Am 29. Januar erklärte Nicolas Sarkozy in einem Fernsehinterview, wie er die französische Wirtschaft wieder in Schwung bringen will. Die von ihm geplanten Maßnahmen orientieren sich an der deutschen Wettbewerbsfähigkeit. Damit rückt er das ‘Deutsche Modell’ ins Zentrum des Wahlkampfs um die Präsidentschaft Frankreichs.

Der Präsident und zukünftige Kandidat ist von Deutschland regelrecht “besessen”, meint Le Monde kritisch:

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In Umfragen steht er schlecht da. Bei den Franzosen ist er unbeliebt. Also zieht er einfach im Doppelpack in den Wahlkampf: Angela Merkel und er; Frankreich und Deutschland. Zu zweit ist man so viel stärker! Seit der Finanzkrise im Sommer [2011], bei der die Eurozone fast kollabierte, ist Deutschland Nicolas Sarkozys einziges Argument im Wahlkampf. [Dabei] ist Frankreich nicht Deutschland und niemals nur eine einzige Politik möglich. Um dies zu beweisen, eignet sich der Wahlkampf ganz hervorragend.

Le Figaro fragt unterdessen, “ob die Präsidentschaftswahl nicht vielmehr ein Referendum zum deutschen Wirtschaftsmodell” sein wird. Für die Tageszeitung hat Sarkozy “guten Grund dazu, diese Karte auszuspielen”.

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Mitten in der Krise ist es nicht so einfach, seine Wähler zu bitten, den Gürtel noch enger zu schnallen. Da könnte es sich auszahlen, sich an dem Land zu orientieren, das sich in Europa zweifellos erfolgreicher durchgesetzt hat. Die Franzosen sind bereit, ihn auf diesem Gebiet zu folgen: Nie zuvor war [die französische] Öffentlichkeit Deutschland so wohlgesonnen.

An einer Frage aber kommt man in diesem Zusammenhang nicht vorbei: “****Ist Deutschland ein Modell?****” Dieser Frage widmet sich La Croix auf ihrer Titelseite:

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Gibt es auf dieser Welt ein Modell-Land, ein wirklich ausgereiftes politisches System, ein ideales Wirtschaftsprogramm, das Grenzen, Kulturen und Mentalitäten durchdringt? […] In diesen Krisenzeiten, in denen die Finanzen der europäischen Staaten in Gefahr sind, schneidet Deutschland als Liebling der Prüfer der Ratingagenturen gut ab, weil es geschafft hat, seinen Haushalt in den Griff zu bekommen und die Defizite einzuschränken. […] Selbst ein paar Deutsche überrascht das. Nicht alle sind davon überzeugt, wirklich so ausgezeichnet abzuschneiden. Der deutsche Erfolg muss demnach in allen Einzelheiten analysiert werden. Und wenn die Bilanz einmal gezogen ist, muss man sich die Frage stellen, ob man das Ganze einfach so [auf ein anderes Land] übertragen kann.

Genau an dieser Möglichkeit hat die Tageszeitung Libération so ihre Zweifel:

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Natürlich stellt niemand das deutsch-französische Bündnis in Frage. Diesen “Schatz”, muss man hüten. Schließlich war er für die europäische Konstruktion stets ein unverzichtbarer Katalysator. Gewiss muss Frankreich sich von seinem Nachbarn inspirieren lassen. Nur hat der Staatschef vergessen, darauf hinzuweisen, dass die Deregulierung des Arbeitsmarkts auf der anderen Seite des Rheins für viel soziale Unsicherheit gesorgt hat. Die Zahl der erwerbstätigen Armen ist erheblich angestiegen. Und im Wettlauf um immer mehr Konkurrenzfähigkeit ist vor allem der Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft auf der Strecke geblieben.