Der Kontrast ist verblüffend. Während die europäischen Medien angstvoll die kleinsten Veränderungen in den Umfragen zur amerikanischen Präsidentschaftswahl unter die Lupe nehmen und im Minutentakt das Wetter in New York verfolgen, fiel bei der letzten Diskussion zwischen Barack Obama und Mitt Romney das Wort Europa nur ein einziges Mal. Die europäischen Beobachter schlossen daraus, dass Europa in der Welt nicht mehr zählt. Es ist auch ein Zeichen dafür, dass die USA eine globale Sichtweise aufgeben, um sich auf das zu konzentrieren, was sie als ihre Interessensgebiete erachten: Wirtschaft und Arbeit, die Beziehung mit China oder die Art ihrer Sozialversicherung.

Es ist eine Tatsache: Barack Obama symbolisiert den Wendepunkt eines Amerika, das sich dem Alten Kontinent nicht mehr verbunden fühlt. Obama wurde auf Hawaii als Sohn eines Afrikaners geboren und wuchs in Indonesien auf. Er ist Präsident eines Landes, in dem die spanische, afroamerikanische und asiatische Bevölkerung konstant wächst. Und selbst der republikanische Kandidat, der zwar von Neuengland gewählt wurde, aber Mormone ist, hat nicht mehr viel mit der WASP-Elite zu tun (weiß, angelsächsisch und protestantisch), die den Ton der Innenpolitik und der Internationalen Beziehungen jahrzehntelang angab.

Während dieses (ersten?) Mandats Obamas hätte Europa zwei Hinterlassenschaften regeln sollen: Die der Kriege im Irak und in Afghanistan und die der 2007 explodierten Subprimes. Die meisten der europäischen Länder haben ihre Truppen aus Afghanistan zurückgezogen oder zumindest damit angefangen. Der Preis dafür waren heftige interne Diskussionen (und sogar der Sturz der Regierung der Niederlande) und einige Spannungen innerhalb der NATO. Doch geschah dies, ohne ihre Verbindung zu den Vereinigten Staaten oder die Einheit der EU in Frage zu stellen, so wie es 2003 während des Irakkriegs der Fall war.

Die Krise der Subprimes hingegen, die sich zur Bankenkrise, Schulden-, Wirtschafts- und Gesellschaftskrise entwickelte, ist ein sehr viel schwierigeres Erbe. Trotz zahlreicher Treffen des G8 und G20 und vielfältiger Telefonate Obamas mit den europäischen Staatschefs scheint sich keine effiziente gemeinsame Handhabung durchzusetzen. Und trotz der beidseitigen Stabilität von Dollar und Euro haben Washington und die Eurozone keine gemeinsame Geldpolitik, insbesondere was den chinesischen Yuan angeht.

Was den Rest betrifft, stand Barack Obama, der die transatlantischen Beziehungen per Videokonferenz führte, den Briten und Franzosen während der Intervention in Libyen zur Seite. Er stellte ihnen zum Beispiel die militärische Ausrüstung zur Verfügung, die ihnen fehlte und ersparte ihnen so eine Demütigung. Doch bei den Verhandlungen zum Klimawandel ließ er die Europäer praktisch allein und trug somit dazu bei, dass die Erde einige kostbare Jahre verliert.

Für Europa hat sich das „Yes, we can“ des Kandidaten, der 2008 in Berlin zehntausende hoffnungsvoller Menschen versammelte, zu einer glanzlosen Übergangsformel gewandelt. Dennoch „wählen“ die Europäer weiterhin Obama. Für einen posthistorischen Kontinent sind beruhigte Beziehungen besser als das Getöse eines Bush oder der wenig verständliche Konservatismus eines Mitt Romney.