Rund 25.000 Griechen protestierten gegen den Besuch der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel in Athen, ihren ersten seit Beginn der Eurokrise. Für die Demonstranten bestand kein Zweifel: Verantwortlich für ihre dramatische Situation ist Deutschland, das neue „Reich“, und sie beschuldigen es, ihr Land auszubluten. Es wurden Hakenkreuzfahnen geschwenkt und manche Demonstranten trugen sogar Wehrmachtuniformen.

Diese Kundgebung ist zwar nicht die erste seit Anfang der Griechenlandkrise (Merkel wurde oft als Hitler karikiert), doch sie ist interessant, weil sie eine bestimmte Mentalität enthüllt. Denn in den anderen Ländern mit finanziellen Schwierigkeiten, ob in Portugal, Irland, Spanien, Italien oder Zypern, kann man lange suchen – nirgends sind derart irrsinnige deutschlandfeindliche Bekundungen zu finden.

Darin unterscheidet sich Griechenland grundlegend von seinen Partnern: Ein Teil seiner Bevölkerung, gewiss von Politikern ermutigt, macht lieber das Ausland für seine Probleme verantwortlich anstatt sich selbst zu hinterfragen. Es stimmt schon, dass der Sündenbock vom altgriechischen „Azazel-Bock“ stammt. So erinnerte der griechische Vize-Ministerpräsident, der Sozialist Theodoros Pangalos, im Frühjahr 2010 daran, dass Deutschland nach der nationalsozialistischen Besetzung des Landes nie seine Kriegsschulden bezahlt hat. Im darauffolgenden Dezember bezifferte Finanz-Staatssekretär Filippos Sahinidis die deutschen Schulden bei seinem Land auf 162 Milliarden Euro. Kurz, Deutschland muss zahlen, um Griechenland zu helfen, denn es ist selbst der Schuldner.

Keine großen Kinder

Nach drei Jahren Krise will also ein Teil der griechischen Gesellschaft immer noch nicht zugeben, dass sie ihre Situation nur sich selbst vorzuwerfen hat. Niemand hat den Griechen einen der korruptesten Staaten der Welt aufgezwungen. Niemand hat sie zu wahnwitzigen militärischen Ausgaben gezwungen oder dazu, Geistliche und Reeder von den Steuern zu befreien, den Großteil der Bevölkerung das Finanzamt betrügen zu lassen, sich mit Lügen für den Euro zu qualifizieren, sich bis zum Gehtnichtmehr zu verschulden, die Löhne abdriften zu lassen, die niedrigen Schuldzinsen nicht dazu zu nutzen, um in ihre Wirtschaft zu investieren usw. usf. Sicher, man kann den Europäern vorwerfen, die Augen vor diesen allerseits bekannten Ausartungen verschlossen zu haben. Aber die Griechen sind keine großen Kinder.

Heute haben die Märkte abgebrannt, was sie einst liebten, und die Griechen müssen ihre Rechnung zahlen. Das ist unangenehm, niemand bestreitet das. Ebenso bestreitet auch niemand, dass die Arznei nicht unbedingt auf die sanfte Art verabreicht wird, doch die Eurozone hat mit derlei Situationen keine Erfahrung und beging bestimmt Fehler, indem sie von einem Land ohne Staat zu viel verlangte. Auch Deutschland, das sich am Anfang der Krise sträubte, Griechenland zu helfen, trug damit bestimmt zu ihrer Verschlimmerung bei.

Doch letztendlich haben sich die Eurozone und Deutschland doch engagiert: 240 Milliarden Euro Hilfsgelder (in Form von Darlehen), die es Griechenland ermöglicht haben, seine Zahlungsfristen einzuhalten. Dazu kommen griechische Anleihen im Wert von über 50 Milliarden, die von der Europäischen Zentralbank aufgekauft wurden, die größte Umschuldung der ganzen modernen Geschichte, 15 Milliarden Euro Hilfsgelder auf zwei Jahre, ein (europäischer und bilateraler, u.a. auch deutscher) technischer Beistand ohnegleichen, um beim Aufbau eines modernen Staats zu helfen, usw.

Eine Handvoll Dummköpfe

Die Alternative? Eine weniger schmerzhafte gibt es nicht. Die sehr große Mehrheit der Griechen will die Eurozone auch gar nicht verlassen, denn sie wissen, dass ein klarer Bankrott unendlich schmerzlicher wäre als die Behandlung, die ihnen jetzt zuteil wird.

Mit ihrer Reise nach Athen erkennt die Kanzlerin, in einer spektakulären Geste, die Bemühungen der Samaras-Regierung an und bestätigt, dass sie den Austritt Griechenlands aus der Eurozone nicht (mehr?) wünscht, während die deutsche Öffentlichkeit ihn doch weiter befürwortet. Also ist das Schwenken von Hakenkreuzfahnen nicht nur unwürdig, sondern idiotisch und kann die Lage nur verschärfen: Die Deutschen, deren Demokratie eine der mustergültigsten der Welt ist, werden es kaum schätzen, wieder einmal auf den Nationalsozialismus reduziert zu werden – und dies von einem Land, das keine beispielhafte Demokratie ist.

Man kann sich mit dem Gedanken trösten, dass es schließlich nur 25.000 Demonstranten waren, und davon nur eine Handvoll Hakenkreuzfahnen schwenkende Dummköpfe (und das in einem Land, das eine Neonazi-Splittergruppe ins Parlament geschickt hat, ist das nicht köstlich?). Allerdings müsste dies Griechenland zumindest dazu ermutigen, sich ein paar Gesetze zuzulegen, die derartige Aufrufe zum Hass bestrafen.