“Unsere Gesellschaft hat ihre kommunistische Vergangenheit nur teilweise bewältigt”, behauptet der ostdeutsche Bürgerrechtler Wolfgang Templin.* Diese Anschuldigung umfasst mehr als nur die Tatsache, dass es in deutschen Städten seit DDR-Zeiten noch viele Rosa-Luxemburg-Straßen gibt – nach der berühmten Revolutionärin, die 1919 während des Spartakusaufstands in Berlin umkam.

Das echte Problem stellt sich bei Persönlichkeiten wie dem KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann, der 1944 im KZ Buchenwald erschossen wurde, oder Wilhelm Pieck, dem ersten [und einzigen] Präsident der DDR.

“Ich bin bereit, Rosa Luxemburg zu tolerieren, weil ihre Biografie auch glorreiche Seiten enthält. Aber Thälmann war ein treuer Apparatschik Stalins und Pieck hat zur Entstehung des Terrorstaats DDR beigetragen. Das ist, als ob es in Polen heute Straßen gäbe, die nach [der polnischen und sowjetischen Politikerin und Schriftstellerin] Wanda Wasilewska oder [dem ersten Staatschef des kommunistischen Nachkriegspolens] Bolesław Bierut benannt wären”, fügt er hinzu.

Wie viele kommunistische Straßen gibt es auf dem Gebiet der ehemaligen DDR? Weder die Bundesländer noch die Gemeinden führen darüber Statistiken. 2006 kamen die Forscher des Stasi-Museums in Berlin bei dem Versuch, die Ausmaße des Phänomens einzuschätzen, zu dem Schluss, dass Tausende von Straßennamen der Entkommunisierung entgangen sind.

Marx, Engels und Dutzende von zweitrangigen Apparatschiks

So prangt der Name Thälmann an 613 Plätzen und Straßen und der Name Pieck an 90 Verkehrswegen. Zu diesen beiden Figuren kommen noch Dutzende von zweitrangigen Apparatschiks aus derselben Zeit. Nicht zu vergessen natürlich Marx und Engels, nach denen nicht nur Dutzende von Straßen benannt sind, sondern an welche auch mitten in Berlin ein Denkmal erinnert.

Mehrere hundert Straßen gedenken noch der “Freundschaft” und des “Friedens” zwischen den sozialistischen Ländern. Rund 90 Straßen sind immer noch den Pionieren des Kommunismus gewidmet und rund 50 der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, die es doch seit 21 Jahren als solche nicht mehr gibt...

Schlimmer noch: Auch manche nach den führenden DDR-Politikern Otto Grotewohl und Walter Ulbricht, die insbesondere für die blutige Niederschlagung des Arbeiteraufstands von 1953 in Ostberlin verantwortlich waren, benannte Straßen haben die Wiedervereinigung überlebt. Für Hubertus Knabe, den Direktor des Stasi-Museums, ist es ein regelrechter Skandal, dass in der ganzen ehemaligen DDR praktisch keine Straßen nach den Dissidenten benannt sind, die ihre Opposition gegen das Regime mit dem Leben bezahlen mussten.

So etwas wäre in Polen undenkbar. Dort durchforstet das Institut für Nationales Gedenken (IPN) die Stadtpläne nach unwürdigen Namensgebern und fordert offiziell die Namensänderung. Manchmal geschieht dies etwas übereifrig, wie vor zwei Jahren, als der Dichter Bruno Jasieński [ein militanter Kommunist, der in die Sowjetunion ging, wo er den Säuberungsaktionen der 30er Jahre zum Opfer fiel] vom Stadtplan seines Geburtsorts Klimontów gestrichen werden sollte.

“In der DDR gab es sehr wenige Straßen mit nichtkommunistischen Namen”, erzählt Markus Meckel, ostdeutscher Dissident und letzter Außenminister der DDR. “Kurz nach der Wiedervereinigung haben wir sie massiv ersetzt. Doch der Enthusiasmus hat schnell nachgelassen. Es wurden Stimmen laut, es sei an der Geschichte, über die ehemaligen Kommunisten zu urteilen. Wir waren so weit gekommen, dass jeder Namenswechsel für eine Straße im Stadtrat einen echten Kampf auslöste.”

Symptomatisch für mangelnden Willen zur Vergangenheitsbewältigung

Es sträuben sich vor allem die lokalen Aktivisten der postkommunistischen Partei Die Linke, der Nachfolgerin der Sozialistischen Einheitspartei SED. Die Linke ist die viertgrößte Macht im Bundestag und gehört im an Polen grenzenden Bundesland Brandenburg zur Regierungskoalition. Ihre führenden Mitglieder, von denen manche eine Zusammenarbeit mit der Stasi auf dem Gewissen haben, verteidigen mit Leib und Seele die Errungenschaften des sozialistischen Deutschlands.

Der schlimmste Streit betrifft Ernst Thälmann, der 1944 auf Befehl Hitlers von de Gestapo ermordet wurde, nachdem er elf Jahre in NS-Gefängnissen verbracht hatte – ein Schicksal, das ihm den Status eines Opfers des Nationalsozialismus verleiht. “Ein Opfer verdient jedoch nicht unbedingt Verehrung”, betont Meckel.

Doch Lokalbehörden und Immobilienverwalter weichen dem Thema aus. Als die Frage nach der Würdigung alter Kommunisten kürzlich in der deutschen Presse aufkam, erklärte der Leiter der bedeutendsten Wohngenossenschaft in Brandenburg, das Thema sei erledigt.

Dem sei jedoch nicht so. “Der Umgang mit umstrittenen Straßennamen ist symptomatisch für den mangelnden Willen zur Vergangenheitsbewältigung in Brandenburg”, kommentiert Professor Klaus Schroeder, Historiker an der Freien Universität Berlin und Experte für die Geschichte der DDR.

Schlimmer noch, bedauert Wolfgang Templin: Die Leute vergäßen die Vergangenheit. Sie hätten keine Ahnung und wüssten zum Beispiel nicht, dass der Platz der Einheit bei ihnen um die Ecke die Zwangsvereinigung von KPD und SPD ehrt, die nach dem Krieg von den Kommunisten durchgedrückt wurde. Sie dächten, es ginge um die Vereinigung Deutschlands. (pl-m)

* Anm. d.R.: Die Zitate sind aus dem Polnischen ins Deutsche rückübersetzt und geben daher nicht den genauen Wortlaut der Zitierten wieder.