Zu leicht gewöhnen wir uns langsam daran, zu behaupten, dass die Staatspleite Griechenlands letztlich nicht die Katastrophe wäre, vor der wir uns seit Jahren fürchten. Es reicht ja, die – unheilbare – Krankheit abzuwenden, indem man Athen aus der Eurozone entfernt, genau wie man den Blinddarm entfernt.

Ein Ansteckung ist zu vermeiden – nicht ohne Grund heißt der Rettungsfonds auf einmal Firewall wie die Firewall, die Informatiksysteme vor Eindringlingen schützt: Sie rettet die, die noch drin sind, vor denen, die im Begriff sind, in großer Schmach rauszufliegen.

Wie die Maginot-Linie, in den 1920er und 1930er Jahren von den Franzosen gegen deutsche Angriffe errichtet, erinnert die Firewall an die abgeschottete Welt einer Klinik oder eines Krieges: Die Illusion einer unzerstörbaren Mauer beruhigt, wenngleich wir alle genau wissen, wie es mit der französischen Befestigungsanlage zu Ende ging: Sie fiel mit einem Schlag.

Niemand glaubt an die trügerische Firewall

Der Historiker Marc Bloch sprach von einer seltsamen Niederlage, weil dieser Fall zuerst in den Gemütern und dann erst an der Maginot-Linie selbst erfolgte, also quasi zuerst in den Kulissen der zivilen und politischen Gesellschaft und dann erst an der Front.

Eigentlich glaubt niemand an die trügerische Firewall, die unsere Phantasien heimsucht und den Verstand lähmt. Sonst hätte die EU nicht gestern zum x-ten Mal einen beträchtlichen Griechenland-Kredit beschlossen. Sonst würde niemand an eine neue Struktur der Union denken: föderaler, mit einer europäischen Regierung, der die Staaten immer mehr Souveränität übertragen.

Das haben Berlin und vielleicht auch Rom im Auge, obwohl Monti gerade mit Cameron und anderen Europäern einen Brief unterzeichnet hat, in dem keinesfalls von einer neuen Union, sondern nur von einer Vollendung des Binnenmarktes die Rede ist. Die Dinge entwickeln sich also langsam, und das entscheidende Problem (mehr Ressourcen für die Union durch einen effizienten Investitionsplan) packt keiner an.

Bisweilen hat man den Eindruck, dass die starken Regierungen auf eine griechische Staatspleite warten, um die Union zu schaffen, die sie sich laut eigener Aussage wünschen – so die Theorie des Wirtschaftswissenschaftlers Kenneth Rogoff, der vom Spiegel interviewt wurde: Mit einem Ausschluss Griechenlands wird es die Vereinigten Staaten Europas schneller geben, dank der Krise.

Doch würde ein Autodafé Griechenlands tatsächlich zu einer neuen Union führen? Und was für ein Europa würde entstehen, wenn der Druck der Griechenlandkrise einmal abgefallen ist? Momentan ist Athen in Aufruhr, vor lauter kurzfristigen Plänen werden die Eurozone und die Idee von einem Europa als Retter in der Not unterminiert. Europa wird kaum ein Staatenbund werden, wenn dessen erste Handlung darin besteht, die Staaten, die es nicht schaffen, einfach links liegen zu lassen. Die Operation Firewall ist nicht schmerzlos für Griechenland, aber auch nicht für Europa.

Argentinien ist kein Modell

Genau das haben Mario Bleker und Guillermo Ortiz, ehemalige Zentralbankgouverneure von Argentinien und Mexiko, im Economist geschrieben, in einem Appell, der Europa an die Kosten der Staatspleite Argentiniens 2002 erinnert und den Unterschied zwischen ebendiesem Bankrott und dem befürchteten Bankrott Griechenlands vergegenwärtigt.

In Argentinien folgten auf die Entwertung des Pesos und die Abkopplung vom Dollar sechs Jahre Wachstum, doch herrschte damals auf der Welt nicht dieselbe Rezession wie heute, die Sanierung wurde auf einen Zeitraum von zehn Jahren gestaffelt, und der Peso bestand weiter.

Die Drachme aber gibt es nicht mehr, und eine Wiedereinführung käme einem gewaltigen Aderlass gleich (die Griechenland-Schulden sind in Euro, wie soll das Land sie mit entwerteten Drachmen zurückzahlen?). Und schließlich, so die Zentralbankchefs, hat man die Kurzsichtigkeit des Währungsfonds vergessen, und auch, wie schrecklich dieser Zusammenbruch für die Argentinier war.

Argentiniens Bankrott war unvermeidlich, jener Griechenlands ist es nicht, denn die Griechen sind noch immer in der Union. “Wer einen Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone fordert, unterschätzt die verheerenden Konsequenzen einer solchen Aktion. Argentinien sollte nicht als Beispiel, sondern als Abschreckung gegen Ausschlussgedanken dienen.”

Doch wie ist Europa denn beschaffen, dass es ihm so schlecht geht? Liegt es an der ins Wanken geratenen Wirtschaft, oder kränkelt es in Politik und Kultur? Tatsächlich hapert es in allen drei Bereichen, und Europa wird entweder gestärkt aus dieser harten Prüfung hervorgehen, oder es geht weiter bergab … je nachdem, wie gut alle drei Übel – in den Bereichen Wirtschaft, Kultur und Politik – behoben werden.

Kulturell befinden wir uns im Bereich innereuropäische Beziehungen dort, wo wir vor neunzig Jahren waren. Wenn man den Bürgern zuhört, ist man an die nationale Abschottung der 1920er und 1930er Jahre erinnert. Ein mit Aggressivität gespicktes Ressentiment beginnt Fuß zu fassen. Auf den Titelblättern der griechischen Tageszeitungen werden die regierenden deutschen Politiker als Nazis dargestellt. Athen gräbt inzwischen die Kriegsentschädigungen wieder aus, die Deutschland dem einst von Hitler besetzten Europa noch schuldet.

Europa braucht eine intelligente Bevölkerung

Vergessen die Etappe von 1945, als man der deutschen Nation wieder Vertrauen schenkte und das europäische Einigungswerk begann. Dieses Vertrauen hatte eine konkrete Bedeutung, auch finanziell betrachtet: Deutschland musste nicht für die gesamte verheerende Zerstörung durch die Nazis Wiedergutmachung leisten, die Politik der Reparationszahlungen, die dem Land in der Zwischenkriegszeit zum Verhängnis geworden waren und es in die Diktatur gestürzt hatten, sollte es nicht mehr geben (Israel war ein Fall für sich).

Genau das wird nun wieder in Frage gestellt, sodass wir es mit einem unglaublichen Rückschritt zu tun haben. War man Deutschland 1945 aus strategischen Gründen und aufgrund der veränderten politischen Lage entgegengekommen, so ist das heute mit Griechenland nicht möglich. Die von der griechischen Regierung begangenen Fehler sind keine Verbrechen, und doch muss das Land dafür büßen, nicht nur dafür bezahlen.

Sogar auf die griechischen Wahlen blickt man genervt. Die Reparationspolitik gegenüber Griechenland ist grausam, führt zu Wut und Ressentiment. Man sieht offensichtlich keine strategischen Gründe mehr, die einen Verbleib Griechenlands bei Europa nahelegen würden: Es fehlt jedweder Weltblick, und die Kultur ist nicht mehr die von 1945-1950.

Diese Rückschritte haben verheerende Auswirkungen auf die Politik. Wie soll ein föderales Europa entstehen, wenn eine Kultur die Oberhand gewinnt, die wenig mit dem gemein hat, was Europa aus zwei Weltkriegen gelernt hat? Die Wahl eines Bundespräsidenten wie Joachim Gauck in Deutschland ist eine gute Nachricht, weil die deutsche Bevölkerung zu diesem Klima der gegenseitigen Verdächtigungen beigetragen hat, wenngleich diese nicht immer ganz unbegründet waren.

Europa braucht eine intelligente Bevölkerung und keine Sündenböcke. Europa braucht ein anderes, gemeinsames Wachstum, keine jahrelange Rezession, internen Hass oder Ausschaltung der Demokratie, denn sonst gibt es eine neue “seltsame Niederlage”, die zuerst in den Kulissen der Bürgergesellschaft und dann erst an der Front entlang der Firewall erfolgt.