Data Coronavirus und die Umwelt

Coronavirus: Die Plastikpandemie

Die Jahre 2020-2021 sollten in Europa den Wendepunkt im Kampf gegen Plastikmüll markieren. Dann kam Covid-19 mit einer Flut von Masken, Handschuhen und antiviralen Kunststoffverpackungen. Statt vor droht es nun zurückzugehen im Kampf gegen eines der dringendsten Probleme unseres Jahrhunderts.

Veröffentlicht auf 17 Juni 2021 um 16:19

Unter dem Kinn oder vorschriftsmäßig getragen, großzügig in Schulen und an Arbeitsplätzen verteilt, überall zu einem kontrollierten Preis verkauft, gehören Gesichtsmasken heute zum Alltag von Milliarden von Menschen. Ein Windstoß jedoch genügt, und schon landen sie auf dem Boden und bleiben dort liegen. Bereits in den ersten Monaten der Pandemie, als Masken für viele noch nicht erhältlich waren, verdreckten sie, als Teil des angespülten Alltagsmülls, unsere Küsten und Strände. Die Schutzausrüstung - nicht nur Masken, sondern auch Handschuhe, Schürzen und Visiere - haben den Plastikverbrauch während der Pandemie explodieren lassen.

Doch das ist nur ein Faktor. Neben der Verwendung von Leichtverpackungen durch zunehmendes Online-Shopping, nimmt auch der Krankenhausmüll zu. Unterdessen haben die monatelangen Lockdowns die Recyclingindustrie hart getroffen und der Preissturz für Rohöl, das für die Produktion neuer Kunststoffe benötigt wird, hat sein Übriges getan. 2021 hätte eigentlich der Wendepunkt für Europa sein sollen. Im Juli wird die Richtlinie zur Beschränkung von Einwegplastik als Teil einer ehrgeizigen Übergangsstrategie zu mehr Kreislaufwirtschaft in Kraft treten. Doch 2020 hat sich durch die Krise vielmehr als das Jahr entpuppt, in dem die Menschheit erkannte, wie abhängig sie von Kunststoffen ist. 

Masken überall

Während niemand genau weiß, wie viele persönliche Schutzausrüstungen seit dem Ausbruch der Krise verwendet wurden, hat sich der Umsatz für Gesichtsmasken um etwa das 200-fache vervielfacht und ist innerhalb eines Jahres von 800 Millionen auf 166 Milliarden Dollar gestiegen. Vor einigen Monaten schätzten Wissenschaftler, dass im Jahr 2020 weltweit rund 129 Milliarden Masken pro Monat verwendet wurden, zusätzlich zu Handschuhen, Visieren und Plastikschürzen. Das Anhalten der Pandemie und die zunehmende Zahl von Ländern, die den Einsatz von Masken vorschreiben, lassen die oben genannte Schätzung eher optimistisch erscheinen. Neuere Studien gehen von weltweit sieben Milliarden Masken pro Tag und 210 Milliarden pro Monat aus. Der europäische Kontinent verbraucht derzeit etwa eine Milliarde Masken pro Tag. Bezogen auf das Gewicht (eine Maske wiegt etwa 3 Gramm) landen allein in der Europäischen Union täglich rund 1600 Tonnen Masken im Müll.

Davon ausgehend können wir das Gewicht der jährlich in der EU verwendeten Masken auf etwa eine halbe Million Tonnen schätzen: das entspricht etwa 8 Prozent des Kunststoffs, der in den letzten Jahren auf den Mülldeponien gelandet ist (7,25 Millionen Tonnen im Jahr 2018). Würden alle Masken auf Deponien landen (tatsächlich wird ein großer Teil verbrannt), würden sie allein ausreichen, um uns auf das Niveau von vor etwa 10 Jahren zurückzuwerfen.

Paradoxerweise bestehen Gesichtsmasken größtenteils aus Polypropylen, einem recycelbaren Material, das jedoch wegen der Ansteckungsgefahr nicht gesammelt werden kann. 

Ihr geringes Gewicht und ihr derzeit allgegenwärtiger Einsatz führen unvermeidlich dazu, dass ein Teil der Masken in der Umwelt landet. Laut einem WWF-Bericht würde, wenn nur ein Prozent der Masken versehentlich in der Umwelt landet, dies zehn Millionen Tonnen pro Monat bedeuten. Zehn Millionen Tonnen Plastik, das Wiesen, Wälder, Flüsse und Meere verschmutzen würde. Tatsächlich sind es allein in der Europäischen Union zwischen 16 und 32 Tonnen pro Tag.

Bereits in den ersten Monaten des Jahres 2020 waren viele Pazifikstrände durch angeschwemmte Masken vermüllt. Seitdem hat die Menge stetig zugenommen. In der Regel schwimmen sie, aber schwerere Masken sinken oder bleiben in den Tiefen hängen. Wissenschaftler haben bereits Haie, Schildkröten, Meeressäuger und Vögel beobachtet, die sie verschluckt haben, während viele andere Organismen Opfer der Gummibänder werden, mit denen sie am Gesicht befestigt werden. Da sie, wie alle Kunststoffe, die ins Meer gelangen, dazu bestimmt sind, in Mikroplastik (insbesondere Mikrofasern) zu zerfallen, könnten sie in die gesamte Nahrungskette eindringen und nach Ansicht einiger Wissenschaftler bald zur größten Müllquelle in den Ozeanen werden. Einige Masken werden in den Meeressedimenten landen und so vielleicht bleibende Spuren der Pandemie für die kommenden Epochen hinterlassen.

Der neue Verpackungsboom

Seit Jahren machen Verpackungen den größten Anteil des Plastikmülls aus, in der Europäischen Union sind es 40 Prozent des gesamten Plastikbedarfs. Diese Abfallkategorie ist trotz zahlreicher Initiativen zu ihrer Begrenzung in den letzten Jahren unaufhaltsam gewachsen. 

Nach der Wirtschaftskrise 2008 wuchs der Kunststoffverbrauch durch Verpackungen um durchschnittlich 2 Prozent pro Jahr und wird 2019 die Marke von 14 Millionen Tonnen überschreiten. Nach der Pandemie wird sich der Run auf Verpackungen noch verstärken. Jahrelange Kampagnen gegen zu viele Verpackungen, vor allem im Lebensmittelbereich, haben ihre Schlagkraft wegen der Angst vor Ansteckung verloren. Und von allen möglichen Verpackungsmaterialien griffen Verbraucher in der Krise vor allem auf Kunststoff zurück, der ihnen fälschlicherweise hygienischer erschien. 

Für eine wahre Plastikexplosion wird aber vor allem der Online-Handel sorgen. Im zweiten Quartal 2020, schreibt Vox, stieg der digitale Umsatz um 71 Prozent, im dritten Quartal um 55 Prozent. Die jährliche Wachstumsrate des Verpackungssektors wird laut dem Beratungsunternehmen Markets and Markets bei 5,5 Prozent weltweit liegen, das sind über 100 Milliarden Dollar mehr als 2019. Hygienische und sanitäre Verpackungen sowie der Online-Handel werden den Plastikverbrauch weiter nach oben treiben. Es ist schwer zu sagen, wie viel Abfall produziert werden wird, aber sicher ist, dass die Zahlen nicht unerheblich sein werden.

Rasanter Anstieg von medizinischen Abfällen

Wie man sich leicht vorstellen kann, hat das Abfallaufkommen im Gesundheitssektor seit dem Ausbruch der Pandemie dramatisch zugenommen. Zusätzlich zu den Krankenhausabfällen treibt auch der während der Lockdowns produzierte Hausmüll die Zahlen in die Höhe. In Wuhan hat sich in den ersten Monaten des Jahres 2020 die Menge an Sanitärabfällen gegenüber dem Vorjahr versechsfacht. Europäische Länder verzeichneten in den folgenden Wochen einen vergleichbaren Anstieg. Laut dieser Studie fallen auf dem gesamten europäischen Kontinent derzeit 70.000 Tonnen Sanitärabfälle an. Allein für die Europäische Union kommt man bei dieser Größenordnung auf etwa 40.000 Tonnen, sechs- bis siebenmal mehr als vor der Pandemie.

Gelagert in Sonderdeponien und unter strengen Bedingungen entsorgt oder verbrannt, scheint die Abfallexplosion trotz der schwindelerregenden Zunahme zumindest in Europa unter Kontrolle zu sein. Das kann man von vielen Ländern der südlichen Hemisphäre mit ihrer ohnehin schon schlechten Bilanz bei der Abfallentsorgung jedoch nicht behaupten. In vielen Fällen hat die große Menge an medizinischen Abfällen dazu geführt, dass diese auf offenen Mülldeponien entsorgt werden, mit Risiken für die öffentliche Gesundheit und schwerwiegenden Folgen für die Umwelt.

Recycling in der Krise

Während die Nachfrage nach Kunststoffen in den härtesten Phasen des Lockdowns explodierte, stand ein Großteil der komplexen Abfallverarbeitungsmaschinerie praktisch still. Zudem ist der Ölpreis auf ein historisches Tief gesunken, was die Produktion von Neuplastik außerordentlich profitabel machte. Die Lage der europäischen Recyclingindustrie war so dramatisch, dass sie, nach Ansicht von Tom Emans, Präsident des Branchenverbands Plastics Recyclers Europe, Gefahr lief, ohne finanzielle Unterstützung der EU, stillgelegt zu werden.

Laut einer Reuters-Umfrage ist die weltweite Nachfrage nach recycelten Kunststoffen in der ersten Hälfte des Jahres 2020 um über 20 Prozent gesunken. Bis die vollständigen Daten für den gesamten Zeitraum vorliegen, kann man sich anhand des Berichts "Italy Recycling" der Unione Imprese Economia Circolare ein Bild von den Auswirkungen der Pandemie machen. Zwischen März und Mai 2020, so heißt es darin, meldeten 53 % der an der Abfallversorgungskette beteiligten Unternehmen und Konsortien einen Rückgang der Mülltrennung um mehr als 20 %. Zwischen Mai und August lag er noch bei rund -10%. Glücklicherweise erwies sich dieser Aspekt der Krise als vorübergehend, und die Zahlen normalisierten sich in der zweiten Jahreshälfte wieder.

Aus der Pandemie die richtigen Schlüsse ziehen

Trotz der erschütternden Studien kann man noch nicht sagen, ob der pandemiebedingte Kunststoffverbrauch (in absoluten Zahlen) den Kunststofftrend langfristig beeinflussen wird. Das letzte Jahrzehnt war geprägt von großen Anstrengungen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit, weniger Kunststoff zu verbrauchen durch Verbote, Vorschriften und Kampagnen in mindestens 127 Ländern weltweit. Dadurch wurde der Anteil der Kunststoffe, die auf Mülldeponien oder - schlimmer noch - direkt in der Umwelt landen, deutlich reduziert. Dennoch steigt die Polymerproduktion so rasant, dass die absoluten Zahlen weiter wachsen, und zwar um ein Vielfaches. Und Plastik bleibt jahrzehntelang im Umlauf.

Bei diesem Tempo werden bis 2050 schätzungsweise 99 % der Seevögel Plastik aufgenommen haben, wodurch es in alle Ökosysteme des Planeten gelangt. Die Europäische Union, die eine ehrgeizige Strategie für den Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft verabschiedet hat, ist vielleicht die politische Einheit, die am meisten zur Lösung des Plastikproblems beigetragen hat. Trotz des allgemeinen Anstiegs des Abfallaufkommens ist der Anteil der verwendeten Kunststoffe, die auf Mülldeponien landen, zwischen 2006 und 2018 um 44 % gesunken, von 12,9 auf 7,25 Millionen Tonnen.

Ein Teil dieses Erfolges wurde jedoch dank des Exports von recycelbarem Material in andere Länder erzielt, in denen nicht immer die gleichen Standards gewährleistet sind. China, einst der größte Abnehmer von Abfällen, hat 2017 seine Tore geschlossen, und viele andere Länder könnten diesem Beispiel folgen. Außerdem wurde die  Basler Abfallkonvention geändert, wodurch seit Januar 2021 die Kriterien für Exporte deutlich verschärft wurden. Es ist wahrscheinlich, dass dies die bisher gezeigten Erfolge deutlich schmälern wird, und deshalb ist es dringend notwendig, weiter an diesem Problem zu arbeiten. 

Das Vermächtnis der Pandemie

Abgesehen von den Zahlen hat der pandemiebedingte Plastikboom deutlich gemacht, dass wir uns an einem Scheideweg befinden. Einerseits wurden zahlreiche Anti-Plastik-Vorschriften während dieser Ausnahmesituation zurückgenommen oder ausgehöhlt. Der Plastikbedarf war so gross, dass viele dieser Versuche unter diesem Druck erfolgreich waren. Auch die Einweg-Kunststoffrichtlinie drohte zunächst verschoben oder stark verwässert zu werden, blieb aber letztlich bestehen.

Andererseits aber glauben viele, dass uns die Erfahrungen während der Pandemie dazu bringen könnten, zukünftig noch weniger Plastik als vorher zu verbrauchen. Laut einer in Science of the Total Environment veröffentlichten Studie, könnten sie uns dazu veranlassen, Strategien zur Eindämmung von Kunststoffen mit noch mehr Überzeugung durchzusetzen. Diese Bemühungen müssten dann jedoch bereits beim Kunststoff-Design ansetzen.

Neue Produkte sollten von Anfang an so gestaltet werden, dass sie leichter recycelt und wiederverwendet werden können. Durch die Förderung der Forschung im Bereich der Biokunststoffe, könnten das direkt aus fossilen Brennstoffen gewonnene Plastik reduziert werden, was derzeit noch keine wirkliche Option ist. Auch Masken, Handschuhe und Visiere könnten dann aus diesen Materialien hergestellt werden. Klar geworden ist, dass die Strategien zur Bewältigung des Abfallproblems flexibler sein müssen, um mit unvorhergesehenen Ereignissen auf globaler Ebene, wie einer solchen Pandemie, fertig werden zu können.

Das öffentliche Bewusstsein, so die einhellige Meinung der Forscher, ist ein weiterer grundlegender Aspekt. Allerdings herrscht die Tendenz, allein den Verbrauchern die Verantwortung dafür aufzubürden, weil Industrie und Politik sie nicht übernehmen wollen. Es stimmt zwar, dass die Polymerindustrie mehr als bisher in recycelbare Kunststoffe investiert, aber aufgrund der ständig steigenden Nachfrage investiert sie weiterhin viel mehr in die Herstellung konventioneller Kunststoffe.

"Die Verbraucher sollten nachhaltige Alternativen bevorzugen, wofür diese in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen müssen, was wiederum der Industrie obliegt und von den Regierungen gefördert oder auferlegt werden kann", erklärt Joana C. Prata, Forscherin im  Zentrum für Umwelt- und Meeresstudien der Universität Aveiro in Portugal. In einer Welt, die sich immer schneller und auf globaler Ebene verändert, können wir aus einem Ereignis wie der Pandemie viel lernen. Allerdings nur, wenn wir in der Lage sind, uns auf diese Veränderungen einzulassen. 


Die europäische Kunststoff-Strategie

2018 hat die EU-Kommission ihre europäische Strategie für Kunststoffe vorgestellt. Zu den Maßnahmen gehören die Verbesserung der Liefer- und Wertschöpfungskette von recycelten Kunststoffen, die Reduzierung von Abfällen, insbesondere auf See, die Reduzierung von Einwegkunststoffen, sowie die Unterstützung von globalen und multilateralen Initiativen zu ihrer Reduzierung. Das erklärte Ziel lautet, dass bis 2030 alle Kunststoffverpackungen in der EU recycelt oder wiederverwendbar sein sollen. Im September 2018 förderte das EU-Parlament die Strategie, indem es die Einführung von Mindestanforderungen für recycelte Kunststoffe in europäischen Produkten, strenge Qualitätsstandards und gesetzliche Anforderungen zur Reduzierung von Mikroplastik forderte.

In Partnerschaft mit der European Data Journalism Network


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