktteilnehmer, der dieses Produkt anbietet, behaupten kann, dass er keine Benchmark zur Erreichung der Umwelt- und Sozialmerkmale benannt hat, kann auf der Grundlage der von Ihnen gesammelten Informationen behauptet werden, dass er dies getan hat“. Aber, so fügt die ESMA hinzu, das „Finanzprodukt kann eine eingehendere Prüfung durch die Aufsichtsbehörde verdienen“. Die italienische nationale Kommission für Unternehmen und Börse (Consob) müsste also bestimmen, ob Eurizon tatsächlich die ESG-Kriterien offenlegen muss, die in dem Referenzindex, auf dem sie den Fonds aufgebaut hat, verwendet werden, wie es die technischen Standards der ESMA verlangen. Und da der MSCI-Index keine ESG-Faktoren berücksichtigt, würde Eurizon Gefahr laufen, mit einem Fonds ohne jegliche grüne Farbe dazustehen.
Für die ESMA reicht die bloße Erwähnung eines Links zur MSCI-Website, auf die Eurizon zurückgreift, nicht aus, um die von der Ratingagentur verwendete Methodik zu identifizieren. Und in Bezug auf den verwendeten Bloomberg-Index liefert Eurizon lediglich einen weiteren Link, der zu einer Liste anderer Indizes führt, in der der von dem US-Konzern definierte Index nicht einmal auftaucht.
Die Consob wollte unsere Fragen zu einer möglichen Untersuchung ihrerseits nicht beantworten und berief sich auf eine „Geheimhaltungspflicht“.
Schaden zu viele Regeln am Ende den Anlegern? Die mögliche Reform der EU-Regeln in diesem Bereich, die derzeit in Brüssel diskutiert wird, lässt Hoffnung aufkommen, dass die Vorschriften eines Tages im Namen der Klarheit und im Interesse der Umwelt vereinfacht werden. Doch wie der niederländische grüne Europaabgeordnete Bas Eickhout feststellt, „zögert die Europäische Kommission, gerät in Panik und befürchtet, vielleicht zu weit gegangen zu sein. Das ist nicht unbedingt die Lehre, die man daraus ziehen sollte“. Er klingt pessimistisch: „Im Moment denke ich, dass die Agenda für nachhaltige Finanzen scheitert“.
Für den Europaabgeordneten ist eine Überprüfungsagenda derzeit keine Priorität für die Kommission. „Die Kommission verhält sich in Bezug auf die Agenda für nachhaltige Finanzen, bei der wir erst am Anfang stehen, wirklich passiv“, bedauert er.
Nachdem wir Eurizon kontaktiert haben, hat das Unternehmen seine Informationen über die Nachhaltigkeit seiner Praktiken aktualisiert und Erklärungen für alle in Englisch verfassten Elemente aufgenommen, die zuvor der freien Interpretation der Anleger überlassen worden waren.

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