Es ist das absolut unverzichtbare Elementarteilchen. Das, welches erklärt, warum dieses Universum existiert und warum die Elemente aus denen es besteht, zusammengehalten werden. Man glaubt, dass das große Ganze ohne dieses Teilchen unverständlich ist. Das einzige Problem an der Sache ist, dass dieses Elementarteilchen bloße Theorie ist.

Um es zu entdecken, müssten lange und sehr kostenaufwändige Experimente durchgeführt werden. Man müsste unerlässlich Materie bewegen, die teilweise gleichpolig und häufig gegenpolig ist. Manche fürchten, dass die Kollision dieser Kräfte untereinander oder mit unerwarteten Hindernissen das Experiment misslingen lassen oder sogar das Labor in die Luft sprengen könnte. Doch wenn man die Existenz dieses Teilchens nicht beweisen kann, scheint uns dieses Universum immer künstlicher und läuft Gefahr einzustürzen. Ohne Europas Boson, dem Elementarteilchen der gemeinsamen Zugehörigkeit, wird das europäische Gerüst am Ende zu einem rein politikwissenschaftlichen Modell, das langfristig unanwendbar ist.

Während die Wissenschaft einen entscheidenden Schritt getan hat, indem sie mit aller Wahrscheinlichkeit das Boson von Higgs entdeckt hat, produziert der große europäische Beschleuniger bis jetzt nur voneinander abweichende Reaktionen.

Diese Woche hat das Europäische Parlament das Anti-Piraterie-Abkommen ACTA zurückgewiesen. Diese Entscheidung hat zwei unterschiedliche europäische Triebkräfte weiter entzweit: Das Parlament hat sich gegen die Europäische Kommission gestellt, die den Vertrag befürwortete. Die Entscheidung wird aber als demokratischer Schritt gewertet, da der Text bei aktiven Bürgern überall in Europa Proteste auslöste.

Einige Tage zuvor hatte die Entscheidung der Staatschefs der Eurozone, dem Wachstumspakt beizustimmen und den Weg einer Bankunion weiterhin zu beschreiten, die Zentripetalkraft des europäischen Universums freigesetzt. Dänemark ließ verlauten, dass es sich mit einer zwiegespaltenen EU zufrieden gäbe. Eine stetig wachsende Minderheit deutscher Abgeordneter stellt sich gegen eine Lockerung der Hilfsbedingungen bedürftiger Länder und Banken. Der britische Ministerpräsident wurde dazu gedrängt, ein Referendum zur EU in einer Atmosphäre zu erwähnen, in der die Präsenz des Vereinigten Königreiches in der EU immer mehr in Frage gestellt wird. Und die finnische Finanzministerin versicherte, dass ihr Land es vorzöge, aus dem Euro auszutreten, als anderer Länder Schulden zu bezahlen.

Währenddessen hat der Staatschef Zyperns Dimitris Christofias die wechselnde Präsidentschaft der EU mit Dankesworten an Russland angetreten, weil es für finanzielle Hilfe weniger Forderungen als die EU stellt.

Aus diesem chaotischen Universum, in dem politische Spielchen, die Sorge über Nachteile finanzieller Solidarität, wie auch die Krise und ihre Symptome zusätzliche Turbulenzen entstehen lassen, könnte vielleicht eines schönen Tages Europas Boson hervorgehen. Mit dessen Hilfe könnte das Projekt einer zahlungskräftigen und demokratischen EU vielleicht stabilisiert werden. Allerdings müssen unsere Staatschefs hierfür weise und mit viel Können vorgehen.

Aus dem Französischen von Signes Desbonnets